Was uns Pegida und Paris lehren – Ein Einwurf

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Wir haben in Deutschland den Kontakt zur Realität verloren („Wir“ im Sinne von veröffentlichter Meinung). Suggerieren Politik und Medien uns doch letztendlich, dass wir auf einer einsamen Insel leben (abgesehen von dem Hinweis, dass es auch bei uns eine „abstrakte Gefährdungslage gibt und wir ab und zu unsere eigene Sicherheit am Hindukusch oder sonst wo auf der Welt verteidigen müssen). Wir sind ein friedliches, demokratisches, hilfsbereites und erfolgreiches Land. Um uns herum herrschen Unfrieden, Missgunst, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliches Ungeschick und Krieg. Nur bei uns gibt es von alle dem – oh Wunder – nix. Heute sind wir fest eingebunden in das westliche Werte- und Sicherheitssystem - heißt es.

Unsere Großväter zogen mordend und vergewaltigend durch die halbe Welt. ISIS -gleich wurde mit mittelalterlichen Methoden gefoltert, verstümmelt, aufgehängt. Einige Väter bombten und schossen sich als RAF durch die Republik und versetzten ein ganzes Land in Angst und Schrecken. Auf der anderen Seite der Mauer wurden Menschen an der Grenze wie Hasen abgeschossen, andere weggesperrt oder durch Psychoterror kaputt gemacht.

Es soll hier nicht darum gehen, dass wir knapp sieben Jahrzehnte nach Ende des 2. Weltkriegs in Sack und Asche gehen sollen. Es soll vom Hohen Ross herunterholen, als wenn wir heute in einem anderen Universum lebten, als die, deren grausame Taten wir dieser Tage zu Recht beklagen.

Unser westliches Wertesystem zeichnet für den Sturz demokratischer Systeme verantwortlich, für das Aufwiegeln von Völkern gegeneinander, für hemmungslose Waffenlieferungen in alle Konfliktgebiete, für völkerrechtswidrige Gefangenenlager, völkerrechtswidrige Foltermethoden, völkerrechtswidrige Angriffskriege. Die Film- und Softwareschmieden der westlichen Welt versorgen die ganze Welt mit wunderbaren Anleitungen und Anregungen zum Töten.

Es sind die Geister, die wir riefen, die jetzt zum Gegenangriff blasen. Zu lange haben wir uns in unserer vermeintlichen Dominanz geaalt und versucht, der ganzen Welt unseren Stempel aufzudrücken. Wenn ein ISIS-Kämpfer dieser Tage im missionarischen Eifer sagt, man werde die Welt mit dem der Organisation eigenen Gedankengut und ihrer Vorstellung von Herrschaft überziehen, ist es im letzten nichts anderes als das, was wir durch Religion, Wirtschaftskolonialismus und „Demokratie“-Export bist in die heutigen Tage versuchen.

Wenn der Papst in Südkorea vor hunderttausenden Katholiken predigt, die mit insgesamt 3,5 Millionen von 50 Millionen Einwohnern nur eine Minderheit ausmachen, ja warum soll dann nicht auch irgendein Wahabitenführer aus Saudi-Arabien bei uns in Großstadien predigen dürfen? Zumal das absolutistische Regime, in dem geköpft und gesteinigt wird, dass so mancher ISIS Kämpfer vor Neid erblasst, immerhin zu unseren strategischen Partnern beim Kampf gegen den „Terrorismus“ gehört. Zudem, was ist das für eine gemeinsames christliches Verständnis, wenn in vielen Ländern durch christliche Kirchen noch Pille und Abtreibung verboten werden oder in den USA fundamentalistisch-christliche Abtreibungsgegner Ärzte ermorden, die vergewaltigten Frauen eine Abtreibung ermöglichen, die russisch-orthodoxe Kirche (auch Christen) die völkerrechtswidrige Annexion der Krim gutheißt?

Es geht nicht darum, keine Werte und Normen haben zu sollen. Es geht nicht darum, unsere Daseinsform im Vergleich zu einer anderen madig machen zu wollen. Es geht darum, mit dieser klebrigen Überheblichkeit aufzuhören, mit dieser Einseitigkeit, die viele Menschen im besten Fall nur gleichgültig werden lässt oder sie auf die Straßen treibt und im schlimmsten Fall zu den Waffen greifen lässt.

Wenn wir so von unserer Demokratie und (Meinungs-)freiheitlichkeit überzeugt sind, dann müssen wir auch in den ernsthaften Diskurs treten, wenn unsere Überzeugungen laut und massiv in Frage gestellt werden.

Denn vergessen wir nie: Immer wenn wir mit einem Finger auf den anderen zeigen, richten wir drei gegen uns selbst. Oder wie heißt es in einer unserer christlich-jüdischen Hauptschriften: „Was siehst Du den Splitter im Auge Deines Gegenübers und nimmst den Balken in Deinem eigenen nicht wahr?“
 
S

steky

Gast
Ich habe deinen Essay mit Freude gelesen - finde ich echt gelungen. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob du das Projekt EU richtig verstanden hast, wenn du schreibst: "um uns herum herrschen Unfrieden, Missgunst, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliches Ungeschick und Krieg. Nur bei uns gibt es von alle dem – oh Wunder – nix. Heute sind wir fest eingebunden in das westliche Werte- und Sicherheitssystem - heißt es."
Wir, also die Mitgliedstaaten der EU, sitzen alle im selben Boot; wenn es sinkt, geht auch Deutschland unter. Schade, dass ihr der EU beigetreten seid - ihr zahlt Millionen für marode Banken und werdet eure Souveränität verlieren.
LG Steky
 
Dein Klartext berührt mich sehr sympathisch. Ich hätte gern auch so etwas geschrieben - und warum dann nicht? Abgesehen von starker privater Inanspruchnahme durch anderes aus diesem Grund: Gegenüber der bei uns jetzt vorherrschenden bergehohen dümmlichen Arroganz fühle ich mich tatsächlich wie ein ohnmächtiges Mäuschen. Aber mein eigener Verstand sagt mir, dass wir in der westlichen Welt in einer fürchterlichen Krise (wenn nicht Sackgasse) stecken: wirtschaftlich, außenpolitisch, militärisch und leider zum Teil auch kulturell. Früher gab es mal das Schlagwort von der "Arroganz der Macht", heute scheint es eher "Arroganz der Ohnmacht" zu sein. Wir könnten froh sein, wenn unsere verdammten Orientkriege von heute so "glimpflich" ausgehen wie der Vietnamkrieg seinerzeit.

Nur zu deiner Erwähnung des Papstes bzw. der Assoziation in deinem Text mein Einspruch: Franziskus gehört für mich (kein Christ) zu den wenigen positiven Überraschungen der jüngeren Zeit. Ich halte ihn für einen Mann von gutem Willen, scharfem Verstand und erheblichem Mut. Daher sehe ich ihn ungern im gedanklichen Zusammenhang mit einem Wahabitenführer. Das nur am Rand.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Arno/Papst

Arno, Danke für Deine freundlichen Zeilen. Keine Sorge - so man nicht grundsätzlich ein Problem mit Religionen hat (ich nicht) - ich halte den Papst auch für o.k. Ich wollte nur auf dieses fortwährende mit zweierlei Maß messen aufmerksam machen. Otto Normalverbraucher darf das, sogar Politik darf das. Medien dürfen das nicht. Gruß C.
 

petrasmiles

Mitglied
Was für ein wunderbarer Text - und prima Kommentare. Es gibt sie noch, die Texte, warum man immer mal wieder gerne in der Leselupe vorbeischaut. Dein Text hätte - bzw. die Gedanken - von mir sein können, Schreibensdochauf!
Ich habe mir auch über diese Umstände Gedanken gemacht; ich fürchte, wir sind noch nie zuvor in so eine merkwürdige Disbalance von Werten, die in den Medien propagiert werden, und den Werten, wofür "unsere" Taten stehen, geraten. Z.B. dieser Aufschrei gegen Pegida wegen der Ausländerfeindlichkeit, aber gleichzeitig werden Personen, die in Verdacht standen, Kontakt zu den Mördern von Paris gehabt zu haben, als Terroristen vorverurteilt. Ich will das nicht kriminalistisch bewerten, sondern nur im Hinblick auf Grundrechte. Das ging aber ohne Aufschrei durch. Es gibt ja nicht nur die Meinungsfreiheit. Und wie verhält sich die EU bezüglich der Flüchtlinge? Dagegen ist doch Pegida ein Willkommenskommitée. Gleichzeitig verteidigen wir die Meinungsfreiheit auf den Straßen, sind aber hilflos gegenüber den staatlichen Angriffen auf andere Grundrechte wegen der Sorgen um die Sicherheit. Ich sehe da eine merkwürdige Gemengelage, dass man als Bürger gar nicht unbesorgt für etwas streiten kann, ohne dass gleichzeitig dadurch etwas anderes in Gefahr gerät. Diese ganzen Eiertänze um die Integrierbarkeit des Islam ... sie verdecken so schön, dass es im Grunde soziale Gründe sind, warum integrierte (!) Jugendliche radikalisierbar sind. Im Grunde sind beide 'Randgruppen' - die radikalisierten Kämpfer und die manipulierbaren Montagsmarschierer - Opfer einer verfehlten sozialen Politik. Aber wenn Merkel und Hollande den Trauermarsch anführen (ein Witz), dann sind wir als Protestierer ja auf der richtigen Seite. Auch hier in den Foren findet man diese im Grunde intolerante Betroffenheit über den Angriff auf unsere Werte; die gar nicht merken, dass zu diesen Werten zwingend gehört, die der anderen zu respektieren. Aber das ist manchen vielleicht zu kompliziert. Mensch, soviel wollte ich gar nicht schreiben...
Schönes Wochenende noch!
Liebe Grüße
Petra
 

Thys

Mitglied
Hallo Schreibensdochauf,

schöner Text. Deswegen eine 8 von mir. Kann ich größtenteils nachvollziehen.

"Wir haben in Deutschland den Kontakt zur Realität verloren"

Hatten wir denn schon mal den ungetrübten ungefilterten Blick auf die Realität? Ich glaube eher nicht :) Lange, nur allzulange haben viele an das Märchen von Friede, Freude, Eierkuchen, Wertegmeinschaften, blablabla (Mir wird schon schlecht, wenn ich das Wort lese -> Zu meinen Werten gehört keine Folter. Weder illegale Angriffskriege, noch Dronenmörderei und auch nicht das Verseuchen von ganzen Landstrichen mit DU-Munition) geglaubt. Die Liste lässt sich leider noch weiterführen. Bin aber zu faul alles aufzuschreiben. Steht ja auch genug in Deinem Text drin.

Zu Deiner einleitenden Frage also: Nein, ich glaube wir haben immer noch nicht den Kontakt zur Realität gefunden. Obwohl ich langsam das Gefühl habe, dass die Zahl der Fündig-Werdenden langsam etwas größer wird. Das macht Hoffnung... a ganz klaan bisserl Hoffnung.

Naja, ob's aber reicht. Ich weiss nicht.

Trotzdem schön, solche Texte zu lesen.

Thys
 

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