Was wirklich zählt

Rene Bote

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Das Handy piepte, als Lissy gerade unter der Dusche stand. Egal, kein Grund zur Eile. Das war bestimmt Sandra, die wissen wollte, wie es gelaufen, war, das konnte auch noch ein paar Minuten warten.
„Und, hat sich’s gelohnt?“ „Hat“, schrieb Lissy zurück. „100 €.“ „Nicht schlecht!“, kam postwendend die Antwort. Lissy hatte Bekannten ihrer Eltern geholfen, die mit ihrem neuen Haus auch einen offenbar seit Jahren nicht mehr gepflegten Garten gekauft hatten, und die Leute hatten die Arbeit wirklich großzügig bezahlt.
Eine halbe Minute später klingelte das Handy. „Und?“, wollte Sandra wissen; offenbar dauerte ihr die Schreiberei zu lange. „Was machst du mit dem Geld? Nächste Woche auf die Party?“ „Nee.“ Lissy schüttelte den Kopf. „Ich hab’s Mama gegeben.“ „Was?“ Unwillkürlich hielt Lissy das Handy vom Ohr weg. „Wieso das? Da hast du doch für geschuftet! Und die Party – Luke ist bestimmt auch da!“ Sandra wusste, dass er für Lissy ein guter Grund gewesen wäre, auf die Give-Rhythm-a-Try-Party zu gehen, die am kommenden Wochenende in der Stadt stattfinden würde. Luke war im Jahrgang über ihr, würde also in wenigen Wochen Abi machen, und ja, er gefiel ihr. Aber die Party würde 22 Euro Eintritt kosten, und was trinken würde sie ja auch wollen, da würde die Hälfte des Geldes, das sie heute verdient hatte, gleich wieder weg sein.
„Du weißt doch, bei uns kommt gerade alles zusammen“, versuchte sie Sandra zu erklären. „Das Auto muss repariert werden, sonst kommt Papa nicht zur Arbeit, die Waschmaschine ist auch hin, und Mama war letztens krank, da fehlt das Geld von zwei Wochen.“ Ihre Mutter arbeitete aushilfsweise als Schreibkraft, ein Minijob ohne Lohnfortzahlung bei Krankheit. „Von den 100 Euro können sie den größten Teil von Nickys Klassenfahrt bezahlen.“ Nicky war ihre kleine Schwester, sie ging in die fünfte Klasse und freute sich wahnsinnig auf die Klassenfahrt in die Eifel, die demnächst anstand. Sie würde am Boden zerstört sein, wenn sie nicht mitkonnte, und das zu verhindern war Lissy wichtiger als eine Party. Mit Luke konnte sie auch bei einer anderen Gelegenheit ins Gespräch kommen.

***​

Natürlich erzählte Sandra ausführlich von der Party. Es tat schon weh, das zu hören und sich dabei auszumalen, wie der Abend hätte verlaufen können, wenn sie hingegangen wäre. Aber mal ganz ehrlich, es hätte so laufen können, aber auch ganz anders, und wenn es einen Beweis gab, dass sie richtig gehandelt hatte, dann Nickys Freude, als die ganze Familie sie am Morgen der Klassenfahrt zum Bus brachte. Dass Lissy ihr die Klassenfahrt fast allein finanziert hatte, wusste sie nicht, und Lissy würde es ihr auch nicht verraten.
„Hoppla!“, sagte plötzlich jemand neben ihr. „Ich wusste gar nicht, dass du auch eine Schwester in der Fünften hast!“ Luke! Was machte der denn hier? Obwohl, er hatte es ja gerade gesagt. „Doch, da vorne“, antwortete sie, obwohl er das vermutlich gesehen hatte. „Und die, mit der sie da rumblödelt, ist meine“, antwortete Luke. „Dann bist du also die tolle große Schwester, von der ich die beiden immer reden höre.“ Bei seinem Lächeln wurde Lissy ganz warm, und sie konnte nicht verhindern, dass sie feuerrot wurde.
 

Blumenberg

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Hallo Rene,

du bietest dem Leser hier eher eine Jugendgeschichte als eine Kindergeschichte an, macht aber gar nichts. Mir gefällt die Idee wirklich gut und die Geschichte hat einen schönen Twist am Ende.

Trotzdem lässt sich da glaube ich noch mehr herausholen. Dazu würde es sich anbieten den Text noch ein wenig zu verlängern und noch einmal zu überarbeiten.

Zunächst zum ersten Teil: Inhaltlich fehlt mir ein bisschen der Spannungsbogen, denn die Story plätschert so vor sich hin und der Erzählstil außerhalb der direkten Rede ist ziemlich auktorial. Ich glaube der Text würde lebhafter, wenn du stärker auf das Gespräch zwischen beiden setzt.

So etwas hier:
"Luke war im Jahrgang über ihr, würde also in wenigen Wochen Abi machen, und ja, er gefiel ihr. Aber die Party würde 22 Euro Eintritt kosten, und was trinken würde sie ja auch wollen, da würde die Hälfte des Geldes, das sie heute verdient hatte, gleich wieder weg sein."
könntest du auch in Form direkter Rede erzählen und durch den Dialog auch stärker auf die inneren Befindlichkeiten deiner Protagonistin eingehen. Was macht es mit ihr, dass der Junge den sie mag in ein paar Wochen unweigerlich weg sein wird? Leidet sie unter der Armut der Familie? etc. Für so etwas telefoniert man doch mit seiner Freundin, um ihr genau das anzuvertrauen.

Gleiches gilt für das Hin- und Hergerissensein zwischen der Party und ihrer Schwester. Da machst du es am Anfang gut mit der Rede der Protagonistin, aber dann bricht der Dialog einfach ab.

Am Anfang des zweiten Teils ist das auch wieder so.

"Natürlich erzählte Sandra ausführlich von der Party. Es tat schon weh, [blue]das[/blue] zu hören und sich dabei auszumalen..."
Durch das allgemeine aber bestimmte das bleibt diese Passage wenig anschaulich. Versuch doch einmal das das durch ein paar lebhafte Details zu ersetzen in denen sich die ausführliche Erzählung Sandras konzentriert.

Im zweiten Absatz des zweiten Teils gelingt dir das besser.

Insgesamt glaube ich würde der Text gewinnen, wenn du etwas mehr Gewicht auf das innere Erleben deiner Protagonistin und erzählerische Details legst, denn bis jetzt bleibt die Schilderung für mich zu äußerlich um wirklich mit der Protagonistin mitfühlen zu können.

Noch zwei Kleinigkeiten

Das hier "ein Minijob ohne Lohnfortzahlung bei Krankheit" würde ich streichen.

Außerdem solltest du bei einem Sprecherwechsel in den Dialogen einen Zeilenumbruch einbauen und diesen so optisch absetzen.

Vielleicht helfen dir die Anmerkungen ja ein bisschen weiter.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

 
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