"Was würdest du tun?"

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Rezension zu:

Ernestine Amy Buller, Finsternis in Deutschland, Elisabeth Sandmann 2016, ISBN 978-3-945543-09-2

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis das vorliegende Buch auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht deshalb, weil niemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands eine die Wiedergeburt rassistischer und völkischer Vorstellungen und Haltungen so stark gewesen ist wie heute, wo ein quer durch Europa grassierender Rechtspopulismus (das Wort beschreibt es bei weitem nicht zutreffend, was gerade in Europa geschieht) auch in Deutschland nicht haltmacht und weitaus mehr Menschen anzieht als es sich in Wahlergebnissen der AfD ausdrückt.
Wie gerät ein ganzes Volk in die Fänge des Extremismus und was denken ganz normale Menschen darüber? Diese Frage hat auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Engländerin Ernestine Amy Buller beschäftigt, die zwischen 1934 und 1938 mehrfach nach Deutschland reiste, und eine Vielzahl von Gesprächen mit Menschen aller Gesellschaftsschichten führte.
„Dieses Buch beruht ausschließlich auf tatsächlich von mir Erlebtem. Manche der geschilderten Begebenheiten stimmen bis ins kleinste Detail, bei anderen habe ich aus Gründen der Verschleierung Kleinigkeiten verändert. Weshalb das nötig war, dürfte der Leserschaft unmittelbar einleuchten.“

Obwohl viele ihrer Gesprächspartner mit Verfolgung rechnen mussten, sollten ihre Äußerungen publik werden, redeten sie erstaunlich offen. Viel differenzierter als man heute annehmen würde, sind die Stimmen vieler dieser Zeitzeugen ein Beleg dafür, wie auf der einen Seite sehr viel vor allem innerer Widerstand gegen die herrschende Ideologie der Nazis vorhanden war, auf der anderen Seite aber auch dafür, wie stark das Regime schon in seinen Anfängen kritische Menschen brach und zur Anpassung zwang.

Als ich dieses hochaktuelle Buch las, erinnerte ich an einen Besuch der Darmstädter Inszenierung des Musicals Cabaret und eine Stelle, die ich früher immer übersehen und überhört hatte und die mir dieses Mal so unter die Haut ging, dass ich im Theater zu frieren begann.

Nachdem der Nazi Ernst Ludwig der Zimmervermieterin Fräulein Schneider, die einen Heiratsantrag des jüdischen Kaufmanns Herrn Schulz annehmen will, unverhohlen droht und sie ihr amerikanischen Gast Clifford Bradshaw für die Lösung der Verlobung tadelt, singt sie eine bewegende und berührende Arie, in dem sie ihren jungen Gegenüber immer wieder fragt: „Was würdest du tun?“
Und ich saß in meinem Sessel, fühlte mich angesprochen und wusste keine Antwort.

Für das, was spätestens nach den sechziger Jahren undenkbar war, und das nun im Gewand des Rechtspopulismus wieder aufersteht, hat niemand unter den Intellektuellen, niemand unter den Politikern, niemand in der Zivilgesellschaft eine wirkliche Antwort.

Und das macht mir Angst. Was das für unsere Kinder bedeutet, hat Heinrich Wefing in der ZEIT vom 30.6.2016 eindrücklich beschrieben.
 

Araluen

Mitglied
Dein Text liest sich wirklich angenehm und interessant.

Eine kleine textliche Sache habe ich gefunden:
Als ich dieses hochaktuelle Buch las, erinnerte ich an einen Besuch der Darmstädter Inszenierung des Musicals Cabaret [...]
Nach meinem Dafürhalten müsste es heißen: [...] erinnerte ich mich an [...]

Obwohl mir der Text wirklich gut gefällt, muss ich leider aber auch sagen, dass es sich für mich nicht wie eine Rezension liest, eher wie ein interessanter, wenn auch dann kurzer Artikel, zum Thema Rechtspopulismus. Ich kannte das Buch vorher nicht und kenne es jetzt immer noch nicht, nachdem ich deine Rezension gelesen habe. Im Gunde bin ich mir nicht ienmal sicher, welche Mienung du zu der Übersetzung hast und ob es sich lohnt, das Werk in die Hände zu nehmen. Das ist eigentlich ziemlcih schade. Wenn du noch Fakten und Eindrücke zum Buch selbst hinzu nimmst, dann wird es eine richtig gute Rezension.

Liebe Grüße Araluen
 
Gedanken zu:

Ernestine Amy Buller, Finsternis in Deutschland, Elisabeth Sandmann 2016, ISBN 978-3-945543-09-2

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis das vorliegende Buch auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht deshalb, weil niemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands eine die Wiedergeburt rassistischer und völkischer Vorstellungen und Haltungen so stark gewesen ist wie heute, wo ein quer durch Europa grassierender Rechtspopulismus (das Wort beschreibt es bei weitem nicht zutreffend, was gerade in Europa geschieht) auch in Deutschland nicht haltmacht und weitaus mehr Menschen anzieht als es sich in Wahlergebnissen der AfD ausdrückt.
Wie gerät ein ganzes Volk in die Fänge des Extremismus und was denken ganz normale Menschen darüber? Diese Frage hat auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Engländerin Ernestine Amy Buller beschäftigt, die zwischen 1934 und 1938 mehrfach nach Deutschland reiste, und eine Vielzahl von Gesprächen mit Menschen aller Gesellschaftsschichten führte.
„Dieses Buch beruht ausschließlich auf tatsächlich von mir Erlebtem. Manche der geschilderten Begebenheiten stimmen bis ins kleinste Detail, bei anderen habe ich aus Gründen der Verschleierung Kleinigkeiten verändert. Weshalb das nötig war, dürfte der Leserschaft unmittelbar einleuchten.“

Obwohl viele ihrer Gesprächspartner mit Verfolgung rechnen mussten, sollten ihre Äußerungen publik werden, redeten sie erstaunlich offen. Viel differenzierter als man heute annehmen würde, sind die Stimmen vieler dieser Zeitzeugen ein Beleg dafür, wie auf der einen Seite sehr viel vor allem innerer Widerstand gegen die herrschende Ideologie der Nazis vorhanden war, auf der anderen Seite aber auch dafür, wie stark das Regime schon in seinen Anfängen kritische Menschen brach und zur Anpassung zwang.

Als ich dieses hochaktuelle Buch las, erinnerte ich an einen Besuch der Darmstädter Inszenierung des Musicals Cabaret und eine Stelle, die ich früher immer übersehen und überhört hatte und die mir dieses Mal so unter die Haut ging, dass ich im Theater zu frieren begann.

Nachdem der Nazi Ernst Ludwig der Zimmervermieterin Fräulein Schneider, die einen Heiratsantrag des jüdischen Kaufmanns Herrn Schulz annehmen will, unverhohlen droht und sie ihr amerikanischen Gast Clifford Bradshaw für die Lösung der Verlobung tadelt, singt sie eine bewegende und berührende Arie, in dem sie ihren jungen Gegenüber immer wieder fragt: „Was würdest du tun?“
Und ich saß in meinem Sessel, fühlte mich angesprochen und wusste keine Antwort.

Für das, was spätestens nach den sechziger Jahren undenkbar war, und das nun im Gewand des Rechtspopulismus wieder aufersteht, hat niemand unter den Intellektuellen, niemand unter den Politikern, niemand in der Zivilgesellschaft eine wirkliche Antwort.

Und das macht mir Angst. Was das für unsere Kinder bedeutet, hat Heinrich Wefing in der ZEIT vom 30.6.2016 eindrücklich beschrieben.
 
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Ernestine Amy Buller, Finsternis in Deutschland, Elisabeth Sandmann 2016, ISBN 978-3-945543-09-2

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis das vorliegende Buch auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht deshalb, weil niemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands eine die Wiedergeburt rassistischer und völkischer Vorstellungen und Haltungen so stark gewesen ist wie heute, wo ein quer durch Europa grassierender Rechtspopulismus (das Wort beschreibt es bei weitem nicht zutreffend, was gerade in Europa geschieht) auch in Deutschland nicht haltmacht und weitaus mehr Menschen anzieht als es sich in Wahlergebnissen der AfD ausdrückt.
Wie gerät ein ganzes Volk in die Fänge des Extremismus und was denken ganz normale Menschen darüber? Diese Frage hat auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Engländerin Ernestine Amy Buller beschäftigt, die zwischen 1934 und 1938 mehrfach nach Deutschland reiste, und eine Vielzahl von Gesprächen mit Menschen aller Gesellschaftsschichten führte.
„Dieses Buch beruht ausschließlich auf tatsächlich von mir Erlebtem. Manche der geschilderten Begebenheiten stimmen bis ins kleinste Detail, bei anderen habe ich aus Gründen der Verschleierung Kleinigkeiten verändert. Weshalb das nötig war, dürfte der Leserschaft unmittelbar einleuchten.“

Obwohl viele ihrer Gesprächspartner mit Verfolgung rechnen mussten, sollten ihre Äußerungen publik werden, redeten sie erstaunlich offen. Viel differenzierter als man heute annehmen würde, sind die Stimmen vieler dieser Zeitzeugen ein Beleg dafür, wie auf der einen Seite sehr viel vor allem innerer Widerstand gegen die herrschende Ideologie der Nazis vorhanden war, auf der anderen Seite aber auch dafür, wie stark das Regime schon in seinen Anfängen kritische Menschen brach und zur Anpassung zwang.

Als ich dieses hochaktuelle Buch las, erinnerte ich mich an einen Besuch der Darmstädter Inszenierung des Musicals Cabaret und eine Stelle, die ich früher immer übersehen und überhört hatte und die mir dieses Mal so unter die Haut ging, dass ich im Theater zu frieren begann.

Nachdem der Nazi Ernst Ludwig der Zimmervermieterin Fräulein Schneider, die einen Heiratsantrag des jüdischen Kaufmanns Herrn Schulz annehmen will, unverhohlen droht und sie ihr amerikanischen Gast Clifford Bradshaw für die Lösung der Verlobung tadelt, singt sie eine bewegende und berührende Arie, in dem sie ihren jungen Gegenüber immer wieder fragt: „Was würdest du tun?“
Und ich saß in meinem Sessel, fühlte mich angesprochen und wusste keine Antwort.

Für das, was spätestens nach den sechziger Jahren undenkbar war, und das nun im Gewand des Rechtspopulismus wieder aufersteht, hat niemand unter den Intellektuellen, niemand unter den Politikern, niemand in der Zivilgesellschaft eine wirkliche Antwort.

Und das macht mir Angst. Was das für unsere Kinder bedeutet, hat Heinrich Wefing in der ZEIT vom 30.6.2016 eindrücklich beschrieben.
 

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