Wechselgeld

Ciconia

Mitglied
Der Vorschlag war von seinem Sohn gekommen. „Schreib doch mal deine Erinnerungen auf“, ermunterte der ihn früher häufig, wenn im Familienkreis von alten Zeiten gesprochen wurde. Das wolle er gern tun, antwortete er, später, wenn er mal Muße haben würde. Jetzt war diese Zeit gekommen. Einen treffenden Titel für den Roman seines Lebens hatte er sehr schnell gefunden. In der letzten Nacht, während einiger schlafloser Stunden, war ihm wieder vieles durch den Kopf gegangen, neue Ideen für das heutige Pensum.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch den Park setzte er sich an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch mit Blick ins Grüne. Um diese Tageszeit konnte er sich am besten konzentrieren.

Das Fenster zum Garten war gekippt. Er hörte den Rasenmäher des Hausmeisters brummen und fühlte sich sofort aus dem Konzept gebracht. So gern er auch den Geruch des gemähten Grases mochte – zum Schreiben brauchte er absolute Ruhe. Er schloss das Fenster und öffnete das Ringbuch mit den eng beschriebenen
Blättern, die einmal zum Roman seines Lebens werden sollten.

Er arbeitete mit Bleistiften, ein halbes Dutzend lag sauber angespitzt vor ihm. Natürlich gehörte ein großer Radiergummi dazu, oft radierte er einen ganzen Satz wieder aus und ärgerte sich dann über die unangenehmen Flusen auf der Schreibtischplatte. Sein Sohn hatte mehrfach versucht, ihn von einem PC zu überzeugen – vergeblich. Damit war der Mann schon in seinen letzten Berufsjahren nicht gut klargekommen, da blieb er stur. Wozu in seinem Alter noch etwas Neues lernen?

Als Erstes überflog er wie immer das zuletzt Geschriebene. Manchmal, so wie heute, zog es ihn allerdings zurück zu den allerersten Seiten. Die Kindheit, das ging ziemlich leicht von der Hand, es gab allerhand zu erzählen, und mit dem Abstand der Jahre glaubte er hier eine objektive Betrachtungsweise gefunden zu haben. Vieles konnte er inzwischen vergeben, mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ins rechte Licht rücken. Er empfand keine Wut mehr auf die überforderten Eltern und verstand sie aus heutiger Sicht ein wenig besser. Jedoch hatte er lange gebraucht, bis er nachvollziehen konnte, warum sie so geworden waren. Seine zwei jüngeren Schwestern konnte er, so gut es ihm eben möglich war, aus den gröbsten Streitigkeiten heraushalten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte. Schade, dass sie sich in letzter Zeit kaum noch blicken ließen. Jeder lebte halt mit seinen eigenen Sorgen, dachte er, er wollte ihnen nichts übelnehmen.

Der Rasenmäher verstummte. Der Mann öffnete das Fenster weit und atmete mehrmals tief durch. Der Duft von frisch geschnittenem Rasen erfüllte das Zimmer. Ein guter Tag zum Schreiben, fand er.

Das Kapitel der ersten Jahre mit Lotte, seiner Ex-Frau, schien ihm sehr gut gelungen. Wunderschöne Jahre waren das, vor allem vor der Ehe, der Meinung war er heute noch. So viele gemeinsame Interessen, Ausflüge, Wanderungen … Er hatte Lotte nicht zumuten wollen, zusätzlich zu Haushalt und Kindern noch einem Beruf nachzugehen. Er konnte seine Familie allein ernähren, das war immer seine Einstellung gewesen.

Wie fast jeden Tag holte er das abgegriffene Fotoalbum heraus, das inspirierte ihn und half ihm, die Erinnerungen zu vertiefen. Die Hochzeit, die Geburt der beiden Kinder, im Nachhinein betrachtet ging alles viel zu schnell, es war nicht genug hängen geblieben in seinem Gedächtnis. Sicher wurde durch Lottes Auszug einiges überdeckt oder einfach ausradiert, so wie er manche seiner Sätze ausradierte. Sie hatte ihn kurz vor der Silberhochzeit wegen eines Jüngeren verlassen. Das war vor mehr als fünf Jahren, und der Verlust schmerzte fast wie am ersten Tag. Bisher war es ihm nicht gelungen, eine andere Frau kennenzulernen. Versuche gab es, ein paarmal war er sogar zum Tanzen gegangen. Keine Frau reichte an Lotte heran, das war ihm sehr bald bewusst geworden. Vielleicht war es besser so, er glaubte selbst, dass ein Zusammenleben mit ihm nicht mehr ganz leicht sein würde.

Er wählte einen Bleistift, um mit dem heutigen Pensum zu beginnen. Wenn er jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden schreiben könnte, müsste er bis zum Ende des Jahres fertig sein, rechnete er sich aus. Doch die Zeit verrann, ohne dass er wesentliche Fortschritte machte. Was gab es nicht alles zu überlegen, zu erinnern, manches Mal versank er dann eine Stunde oder länger in tiefen Gedanken.

Vor kurzem hatte er mit dem Kapitel „Beruf“ begonnen. Es war sehr, sehr schwierig, viel komplizierter als gedacht. Interessante Erlebnisse mit Kunden, Vorgesetzten und Kollegen, das hätte für etliche schöne Anekdoten reichen müssen. Aber irgendwie fehlte der rote Faden in allem. Aus jetziger Sicht schrumpfte das ganze Berufsleben gar so weit zusammen, dass ihm fast nur noch das unschöne Ende in Erinnerung blieb. Der vorzeitige Ruhestand war nicht seine Idee gewesen. Mit einer bescheidenen Abfindung hatte die Firma ihn hinaus komplementiert. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Nach Lottes Auszug blieb ihm plötzlich so viel Zeit für sich selbst, so viele Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, dass er sich meistens gar nicht entscheiden konnte.

Ein Kaffee würde ihm guttun, befand er, und schlurfte in die kleine Küche. Früher bewohnten sie ein ganzes Haus, da gab es eine große Küche mit einer geräumigen Essecke, in der die ganze Familie abends gemütlich zusammen saß. Nach Lottes Auszug fühlte er sich in dem Haus nicht mehr wohl. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele Erinnerungen. Eine kleine Zweizimmerwohnung reichte ihm jetzt vollkommen.

Die Kinder lebten damals schon nicht mehr im Elternhaus. Sie führten seit Jahren ihr eigenes Leben weit weg von hier und besuchten ihn äußerst selten. Er überlegte, ob er das Kapitel über seine Kinder vorziehen sollte, das ginge wahrscheinlich ganz gut von der Hand. Das Jurastudium des Sohnes hatte der Vater weitgehend mitfinanziert und dafür selbst auf einiges verzichtet. Jetzt war er stolz auf den jungen Rechtsanwalt. Auch seiner Tochter und den beiden Enkeln schickte er, so oft es ging, ein paar Scheinchen, er selbst kam mit wenig Geld aus. Das Foto über der Kommode zeigte die junge Familie lachend in ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich. Vielleicht würden sie in diesem Sommer mal wieder in seine Richtung fahren, hoffte er.

Der Kaffee war durchgelaufen. Er nahm seinen Lieblingsbecher mit zum Schreibtisch und schrieb einige Sätze. Bald merkte er, dass seine Konzentration heute doch nicht ausreichte. Der Text gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viel zum Ausradieren, er zerknüllte das ganze neue Blatt. Nein, er wollte lieber morgen weitermachen. Allmählich war es sowieso Zeit, zum Mittagessen in die „Krone“ zu gehen.

Bevor er seine Utensilien sorgfältig zusammenräumte, starrte er noch einmal lange auf das Titelblatt. Wechselgeld. Ein passender Titel für sein Leben, in dem er stets mit großen Scheinen gezahlt und nur in kleiner Münze zurückbekommen hatte.
 

Ciconia

Mitglied
Diesen Text hatte ich Anfang der Woche als Kurzprosa eingestellt. Am nächsten Tag wurde er kommentarlos, ohne Begründung, zu den Kurzgeschichten verschoben. Anscheinend konnte die Geschichte den strengen Regeln der Kurzprosa nicht standhalten.
Ich meine, zu einer Kurzgeschichte fehlt eine Pointe – aber so sicher bin ich bei der Einteilung nicht.

Ich habe die Geschichte zunächst gelöscht, noch einmal ein wenig überarbeitet und ordne sie jetzt als Erzählung ein. Wenn es auch damit Schwierigkeiten geben sollte, wäre ich für eine kurze Begründung dankbar.
Herzlichen Dank!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Der Vorschlag war von seinem Sohn gekommen. „Schreib doch mal deine Erinnerungen auf“, ermunterte der ihn früher häufig, wenn im Familienkreis von alten Zeiten gesprochen wurde. Das wolle er gern tun, antwortete er, später, wenn er mal Muße haben würde. Jetzt war diese Zeit gekommen. Einen treffenden Titel für den Roman seines Lebens hatte er sehr schnell gefunden. In der letzten Nacht, während einiger schlafloser Stunden, war ihm wieder vieles durch den Kopf gegangen, neue Ideen für das heutige Pensum.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch den Park setzte er sich an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch mit Blick ins Grüne. Um diese Tageszeit konnte er sich am besten konzentrieren.

Das Fenster zum Garten war gekippt. Er hörte den Rasenmäher des Hausmeisters brummen und fühlte sich sofort aus dem Konzept gebracht. So gern er auch den Geruch des gemähten Grases mochte – zum Schreiben brauchte er absolute Ruhe. Er schloss das Fenster und öffnete das Ringbuch mit den eng beschriebenen
Blättern, die einmal zum Roman seines Lebens werden sollten.

Er arbeitete mit Bleistiften, ein halbes Dutzend lag sauber angespitzt vor ihm. Natürlich gehörte ein großer Radiergummi dazu, oft radierte er einen ganzen Satz wieder aus und ärgerte sich dann über die unangenehmen Krümel auf der Schreibtischplatte. Sein Sohn hatte mehrfach versucht, ihn von einem PC zu überzeugen – vergeblich. Damit war der Mann schon in seinen letzten Berufsjahren nicht gut klargekommen, da blieb er stur. Wozu in seinem Alter noch etwas Neues lernen?

Als Erstes überflog er wie immer das zuletzt Geschriebene. Manchmal, so wie heute, zog es ihn allerdings zurück zu den allerersten Seiten. Die Kindheit, das ging ziemlich leicht von der Hand, es gab allerhand zu erzählen, und mit dem Abstand der Jahre glaubte er hier eine objektive Betrachtungsweise gefunden zu haben. Vieles konnte er inzwischen vergeben, mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ins rechte Licht rücken. Er empfand keine Wut mehr auf die überforderten Eltern und verstand sie aus heutiger Sicht ein wenig besser. Jedoch hatte er lange gebraucht, bis er nachvollziehen konnte, warum sie so geworden waren. Seine zwei jüngeren Schwestern konnte er, so gut es ihm eben möglich war, aus den gröbsten Streitigkeiten heraushalten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte. Schade, dass sie sich in letzter Zeit kaum noch blicken ließen. Jeder lebte halt mit seinen eigenen Sorgen, dachte er, er wollte ihnen nichts übelnehmen.

Der Rasenmäher verstummte. Der Mann öffnete das Fenster weit und atmete mehrmals tief durch. Der Duft von frisch geschnittenem Rasen erfüllte das Zimmer. Ein guter Tag zum Schreiben, fand er.

Das Kapitel der ersten Jahre mit Lotte, seiner Ex-Frau, schien ihm sehr gut gelungen. Wunderschöne Jahre waren das, vor allem vor der Ehe, der Meinung war er heute noch. So viele gemeinsame Interessen, Ausflüge, Wanderungen … Er hatte Lotte nicht zumuten wollen, zusätzlich zu Haushalt und Kindern noch einem Beruf nachzugehen. Er konnte seine Familie allein ernähren, das war immer seine Einstellung gewesen.

Wie fast jeden Tag holte er das abgegriffene Fotoalbum heraus, das inspirierte ihn und half ihm, die Erinnerungen zu vertiefen. Die Hochzeit, die Geburt der beiden Kinder, im Nachhinein betrachtet ging alles viel zu schnell, es war nicht genug hängen geblieben in seinem Gedächtnis. Sicher wurde durch Lottes Auszug einiges überdeckt oder einfach ausradiert, so wie er manche seiner Sätze ausradierte. Sie hatte ihn kurz vor der Silberhochzeit wegen eines Jüngeren verlassen. Das war vor mehr als fünf Jahren, und der Verlust schmerzte fast wie am ersten Tag. Bisher war es ihm nicht gelungen, eine andere Frau kennenzulernen. Versuche gab es, ein paarmal war er sogar zum Tanzen gegangen. Keine Frau reichte an Lotte heran, das war ihm sehr bald bewusst geworden. Vielleicht war es besser so, er glaubte selbst, dass ein Zusammenleben mit ihm nicht mehr ganz leicht sein würde.

Er wählte einen Bleistift, um mit dem heutigen Pensum zu beginnen. Wenn er jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden schreiben könnte, müsste er bis zum Ende des Jahres fertig sein, rechnete er sich aus. Doch die Zeit verrann, ohne dass er wesentliche Fortschritte machte. Was gab es nicht alles zu überlegen, zu erinnern, manches Mal versank er dann eine Stunde oder länger in tiefen Gedanken.

Vor kurzem hatte er mit dem Kapitel „Beruf“ begonnen. Es war sehr, sehr schwierig, viel komplizierter als gedacht. Interessante Erlebnisse mit Kunden, Vorgesetzten und Kollegen, das hätte für etliche schöne Anekdoten reichen müssen. Aber irgendwie fehlte der rote Faden in allem. Aus jetziger Sicht schrumpfte das ganze Berufsleben gar so weit zusammen, dass ihm fast nur noch das unschöne Ende in Erinnerung blieb. Der vorzeitige Ruhestand war nicht seine Idee gewesen. Mit einer bescheidenen Abfindung hatte die Firma ihn hinaus komplementiert. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Nach Lottes Auszug blieb ihm plötzlich so viel Zeit für sich selbst, so viele Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, dass er sich meistens gar nicht entscheiden konnte.

Ein Kaffee würde ihm guttun, befand er, und schlurfte in die kleine Küche. Früher bewohnten sie ein ganzes Haus, da gab es eine große Küche mit einer geräumigen Essecke, in der die ganze Familie abends gemütlich zusammen saß. Nach Lottes Auszug fühlte er sich in dem Haus nicht mehr wohl. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele Erinnerungen. Eine kleine Zweizimmerwohnung reichte ihm jetzt vollkommen.

Die Kinder lebten damals schon nicht mehr im Elternhaus. Sie führten seit Jahren ihr eigenes Leben weit weg von hier und besuchten ihn äußerst selten. Er überlegte, ob er das Kapitel über seine Kinder vorziehen sollte, das ginge wahrscheinlich ganz gut von der Hand. Das Jurastudium des Sohnes hatte der Vater weitgehend mitfinanziert und dafür selbst auf einiges verzichtet. Jetzt war er stolz auf den jungen Rechtsanwalt. Auch seiner Tochter und den beiden Enkeln schickte er, so oft es ging, ein paar Scheinchen, er selbst kam mit wenig Geld aus. Das Foto über der Kommode zeigte die junge Familie lachend in ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich. Vielleicht würden sie in diesem Sommer mal wieder in seine Richtung fahren, hoffte er.

Der Kaffee war durchgelaufen. Er nahm seinen Lieblingsbecher mit zum Schreibtisch und schrieb einige Sätze. Bald merkte er, dass seine Konzentration heute doch nicht ausreichte. Der Text gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viel zum Ausradieren, er zerknüllte das ganze neue Blatt. Nein, er wollte lieber morgen weitermachen. Allmählich war es sowieso Zeit, zum Mittagessen in die „Krone“ zu gehen.

Bevor er seine Utensilien sorgfältig zusammenräumte, starrte er noch einmal lange auf das Titelblatt. Wechselgeld. Ein passender Titel für sein Leben, in dem er stets mit großen Scheinen gezahlt und nur in kleiner Münze zurückbekommen hatte.
 

Ciconia

Mitglied
Danke für den Verbesserungsvorschlag, den ich per e-mail bekam. Ich habe die "Flusen" des Radierabfalls in "Krümel" geändert.

Grundsätzlich sehe ich solche Vorschläge eigentlich lieber direkt am Text, das ist für mich einfacher und für alle leichter nachvollziehbar. Trotzdem gern angenommen!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Der Vorschlag war von seinem Sohn gekommen. „Schreib doch mal deine Erinnerungen auf“, ermunterte der ihn früher häufig, wenn im Familienkreis von alten Zeiten gesprochen wurde. Das wolle er gern tun, antwortete er, später, wenn er mal Muße haben würde. Jetzt war diese Zeit gekommen. Einen treffenden Titel für den Roman seines Lebens hatte er sehr schnell gefunden. In der letzten Nacht, während einiger schlafloser Stunden, war ihm wieder vieles durch den Kopf gegangen, neue Ideen für das heutige Pensum.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch den Park setzte er sich an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch mit Blick ins Grüne. Um diese Tageszeit konnte er sich am besten konzentrieren.

Das Fenster zum Garten war gekippt. Er hörte den Rasenmäher des Hausmeisters brummen und fühlte sich sofort aus dem Konzept gebracht. So gern er auch den Geruch des gemähten Grases mochte – zum Schreiben brauchte er absolute Ruhe. Er schloss das Fenster und öffnete das Ringbuch mit den eng beschriebenen Blättern, die einmal zum Roman seines Lebens werden sollten.

Er arbeitete mit Bleistiften, ein halbes Dutzend lag sauber angespitzt vor ihm. Natürlich gehörte ein großer Radiergummi dazu, oft radierte er einen ganzen Satz wieder aus und ärgerte sich dann über die unangenehmen Krümel auf der Schreibtischplatte. Sein Sohn hatte mehrfach versucht, ihn von einem PC zu überzeugen – vergeblich. Damit war der Mann schon in seinen letzten Berufsjahren nicht gut klargekommen, da blieb er stur. Wozu in seinem Alter noch etwas Neues lernen?

Als Erstes überflog er wie immer das zuletzt Geschriebene. Manchmal, so wie heute, zog es ihn allerdings zurück zu den allerersten Seiten. Die Kindheit, das ging ziemlich leicht von der Hand, es gab allerhand zu erzählen, und mit dem Abstand der Jahre glaubte er hier eine objektive Betrachtungsweise gefunden zu haben. Vieles konnte er inzwischen vergeben, mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ins rechte Licht rücken. Er empfand keine Wut mehr auf die überforderten Eltern und verstand sie aus heutiger Sicht ein wenig besser. Jedoch hatte er lange gebraucht, bis er nachvollziehen konnte, warum sie so geworden waren. Seine zwei jüngeren Schwestern konnte er, so gut es ihm eben möglich war, aus den gröbsten Streitigkeiten heraushalten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte. Schade, dass sie sich in letzter Zeit kaum noch blicken ließen. Jeder lebte halt mit seinen eigenen Sorgen, dachte er, er wollte ihnen nichts übelnehmen.

Der Rasenmäher verstummte. Der Mann öffnete das Fenster weit und atmete mehrmals tief durch. Der Duft von frisch geschnittenem Rasen erfüllte das Zimmer. Ein guter Tag zum Schreiben, fand er.

Das Kapitel der ersten Jahre mit Lotte, seiner Ex-Frau, schien ihm sehr gut gelungen. Wunderschöne Jahre waren das, vor allem vor der Ehe, der Meinung war er heute noch. So viele gemeinsame Interessen, Ausflüge, Wanderungen … Er hatte Lotte nicht zumuten wollen, zusätzlich zu Haushalt und Kindern noch einem Beruf nachzugehen. Er konnte seine Familie allein ernähren, das war immer seine Einstellung gewesen.

Wie fast jeden Tag holte er das abgegriffene Fotoalbum heraus, das inspirierte ihn und half ihm, die Erinnerungen zu vertiefen. Die Hochzeit, die Geburt der beiden Kinder, im Nachhinein betrachtet ging alles viel zu schnell, es war nicht genug hängen geblieben in seinem Gedächtnis. Sicher wurde durch Lottes Auszug einiges überdeckt oder einfach ausradiert, so wie er manche seiner Sätze ausradierte. Sie hatte ihn kurz vor der Silberhochzeit wegen eines Jüngeren verlassen. Das war vor mehr als fünf Jahren, und der Verlust schmerzte fast wie am ersten Tag. Bisher war es ihm nicht gelungen, eine andere Frau kennenzulernen. Versuche gab es, ein paarmal war er sogar zum Tanzen gegangen. Keine Frau reichte an Lotte heran, das war ihm sehr bald bewusst geworden. Vielleicht war es besser so, er glaubte selbst, dass ein Zusammenleben mit ihm nicht mehr ganz leicht sein würde.

Äußerst konzentriert wählte er einen Bleistift aus. Wenn er jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden schreiben könnte, müsste er bis zum Ende des Jahres fertig sein, rechnete er sich aus. Doch die Zeit verrann, ohne dass er wesentliche Fortschritte machte. Was gab es nicht alles zu überlegen, zu erinnern, manches Mal versank er dann eine Stunde oder länger in tiefen Gedanken.

Vor kurzem hatte er mit dem Kapitel „Beruf“ begonnen. Es war sehr, sehr schwierig, viel komplizierter als gedacht. Interessante Erlebnisse mit Kunden, Vorgesetzten und Kollegen, das hätte für etliche schöne Anekdoten reichen müssen. Aber irgendwie fehlte der rote Faden in allem. Aus jetziger Sicht schrumpfte das ganze Berufsleben gar so weit zusammen, dass ihm fast nur noch das unschöne Ende in Erinnerung blieb. Der vorzeitige Ruhestand war nicht seine Idee gewesen. Mit einer bescheidenen Abfindung hatte die Firma ihn hinaus komplementiert. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Nach Lottes Auszug blieb ihm plötzlich so viel Zeit für sich selbst, so viele Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, dass er sich meistens gar nicht entscheiden konnte.

Ein Kaffee würde ihm guttun, befand er, und schlurfte in die kleine Küche. Früher bewohnten sie ein ganzes Haus, da gab es eine große Küche mit einer geräumigen Essecke, in der die ganze Familie abends gemütlich zusammen saß. Nach Lottes Auszug fühlte er sich in dem Haus nicht mehr wohl. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele Erinnerungen. Eine kleine Zweizimmerwohnung reichte ihm jetzt vollkommen.

Die Kinder lebten damals schon nicht mehr im Elternhaus. Sie führten seit Jahren ihr eigenes Leben weit weg von hier und besuchten ihn äußerst selten. Er überlegte, ob er das Kapitel über seine Kinder vorziehen sollte, das ginge wahrscheinlich ganz gut von der Hand. Das Jurastudium des Sohnes hatte der Vater weitgehend mitfinanziert und dafür selbst auf einiges verzichtet. Jetzt war er stolz auf den jungen Rechtsanwalt. Auch seiner Tochter und den beiden Enkeln schickte er, so oft es ging, ein paar Scheinchen, er selbst kam mit wenig Geld aus. Das Foto über der Kommode zeigte die junge Familie lachend in ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich. Vielleicht würden sie in diesem Sommer mal wieder in seine Richtung fahren, hoffte er.

Der Kaffee war durchgelaufen. Er nahm seinen Lieblingsbecher mit zum Schreibtisch und schrieb einige Sätze. Bald merkte er, dass seine Konzentration heute doch nicht ausreichte. Der Text gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viel zum Ausradieren, er zerknüllte das ganze neue Blatt. Nein, er wollte lieber morgen weitermachen. Allmählich war es sowieso Zeit, zum Mittagessen in die „Krone“ zu gehen.

Bevor er seine Utensilien sorgfältig zusammenräumte, starrte er noch einmal lange auf das Titelblatt. Wechselgeld. Ein passender Titel für sein Leben, in dem er stets mit großen Scheinen gezahlt und nur in kleiner Münze zurückbekommen hatte.
 

Ciconia

Mitglied
Der Vorschlag war von seinem Sohn gekommen.
„Schreib doch mal deine Erinnerungen auf“, ermunterte der ihn früher häufig, wenn im Familienkreis von alten Zeiten gesprochen wurde. Das wolle er gern tun, antwortete er, später, wenn er mal Muße haben würde. Jetzt war diese Zeit gekommen. Einen treffenden Titel für den Roman seines Lebens hatte er sehr schnell gefunden. In der letzten Nacht, während einiger schlafloser Stunden, war ihm wieder vieles durch den Kopf gegangen, neue Ideen für das heutige Pensum.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch den Park setzte er sich an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch mit Blick ins Grüne. Um diese Tageszeit konnte er sich am besten konzentrieren.
Das Fenster zum Garten war gekippt. Er hörte den Rasenmäher des Hausmeisters brummen und fühlte sich sofort aus dem Konzept gebracht. So gern er auch den Geruch des gemähten Grases mochte – zum Schreiben brauchte er absolute Ruhe. Er schloss das Fenster und öffnete das Ringbuch mit den eng beschriebenen Blättern, die einmal zum Roman seines Lebens werden sollten.
Er arbeitete mit Bleistiften, ein halbes Dutzend lag sauber angespitzt vor ihm. Natürlich gehörte ein großer Radiergummi dazu, oft radierte er einen ganzen Satz wieder aus und ärgerte sich dann über die unangenehmen Krümel auf der Schreibtischplatte. Sein Sohn hatte mehrfach versucht, ihn von einem PC zu überzeugen – vergeblich. Damit war der Mann schon in seinen letzten Berufsjahren nicht gut klargekommen, da blieb er stur. Wozu in seinem Alter noch etwas Neues lernen?

Als Erstes überflog er wie immer das zuletzt Geschriebene. Manchmal, so wie heute, zog es ihn allerdings zurück zu den allerersten Seiten. Die Kindheit, das ging ziemlich leicht von der Hand, es gab allerhand zu erzählen, und mit dem Abstand der Jahre glaubte er hier eine objektive Betrachtungsweise gefunden zu haben. Vieles konnte er inzwischen vergeben, mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ins rechte Licht rücken. Er empfand keine Wut mehr auf die überforderten Eltern und verstand sie aus heutiger Sicht ein wenig besser. Jedoch hatte er lange gebraucht, bis er nachvollziehen konnte, warum sie so geworden waren. Seine zwei jüngeren Schwestern konnte er, so gut es ihm eben möglich war, aus den gröbsten Streitigkeiten heraushalten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte. Schade, dass sie sich in letzter Zeit kaum noch blicken ließen. Jeder lebte halt mit seinen eigenen Sorgen, dachte er, er wollte ihnen nichts übelnehmen.

Der Rasenmäher verstummte. Der Mann öffnete das Fenster weit und atmete mehrmals tief durch. Der Duft von frisch geschnittenem Rasen erfüllte das Zimmer. Ein guter Tag zum Schreiben, fand er.

Das Kapitel der ersten Jahre mit Lotte, seiner Ex-Frau, schien ihm sehr gut gelungen. Wunderschöne Jahre waren das, vor allem vor der Ehe, der Meinung war er heute noch. So viele gemeinsame Interessen, Ausflüge, Wanderungen … Er hatte Lotte nicht zumuten wollen, zusätzlich zu Haushalt und Kindern noch einem Beruf nachzugehen. Er konnte seine Familie allein ernähren, das war immer seine Einstellung gewesen.
Wie fast jeden Tag holte er das abgegriffene Fotoalbum heraus, das inspirierte ihn und half ihm, die Erinnerungen zu vertiefen. Die Hochzeit, die Geburt der beiden Kinder, im Nachhinein betrachtet ging alles viel zu schnell, es war nicht genug hängen geblieben in seinem Gedächtnis. Sicher wurde durch Lottes Auszug einiges überdeckt oder einfach ausradiert, so wie er manche seiner Sätze ausradierte. Sie hatte ihn kurz vor der Silberhochzeit wegen eines Jüngeren verlassen. Das war vor mehr als fünf Jahren, und der Verlust schmerzte fast wie am ersten Tag. Bisher war es ihm nicht gelungen, eine andere Frau kennenzulernen. Versuche gab es, ein paarmal war er sogar zum Tanzen gegangen. Keine Frau reichte an Lotte heran, das war ihm sehr bald bewusst geworden. Vielleicht war es besser so, er glaubte selbst, dass ein Zusammenleben mit ihm nicht mehr ganz leicht sein würde.

Äußerst konzentriert wählte er einen Bleistift aus. Wenn er jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden schreiben könnte, müsste er bis zum Ende des Jahres fertig sein, rechnete er sich aus. Doch die Zeit verrann, ohne dass er wesentliche Fortschritte machte. Was gab es nicht alles zu überlegen, zu erinnern, manches Mal versank er dann eine Stunde oder länger in tiefen Gedanken.

Vor kurzem hatte er mit dem Kapitel „Beruf“ begonnen. Es war sehr, sehr schwierig, viel komplizierter als gedacht. Interessante Erlebnisse mit Kunden, Vorgesetzten und Kollegen, das hätte für etliche schöne Anekdoten reichen müssen. Aber irgendwie fehlte der rote Faden in allem. Aus jetziger Sicht schrumpfte das ganze Berufsleben gar so weit zusammen, dass ihm fast nur noch das unschöne Ende in Erinnerung blieb. Der vorzeitige Ruhestand war nicht seine Idee gewesen. Mit einer bescheidenen Abfindung hatte die Firma ihn hinaus komplementiert. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Nach Lottes Auszug blieb ihm plötzlich so viel Zeit für sich selbst, so viele Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, dass er sich meistens gar nicht entscheiden konnte.

Ein Kaffee würde ihm guttun, befand er, und schlurfte in die kleine Küche. Früher bewohnten sie ein ganzes Haus, da gab es eine große Küche mit einer geräumigen Essecke, in der die ganze Familie abends gemütlich zusammen saß. Nach Lottes Auszug fühlte er sich in dem Haus nicht mehr wohl. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele Erinnerungen. Eine kleine Zweizimmerwohnung reichte ihm jetzt vollkommen.

Die Kinder lebten damals schon nicht mehr im Elternhaus. Sie führten seit Jahren ihr eigenes Leben weit weg von hier und besuchten ihn äußerst selten. Er überlegte, ob er das Kapitel über seine Kinder vorziehen sollte, das ginge wahrscheinlich ganz gut von der Hand. Das Jurastudium des Sohnes hatte der Vater weitgehend mitfinanziert und dafür selbst auf einiges verzichtet. Jetzt war er stolz auf den jungen Rechtsanwalt. Auch seiner Tochter und den beiden Enkeln schickte er, so oft es ging, ein paar Scheinchen, er selbst kam mit wenig Geld aus. Das Foto über der Kommode zeigte die junge Familie lachend in ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich. Vielleicht würden sie in diesem Sommer mal wieder in seine Richtung fahren, hoffte er.

Der Kaffee war durchgelaufen. Er nahm seinen Lieblingsbecher mit zum Schreibtisch und schrieb einige Sätze. Bald merkte er, dass seine Konzentration heute doch nicht ausreichte. Der Text gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viel zum Ausradieren, er zerknüllte das ganze neue Blatt. Nein, er wollte lieber morgen weitermachen. Allmählich war es sowieso Zeit, zum Mittagessen in die „Krone“ zu gehen.

Bevor er seine Utensilien sorgfältig zusammenräumte, starrte er noch einmal lange auf das Titelblatt. Wechselgeld. Ein passender Titel für sein Leben, in dem er stets mit großen Scheinen gezahlt und nur in kleiner Münze zurückbekommen hatte.
 

Ciconia

Mitglied
Der Vorschlag war von seinem Sohn gekommen.
„Schreib doch mal deine Erinnerungen auf“, ermunterte der ihn früher häufig, wenn im Familienkreis von alten Zeiten gesprochen wurde. Das wolle er gern tun, antwortete er, später, wenn er mal Muße haben würde. Jetzt war diese Zeit gekommen. Einen treffenden Titel für den Roman seines Lebens hatte er sehr schnell gefunden. In der letzten Nacht, während einiger schlafloser Stunden, war ihm wieder vieles durch den Kopf gegangen, neue Ideen für das heutige Pensum.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Spaziergang durch den Park setzte er sich an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch mit Blick ins Grüne. Um diese Tageszeit konnte er sich am besten konzentrieren.
Das Fenster zum Garten war gekippt. Er hörte den Rasenmäher des Hausmeisters brummen und fühlte sich sofort aus dem Konzept gebracht. So gern er auch den Geruch des gemähten Grases mochte – zum Schreiben brauchte er absolute Ruhe. Er schloss das Fenster und öffnete das Ringbuch mit den eng beschriebenen Blättern, die einmal zum Roman seines Lebens werden sollten.
Er arbeitete mit Bleistiften, ein halbes Dutzend lag sauber angespitzt vor ihm. Natürlich gehörte ein großer Radiergummi dazu, oft radierte er einen ganzen Satz wieder aus und ärgerte sich dann über die unangenehmen Krümel auf der Schreibtischplatte. Sein Sohn hatte mehrfach versucht, ihn von einem PC zu überzeugen – vergeblich. Damit war der Mann schon in seinen letzten Berufsjahren nicht gut klargekommen, da blieb er stur. Wozu in seinem Alter noch etwas Neues lernen?

Als Erstes überflog er wie immer das zuletzt Geschriebene. Manchmal, so wie heute, zog es ihn allerdings zurück zu den allerersten Seiten. Die Kindheit, das ging ziemlich leicht von der Hand, es gab allerhand zu erzählen, und mit dem Abstand der Jahre glaubte er hier eine objektive Betrachtungsweise gefunden zu haben. Vieles konnte er inzwischen vergeben, mit Menschenkenntnis und Lebenserfahrung ins rechte Licht rücken. Er empfand keine Wut mehr auf die überforderten Eltern und verstand sie aus heutiger Sicht ein wenig besser. Jedoch hatte er lange gebraucht, bis er nachvollziehen konnte, warum sie so geworden waren. Seine zwei jüngeren Schwestern konnte er, so gut es ihm eben möglich war, aus den gröbsten Streitigkeiten heraushalten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllte. Schade, dass sie sich in letzter Zeit kaum noch blicken ließen. Jeder lebte halt mit seinen eigenen Sorgen, dachte er, er wollte ihnen nichts übelnehmen.

Der Rasenmäher verstummte. Der Mann öffnete das Fenster weit und atmete mehrmals tief durch. Der Duft von frisch geschnittenem Rasen erfüllte das Zimmer. Ein guter Tag zum Schreiben, fand er.

Das Kapitel der ersten Jahre mit Lotte, seiner Ex-Frau, schien ihm sehr gut gelungen. Wunderschöne Jahre waren das, vor allem vor der Ehe, der Meinung war er heute noch. So viele gemeinsame Interessen, Ausflüge, Wanderungen … Er hatte Lotte nicht zumuten wollen, zusätzlich zu Haushalt und Kindern noch einem Beruf nachzugehen. Er konnte seine Familie allein ernähren, das war immer seine Einstellung gewesen.
Wie fast jeden Tag holte er das abgegriffene Fotoalbum heraus, das inspirierte ihn und half ihm, die Erinnerungen zu vertiefen. Die Hochzeit, die Geburt der beiden Kinder, im Nachhinein betrachtet ging alles viel zu schnell, es war nicht genug hängen geblieben in seinem Gedächtnis. Sicher wurde durch Lottes Auszug einiges überdeckt oder einfach ausradiert, so wie er manche seiner Sätze ausradierte. Sie hatte ihn kurz vor der Silberhochzeit wegen eines Jüngeren verlassen. Das war vor mehr als fünf Jahren, und der Verlust schmerzte fast wie am ersten Tag. Bisher war es ihm nicht gelungen, eine andere Frau kennenzulernen. Versuche gab es, ein paarmal war er sogar zum Tanzen gegangen. Keine Frau reichte an Lotte heran, das war ihm sehr bald bewusst geworden. Vielleicht war es besser so, er glaubte selbst, dass ein Zusammenleben mit ihm nicht mehr ganz leicht sein würde.

Äußerst konzentriert wählte er einen Bleistift aus. Wenn er jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden schreiben könnte, müsste er bis zum Ende des Jahres fertig sein, rechnete er sich aus. Doch die Zeit verrann, ohne dass er wesentliche Fortschritte machte. Was gab es nicht alles zu überlegen, zu erinnern, manches Mal versank er dann eine Stunde oder länger in tiefen Gedanken.

Vor kurzem hatte er mit dem Kapitel „Beruf“ begonnen. Es war sehr, sehr schwierig, viel komplizierter als gedacht. Interessante Erlebnisse mit Kunden, Vorgesetzten und Kollegen, das hätte für etliche schöne Anekdoten reichen müssen. Aber irgendwie fehlte der rote Faden in allem. Aus jetziger Sicht schrumpfte das ganze Berufsleben gar so weit zusammen, dass ihm fast nur noch das unschöne Ende in Erinnerung blieb. Der vorzeitige Ruhestand war nicht seine Idee gewesen. Mit einer bescheidenen Abfindung hatte die Firma ihn hinaus komplimentiert. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Nach Lottes Auszug blieb ihm plötzlich so viel Zeit für sich selbst, so viele Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, dass er sich meistens gar nicht entscheiden konnte.

Ein Kaffee würde ihm guttun, befand er, und schlurfte in die kleine Küche. Früher bewohnten sie ein ganzes Haus, da gab es eine große Küche mit einer geräumigen Essecke, in der die ganze Familie abends gemütlich zusammen saß. Nach Lottes Auszug fühlte er sich in dem Haus nicht mehr wohl. Viel zu viel Arbeit, viel zu viele Erinnerungen. Eine kleine Zweizimmerwohnung reichte ihm jetzt vollkommen.

Die Kinder lebten damals schon nicht mehr im Elternhaus. Sie führten seit Jahren ihr eigenes Leben weit weg von hier und besuchten ihn äußerst selten. Er überlegte, ob er das Kapitel über seine Kinder vorziehen sollte, das ginge wahrscheinlich ganz gut von der Hand. Das Jurastudium des Sohnes hatte der Vater weitgehend mitfinanziert und dafür selbst auf einiges verzichtet. Jetzt war er stolz auf den jungen Rechtsanwalt. Auch seiner Tochter und den beiden Enkeln schickte er, so oft es ging, ein paar Scheinchen, er selbst kam mit wenig Geld aus. Das Foto über der Kommode zeigte die junge Familie lachend in ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich. Vielleicht würden sie in diesem Sommer mal wieder in seine Richtung fahren, hoffte er.

Der Kaffee war durchgelaufen. Er nahm seinen Lieblingsbecher mit zum Schreibtisch und schrieb einige Sätze. Bald merkte er, dass seine Konzentration heute doch nicht ausreichte. Der Text gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viel zum Ausradieren, er zerknüllte das ganze neue Blatt. Nein, er wollte lieber morgen weitermachen. Allmählich war es sowieso Zeit, zum Mittagessen in die „Krone“ zu gehen.

Bevor er seine Utensilien sorgfältig zusammenräumte, starrte er noch einmal lange auf das Titelblatt. Wechselgeld. Ein passender Titel für sein Leben, in dem er stets mit großen Scheinen gezahlt und nur in kleiner Münze zurückbekommen hatte.
 

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