Weihnachten ist wie Wiedervereinigung - Zypernupdate

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"Brauchen" Sie Weihnachten? Einige Wochen vorher steigen Vorfreude und Erwartungen. Spätestens ab dem 27.12. wird es wieder ad acta gelegt. Dennoch käme niemand auf die Idee Weihnachten abzuschaffen, wenn es eh schon mal da ist.

Deutschland ist seit 25 Jahren wiedervereinigt. Auch hier käme niemand ernsthaft auf die Idee, diese rückgängig zu machen. Die Tage nach dem 9.11.89 bis zum 3.10.1990 waren ein bisschen wie eine erste lange gemeinsame Adventszeit. Für die diejenigen jedenfalls, die sich die Wiedervereinigung wünschten.

Wollten „die Wessis“ die Wiedervereinigung? Was erhofften sich „die Ossis“? Der offizielle Narrativ ist das eine, die Realität das andere. Wollten „die Ossis“ die Wiedervereinigung oder wollten sie Konsumfreuden, Reisefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, kurz, etwas mehr Freiheit für das Individuum. Und „der Westen“? Wer gegen die Wiedervereinigung war, weil er sich möglicherweise eh mehr als Europäer fühlten (ja, das gab es damals noch), wurde schnell ins Lager der vaterlandslosen Gesellen gesteckt. Einer scheiterte sogar im Bundestagswahlkampf, weil er den Kostenaspekt einer Wiedervereinigung ins Spiel gebracht hatte, die sich eben nicht aus der Portokasse bezahlen ließe.

Verlassen wir für einen Moment den deutschen Suppentellerboden und schauen über den Rand. Wie hat ein britischer, französischer Tourist die beiden Deutschlands wahrgenommen, so er vor ´89 Ostberlin und Westberlin besuchte? Traf er auf Menschen, die die Wiedervereinigung herbeisehnten? Hat er die Mauer als Schandmal oder als in 40 Jahren gewachsene groteske Realität wahrgenommen? Etwas Exotisches, allemal ein analoges Foto wert, doch ansonsten?

27 Jahre später. Wieder wird in einem Land der Europäischen Union über Wiedervereinigung geredet. In der Schweiz trafen sich vor einigen Wochen Vertreter der griechischen und türkischen Zyprioten.

Nach kriegerischen Auseinandersetzungen ist die Teilung seit 1974 Realität und erst in den vergangenen Jahren ist der Grenzübertritt vereinfacht worden. Dennoch wird die Grenze auch heute noch mit Waffengewalt gesichert. Tag für Tag. Wir Touristen nehmen diese Realität an, wir nehmen zur Kenntnis, dass das wirtschaftliche Gefälle, vor allem in der Hauptstadt Nikosia ähnlich stark ausgeprägt ist, wie ehedem zwischen West- und Ostberlin. Wobei der Ledrastreet auf griechisch-zypriotischer Seite - dem Kudamm, der einst als Schaufenster des Westens diente, ähnelnd - kein „Alexanderplatz“ auf türkischer Seite gegenübersteht. Der Hausverfall dort ist fortschreitend.

Doch wie steht die Bevölkerung zu dieser Art Weihnachtsfest, an das sich nur noch die Alten erinnern können? Brauchen sie sie? In diesem Land, das weniger, aber auch, durch religiöse als vielmehr durch eine Sprachbarriere geteilt ist. Was denkt die Bevölkerung dieser 225 langen und 90 Kilometer breiten Insel? Über eine Million auf griechischer, knapp über 300.000 auf türkischer Seite. Zwei britische Exklaven, eine UNO-Pufferzone. Das Einkommen auf griechischer Seite mehr als 100 Prozent höher als auf türkischer.

Noch 2004 lehnten die Menschen im griechischen Teil die Wiedervereinigung per Referendum ab, obwohl dies im Zuge des EU-Beitritts erwartet worden war. So herrscht die völkerrechtliche Absurdität, dass Zypern an und für sich als Ganzes zur EU gehört, da die Eigenständigkeit der „türkisch-zypriotischen Republik“ lediglich von der Schutzmacht Türkei anerkannt wird, durch die de facto Teilung wiederum doch nur der griechische Teil in der EU ist.

Auch 12 Jahre nach dem Referendum sind die Vorbehalte der Griechen groß. Die Zyprioten aus dem türkischen Teil können in den griechischen Teil, sich dort einen Pass besorgen und damit in die EU reisen. 80.000 Festlandtürken wurden über die Jahre im türkischen Teil angesiedelt. Käme es zur Wiedervereinigung hätte das EU-Mitglied Zypern mit Großbritannien und der Türkei zwei Schutzmächte, die selbst keine EU-Mitglieder (mehr) sind.

Der 48 jährige Kioskbesitzer im griechischen Larnaca, sechs Jahre vor der Teilung geboren, hat nichts dagegen, sieht aber auch die Schwierigkeiten. Er, der problemlos könnte, war noch nie im wenige Kilometer entfernten türkischen Teil der Insel. Begründung: „Ich sehe es nicht ein, in meinem eigenen Land an einer Grenze meinen Pass vorzuzeigen.“ Ähnliches höre ich noch von anderen griechischen Zyprioten.

Vorfreude auf Weihnachten sieht anders aus. Und über die Geschenke wird auch noch diskutiert. Seit 1974 herrscht der Status Quo der Teilung. So what?

Übrigens, im Jahr des deutschen Mauerfalls lag die Teilung der Insel erst 15 Jahre zurück. Jetzt sind es bereits 42 Jahre, zwei mehr als Deutschland nach den jeweiligen Staatsgründungen getrennt war.
 

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