Wellnessurlaub mit der Wunderbaren Ulrike

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Hagen

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Wellnessurlaub mit der Wunderbaren Ulrike

Da die Wunderbare Ulrike für den Garten die Osterinsel-Köpfe der Moai nachfertigen, beziehungsweise zu übertreffen suchte, wie sie kurz erwähnte, sah ich mich genötigt, einen Bohrhammer für sie zu beschaffen. Da die Bedienung und der Vorschub meist von Hand erfolgen, ohne mechanische Hilfsmittel, war ich da ein wenig ratlos weil ich mich ungern unnötig bewege. Je nach Art der Antriebsenergie unterscheidet man nämlich pneumatische Bohrhämmer und elektrische Bohrhämmer. Als selbsternannter Hobbyarchäologe musste ich mich jedoch zunächst auf den Boden der historischen Tatsachen zurückholen: Die Bewohner der Osterinsel hatten vor 1500 Jahren weder elektrische, noch pneumatische Bohrhämmer, dafür aber Kraft und kreative Leidenschaft!
Also fuhr ich sofort zum nächsten Steinbruch und stelle der Wunderbare Ulrike anschließend ein paar längliche, mannshohe Brocken aus Tuffstein in den Garten. Dann schlug ich erst mal die Grundform mit einem Basalthämmerchen raus und überließ den Feinschliff weiterhin der Wunderbaren Ulrike mit der Flex und ihrer weiblichen Intuition.
Doch die Wunderbare Ulrike wies mich an, die Steine zunächst in eine Ecke des Gartens zu schieben; - hatte sie doch ein Sgraffito, die Heilige Elisabeth bei der Speisung der Armen, begonnen und wollte es zunächst beenden um ihr Karma zu verbessern.
Nachdem die Wunderbare Ulrike ihr Sgraffito, es handelt sich hier um eine historische Technik zur Bearbeitung von Wandflächen durch Auflage verschiedenfarbiger Putzschichten, die besonders in Italien und Böhmen des 16. Jahrhunderts benutzt, in Vergessenheit geraten und von der Wnderbaren Ulrike wieder belebt wurde, an unserem Haus beendet hatte, war sie absolut urlaubsreif und ich auch, weil sie es mir überlassen hatte, die Steine zu rangieren und den abgekratzten Putz wegzuräumen. Kurz: Wir waren Urlaubsreif.
Nachdem ich unsere umfangreiche Picknickausrüstung in unserem Auto verlastet und den Nachbaren gebeten hatte, die Vögel sowie Erdmännchen im Garten und natürlich Annegret, meine besonders schöne, zahme Spitzschlammschnecke, ordnungsgemäß zu füttern, konnten wir eigentlich in den Urlaub starten.
Aber da war da noch die Einweisung zur Bedienung von Hannelore, der Gartenpumpe. Hannelore ist nämlich beseelt, sie arbeitet nur nach ersprießlichem Zureden. Wenn das auch nichts nützt, ist sie entweder gerade am Meditieren oder wünscht zu Wartungszwecken auseinandergenommen und frisch geölt zu werden.
Das tue ich des Öfteren und musste feststellen, dass, wenn Hannelore nach einer Wartung wieder komplett zusammengesetzt ist, ich stets noch übrige Bauteile auf der Werkbank finde. Bleibt ausnahmsweise kein Teil übrig, funktioniert Hannelore nicht.
Auf diese Weise vermehrt Hannelore sich, denn wenn man sie oft genug auseinander baut und wieder zusammengesetzt hat, verfügt man schließlich über zwei davon. Eine tiefschürfende Erkenntnis, die sich in mir manifestiert hat, aber von einer funktionstüchtigen zweiten Hannelore bin ich noch weit entfernt.
Das ist jedoch eine andere Geschichte, auf die ich bei Gelegenheit zurückkommen möchte.
Unser Nachbar guckte mich zwar etwas irritiert an, als ich ihm das verknuckfiedelte, versprach aber Annegret, unsere Vögel und Erdmännchen fachmännisch zu füttern und Hannelore gegebenenfalls gut zu ölen und ihr ansonsten huldvoll zuzureden.
Nachdem ich mich von Agathe, unserer zahmen Stubenfliege mit dem stets feisten Grinsen, verabschiedet, sich die Wunderbare Ulrike des Kofferpackens befleißigt, und diesen Vorgang zufriedenstellend beendet hatte, lud ich diese Bagage ebenfalls ein und startete Auto plus den in diesem befindlichen CD-Spieler. Mit gutem, alten Rockabilly ging es gen; - „Ja, wo fahren wir eigentlich hin?“, fragte ich.
„Nach Paddinggartener Altendeich“, sagte die Wunderbare Ulrike mit hinreißendem Lächeln, „den Tipp habe ich von Fräulein Gerda, die diesen Urlaub schon zweimal mit ihrem jeweiligen Lebensgefährten absolviert hat. Diese Lebensgefährten haben sich allerdings nach dem Wellnessurlaub auf Paddinggartener Altendeich von ihr distanziert. Der ‘Wellnessurlaub auf Paddinggartener Altendeich‘ ist aber. Laut Fräulein Gerda, ein absoluter Geheimtipp für gestresste Menschen und du erscheinst mir auch ein wenig gestresst. Darum habe ich uns dort ein sogenanntes ‘Rundum Sorglos-Paket‘ gebucht.“
„Hört sich interessant an“, sagte ich, „lieber hätte ich natürlich ein Baggerseminar mit echten Hochlöffel-Seilbaggern mitgemacht, als ein ‘Rundum Sorglos-Paket‘ in Paddinggartener Altendeich. Oder das endgültige Niedermachen eines Spitzbunkers, mit einer sogenannten Prallkugel, oder Trümmerbirne, hätte mir auch Spaß gemacht, und den Stress, der mich immer noch umweht, erheblich reduziert. – Aber wenn du meinst ‘Wellnessurlaub‘ machen zu müssen, mache ich natürlich mit, denn die Wünsche einer schönen Frau nicht zu erfüllen kommen einem Verbrechen gleich!“
„Aber sowas in der Richtung wie Hochlöffel-Seilbaggern“, meinte die Wunderbare Ulrike, „würde dich noch mehr stressen! – Du und ich brauchen mal wieder etwas Ruhe!“
Sicherlich hatte die Wunderbare Ulrike wie immer recht und ich programmierte Frau Becker, unseren Navigator, mit den Daten Paddinggartener Altendeichs. Nach jeweils einer CD von Chuck Berry, Jerry Lee Lewis, dem frühen Elvis Presley, Johnny Cash, Duane Eddy, Buddy Holly, Matchbox und Eddie Cochran, sowie einem niveauvollen Picknick auf halber Strecke, erreichten wir voller Urlaubsstimmung die Fähre nach Paddinggartener Altendeich.
Aber da ging das gründliche Elend los, denn auf der Insel Paddinggartener Altendeich darf man nicht Autofahren und nicht picknicken, wegen der schönen Natur, den liebevoll angepflanzten Gärten und den Skudden, die sich dort rumtreiben und gestört fühlen könnten.
Da der Kapitän des Fährschiffs zum Aufbruch drängte, hinterließen wir unser Auto nebst Picknickausrüstung auf einem bewachten Parkplatz bei einem grinsenden Wächter, der „ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, murmelte. Ich wusste zwar nicht, was Skudden sind, hatte aber gut zu tun mit dem Umladen unserer Koffer, und unseren Nachbarn wollte ich auch noch anrufen und ihm mitteilen dass ich vergessen hatte, ihm zu sagen, dass Domian, unser heimischer Dompfaff, der stets mit seiner Gattin Ludmilla bei uns im Garten zum Essen erscheint, das Fettfutter und die Sonnenblumenkerne gesondert wünscht.
Aus diesem Grunde kam ich von der Skuddenfrage etwas ab, aber von dem Fährmann zu hören, dass sich auf der Insel Paddinggartener Altendeich sowie deren weitläufiger Umgebung ein Funkloch wie Ahornsirup ausgebreitet hatte, was er durchaus befürwortete, denn Handytelefonate würden die geschätzten Gäste nur noch mehr stressen und was Skudden sind, würden wir schon sehen.
Ich war jedenfalls ganz gespannt.
Kaum das die Fähre abgelegt hatte, kam die wunderbare Ulrike mit einigen der zwölf anderen Stammgästen Paddinggartener Altendeichs ins Gespräch, ihres Zeichens Bilanzbuchalter, Fließbandarbeiter, Lagerist, Angestellter eines Discounters – er hatte dort die Regale zu füllen –, Bürohilfe, sowie Beamter von irgendwas mit KFZ-Zulassung; - kurz alle mit unheimlich stressigen Jobs. Ihre Ehefrauen hatten auch das ‘Rundum Sorglos-Paket‘ geordert, damit sich ihre Ehemänner mal richtig entspannen und gesund ernähren könnten. Was Skudden waren, konnte mir auch keiner sagen. Ich hatte den Eindruck, es interessierte sie auch gar nicht, denn die Männer guckten alle trübsinnig und total gestresst ins Kielwasser.
Nun, die Fähre tuckerte mit mäßiger Geschwindigkeit, damit keiner gestresst werden würde, dahin und ich hatte den Eindruck, dass uns der einzige, welcher der Wunderbaren Ulrike und mir, relativ entspannt vorkam, der Kapitän der Fähre war.
Nach einem nervenaufreibenden Anlegemanöver, eine Hand am Gashebel und eine am Steuerrad, wobei immer noch Gelegenheit war, den einen oder anderen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen, konnten wir an Land gehen. Doch zuvor nahmen uns ‚Einlaufkinder‘, wie beim Fußball in Empfang. Zu uns kam eine bleiches, verschüchtertes Mädchen, dessen erste Frage war: „Hast du ein Stück Schokolade?“
Ich bin absolut kein Unmensch, und mit Aussicht auf einen fabelhaften Cocktail an der Hotelbar sowie ein zünftiges Diner im Hotelrestaurant gab ich dem Mädel meine letzten beiden Schokoriegel aus meiner Notfallration. Das wurde von der Wunderbaren Ulrike begrüßt und das Mädel verschlang die Schokoriegel sofort und mit ängstlichen Blicken, die es um sich warf.
Doch anstatt das Hotel aufzusuchen, in der Hotelbar einen gepflegten Old Fashioned, Martini, Daiquiri, Sidecar oder Whiskey Highbal zu trinken und einen Zigarillo zu rauchen, stand am Anleger ein morbid ausschauendes Mädel mit einem debil dreinblickenden, wie ich vermutete kurzschwänzigen, nordischen Heideschaf. Dieses sollten wir zunächst, um den Erstlingsstress abzubauen, streicheln. Es folgte ein Vortrag wie ein Schaf zum Stressabbau zu streicheln sei. Ich äußerte mich dahingehend, dass ich Angst vor Schafen hatte, und ob nicht ein Puma, Berglöwe oder wenigstens ein Wildschwein zum Streicheln bereit stünde.
Die Wächterin des Schafes war etwas aus dem Konzept geworfen, die Wunderbare Ulrike grinste sich eins und der Lagerist schloss sich mir an und bemerkte, dass er auch lieber eine Giraffe streicheln würde, was von der Schäferin mit boshaften Blicken quittiert wurde. Von seiner Gattin bekam er zu hören: „Warte nur, bis wir im Hotel sind, dann kriegst du aber was von mir zu hören! Und nun streichel gefälligst das entzückende Schäfchen, wie es die nette Frau angeordnet hat!“
Offensichtlich streichelte der arme Mann das nach unzähligen Streicheleinheiten inzwischen etwas gestresst dreinblickende Schaf, um weiteren Repressalien seiner Gattin zu entgehen
Da das ‘Rundum Sorglos-Paket‘ auch gesunde Kost enthalten sollte, erwartete ich als Nachtmahl sogenanntes ‘Schöpsernes‘, also ein ganzes in Stücke geschnittenes Schaf mit Zwiebeln, Pfefferkörnern, dem einen oder anderen Lorbeerblatt, Thymian, Petersilie und Rosmarin sowie Preiselbeeren. Diese Vorstellung schien mir insofern realistisch, da es auf Mallorca mal nach Anbruch der Dunkelheit ein Spanferkelessen gegeben hatte, und dieses Ferkel wurde vorher am Strand vorgeführt.
Die Hoffnung, dass dieser schöne Brauch aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, zerschlug sich allerdings jäh, als man uns, im Hotel angekommen, mitteilte, dass man unter ‚gesunder Ernährung‘ ausschließlich vegetarische und nach Möglichkeit sogar vegane Speisen verstand. Ich kapierte ohnehin nur noch Bahnhof, denn die Rezeption wollte unser Voucher sehen und fragte, ob wir mit einem Open-plan Bedroom einverstanden waren. Wenn nicht, könne ein Upgrade auf einen Executive Room erfolgen. Der Bagagist werde unser Gepäck aufs Zimmer bringen, wo wir aus dem Kissenmenü wählen können. Zudem wollte der Hotelmanager wissen, ob wir einen Turn-Down-Service, Wake-up-Call oder Late-Check-out wünschten.
Die Wunderbare Ulrike machte diverse Kreuze in diversen Formularen, während der Hotelmanager munter weiterplauderte, von wegen dass laut Vertrag eine Nahrungsaufnehme nach achtzehn Uhr untersagt war, da man den Magen zu nächtlicher Stunde nicht zu sehr belasten sollte. Das müssten wir akzeptieren, stünde irgendwo bei dem Kleingedruckten im Vertrag, ansonsten mussten wir uns mit seinen Anwälten auseinandersetzen.
Da es bereits achtzehnuhrzehn war, wollte ich wenigstens einige Schokoriegel haben, da die Wunderbare Ulrike und ich außer unserem Picknick, in der Hoffnung auf ein umfangreiches Abendessen im Hotelrestaurant zum Beginn unseres Urlaubs, noch nichts gegessen hatten.
„Schokolade!“, der Hotelmanager schnappte nach Luft, „sowas werden Sie auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich nicht finden! Wir ernähren uns hier gesund! Nach einer Untersuchung der Zeitschrift Ökotest hat Schokolade einen erhöhten Cadmiumgehalt, was zu einer Gesundheitsgefährdung führt! Bei Untersuchungen in einer Klinik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fanden sich in allen untersuchten Proben von Schokolade Spuren des Schimmelgiftes Ochratoxin A. Aus diesem Grunde haben wir Schokolade, und Süßigkeiten schlechthin, auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich von unserem Speiseplan gestrichen. Tut mir leid, aber das steht auch im Vertrag. Widrigenfalls müssen Sie sich mit unseren Anwälten auseinandersetzen.“
„Haben Sie denn nicht irgendwas, was unseren Hunger stillen könnte“, fragte die Wunderbare Ulrike in Begleitung eines zauberhaften Augenaufschlags, „denn im Vertrag steht auch, dass Sie uns nicht verhungern lassen dürfen.“
Das überprüfte der Hotelmanager, fand tatsächlich einen entsprechenden Passus, murmelte: „Tatsächlich! Na, sowas“, und überließ uns daraufhin zwei üble Bio Frucht-Müsliriegel, die wie Laternenpfahl ganz unten schmeckten.
Aber egal, wir wollten uns unseren wohlverdienten Urlaub nicht vermiesen lassen und fragten, ob wir zur Erbauung etwas Billard spielen könnten. Das war nicht möglich, weil man den Billardtisch aus Sicherheitsgründen entfernt hatte, zumal man mit dem Queue möglicherweise jemand verletzen könnte. Aber Korbflechten, Puzzeln oder Sticken, sowie andere künstlerische Tätigkeiten jedweder Art, oder Beiträge zur Abendlichen Unterhaltung der Gäste, wie zum Beispiel Puppenspiel, bei denen selbstverständlich auch das benötigte Material gestellt wird, wäre doch auch ganz schön und würde von den anderen Gästen auch gerne angenommen, wie zum Beispiel Tuschen mit Fingerfarben oder Malen in jeder Form, auch Malen nach Zahlen. Das würden wir alles in dem Kleingedruckten nachlesen können, seine Anwälte hätten das alles ausgearbeitet.
„Tja, wenn das so ist“, meinte die Wunderbare Ulrike, „dann hätten wir gerne eine Flasche trockenen Rotwein. Wir ziehen und dann mit dieser in die Dünen zurück und genießen den Sonnenuntergang.“
„Das geht aus Sicherheitsgründen nicht“, sagte der Hotelmanager mit ernstem Gesicht, „Sie könnten sich verlaufen! Außerdem dürfen Sie die ausgezeichneten Wanderwege nicht verlassen, die Skudden könnten sich gestört fühlen.“
„Aber die Dünen sind doch nur zweihundert Meter entfernt!“, sagte ich.
„Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen um diese Zeit auch keinen Führer, der für derartige Exkursionen zwingend vorgeschrieben ist, besorgen, sonst kriege ich Ärger mit der Gewerkschaft.“
„Na, hören Sie mal, von einer Exkursion kann ja wohl nicht die Rede sein, die Dünen sind keine zweihundert Meter …“
„Es tut mir leid, aber unsere Anwälte haben das so verordnet, es seht außerdem im Kleingedruckten Ihres Vertrages für das ‘Rundum Sorglos-Paket‘, und rundum sorglos sollen Sie sich ja hier fühlen, auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich.“
„Na, dann geben Sie uns wenigstens eine Flasche trockenen Rotwein, wir ziehen uns dann auf unser Zimmer zurück.“
„Ich bedaure außerordentlich, aber auf der schönen Insel Paddinggartener Altendeich herrscht absolutes Alkoholverbot. Ich habe aus diesem Grunde auch keinen Wein oder andere berauschende Getränke.“
„Was? Nicht mal ein kühles Bier?“
„Bier beinhaltet Alkohol, welches ein Zellgift ist! Vieles deutet darauf hin, dass die Schäden den positiven Nutzen von Wirksubstanzen im Bier überwiegen, und dies auch bei geringem Konsum. Alkoholkonsum steigert zudem das Risiko, an Krebs zu erkranken. Bereits geringe Mengen Alkohol, verschlechtern die Gedächtnisleistung, was mit unserem ‘Rundum Sorglos-Paket‘, nicht in Einklang zu bringen ist! Ich bedaure. – Bei weiteren Fragen setzen Sie sich bitte mit unseren Anwälten auseinander.“
„Das ist hier ja schlimmer als zu Zeiten der Alkoholprohibition in den USA“, murmelte ich, „dann hoffe ich doch, dass es auf dieser Insel irgendwo ein Speakeasy gibt. Können Sie uns dahingehend einen Tipp geben?“
„Wie meinen?“, fragte der Hotelmanager.
„Der Name Speakeasy“, hub ich zu einem Kompaktvortrag an, wobei ich auch mal etwas von meiner fundierten Halbbildung zum Besten gab, und zückte dabei meine Zigarillos, „rührt daher, dass dort leise gesprochen werden sollte, damit vorübergehende Passanten nichts von den anwesenden Zechern hören konnten. Alkohol zu trinken war nämlich von 1917 bis 1933 in den USA verboten! – Irgendwie zeichnen sich hier Parallelen zu der schönen Insel Paddinggartener Altendeich dynamisch ab.“
„Ich weiß!“, sprach der Hotelmanager daraufhin, „die Prohibition führte deshalb zu erhöhter Kriminalität! Die Kriminalitätsrate ist auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich gleich Null! Das soll auch so bleiben; - dank dem Fehlen jeglicher Speakeasys. – Wenn Sie rauchen möchten, müssen Sie übrigens aufs Festland fahren. Die nächste Fähre geht morgen Früh! Auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich herrscht absolutes Rauchverbot.“
„Was?“
„Wegen dem Nichtraucherschutz, den wir auf die gesamte Insel ausgedehnt haben! Als Nichtraucherschutz bezeichnet man Maßnahmen, die geeignet sind, Personen, die nicht rauchen, wirksam vor den Gefahren des Tabakrauchs zu schützen, dem Passivrauchen, wie Sie vielleicht wissen! Tabakrauch ist gesundheitsschädigend, nicht nur für Personen, die aktiv Tabak rauchen, sondern auch für alle, die den Rauch anderer einatmen. Selbst der Rauch einer einzelnen Zigarette führt dazu, dass die Gesundheit aller auf derselben Insel weilenden Personen geschädigt wird. Über die Schädlichkeit des Passivrauchens besteht daher ein breiter Konsens. Wir sind stolz darauf, den Nichtraucherschutz auch auf die Öffentlichkeit der schönen Insel Paddinggartener Altendeich flächendeckend ausgedehnt zu haben. Ich glaube, Sie verstehen, dass wir unsere schöne Seeluft nicht verqualmen wollen. Sollte ich Sie trotzdem beim Rauchen erwischen, werde ich den Fall unverzüglich unseren Anwälten übergeben.“
Die Wunderbare Ulrike bekam ganz schmale Augen, was ein Indiz dafür ist, dass sie mal wieder irgendeine geniale Idee überlegte. Als Insider weiß ich das, aber der Hotelmanager deutete diese Geste ein wenig miss und fuhr erbarmungslos fort: „Im Zuge des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘ werden wir Ihnen selbstverständlich einen ‘Gutenachtkakao‘ reichen, der im Preis inbegriffen ist.“
„Oh“, sagte die Wunderbare Ulrike, „da sind wir aber gespannt! Was ist das?“
„Der Schafsmilch-Honig-Kakao“, lächelte der Hotelmanager, „ist ein Kakao für Gourmets und Genießer! Wir haben eigene Rezepturen entwickelt und stellen es in unseren neu gebauten Räumen selbst her. Es werden ohne Kompromisse nur Bio-Zutaten verwendet. Seine feine Konsistenz und sein vollmundiger Geschmack ist ein Erlebnis für Ihren Gaumen. Der Schafsmilch-Honig-Kakao ist weniger süß als ein herkömmlich hergestellter Kakao. Als Milchgrundlage wird nur Schafsmilch verwendet. Der Schafsmilch-Honig-Kakao ist auch für viele Allergiker geeignet. Er enthält keinerlei zugesetzte Aromen oder Farbstoffe, keine Konservierungsstoffe, keinen Industriezucker und es ist absolut Glutenfrei. Zum Süßen werden ausschließlich verschiedene Honige oder Ahornsirup sowie Agavendicksaft verwendet.“
Der Schafsmilch-Honig-Kakao schmeckte nicht nur wie Knüppel auf den Kopf, sondern eher wie Prügel auf das Haupt, aber mit dieser Bemerkung hielt ich mich dezent zurück.
Wir gingen Kofferauspacken und fanden uns anschließend im sogenannten Gemeinschaftsraum ein, in den die übrigen Gäste schon mächtig am Sticken waren.
„Kommen Sie auch endlich?“, schnauzte uns eine vergrämt aussehende junge Frau die sich als ‚Frauke die Designerin‘ vorstellte an, „wollen Sie Puzzeln, Korbflechten oder Sticken? Wir haben uns zur Entspannung allerdings heute Abend für Sticken entschieden.“
„Ich dachte allerdings mehr an Wracktauchen, denn vor Ihrer Insel soll es diverse Überreste historischer Schiffe geben, die meine liebe Frau und ich gerne betauchen würden“, entgegnete ich.
„Wracktauchen? So etwas Dummes habe ich ja noch nie gehört! Können Sie sich nicht wie alle anderen zum entspannenden Sticken entscheiden?“
Weil mich die Wunderbare Ulrike bat, ein hübsches Kopfkissen zur Nachtruhe zu besticken, während sie sich mit dem umfangreichen Kleingedruckten des ‚Rundum Sorglos-Pakets‘ beschäftigen wollte, fügte ich mich, weil die Wunderbare Ulrike offensichtlich mal wieder eine ihrer überragenden Ideen in sich aufblühen ließ.
Die Designerin reichte mir daraufhin ein winziges Stück wasserlöslichen Stickvlies, für Stickereien auf dunklen Stoffen ideal, Nadel und Fäden diverser Farben sowie eine Stickvorlage, ein Blümchen darstellend.
„Zuerst müssen Sie das Muster der vorgeschriebenen Blüte mit einem sehr weichen Bleistift, 6B oder 8B ist am besten, vorsichtig direkt auf das Stickvlies übertragen“, sprach die Designerin. „Danach die Vorlage auf den Stoff legen und zusammen in den Rahmen spannen. Jetzt die Kettenstiche auf der gezeichneten Linie sticken …“
„Ich möchte aber kein Blümchen sticken, sondern ein Flugzeug!“, sagte ich. „Darf ich um die Vorlage für eine Messerschmitt Bf 110 G-4/R3 ‚Nachtjäger‘ bitten? Und dann hätte ich gerne noch etwas ‚Resedagrün‘, den in dieser Farbe war der Nachtjäger Messerschmitt Bf 110 G-4/R3 nämlich lackiert gewesen. Was Sie mir gegeben haben ist ‚Nilgrün‘! Für die Fahrwerksstreben vermisse ich zudem ‚Silber‘. Silbergrau oder Metallsilber, ich bin da nicht kleinlich, aber keinesfalls Perlopalsilber, das sieht ja nun wirklich nicht aus.“
Die Designerin schnappte nach Luft, „so etwas haben wir nicht! Wir haben lediglich schöne, florale Stickmustervorlagen, wie sie auch von allen unseren Gästen gewünscht und geschätzt werden. Niemand will hier ein Flugzeug sticken!“
„Ich hätte auch gerne ein Flugzeug“, meldete sich der Lagerist, „mit den Typen kenne ich allerdings nicht so aus. Was empfehlen Sie?“
„Ich würde eine Fokker Dr.1 vorschlagen wie sie Freiherr Manfred Albrecht Baron von Richthofen, der ‚Rote Baron‘, während des ersten Weltkrieges geflogen hat“, antwortete ich, „das karminrot, mit dem dieses Flugzeug gestrichen worden war ähnelt der Farbe des Stickgarns, die uns die überaus reizende Designerin soeben gereicht hat.“
Die Designerin errötete, aber die Frau des Lageristen ging ab wie eine Rakete von Cape Canaveral: „Ein rotes Flugzeug! So etwas habe ich ja noch nie gehört! Das ist ja wohl absoluter Blödsinn! – Friedhelm, du stickst jetzt sofort deine hübsche Rose zuende, wie es dir die Designerin befohlen hat! Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder macht was er will! – Mein Gott, ich hätte einen gelernten Floristen haben können! Aber nein, ich musste dich heiraten, einen ungelernten Lagerarbeiter, der bei jeder Gelegenheit aufmuckt! Deine Verbesserungsvorschläge sind auch alle abgelehnt worden, sicher mit Grund. – Hätte ich bloß auf meine Eltern gehört und meine Lehre als Bäckereifachverkäuferin zuende gemacht!“
„Du bist da ja auch durchgefallen wegen deiner Dyskalkulie.“
„Das steht hier ja gar nicht zur Debatte! Warte nur, bis wir nachher in unserem Zimmer sind, da bekommst du aber was von mir zu hören! Und nun stick deine schöne Rose weiter, anstatt so einem blöden, roten Flugzeug. Was sollen denn die anderen Gäste denken, wenn du hier so etwas affiges machst? Habe ich ja noch nie gehört, dass jemand ein Flugzeug sticken will, sowas bescheuertes!“
Der arme Mann sackte zusammen und stickte etwas freudlos weiter, während die Schmähungen seitens seiner Gemahlin noch ein Weilchen weitergingen. Seltsam war nur, dass mir einfiel, wie mir ein befreundeter Forensiker mitgeteilt hatte, dass bei den Verbrechen, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik ganz oben stehen, die ‚Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit von Ehepartnern‘ erheblich zugenommen hatten. Zudem machte sich in mir langsam der Eindruck breit, das dieser Urlaub von und vor allem spaßbefreit war, zumal mich die Designerin fragte, ob ich mich nun doch entschließen könnte, eine hübsche Blume zu sticken, anstatt eines blöden Flugzeuges. Sie hätte für den Anfänger auch Tulpen oder Margiten.
„Seit ich Florist war“, antwortete ich, „und zu diesem Zeitpunkt im Akkord hübsche, bunte Sträuße binden musste, werde ich bei Blumen immer trübsinnig. Sie verstehen, dass das mit dem ‘Rundum Sorglos-Paket‘ nicht in Einklang zu bringen ist, da meine liebe Frau sich in diesem Falle erhebliche Sorgen um mich macht.“
„Dass Jemand von Blumen trübsinnig wird habe ich ja noch nie gehört. Dafür bin ich auch nicht ausgebildet“, enthüllte mir die Designerin traurigen Blickes, „was machen wir denn nun?“
„Dann möchte ich mich als künstlerischer Ventriloquist betätigen. Dazu benötige ich lediglich eine Bauchrednerpuppe. Können Sie mir die bitte bringen?“
„Geht nicht! Mit künstlerischem Bauchreden können wir leider nicht dienen, tut mir leid. – Aber möchten Sie nicht einen hübschen Spruch auf Ihr Kopfkissen zur Nachtruhe sticken?“
„Au ja! Ich denke noch einen kleinen Moment nach, dann habe ich einen.“
„Sie brauchen sich nicht zu bemühen, ich habe auch hierzu Vorlagen. ‚Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur‘! Der wird sehr gerne gestickt. Oder: ‚Alle Wünsche werden klein, gegen den gesund zu sein‘.“
„Ist ja entzückend, aber machen Sie sich bitte deswegen keine Bemühung, ich denke mir schon selbst was aus. – Meine liebe Frau hat übrigens einen Wunsch.“
„Ja“, sagte die Wunderbare Ulrike, „da wir gerne tanzen, möchte ich mich als künstlerische Kontorsionistin betätigen und mit meinem lieben Mann einen Adagio-Akt zur abendlichen Unterhaltung vorführen.“
„So einen Schweinkram machen wir hier nicht!“, sagte die Designerin entrüstet.
„Ich glaube Sie sind in diesem Punkt etwas falsch informiert, meine Liebe“, verdeutlichte ich die Aussage der Wunderbaren Ulrike etwas, „ein Adagio-Akt ist ein sehr langsamer, akrobatischer Tanz, bei welchem ein Partner den anderen Partner hebt und trägt, wobei sie Spagat und andere Beweglichkeits-Posen zeigen.“
„Ach, wenn das so ist. Tanzen können Sie natürlich auch, Walzer und so. Allerdings sind obszöne, vulgäre Tänze, wie zum Beispiel Tango, Cancan oder gar Fandango hier verboten, weil der Tango zum Beispiel das Sittlichkeitsgefühl verletzt und in argentinischen Bordellen getanzt wird. Wir sind hier aber kein argentinisches Bordell.“
„In der Tat“, sprach ich, „in Südamerika soll der Tango Fuß gefasst haben, nachdem ein englischer Matrose in einem argentinischen Bordell den Liebeslohn nicht bezahlen konnte und stattdessen sein Bandoneon hinterlassen hat. Stellen Sie sich mal vor, er hätte eine Geige mitgehabt und diese hinterlassen, dann wäre wahrscheinlich der Walzer hier verboten, weil der meistens gegeigt wird.“
Der einzige, der lachte, war der Lagerist, aber das Lachen wurde ihm von seiner Gattin augenblicklich untersagt.
„Wir wollen uns nicht streiten“, äußerte sich die Wunderbare Ulrike, die meinen Ausführungen bislang mit einem Schmunzeln auf ihren schönen Lippen gefolgt war, „aber vielleicht kann ich mich trotzdem als Kontorsionistin betätigen. Ich benötige für diese künstlerische Darbietung lediglich eine Kiste von etwa einem Meter Kantenlänge, die Sie mir bitte zur Verfügung stellen wollen.“
„Machen wir nicht“, plapperte die Designerin sichtlich entnervt, „haben wir auch nicht.“
„Dann möchte ich gerne eine kunstvolle Plastik schweißen. Hierzu benötige ich lediglich ein Schweißgerät und eine Flex …“
„Geht auch nicht, machen wir nicht. Können Sie sich nicht einfach mal hinsetzen und mit den anderen Gästen Halma, Dame oder Karten spielen?“
„Au ja! Karten spielen! Da wär ich auch für! Wenn sich noch ein, zwei Gäste zu einer vernünftigen Pokerrunde einfinden würden“, jubelte ich, „können wir gleich anfangen! Bringen Sie uns doch bitte die Chips. Auf die dunkle Brille, den Whisky und die Zigarren verzichten wir diesmal ausnahmsweise gerne.“
„Ja“, jubelte der Lagerist mit, „ich bin dabei!“
„Friedhelm, untersteh dich!“, raunzte seine Frau Gemahlin, „sowas spielen doch nur Gangster, Betrüger, Banditen und Ganoven. Da willst du doch wohl nicht zugehören! Außerdem macht sowas süchtig. Auf gar keinen Fall spielst du da mit.“
„Wie Sie hören“, sprach die Designerin, „wird ‚sowas‘ von unseren Gästen allgemein abgelehnt. Zudem sind Glücksspiele, auch Poker, auf unserer schönen Insel Paddinggartener Altendeich bei Strafe verboten.“
„Da kann man wohl nichts machen“, entgegnete die Wunderbare Ulrike, „ich würde mir gerne alternativ dazu ein wenig die Beine vertreten. Würden Sie mich bitte auf einer Führung durch Ihr schönes Hotel begleiten? Wenn mein lieber Mann sich was ausdenkt, braucht er absolute Ruhe zum Denken. Ein hübsches Sprüchlein auf dem Kopfkissen soll ja den schönen Träumen förderlich sein.“
Die Designerin war sichtbar erleichtert und brach mit der Wunderbaren Ulrike umgehend zu einer Hotelführung auf. Der Lagerist ließ seine Stickerei im Stich und schloss sich an, die grimmigen Blicke seiner Frau Gemahlin sorgsam vernachlässigend.
Die boshaften Blicke der übrigen Gäste eingehend ignorierend traf ich die Vorbereitungen für meine Stickarbeit und führte sie auch aus, wobei allen anderen Anwesenden die feinsinnige Anspielung auf Isis, einer Göttin der ägyptischen Mythologie, offenbar entging, den man war einhellig der Ansicht, dass ‚sowas‘ nicht auf ein Kopfkissen zur Nachtruhe gehört:
‚Wenn es Nächtens blitzt und kracht,
hat Isis wieder Ernst gemacht‘.
Wie dem auch sei, die Designerin war, als hätte ein kundiger Dramaturg Regie geführt, als ich fertig und es Zeit zu Bett zu gehen war, just mit der Wunderbaren Ulrike und dem Lageristen zurückgekehrt, gleicher Ansicht. Aber das wäre Psychologie und dafür sei sie nicht ausgebildet.
Ich nahm jedenfalls mein Kopfkissen zum Schlafe mit, aber an diesen war nicht zu denken. Die Wunderbare Ulrike verfiel, wie üblich nach der Liebe, gleich in Tiefschlaf, aber ich lag rum und dachte nach, denn Isis war die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie. Möglicherweise lag es daran dass ich nicht schlafen konnte, ich schmiss das Kopfkissen raus und schlief umgehend ein.
Gefühlte zwanzig Sekunden später wurde ich wieder wach von einer Frau, die reinkam, das Licht an und dabei einen Höllenlärm machte.
„Guten Abend“, sprach die Frau mit lauter Stimme, „ich bin Beatrice, Ihre Zudeckerin. Im Zuge des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘ trage ich die Sorge dafür, dass Sie auch ordentlich zugedeckt sind. – Wie ich sehe, tragen Sie und Ihre Frau keine Nachtwäsche. Soll ich Ihnen einen Pyjama oder ein Nachthemd besorgen?“
„Wir schlafen immer nackt. Machen Sie sich bitte keine Mühe, liebe Beatrice. Sie brauchen uns auch nicht wieder zu beehren, es ist alles in Ordnung.“
„Na, sicherheitshalber schaue ich in einer Stunde nochmal rein. Wünsche angenehme Nachtruhe.“
Raus war sie, aber sie hatte das Licht angelassen. Obwohl ich zum Urlaub auf Paddinggartener Altendeich weilte und nicht zum Wandern, stand ich auf, ging das Licht ausmachen, legte mich wieder hin und war hellwach.
Nach etwas Überlegung über Isis und Reinkarnation, ich hatte nämlich bei genauem Nachdenken Ähnlichkeiten zwischen den figürlichen Darstellungen zu der Wunderbaren Ulrike und der Göttin Isis festgestellt. Ab dem Mittleren Reich sind, so glaubte ich mich zu erinnern, Figurinen bekannt, die Isis mit dem kleinen Horusknaben zeigen. Horus sitzt auf Isis' Schoß und wird von ihr gestillt. Es wird angenommen, dass diese figürliche Darstellung das spätere Christentum zu zahlreichen, bekannten Madonnenbildnissen inspirierte, was durchaus auch auf die Wunderbare Ulrike zutreffen würde.
Beim Nachdenken schlief ich ein, wurde aber wieder geweckt, weil die Zudeckerin mit ungeheurem Getöse wieder herein kam. Sie überprüfte nicht nur ob wir auch ordentlich zugedeckt waren, sondern machte auch gleich einen Mordslärm ähnlich dem, der entsteht wenn man mit einer Prallkugel einen Spitzbunker niederprallt, bei einer erfolglosen, etwa halbstündige Jagt auf eine Fliege. Die Fliege stellte sich als ‘Agathe‘ heraus, unsere zahme Stubenfliege, die mit uns gereist und bereits auf unser Zimmer vorgeflogen war. Ich erkannte sie an ihrem feisten Grinsen.
Als ich das der Zudeckerin erzählte, hielt die mich für völlig plemplem und ging wieder weg. Natürlich ließ sie wieder das Licht an, dafür aber den nächsten Besuch aus.
Nachdem ich das Licht gelöscht hatte, konnte ich wieder nicht schlafen, zwei Stunden lang. Als ich glücklicherweise doch eingeschlafen war, kam die Zudeckerin wieder, weckte mich und fragte, ob ich ein Schlafmittel haben wollte.
Ich beherrschte mich, blieb freundlich, erzählte der Zudeckerin wohin sie sich ihr Schlafmittel stecken und sich unterstehen sollte, die Wunderbare Ulrike zu wecken.
Mit zitternder Unterlippe verschwand die Zudeckerin, ich stieg abermals aus dem Bett, löschte das Licht und konnte wieder nicht schlafen. Nachdem es mir doch gelungen war, weckte mich die Zudeckerin erneut und fragte, ob sie mir zum besseren Schlafen ein Lavendelkissen bringen sollte.
Das ich nun ausrastete und lieber eine Abdeckerin als eine Zudeckerin haben wollte, ist allgemein verständlich und es kam zum nächsten Besuch eine andere Frau. Diese hielt mir einen Vortrag darüber, wie wichtig ein gesunder und erquickender Schlaf sei. Als ich dabei einschlief, weckte sie mich wieder und drängte mir unerbittlich ein sogenanntes ‚Schlaftagebuch‘ auf. Ich sollte sofort damit beginnen.
Half alles nichts, die Nacht war sowieso vorüber, ich hatte nicht geschlafen, die Wunderbare Ulrike erwachte frisch und ausgeruht, wegen der himmlischen Ruhe, die sie umfächelt hatte, und ging duschen.
Ich folgte ihr noch etwas bedrabbelt, und als wir uns anschließend wie üblich gegenseitig abtrockneten, erschien wieder eine andere Frau, meinte, das wäre ihr Job, denn sie wäre als Abtrocknerin dazu befugt, stellte fest, dass wir uns völlig falsch abtrockneten und hielt uns einen Vortrag darüber, dass sich Fußpilz einstellen könnte, wenn man sich nicht gründlich zwischen den Zehen abtrocknen würde: „Betroffene Hautstellen sind zuletzt abzutrocknen, um gesunde Bereiche nicht anzustecken. Stark entzündete Bereiche sind mit Toilettenpapier trocken zu tupfen. Hautschuppen sind vorsichtig zu entfernen und mit Toilettenpapier sicher in der Toilette zu entsorgen. Zehenzwischenräume können vorsichtig mit einem Haarföhn getrocknet werden. Das können Sie als Laien natürlich nicht wissen, deshalb werde ich im Zuge des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘ dafür Sorge tragen.“
Als sich aus meiner Brust ein Knurrlaut löse, wider ähnlich dem, den ein Hund von sich gibt, kurz bevor er kotzt, übernahm die Wunderbare Ulrike mit kultivierter Freundlichkeit das Gespräch und ließ sogar unsere Füße auf Fußpilz untersuchen. Es war beim besten Willen nichts festzustellen und die Abtrocknerin entfernte sich seltsamerweise umgehend.
Beim Anziehen freuten wir uns auf ein gesundes Frühstück mit einem ordentlichen Becher Kaffee. Als ich zum Frühstück nach Kaffee fragte, wurde ich grausam enttäuscht und ein müde dreinblickender, klapperdürrer junger Mann, ‘Jörg der Ernährungsberater‘, hielt uns stattdessen einen Vortrag: „Koffein ist eine Droge! Sie wirkt sich auf den Körper wie jede andere Droge aus. Man beginnt damit, diese ein wenig zu konsumieren, bis der Körper eine Toleranzgrenze entwickelt hat. Anschließend benötigt man mehr, um dasselbe Ergebnis zu erzielen. Schließlich gelangt der Organismus an einen Punkt, an dem er nicht mehr ohne die Droge funktioniert! Bekommt er sie nicht, verspürt er Entzugserscheinungen vom Koffeinismus. ‚Koffeinismus‘ ist ein Zustand von chronischer Vergiftung, der aus einem Konsum von Kaffee, also Koffein, entsteht. Koffeinismus verbindet eine körperliche Abhängigkeit mit einer großen Bandbreite sich auf die Psyche auswirkender Effekte, so vor allem Angstzustände, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Depression und Erschöpfung. Aus diesem Grund haben wir Kaffee, dieses Teufelszeug, von der gesamten Insel verbannt. – Sie sind bereits Koffeinniker“, ein bohrender Blick traf mich, „wie ich bei Ihnen vermute, weil Sie mir im Gegensatz zu Ihrer Frau den Eindruck machen, an Schlafstörungen, Reizbarkeit und Depressionen zu leiden. Zudem ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie unsere Zudeckerin grundlos äußerst unflätig behandelt haben. Ich denke Sie sollten vor dem Frühstück 375 Kubikzentimeter leicht gesalzenes Wasser trinken. Dieses wohlschmeckende Getränk räumt den Magen auf und hilft Ihnen über Ihr mangelndes Befinden hinweg.“
Ich war kurz davor, dem guten Mann meinerseits einen kleinen Vortrag über Wasservergiftung zu halten, aber die wunderbare Ulrike drückte meine Hand kurz, was bedeutet, dass sie eine brillante Idee bereits detailliert ausgearbeitet hatte, wir aber bis zur Abfahrt der Abendfähre noch genötigt waren, diesen Zirkus mitzumachen.
Ich trank also brav mein ‚Getränk‘ während der Ernährungsberater weiter vom Wasser sprach und dabei lang und breit erläuterte, dass das Wasser im Körper eine Menge gelöste Salze, normales Kochsalz, aber auch eine ganze Reihe sonstiger Mineralsalze enthält, die es zu ersetzen gilt.
Während der gute Mann dozierte, nahm ich, wie ich annahm, die Vorspeise bestehend aus dunklem Buchweizenbrei mit etwas Kümmel und Ahornsirup, sowie einem Stück in Salzlake eingelegtem Schafskäse in Begleitung von etwas, das ich nicht definieren konnte, zu mir. Frauenmanteltee, Labkrauttee, Schöllkrauttee oder Lungenkrauttee? Das war die Frage. Die Wunderbare Ulrike tippte auf Spitzwegerichtee, dennoch gelang es mir das Zeug runter zu würgen weil die Wunderbare Ulrike mir vorher riet, dabei an was Schönes zu denken. Mir fiel im Hinblick auf, und von diesem Schrecklichen nichts ein, und dachte an die Wunderbare Ulrike. Danach funktionierte es, aber ich wurde etwas depressiv, als sich herausstellte, dass es schon das gesamte Frühstück war. Man wollte den Magen vor der bevorstehenden Exkursion nicht zu sehr bepacken.
Die Exkursion stellte sich als Spaziergang zu den Dünen heraus, zu den Skudden, ich war wieder mal vollauf gespannt.
Die Skudden waren allerdings gerade am Südufer, es sollte statt dessen einen ungefähr zweistündigen Vortrag über diese Tiere, und mir die Gelegenheit geben, etwas Schlaf nachzuholen, denn eine Promenade am Strand war absolut NEIN, weil man dabei ins Wasser laufen und ertrinken konnte. Stand alles im Kleingedruckten des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘, und die vorgezeichneten Wanderwege waren nur mit einem ausgebildeten Führer zu betreten und nicht zu verlassen.
Der Lagerist muckte deshalb mal auf, wurde aber von seiner Gattin umgehend zur Raison gebracht, er sollte froh sein, dass man sich so rührend um ihn kümmerte, und dem Vortrag lauschen, denn dabei könnte er was lernen, was ihm als ungelerntem Arbeiter sicher guttun würde, denn das Wort Skudden würde sicherlich mal im Kreuzworträtsel auftauchen.
„Ich mache aber nie Kreuzworträtsel“, meinte der Lagerist daraufhin und seine Gattin artwortete ihm mit einem Referat über Kreuzworträtsel, dass sowas Alzheimer vorbeugen würde, die ersten Anzeichen hätte sie schon bei ihm festgestellt, weil er nicht mehr wusste, ob er bei einem Einkauf vor vierzehn Tagen unter Anderem roten oder gelben Paprika mitgebracht hatte, und den Unterschied zwischen Mehrkorn,- und Sechskorn-Sauerteigbrötchen nicht kannte.
Dieser Vortrag löste bei den anderen männlichen Teilnehmern des ‚Rundum Sorglos-Pakets‘ helle Freude aus, mir tat der Lagerist leid, der Skuddenvortrag verzögerte sich und ich konnte weiterhin den versäumten Schlaf nachholen.
Als ich nach mehrstündigem Schlaf, der von keiner Zudeckerin unterbrochen, aber von der lieben Ulrike wachgeküsst wurde, war man mittlerweile dabei, irgendwelche isolierte Kohlenhydrate vom Speisplan zu streichen.
„Streichen Sie also“, dozierte der Ernährungsberater, ich fragte mich, wie der so unerwartet hierhergekommen war, „isolierte Kohlenhydrate aus Ihrem Speiseplan! Zu den isolierten Kohlenhydraten gehören Zucker, Weißmehlprodukte und polierter Reis. Nahrungsmittel aus isolierten Kohlenhydraten wirken katabol, verstärken also die negativen Stoffwechselentgleisung dramatisch. Wählen Sie daher unbedingt Vollkornprodukte, doch essen Sie auch davon nicht zu viel. Erhöhen Sie lieber Ihren Gemüse-, Sprossen-, und Smoothieverzehr. Wir probieren nachher Produkte aus den ursprünglichen, basischen und vollwertigen Kohlenhydratlieferanten, wie Erdmandeln und Esskastanien…“, ich war nicht fähig, das alles aufzunehmen, weil mich der Hunger und das Verlangen nach etwas Vernünftigem, einem Steak zu Beispiel, plagte. Aber es sollte bald etwas sehr Schönes zu Mittag geben, ich war gespannt.
Es gab aber Tofupenne mit Spinat-Erdmandel-Sauce dazu Balsamico-Esskastanien mit Dinkelnudeln und Fenchel, zum Nachtisch einen Kartoffel-Tomatensalat mit einem ungenießbaren Stachelbeerkompott aus eigenem Garten, das in Begleitung eines samtig-weichen Brennnesselkräuter-Smoothie; - es war schlicht und einfach für meine Begriffe schauderhaft, da ich an die vorzügliche Küche der Wunderbaren Ulrike gewöhnt war.
Danach war Mittagsruhe angesagt, was ich begrüßte und umgehend neben der Wunderbaren Ulrike, die seltsamerweise auch unter Stress einschlafen kann, einschlief. Geweckt wurde ich von der Zudeckerin, die mir eine Vitamin-D-Tablette sowie einen Vortrag aufdrängte, von wegen dass es wichtig wäre, besonders in stressreichen Zeiten, so viel wie möglich zu schlafen. „Der Cortisol-Spiegel“, dozierte sie, „sinkt normalerweise zwischen Mittag und sechzehn Uhr auf seinen Tiefpunkt. In dieser Zeit kann das Vitamin D sehr gut wirken. Wenn Sie jetzt jedoch häufig aufwachen, dann bleibt der Cortisol-Spiegel hoch und das Vitamin D kann nicht mehr wirken.“
Ich atmete schwer aus.
„Achten Sie also auf zwei Punkte“, ermahnte mich die Zudeckerin mit erhobenem Zeigefinger, „Optimieren Sie Ihre Vitamin-D-Versorgung, um einen möglichen Mangel zu verhindern, zum Beispiel mit täglich 1000 IE Vitamin D3 und schlafen Sie von spätestens 13.00 Uhr bis idealerweise 16.00 Uhr. Damit Ihnen das Einschlafen auch in stressigen Zeiten problemlos gelingt, bietet sich ein entspannendes Basenbad an, das nicht nur jede Anspannung von Ihnen abfallen lässt, sondern Ihnen auch bei der Ausleitung belastender Säuren hilft.“
„Wenn ich mir jetzt ein entspannendes Basenbad ein-, und dann noch belastende Säuren ablasse, ist die Zeit um“, entgegnete ich, „wie wäre es denn, wenn Sie mir statt dessen ein Schlaflied singen?“
„Dafür bin ich nicht ausgebildet, aber ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.“
Die Zudeckerin entschwand und kaum dass ich eingeschlafen war, erschien eine Andere, weckte mich und sang mir mit lauter, dröhnender Stimme Einen von einem Kerl, der seine Schäfchen hoch am Himmel weidete. Ich sagte ihr, dass so etwas nicht geht, wegen möglicher Satellitentrümmer, aber sie ging davon aus, dass ich bereits wieder hellwach und dazu voll aufnahmefähig war und drückte mir eine Diskussion über Symbolik rein. Das dauerte, bis die Schlafenszeit um war, die Wunderbare Ulrike erwachte pünktlich, murmelte: „War das eine himmlische Ruhe“, und begab sich mit mir in den hoteleigenen Garten.
Dort wartete die inzwischen zur Gärtnerin mutierte Designerin schon auf uns, ich sollte einen Baum pflanzen. „Jeder Mann“, so sprach sie, „sollte einmal in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen!“
„Und einen Achtzylinder gefahren haben“, fügte ich noch hinzu, „das habe ich zwar noch nicht erreicht, aber alles andere bereits erledigt. Was ich in meines Vaters Garten schon an Bäumen gepflanzt habe, würde für eine Allee reichen.“
„Dann pflanzen Sie eben eine Rose, das ist doch auch schön.“
„Also gut, bringen wir es hinter uns! Darf ich dann um eine Handvoll Hornspäne und etwas Kompost bitten?“
„Sowas haben wir nicht.“
„Wenn es so richtig schön sein soll, möchte ich gerne ein Pflanzloch von etwa 40 cm und so tief, dass die Wurzeln nicht umgeknickt werden, graben. Bei der Wahl des Standorts möchte ich sicherstellen, dass dort längere Zeit keine Rosen mehr gestanden haben; - anderenfalls kann, wie jeder weiß, Bodenmüdigkeit auftreten und die Rose fühlt sich nicht wohl. Die Veredlungsstelle muss beim Pflanzen von Rosen etwa fünf Zentimeter unter der Erdoberfläche liegen, damit sie vor Spannungsrissen durch die Wintersonne geschützt ist. Weiß auch jeder! Bevor ich den Erdaushub wieder ins Pflanzloch einschütte, möchte ich reifem Kompost und eine Handvoll Hornspäne nachfüllten. Nach dem Auffüllen des Pflanzlochs überprüfte ich die Erde und verdichtete sie leicht, um Hohlräume im Boden zu schließen. Das Röslein ist nun gut eingepflanzt, und ich forme noch mit der umgebenden Erde einen Gießrand und begieße es ausgiebig mit Regenwasser, damit das Röslein auch glücklich ist.“
„Häh?“
„Ich darf Sie außerdem darauf hinweisen, dass sich auf Ihren Stachelbeeren der amerikanische Stachelbeermehltau breit gemacht hat, der die Früchte ungenießbar macht. Dem ist ganz einfach beizukommen, indem man die befallenen Spitzen beschneidet, ansonsten hilft es, den Mehltau mit Netz-Schwefelfett WG2 zu bekämpfen. – Außerdem hat sich hier der gemeine Kartoffelkäfer überall breit gemacht. Es empfiehlt sich, die Larven und bereits geschlüpften Käfer abzusammeln.“
„Dafür bin ich aber nicht ausgebildet“, sprach die Designerin daraufhin, „sind Sie Gärtner?“
„Nein, aber ich muss den Garten meines Vaters pflegen.“
„Dann können Sie sowas ja gar nicht wissen! – Überhaupt gehen Sie mir langsam auf den Geist mit Ihrer ewigen Aufsässigkeit.“
„Das war nicht meine Absicht, meine Liebe.“
„Wenn mein Mann etwas tut“, sprach die Wunderbare Ulrike daraufhin, „dann tut er das ordentlich oder gar nicht, wie es im Kleingedruckten des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘ festgeschrieben ist.“
Wie auf ein Stichwort kam in diesem Moment der Hotelmanager hinzu und fragte, ob es ein Problem gäbe.
„Ja“, sagte die Designerin, „dieser Gast weigert sich, eine Rose zu pflanzen.“
„Mein Mann“, erklärte die Wunderbare Ulrike darauf hin, „hat sich nicht geweigert! Ganz im Gegenteil, er hat nur um die erforderlichen Bestandteile für einen ordnungsgemäßen Pflanzvorgang Ihrer Rose gebeten. Die müssen Sie liefern, steht irgendwo im Kleingedruckten Ihres Vertrags.“
„Tatsächlich?“
„Natürlich!“, die Wunderbare Ulrike nahm den Hotelmanager zur Seite, „da wir gerade dabei sind; - ich möchte heute Abend und in den nächsten Tagen gerne ein Fresko irgendwo anbringen. Wo kann ich das machen? Eine Wand in Ihren neuen Räumen bietet sich dazu mehr als an.“
„Was ist denn ein Fresko?“, fragte der Hotelmanager mit bestürztem Gesicht.
„Nun“, gab die Wunderbare Ulrike mit zauberhaftem Gesichtsausdruck zu verstehen, „die Fresko- oder Frischmalerei stellt wegen des handwerklich und maltechnisch anspruchsvollen Bildaufbaus technisch wie künstlerisch hohe Anforderungen an den Ausführenden. Der zeitintensive Wand- und Bildaufbau bedarf sorgfältiger Planung, Vorbereitung und Umsetzung. Dies dürfte neben der eingeschränkten Palette der flankierenden Maßnahmen gehören! Es können zum Beispiel nur kalkechte, alkalistabile Pigmente verwendet werden. Einer der wichtigsten Gründe, warum diese Maltechnik zeitgenössisch nur noch selten Anwendung findet. Ich möchte das wieder aufleben lassen, da sich die Kadmiumhaltigen Pigmente in Ihren neuen Räumen zur Fresko-Malerei mehr als anbieten, denn Fresko-Malerei ist auch Malerei! – Da Sie mir, und das steht auch im Kleingedruckten des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘, ich zitiere: ‘Gärtnerische Tätigkeiten und Künstlerische Tätigkeiten jedweder Art, oder Beiträge zur Abendlichen Unterhaltung der Gäste, wie zum Beispiel Tanz, Puppenspiel oder Malerei, Tuschen mit Fingerfarben oder Malen in jeder Form, auch Malen nach Zahlen, bei denen selbstverständlich auch das benötigte Material gestellt wird, werden befürwortet.‘ Das wäre doch auch ganz schön und würde von den anderen Gästen auch gerne angenommen! Das können Sie alles in dem Kleingedruckten nachlesen, da steht nämlich dass Ihre Anwälte das alles ausgearbeitet haben!. Ich darf also um Materialien für Freskomalerei bitten!“
„Aber das bezieht sich doch nur auf Malen nach Zahlen!“
„Sorry, aber ich weise nochmal daraufhin, das in dem Kleingedruckten ‚Malen in jeglicher Form‘ steht! Ich wiederhole mich ungern, aber Fresko-Malerei ist auch Malerei, daran gibt es nichts zu tippen! Zudem haben Sie uns die nötigen Materialien für Bauchreden, und unserem Auftritt als Kontorsionisten zur kulturellen, abendlichen Unterhaltung der Gäste ebenfalls vorenthalten, sowie mir das Material um eine Skulptur zu fertigen, was auch unter ‚künstlerische Tätigkeiten‘ fällt.“
„So dürfen Sie das nicht sehen! Ich werde den Fall natürlich umgehend von meinen Anwälten prüfen lassen!“
„Nur zu“, lächelte die Wunderbare Ulrike, „bei der Gelegenheit können Sie auch gleich die Kaliumhaltigen Pigmente in Ihren neuen Räumen prüfen lassen! Ich für meinen Teil sehe da schwarz, da Derartiges bautechnisch verboten ist.“
Der Hotelmanager erbleichte.
„Außerdem“, fuhr die Wunderbare Ulrike fort, „verbreitet Ihre sogenannte Zudeckerin Fehlinformationen! – Die Vitamin-D-Versorgung, ist nicht von 13.00 bis 16.00 Uhr sondern des Nachts gewährleistet!“
„Naja“, meinte der Hotelmanager, „kleine Fehler können vorkommen.“
„Eben“, erwiderte die Wunderbare Ulrike, „um unnötiges Getöse zu vermeiden, erstatten Sie uns bitte die Kosten für unseren Urlaub einschließlich des ‘Rundum Sorglos-Pakets‘, wir reisen umgehend ab, verzichten auf diverse Materialien und die Prüfung Ihrer neuen Räume auf kaliumhaltige Materialien. Deal?“
„Deal“, seufzte der Hotelmanager erleichtert und zückte sein Scheckbuch.
Ich glaube wir haben noch nie so schnell unsere Koffer gepackt und erreichten gerade noch die letzte Fähre des Tages. Als ich auf der Back stand und einen Zigarillo rauchte, tat mir der Lagerist leid, von dem wir uns leider nicht verabschieden konnten, ebenso wie von Agathe mit dem feisten Grinsen. Hoffentlich würde sie den Lageristen nicht allzu sehr ärgern, er hatte schon genug zu leiden. Zudem machte sich in mir die Erkenntnis breit, dass Fräulein Gerda ihren potentiellen Liebhabern einem emotionalen Härtetest unterzogen hatte.
Wie dem auch sei, nicht jeder hat so eine kluge Frau wie ich, die ich gleich nach dem Anlanden zu einem Steak einladen werde. Und dann werden wir, nachdem wir in einem normalen Hotel an der Bar ausgiebig Cocktails genossen hatten, ausgeschlafen und gefrühstückt haben werden, so richtig schön mit Ham and Eggs, ein Bierfest besuchen!
Anschließend werden wir stressfrei im Garten die Osterinsel-Köpfe der Moai anfertigen.
Ach ja, ein Picknick könnten wir mal wieder machen und googeln was Skudden sind, will ich auch.
Aber das hat noch Zeit …
 

FrederikH

Mitglied
Musste mehrmals vor mich hinkichern beim lesen - hat was von Kishon. Meine persönlichen Highlights waren die Schafszene, die Hotelbegüßung und die die Zudeckerin. Könnte mir die Geschichte auch super als Hörstück vorstellen - mit trügerischen, fast unangehnehmen Stillemomenten, die immer wieder unterbrochen werden. Für meinen Geschmack könnte man an ein paar Ecken noch was abkürzen, so dass die Episoden etwas prägnanter werden bzw. die "Rache" am Ende nicht so kurz rüberkommt.

Gerne gelesen!
 

Hagen

Mitglied
Hallo Frederik,
Danke für den Sternenregen und die Beschäftigung mit meinem Text.
Dass du mehrmals vor Dich hinkichern musstest beim lesen, sowie das Ding gerne gelesen hast, freut mich.
Das war auch der Zweck dieser Übung.
Bei der Nummer mit dem Kürzen war ich arg am Grübeln, habe es dann aber doch gelassen, weil es für mich kaum was Schimmeres gibt als eigene Texte zu lesen. (nur Juristen, Klapsdoktoren und Rektalthermometer toppen dies noch.)

Nun denn, in diesem Sinne, wir sehen uns in der ScheinBAR! (Noch ein Paar ScheinBAR-Geschichten gibt's auf Humor und Satire)
Zudem lesen wir uns weiterhin!
... und bleib' schön fröhlich, gesund und munter!
Herzlichst
Yours Hagen
 


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