Welt heute – Sintflut 2.0 ? Keine Predigt

Folgen Sie mir mal für 12 Zeilen auf den indischen Subkontinent und blicken Sie aus der Vogelperspektive ins Zentrum einer beliebigen Millionenstadt und erwarten Sie von diesem Text keine Lösungen. Sie sehen ein Gewusel, ein Gehetze, Gerenne. Sie hören penetrantes Hupen und Klingeln aller Lautstärken und Tonhöhen. Autos, LKW, TucTucs, Radfahrer, Mopedfahrer, Rikschas versuchen in den ihnen zur Verfügung stehenden Geschwindigkeiten an irgendein Ziel zu gelangen. Sie erweitern vierspurige Straßen nach Belieben und Möglichkeit, überholen rechts und links, drängeln, schneiden. Fußgänger versuchen möglichst unbeschadet über die Straße zu kommen. Ein normaler Zustand, eine Alltäglichkeit. Jeder wähnt sich im Recht. Ein normaler Zustand für die einen, Anarchie und Unüberschaubarkeit für uns.

Früher war alles anders und gut. Bei uns. Sagen die einen. Glauben die anderen. Jetzt herrschen in unserer Gesellschaft indische Straßenverhältnisse. Sagen die einen. Glauben die anderen.
Viele fordern jetzt immer, daß viele ihren Elfenbeinturm verlassen sollen. Die Politiker sollen die einfachen Menschen wieder verstehen. Die Gutmenschen sollen den Tatsachen ins Auge blicken. Keiner weiß eigentlich wie es genau geht, aber jeder weiß, was der andere falsch macht.

Und alle reden über den kleinen Mann auf der Straße. Der hart schuftende kleine Mann oder die Deutsch-Türken oder die Moslems. Immer halt irgendeine Gruppe. Es reden vor allem die, die auf Teufel nicht in eine anonyme Masse gesteckt werden wollen, denen nichts heiliger ist als ihre Individualität. Die Kommentatoren, die Kabarettisten, die Politiker. Die einzigen die nie reden sind der kleine Mann oder die Deutsch-Türken oder die Moslems. Oder wenn, dann sind es ausgewählte kleine Männer und Frauen oder ausgewählte Deutsch-Türken oder ausgewählte Moslems, meisten die immer gleichen, denen ein kurzer Bühnenauftritt bei WillMaischbergerIllnerPlasberg gewährt wird. Sie stehen dann pars pro toto für ihre ganze Gruppe. Kein Kommentator, kein Kabarettist, kein Politiker will pars pro toto stehen.

Der kleine Mann oder die Deutsch-Türken oder die Moslems suchen sich natürlich auch ihren Weg, sich zu artikulieren. Das geht hervorragend bei Facebook. Da kann man auch mal so richtig die Sau rauslassen. Die Kommentatoren, Kabarettisten und Politiker ekelt so was natürlich an, gibt ihnen andererseits aber auch Futter für ihre Argumente oder Bühnenprogramme. Ihre Ansichten verbreiten sie dann bei Twitter. Da nennt sich das dann nicht Shitstorm sondern Beef. Merke: Wenn viele kleine Männer und Frauen oder Deutsch-Türken oder Moslems auf Facebook rumpöbeln ist das ein Shitstorm, auf Twitter ist das ein Beef.

Sind Sie bis hierhin verwirrt? Erkennen Sie keinen Roten Faden? Dann läuft es gerade gut im Text. Es gibt ihn nämlich nicht, den Roten Faden, es gibt im Moment keine Klarheit. Merke: Wenn jeder die Klarheit und Wahrheit für sich pachtet, landen wir wieder im indischen Straßenverkehr.
Ich bin ja nicht der erste der das erkennt. Viele schwingen sich auf und wollen den Verkehrspolizisten mimen. Das sind aber auch wieder so viele, dass keine Ordnung möglich ist. Wenn sich aus der heterogenen Masse zu viele heterogene Verkehrspolizisten aufschwingen ist es so, als wolle man Feuer mit Benzin löschen.

Ein Tag in so einem Chaos erschöpft, verwirrt, macht ratlos. Früher war alles besser. Das kann nicht sein. Denn schon vor einigen Jahren hatten wir eine ähnliche Situation mit sogar nur einem Verkehrspolizisten. Die Älteren erinnern sich vielleicht. Der Oberverkehrspolizist, nennen wir ihn Gott, hatte die Nase gestrichen voll und hat einfach mal eben die Erde geflutet. Grund: Er konnte die ganzen Trumps und Erdogans und die ganzen Shitstormer in den sozialen Medien, den ganzen Neid und die ganze Missgunst, die schief gelaufene Globalisierung im Ganzen, nicht mehr ertragen. Die vermeintliche Lösung war, dass eine Familie, in diesem Fall Familie Noah, und von jedem Tier ein Paar weitermachen durften. Hat es was gebracht? Nein. Wir sind ja wieder in der gleichen Situation. Oder probiert dieser Gott gerade eine neue Sintflut aus? Sintflut 2.0? Spaß beseite.

Gibt es eine Lösung? Ja. An die Vernunft appellieren. War nur ein Spaß, ich sehe schon, wie alle anfangen zu schreien, dass sie jeweils wüssten, was vernünftig ist.

Nichts von dem was wir gerade erleben ist wirklich neu. Mit dem Wegfall der Blockkonfrontation ´89 dachten wir, einen kurzen Dornröschenschlaf lang, die Geschichte sei an ihr Ende gelangt. Jetzt könnten alle wohlig miteinander leben. Pustekuchen.

Wir fühlen uns gerade ordentlich durcheinandergerüttelt und geschüttelt. Vielleicht fühlen wir uns so, wie sich die Ureinwohner Nordamerikas fühlten, als auf einmal blasse Gestalten an den Küsten auftauchten und ihr Leben durcheinanderbrachten. Oder die Menschen in Zentraleuropa, die vor über gut 400 Jahren einen Dreißigjährigen Krieg durchmachen mussten – dessen Beginn sich übrigens im kommenden Jahr jährt. Gibt es eigentlich schon ähnliche Vorbereitungen wie auf 500 Jahr Lutherthesen zu Wittenberg in diesem Jahr?

Für die Überlebenden des Dreißigjährigen Kriegs ging das Leben irgendwie weiter und wurde an vielen Stellen sogar komfortabler – kleines Auto, Smartphone, Urlaub auf Mallorca, Kuba oder Seychellen. Für die Nordamerikanischen Ureinwohner leider nicht.

Also was bleibt? Vielleicht bei allem Getöse immer wieder innehalten und sich umschauen. Schauen, ob das indische Straßenchaos wirklich auch in meinem Bezirk stattfindet oder dieses mir nur suggeriert wird. Ich plädiere nicht fürs Wegschauen und wer sich für sein Gemeinwesen engagiert tut gut daran. Doch es gibt immer noch einen Unterschied zwischen „Ich habe das Gefühl jetzt geht alles den Bach runter“ und einer realen Sintflut á la Noah.

Und wer weiß, vielleicht strömt gerade so viel sintflutartiger Mist durch die Welt, dass wir doch eines Tages mal wieder innehalten und aufhören, den Strom immer weiter zu füttern. Für diese Erkenntnis braucht es keinen Gott. Amen.
 
Lieber Schreibensdochauf,

ich habe an deinem/deiner Essay/Kolumne nichts auszusetzen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass das Leben sogar weitergeht, wenn Trump, sein irrer Berater oder sonst ein Nuklear-Waffen-Despot aus lauter Gnatz auf den Knopf drückt.

Ich bin mir aber sicher, das zu viel Gelassenheit(und Abwarten) in jedem Fall zu einem der von dir beschworenen Alpträume der Vergangenheit oder einer noch nicht ersonnenen Apokalypse führt.

Vernunft und Aufbegehren ringen aber so permanent und allgegenwärtig in mir, das ich mittlerweile überzeugt bin, das angewandte Irrationalität keinen Widerspruch zur Vernunft darstellt, sondern das sie vielmehr den logischen nächsten Erkenntnisschritt zur Anwendung der Vernunft bildet.

Gedanken wie deine, regen mich aber in jedem Fall an, eine übereilte oder aufgewühlt getroffene Entscheidung oder Ansicht noch mal zu überdenken.

Ich versuche (die Betonung liegt auf versuchen) meine Überlegungen nicht als verallgemeinertes Denken der übrigen großen Masse darzustellen oder zu suggerieren, sondern meine Überlegungen so aufzubauen, das sie überzeugen oder zum Nachdenken anregen. Ich schreibe das, weil ich im von dir erwähnten Jahr 1989 und auch noch einige Jahre danach sehr lange brauchte, um meinen Kurs wiederzufinden und zu verstehen, was die meisten Menschen so Kapitalismus-geil macht. Das Ergebnis meiner Individualität war die Suche nach einer Lebensaufgabe, die über Spaß haben, dahindümpeln und konsumieren hinausging. War mir einfach zu wenig, das meinen imaginären Kindern zu vermitteln. Aber es wird, neben der eigenen Erfahrung liegt die Wahrheit und richtiges oder falsches Handeln weitgehend in der Analyse der Gegensätze. Das ist jedenfalls die richtige Erkenntnis für mich.

Deine Wortwahl und deine Assoziationen gefallen mir sehr gut. Beste Grüße!!!
 

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