Weltenbummler

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Aufschreiber

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Alfred Weitermann ist ein erfreulicher Nachbar, im AWG Mietshaus Nummer 57, eigentlich sogar ein ... idealer solcher. Er hat noch nie zu Beschwerden Anlass gegeben, reinigt immer das gesamte Treppenhaus, statt nur die beiden Abätze zwischen erster und zweiter Etage, grüßt freundlich und achtet beim Blumengießen darauf, nicht den unter seinem liegenden Balkon mit zu beträufeln. - Optimal, der Mann.
Wenn jemand ein Problem hat, geht er zu Alfred, der hilft immer. Paketbote verpasst? - Klingle bei Alfred, der hat es entgegengenommen - garantiert! Die Kinder aus dem Nachbarhaus mögen Alfred besonders. Wenn er am Nachmittag spazieren geht, umlagern sie ihn und lauschen gespannt den abenteuerlichen Geschichten aus alter Zeit, die er so lebendig zu erzählen weiß.

Nur eins ist komisch, man sieht den nie zur Arbeit gehen. - Wovon lebt der Kerl eigentlich? Man sieht den auch nur ganz selten einmal etwas in die Mülltonne werfen. - Isst der eigentlich nichts? Und ... einkaufen geht der wohl auch nicht? - Zumindest kann sich keiner der Mitbewohner entsinnen, das schon einmal beobachtet zu haben. Und im Beobachten ist Elvira Guggezu ungeschlagen. Sie ist EU-Rentnerin und verbringt die meiste Zeit hinter der Stubengardine (wenn es kalt ist) oder am offenen Fenster (wenn es nicht kalt ist). Tatjana Swernovska, die in der Wohnung gegenüber der von Elvira wohnt, hat das letztens auch mal halblaut angesprochen, dass der Alfred ...

Heute ist der Geburtstag von Horst G. Mütlich, dem AWG-Obman der Hausgemeinschaft. Schon in der vorletzten Woche hat er eine Einladung an die Pinwand am Hauseingang geklemmt (weil die Pins alle waren):

"Liebe Hausleut!

Am Freitag, dem 13.01.2021, werde ich siebzig Jahre alt. Deshalb lade ich alle zu einer kleinen Feier im Partyraum ein. Anfang ist so etwa 19:00 Uhr. Wer Zeit und Lust hat, macht bitte einen Haken hinter seinen Namen, in der untenstehenden Namensliste! Man will ja gern bisschen planen können.

Euer Hauswart Horst-Gert!"



So eine Party lässt sich natürlich niemand entgehen (schon des Respekts für den Horst G. wegen). Naja, es gibt da einige Kleinigkeiten, die den Herrn nicht so sehr beliebt machen. "Hauswart", das trifft es eigentlich ziemlich gut, klingt ein winziges bisschen nach "Blockwart". Und das ist der Punkt. Überall hängt er sich rein und zu allem muss er seinen Senf geben. - Aber ja, zum Geburtstag und dazu noch zur "70-er Party", da werden sicher alle da sein. Und ein kleines Präsent fällt schon auch noch ab. Man will ja nicht nur nehmen!
Und so kommt es, dass der Partykeller am Abend voll ist. Die Meyers aus dem Erdgeschoss, die man sonst immer nur im Jogginganzug und der Kittelschürze sieht, haben sich richtig in Schale geschmissen. Tatjana ist wieder geschminkt, als wolle sie das gesamte Make-Up, das in ihrer Kosmetiktasche zu finden war, nun im Gesicht herumtragen. - Sieht aus wie eine Prostituierte! Und das tief dekolletierte Kleid! - Anständig ist das nicht. Aber sie ist ja auch eine Russin. Da drückt man mal ein Auge zu, denn die haben ja eh keine europäische Kultur. - Man denke an Kasatschok und die an die Wand geschmissenen Gläser, wenn die Wodka saufen!
Wo ist denn Alfred? - Ach, da hinten in der Ecke sitzt er, unterhält sich in freundlichem Ton mit Elvira. Ob der meint, heute noch "zum Zuge" zu kommen?

Horst G. (auf dem "G" besteht er! Mindestens!) steht an der Stirnseite des langen Tisches und teilt Bierflaschen aus. Für die Damen natürlich was Feineres. Als jeder etwas zu Trinken hat, hebt Horst G. das Glas und sagt:

"Liebe Hausbewohnerinnen und Hausbewohner! Ich freue mich, Euch alle hier begrüßen zu können, zu meiner kleinen Feier. Herzlichen Dank für die zahlreichen Geschenke und Glückwünsche! - Also dann ... PROST!"

Alle erheben ihre Flaschen oder Gläser und prosten dem Jubilar zu.
Dann erhebt sich wieder das Geräusch vielfältiger Gespräche. Horst G. hat die Stereoanlage eingeschaltet und legt Platten auf. Das ist das modernste, was er an Technik hat. Peter Alexander singt und auch Wencke Myhre ...
Manche sind aufgestanden und tanzen. Gunter Meyer hat sich die Elvira engagiert. "Zu gutnachbarlicher Lustbarkeit", wie er sagt, obwohl da sicher eher die Lust eine Rolle spielt, denn an der Dame ist doch einiges mehr dran, als an Meyers dürrem Weib, das in dem Kleid aus beleibteren Tagen fast verschwindet.

Wie sie so tanzen, flüstert Elvira dem Gunter ins Ohr: "Hast Du den Alfred gesehen? Der hat sein Bier noch nicht einmal aufgemacht. Hat die geschlossene Flasche hochgehoben. - Das gehört sich doch nicht! Manche glauben, dass das Unglück bringt. Wünscht der dem Horst G. denn sowas?"
"Ja", antwortet Gunter, der es sichtlich genießt, die Nachbarin an sich zu drücken. "Der ist eindeutig seltsam. Niemand hat den je einkaufen gesehen. Und Müll hat der auch kaum welchen. Maximal eine Staubtsaugertüte oder mal ein altes Scheuertuch. Warst Du mal in seiner Wohnung?"
Elvira löst sich leicht von ihm und schaut ihm überrascht ins Gesicht.
"Jetzt wo Du es sagst? Nein. Ich weiß auch von niemandem, der da schon mal gewesen ist." 


Weiter kann diese interessante Unterhaltung leider nicht gedeihen, denn plötzlich steht Ottilie, Meyers Gattin, neben dem Paar und keift:
"Willste die nicht gleich hier besteigen? - Alter Lustmolch! Los, wir gehen jetzt nach Hause, bevor Du die noch unzüchtig ..."
Sie schubst Elvira aus Gunters Arm und zerrt den ertappten Lüstling hinter sich her, die Treppe hinauf.

Elvira steht einen Moment lang unschlüssig da und schnappt sich dann Tatjana, die gerade wieder auf der langen Bank Platz nehmen will. Nun tanzen die "Mädels". Die Party geht weiter. Erst gegen Morgen wanken die letzten Teilnehmer zum Tempel hinaus. Horst G. wird später Ordnung schaffen, wenn er ... ausgeschlafen hat.
"Lass nur!", murmelt er, als Alfred beginnt, die Kästen mit dem Leergut zu füllen. "Aber ... danke!"

Am nächsten Tag herrscht Stille im Haus. Nur am Vormittag gibt es ein bisschen Lärm im Erdgeschoss. Sicher die Auswertung von Gunters "Fehltritt" ... Aber es hat sich etwas verändert.
Von da ab wird Alfred mehr und mehr von den Hausleuten gemieden. Man grüßt ihn, beeilt sich aber dann tunlichst, auf Abstand zu gehen. Niemand wendet sich mehr mit irgendeinem Problem an ihn und die Post holt man sich lieber in der Filiale ab ...
Alfred ahnt, was vor sich geht. Es macht ihm nichts aus. Er nimmt seinen alten Kalender hervor und trägt ein:

"1822 - 2021: Erde. Ganz nett, aber ein bisschen verrückt. Eventuell wieder, aber nicht mehr so lange".

Dann geht er ins Bad. Er entkleidet sich und legt die Textilien fein säuberlich auf den Wannenrand. Anschließend greift er in sein Genick. Ein scharfer Ton erklingt und es bildet sich ein Riss, der sich in Sekundenschnelle über den Kopf, das Gesicht und die Brust ausdehnt.
Alfred fährt, im wahrsten Sinn des Wortes, aus der Haut.
Beinahe sentimental klappt er den Bauchlappen der menschlichen Haut zurück, den er immer geöffnet hat, um Sonnenlicht zu tanken.
Auch diese Hülle legt er ordentlich über die Wanne, wo man sie kaum von einer Gummimatte unterscheiden kann. Nun wendet er sich dem Spiegel zu.
'So ist es besser', denkt er, als er seine eigene, die grün schuppige Haut der Phylliniden, endlich wieder sieht, 'Es ist an der Zeit.'
Die Höhensonne im Wohnzimmer, Nahrungsspender für die vielen trüben Erdentage, wird er zurücklassen, wenn er jetzt geht.
Im Koffer befindet sich ein seltsames Gerät, wie ein kleines Kofferradio mit Rüssel. Das entnimmt er und richtet den Rüssel auf die abgelegten Sachen.
"Wupp!", erklingt es kurz und dann sind die Überbleibsel seiner Anwesenheit verschwunden.

Er packt sein kleines Köfferchen, reist immer nur mit leichtem Gepäck. Aus einer Seitentasche nimmt er eine Armbanduhr. Er dreht an einem Ring, der das "Zifferblatt" umschließt.
"Adieu, Erde!", brummelt er leise und dann drückt er auf den seitlich herausragenden Knopf. Sogleich verschwindet Alfred, mit einem lauten "Plopp!", in einem bunten Lichtblitz, der in Myriaden glänzende Funken zerstiebt.

Wo er landen wird, ist egal. Der Transportcomputer wird dafür sorgen, dass es eine interessante, neue Welt ist.
Und wenn es dort nett ist, wird er bleiben, eine Zeit lang, Xaarifonn, der Weltenbummler.
 
Gut zu lesen, wenn auch der Plot nicht wirklich überraschend war. Was aber die Geschichte (in meinen Augen) nicht abwertet. Der "Weltenbummler" ließ mich schmunzeln.
 
Zuletzt bearbeitet:

Hagen

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Hallo Steffen,
eine geile Story Dein Weltenbummler!
Besonders gefielen mir die päzisen Beschscheibungen der Typen in dem Haus.
Erinnerte mich irgendwie an den Mann, der morgens, nur mit einem Bademantel bekleidet, zu Kiosk ging und 2 Brötchen sowie Zigaretten holte. Sonst sah ich ihn nie. - Ob der wohl auch so einer war?

Nun denn, in diesem Sinne, wir sehen uns in der ScheinBAR!
Zudem lesen wir uns weiterhin!
... und bleib' schön fröhlich, gesund und munter!
Herzlichst
Yours Hagen
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Vielleicht meinen wir deshalb, der Himmel sei oben, und die Hölle unten,
weil man sich auf dem Weg zum Himmel über seine Schwächen erheben muss,
auf dem Weg zur Hölle genügt es, sich fallen zu lassen.
 

Aufschreiber

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Hallo Hagen,

das ist durchaus möglich. Mir liegt kein belastbares Material zur Anzahl aktuell anwesender "Weltenbummler" vor. Vielleicht kann Herr Däniken da weiterhelfen? ;o)

Beste Grüße,
Steffen.
 

Hagen

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Hallo Steffen,
Ich glaube kaum dass Herr Däniken Dir dabei helfen kann, bei der Suche nach belastbarem Material zur Anzahl aktuell anwesender "Weltenbummler".
Als die Wunderbare Ulrike, Erich Anton Paul von Däniken und ich kürzlich mal wieder ganz locker an der ScheinBAR saßen und Cocktails zu uns namen, meinte Erich: "Ich wurde kürzlich darüber informiert, dass in der Nähe des peruanischen Ortes Nazca merkwürdige mumifizierte Wesen gefunden wurden, die vor mehreren Tausend Jahren gelebt hatten. Drei Finger und drei Zehen aufwiesen und außergewöhnlich lang gezogene Köpfe hatten. Einer der Mumien war - offensichtlich vor mehreren Tausend Jahren - ein Metallplättchen unter die Haut implantiert worden. Die anderen Wissenschaftler sind sich einig: Diese Wesen stammen nicht von der Erde! - Klar, dass ich mich erstmal darum kümmern muss ..."
Erich trank übrigens den von mir kreierten Cocktail
Fake News of Moon Hoax
bestehend aus:
1 Tropfen Granatapfelsirup
3 cl Fernet Branca
2 cl Zitronensaft
Auffüllen mit Ginger Ale
Eis
Deco Cocktailkirsche mit einem Zweiglein Minze
:D

Nun denn, in diesem Sinne, wir sehen uns in der ScheinBAR!
Zudem lesen wir uns weiterhin!
... und bleib' schön fröhlich, gesund und munter!
Herzlichst
Yours Hagen



Das Abschiednehmen von Zurückbleibenden ist das Los der Vorwärtsschreitenden.
 


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