Weltschmerz

blackout

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Die Welt ist ja so groß und unerklärlich.
Man sitzt in den vier Wänden vor sich hin
als Mensch und Mann und kleine Bürgerin.
Nicht unbequem, da sein wir doch mal ehrlich.

Die Menschheit stellt sich gegenwärtig taub.
Sie hat zu tun mit sich. Und keine Zeit.
Durchforscht jetzt ihre kranke Seele breit,
bewältigt ihren Alltag – mit Verlaub!

Fürs Überleben steigt der Aktienpreis.
Und keiner ahnt, was ihn das scheren muss.
Ansonsten nichts als heißer Brei und Stuss.
Nur manchmal ziept es uns im Herzen leis.

Es wird geredet. Aber nichts getan.
Die Sorgen kommen wieder. Falls sie gehn.
Dass überhaupt und so, das ist obszön!
So rollt hinweg des Menschen Lebensbahn.

Die Welt ist ja so groß und höchst gefährlich.
Und keiner, der uns mal erklären kann,
warum es liegt und notfalls auch, woran.
Und wir stehn da, uns selber unerklärlich.
 

blackout

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Joe, erst einmal vielen Dank fürs Reinsehen und für deine klaren Worte, so weiß ich, woran ich bin. Deshalb veröffentliche ich ja hier.

Zunächst: Zu Kästner oder Tucholsky muss mir keiner was sagen. Sie gehören zu den politisch schreibenden Autoren - neben Erich Weinert (wirst du nicht kennen) -´, die meiner Ansicht nach den richtigen Ton gefunden haben, um auf die Köpfe einwirken zu können, jeder auf seine Weise. Dass es da ähnliche Herangehensweisen und Haltungen zwischen ihnen und mir gibt, das liegt mir im Blut. Aber ich bin weder Tucholsky, noch bin ich Kästner, ich bin ich. Ich hoffe, du kreidest mir das nicht an, denn sonst müsstest du so ziemlich allen Autoren, auch dir selbst, gleiches Verhalten vorhalten. Denn wir alle, die wir schreiben, bauen auf unseren Vorgängern auf. Muss ich dir ja nicht erklären. Diese deine Replik ist also völlig überflüssig.

Wenn du meine Klage über die gegenwärtigen Verhältnisse in der Welt als "Jammern" bezeichnest, kriege ich eine Ahnung davon, mit wem ich es zu tun habe. Dir ist sicher bekannt, dass auch der Kommentator, nicht nur der Autor, sehr viel von sich selbst preisgibt. Die anderen Gedichteschreiber, die sich mit demselben Thema beschäftigt haben, interessieren mich nur insoweit, als es ihnen gelungen ist, ihr Anliegen ungeschminkt - und deshalb wirksam - dem Leser zu verdeutlichen. Ich bin nämlich nicht die anderen. Und wenn du sogar noch zu glauben scheinst, ich hätte hier eine Anleihe bei Gryphius gemacht, dann zeigt mir das doch, dass du gedanklich auf einer Schiene fährst, die nichts mit meinem Anliegen in dem Gedicht zu tun hat. Warum äußerst du dich nicht zum Inhalt? Ist er so wenig aktuell, dass er ins vorvorige Jahrhundert gehört? Und meinst du, mein Gedicht hat nicht getroffen? Dann verstehst du dich selbst nicht. Denn was ich hier lese, angefangen vom indirekten Absprechen meiner lyrischen Möglichkeiten über das Bezweifeln der Aktualität, zeigt mir, dass ich sehr wohl mit meinem Gedicht getroffen habe und dass du in der Verteidigungsposition bist.

Und dann mal ein paar Worte zu Rilke, den du mir hier als Heroen der Lyrik zu verkaufen versuchst. Rilke war ein Faschist. Das wird dir neu sein, aber wenn du weißt, dass er Mussolini eine Ergebenheitsadresse geschrieben hat und sich auch in seinen Briefen als großer Verehrer Mussolinis entpuppt hatte, und wenn du dann noch weißt, dass er Glück hatte, gestorben zu sein, bevor er auch Hitler seine Ergebenheit darbieten konnte, dann ist dir hoffentlich klar, dass ein Rilke für mich nicht zählt, und da ist es mir egal, ob er gute oder schlechte Gedichte geschrieben hat. Um so schlimmer, dass er den Verrat an sich selbst auch noch "sachlich" formuliert hat. Ich bin nämlich der Ansicht, dass es zwar zwischen dem Privatmenschen und dem Künstler oftmals Differenzen gibt, aber ein Rilke, der ja schon eine öffentliche lyrische Instanz war, hat seine Schweinereien bewusst getan. Und diese Schweinereien werden heute unter den Tisch gekehrt. Warum wohl? "Aber er war doch ein ausgezeichneter Dichter" - darauf ist gepfiffen. Er war nicht unpolitisch, sondern er hat sehr wohl politisch gedacht und sich geäußert. Aber zu welcher Politik! Und das verzeihe ich keinem Schreibenden, so konsequent bin ich. Denn von einem Autor erwarte ich anderes. Ein Edelprotz an Vorbild muss er nicht sein, aber er muss sich über seine Handlungen und seine Äußerungen im klaren sein, immer auf der Seite des Humanismus stehen, und politisch dämlich sollte er auch nicht sein. Thema Rilke hoffentlich erledigt.

Und nun dazu, dass der Leser stöhnt: "Nicht schon wieder!" Erstens glaubst du das nur, dass es allen anderen wie dir geht, zweitens sollte es niemandem schaden, wenn er seine graue Masse aktiviert und sich über die Welt, in der er lebt, mal ein bisschen den Kopf zerbricht. Mehr habe ich mit meinem Gedicht übrigens gar nicht beabsichtigt. Ich habe absolut nichts dagegen, wenn einer über die Liebe oder die Blümchen oder über seine Reisen schreibt, gehört einfach zur Lyrik. Aber eben nicht nur. Alle, die wir schreiben, sind Zeitzeugen, und wir haben eine Verantwortung vor unseren Kindern, unseren Enkeln, vor Bekannten und Unbekannten. Und jeder möchte, dass sie ein glückliches Leben führen können. Und deshalb schreibe ich, und ich hoffe, ich bin damit hier nicht allein. Mögen wir noch lange über die Liebe, die Blümchen und die Weltreisen schreiben dürfen.

Gruß, blackout
 
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Entweder will ich dich nicht verstehen, blackout, oder du nicht mich. Wo habe ich behauptet, du würdest eine Anleihe bei Gryphius machen? Es geht ums Formale, deine Zeile klingt nach Gryphius. In der Tonlage dieser Zeile schwingt etwas vom Fatalismus der Barockzeit mit – oder deutlicher – du nimmst hier eine Pose an. Ich vermute, wir werden uns da nicht verstehen und sollten das Gespräch darüber jetzt abbrechen. Vielleicht hilft aber das: Such dir die Parodien des Dichters Hanns von Gumppenberg heraus (Wikisource), der hat im Stile von Bierbaum, Dauthendey, Eichendorff, Fontane, Stefan George, Lasker-Schüler und auch Rilke umwerfend treffende Gedichte geschrieben. Zum Verwechseln ähnlich und in der Stilistik umwerfend. Man kann – ich weiß es aus eigener Anschauung – beim Gedichteschreiben eine formale Haltung annehmen, eine Pose, auch unbewusst, und je nach Thema schreibt sich dann ein Geothe-Gedicht so leichthin wie ein Rilke (der Stefan George ist Zeit seines Dichterlebens über das Posieren seiner selbst nicht hinausgekommen).

Zu Rilke als Faschist. Der Privatmensch Rainer Maria Rilke war ein aufgeblasener Widerling (s. z. B. Roman von Klaus Modick: Konzert ohne Dichter), und die ZEIT hat über Rilke als Faschisten geschrieben. Knut Hamsun wurde in hohem Alter zum Hitler-Verehrer. Eine der größten Schauspieler-Begabungen des Jahrhunderts, der Amerikaner Kevin Spacey, soll zeitlebens als Privatmensch ein Dreckschwein gewesen sein. Hier im Forum haben sich Mitglieder über den Juden-Verächter Richard Wagner ausgelassen. Die Liste kann verlängert werden. Alles hochinteressante Psychogramme. Die ändern aber nichts daran, dass Rilke mit dem Karussell ein Jahrhundert-Gedicht geschrieben hat, dass es Hamsuns Victoria gibt, dass es neben Spacey nur wenigen Schauspielern gegeben ist, das Abgründige bei Shakespeare in all seiner erschreckenden Größe darzustellen, dass an Wagners Ring kein Dirigent vorbeikommt – auch der Jude Barenboim nicht, wie er selbst eingesteht. Du kannst den Rilke verachten und links liegen lassen, blackout, dann wirst du aber nie erfahren, was für ein wunderbares Gedicht Das Karussell ist. Gruß JF
 
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blackout

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Joe, nur so viel: In die Bewertung eines literarischen oder auch musikalischen Werkes geht vieles vom Rezipienten ein. Und er ist nicht nur Konsument, sondern der zweite Beteiligte an einem Werk. Und dass sogar Barenboim an Wagner nicht vorbeikam, sagt nichts im eigentlichen über Barenboim aus, sondern über die Politik, die dahintersteht, und das politische Wissen Barenboims. Und neu ist es auch nicht, dass Künstler "zwei Menschen" sein können. Ich kenne zum Beispiel Schauspieler auf der Bühne und hinter den Kulissen, ich weiß, dass das gespaltene Persönlichkeiten sind. Nein, Joe, du überzeugst mich nicht, kannst du nicht mit deinen Argumenten. Ich kann ein Kunstwerk nicht "erleben", und sei es noch so gut, wenn ich weiß, dass der Künstler im Gegensatz zu seinem eigenen Standpunkt sein Werk geschaffen hat. Und dass die Zeit über Rilke "aufgeklärt" hat (ich bin keine Zeit-Leserin), hat sicher nicht damit zu tun, dass das Blatt die Leser aufklären wollte, sondern damit, dass es Leser gewinnen wollte - es war ein Aufhänger. Und was Gryphius angeht: Über ihn habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber ich weiß, in welcher Zeit er lebte, und die unterschied sich nicht wesentlich von der heutigen, von allem "Modernen" mal abgesehen. Lassen wir es dabei. Wir beide wollen uns nicht nicht verstehen, wir können es nicht. Warum das so ist, das wäre des Nachdenkens wert.

Gruß, blackout
 

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