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Wenn man nicht mehr weiß, wo man hin gehört und wo die eigene Heimat ist

Rezension von:
Marco Balzano, Damals, am Meer, Kunstmann 2011, ISBN 978-3-88897-726-8

Der vorliegende Roman ist das erste Buch des Mailänders Marco Balzano. Er erzählt die Geschichte dreier miteinander eng verbundener und verwandter Männer. Da sind der Großvater Leonardo, sein Sohn und sein Enkel Nicola. Leonardo und sein Sohn waren über eine lange Zeit in Apulien verwurzelt, bis es den Sohn der Arbeit wegen nach Mailand trieb. Der Großvater ging mit und war für Nicola dessen ganze Kindheit und Jugend über die eigentliche Erziehungsperson. Leonardo, Analphabet und nach wie vor überzeugter Kommunist, verachtet seinen Sohn wegen dessen Anpassung an die norditalienische und städtische Lebenswelt als Weichei. Die Beziehung von Großvater und seinem Enkel Nicola, der die ganze Geschichte erzählt, ist warmherzig. Nicola bewundert seinen Opa und hat schon viel von ihm gelernt. Vor allen Dingen während der langen Sommer, in denen die Familie in das Haus am Meer zurückkehrte. Für Nicola ist es bleibende Erinnerung an seine ersten Liebschaften, für den Vater die Erinnerung an seine eigene Jugend und für Nonno Leonardo die eigentliche Heimat, die immer noch in seinem Herzen brennt und lebendig ist.

Irgendwann will der Großvater das baufällige Haus am Meer verkaufen, zumal seine Nachkommen seit Jahren nicht mehr dort gewesen sind. Und nun fahren die drei Männer aus drei Generationen, die drei verschiedene Sprachen bzw. Dialekte sprechen, in einem Auto nach Süden, um dort den Verkauf in die Wege zu leiten. Der Roman begleitet sie auf dieser Autofahrt in die Vergangenheit, und für jeden der drei steht unausgesprochen die Frage im Raum: Wo bin ich eigentlich wirklich zuhause?

Marco Balzano gelingt es mit dieser Konstruktion ganz hervorragend, zu erzählen vom heutigen Italien und seinen Krisen, von der -auch politischen- Vergangenheit Italiens und seinen Konflikten, vom Krieg und dem politischen Kampf, in dem der Großvater immer dabei war und von dem sich sein Sohn und sein Enkel eher zurückhalten, was Nonno wiederum mit Zorn und Enttäuschung erfüllt.

Es geht um die schmerzhafte und nie vergehen wollende Erfahrung der Emigration im eigenen Land, um den Verlust der kulturellen und sprachlichen Wurzeln und um die tastende Suche nach einem Ort, wo man endlich bleiben will und kann. Obwohl sie zunächst miteinander wenig anfangen können und sich nur schwer einander verständlich mitteilen können, wächst doch im Laufe der Reise in den Süden so etwas wie Verständnis füreinander und es beginnt ein zarter Lernprozess in Dialogen, die stellenweise witzig und lustig, an anderen Stellen aber sehr nachdenklich und berührend sind.

Ein absolut gelungenes Romandebüt, das einen tiefen Einblick in die generationellen Widersprüche im heutigen Italien gibt mit einer einfach schönen Geschichte.
 

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