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Wer sich nicht verletzlich macht, wird, spirituell gesehen, niemals ans Ziel gelangen

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Rezension zu:

Richard Rohr, Hiobs Botschaft. Das Geheimnis des Leidens, Claudius 2013, ISBN 978-3-532-62250-6

Wohl kaum ein Buch der biblischen Literatur hat mehr und intensiver die Gemüter der Menschen bewegt, als das Buch Hiob aus dem Alten Testament. Denn das, was Hiob widerfährt, ist eine genuin menschliche Erfahrung. Denn in jedem Leben gibt es Phasen des Leidens, des Aufbegehrens dagegen, das geduldige Erleiden des Schicksals und die heftige Anklage Gottes für das Erlittene. Vielen gläubigen Menschen, die vom Leid betroffen waren, ist Hiob zu einem Vorbild geworden.

Das schon 1996 zum ersten Mal veröffentlichte Buch des Franziskaners Richard Rohr, der zuletzt mit "Pure Präsenz" ein bedeutendes spirituelles Werk veröffentlicht hat (ebenfalls bei Claudius), legt die alte Geschichte von Hiob aus für die Menschen von heute und zeigt, dass Hiobs Auseinandersetzung mit den Gottesbildern seiner eigenen Zeit für uns Zeitgenossen zu einer wichtigen Erkenntnis führt, einer befreienden Erkenntnis: Gott ist kein autoritärer, übermächtiger Vater, sondern Gott kann erlebt und geglaubt werden als ein Gegenüber des Menschen, einer der mitleidet und sich den Fragen und Klagen der Menschen aussetzt.

Wie viele, auch jüngere Christen noch unter dem autoritären Gottesbild leiden, erfahre ich regelmäßig durch ihre Reaktion auf meine Predigten, die, ausgehend von dem Geschehen am Kreuz, Gott immer als einen liebenden, mitleidenden und dem Menschen gnädig und barmherzig zugewandten Gott beschreiben.

Richard Rohr beschreibt das in diesem Buch so:
"Schmerz und Schönheit, das sind die beiden Gesichter Gottes. Unglaubliche Schönheit, die sich in der Schönheit von Menschen widerspiegelt, die uns immer unwiderstehlich anziehen - sei es als physische oder spirituelle Schönheit. Doch andererseits ziehen uns Gebrochenheit, Lähmung und Schwachheit auf geheimnisvolle Weise ebenso aus uns selbst heraus. Ein hilfloses Kind braucht nur die Arme zu heben, und schon wird fast jeder zu Hilfe eilen. Dieser Faktor der Verletzlichkeit führt uns über uns selbst hinaus. Die meisten Menschen werden aus der Beschäftigung mit sich selbst gerissen und fühlen den Drang zu helfen, wenn ihnen echtes Leid begegnet. Ich denke, wir eilen nicht nur zu dem Kind, das sich weh getan hat, wir eilen zu Gott. Zu dem leidenden Gott. Wir wollen das Leiden in die Arme schließen. Deshalb konnte Franziskus den Aussätzigen küssen. Deshalb wollten so viele Heilige sich dem Leiden nähern - weil ihnen, wie sie immer und immer wieder gesagt haben, darin Christus begegnet. Es hat sie von ihrem kleinen und unechten Selbst 'erlöst'."

Es ist die Aufgabe des Menschen, im menschlichen Leiden einen Sinn zu finden, unsere Wunden als heilige Wunden zu erkennen, soll das Projekt der Menschheit nicht in einen sinnlosen Krieg aller gegen alle ausarten. Das Buch Hiob ist dafür eines der wichtigsten spirituellen Texte, den Richard Rohr in diesem Buch feinfühlig auslegt und auf die heutige Zeit überträgt. Dabei ist wichtig: wer sich selbst verletzlich macht, wird andere in ihrer Verletzlichkeit erkennen und in ihnen und sich selbst Gott am Werk sehen. Wer sich nicht verletzlich macht, wird, spirituell gesehen, niemals ans Ziel gelangen.
 

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