Westbahnhof

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Aina

Mitglied
Westbahnhof

Sie, eine schmale, altersunbestimmte Frau, stand in der Leere zwischen Abfahrt und Ankunft – dort, wo man sich für das Gleis entscheiden muss. Hätte es eine strömende Menschenmasse gegeben, wäre sie als Hindernis empfunden worden. Doch das Niemandsland des Bahnsteigs „Westbahnhof“ war leergefegt.
Im Hintergrund die schimmernd plastikgrauen Paneele, die die Tunnelröhre verkleideten. Im Vordergrund der hellgraue Steinboden, den täglich tausende Menschen mit Füßen treten. Glänzend, als hätte er sich an diesem Freitagnachmittag besonders fein gemacht. Silbergrau die Seitenwand der Rolltreppe, von der die Frau soeben auf den Bahnsteig befördert worden war. Alles grau in grau.

Warum sie mir auffiel?
Vermutlich, weil der Bahnsteig um sie herum menschenleer war. Ungewöhnlich für diese Tageszeit. Was meinen Blick unweigerlich einfing, waren ihre kesse Baskenmütze, der Lippenstift und die hochhackigen Schuhe – alles in leuchtendem Knallrot.
Ich gebe es zu, den roten Lippenstift sah ich nicht, aber das Bild hätte ohne ihn nicht komponiert werden können. Sie hatte den Lippenstift, da bin ich sicher, passend zu ihrer Mütze und den Schuhen mit größter Sorgfalt ausgesucht und aufgetragen.
In den Taschen ihres taillierten, beigen Kurzmantels suchte sie nach etwas. Womöglich ein Taschentuch? Ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn sie es in knallrot herausgenestelt hätte. Oder suchte sie nach dem roten Notizzettel, der ihr den entscheidenden Hinweis geben würde, in welche Richtung sie die neutrale Zone verlassen sollte?
Im Bild tauchte ein Mann auf. Sportlich, eher klein, schwarz. Schwarz seine Schuhe, seine Hose, das Jackett, die Haare und die Haut. Er schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, mit federndem Gang in ihre Richtung.
Warum war der Bahnsteig weiter menschenleer? Hatte er ihn sperren lassen, um sie dort in Ruhe zu treffen? Unsinn.

Was war ihre Geschichte?
Türgepiepse und -gerumpel, meine U-Bahn setzte sich wieder in Bewegung.
Vermutlich fand die Frau ihren Notizzettel, schnödes weiß mit Werbung ihrer Stammapotheke, und wendete sich nach links, auf den Weg zur vereinbarten Wohnungsbesichtigung. Sie hatte mit der neuen Stelle bessere finanzielle Möglichkeiten, was ihr eine größere Wohnung in einem Stadtteil erlaubte, der sich nicht über Müll in Ecken und Risse in den Wänden definierte. Er bemerkte sie zwar, schlenderte aber vergnügt an ihr vorbei – weiße Frauen sind oft so unentspannt, so verkrampft, genau wie diese. Was sollte der Zettel? Er verursachte offensichtlich nur ein angestrengtes Gesicht. Er würde sich erst einmal mit seinen Jungs treffen, um den ersten Tag des Wochenendes entspannt anzugehen.
Oder war es doch eine Verabredung der beiden? Wer verabredete sich in einer U-Bahn-Station? Kein erstes Date, das hätte keinen Sinn ergeben. Aber ein Treffen, um den Abend miteinander zu verbringen. Er Trompeter, höheres Semester, sie Pianistin, neu in der Stadt, beide Jazzbegeisterte. Vor dem Clubbesuch eine Kleinigkeit essen, warm werden und dann einen improvisierten Abend miteinander verbringen. Für so eine Verabredung wäre schwarz deutlich passender als beige gewesen. Sie wusste das, doch sie wollte gegen die ungeschriebene Regel aufbegehren und mit dem stillen, gut aussehenden Protest des Andersseins punkten.
Ob ihm das überhaupt auffiel? Ihr Lippenstift war so leuchtend, ihr Teint so blass, als wäre sie aus Porzellan. Er sah nur die zarte Person, die dem Klavier bemerkenswert kraftvolle Akkorde und energiegeladene Läufe entlocken konnte. Das Beige fiel ihm nicht im Geringsten auf.
Plakative, romantische Klischees, das konnte ich schon immer gut. Schubladen für Menschen und Situationen, um mir selbst Lebenssicherheit zu geben.
Eine Sicherheit, die es in U-Bahnhöfen nicht gibt. Deshalb lief die Geschichte anders weiter. Die Frau tastete konzentriert in ihrer Jackentasche nach dem Pfefferspray. Galt es eine Schutzkappe zu entfernen, bevor man sprühte? Schon vom Rolltreppenabsatz aus hatte sie gesehen, dass der Schwarzgekleidete an dem Betonpfeiler lehnte. Würde er nicht einsteigen, könnte das ein Zeichen sein, dass er darauf wartete seine kriminelle Energie, seinen aufgestauten Sexualtrieb oder sonst eine Perversität an ihr auszulassen. Er kam ihr entgegen, ihr Spray war nicht da, die U-Bahn fuhr fort, keine Menschenseele am Bahnsteig, die Schuhe zu hoch, um zu flüchten. Wie war das nochmal mit dem Knie Richtung Eier? Dafür musste sie ihn nah an sich heranlassen. Ihre Mutter hatte sie eindringlich gewarnt, doch sie hatte ihr, in jugendlichem Übermut, engstirnige Ängstlichkeit vorgeworfen. Missbrauch sei auf dem Land in der Familie wahrscheinlicher als eine Vergewaltigung in der Stadt. Was half ihr jetzt die Wahrscheinlichkeit? Und dann ausgerechnet ein Schwarzer. Neulich hatte Erika erzählt, dass sie anders riechen als Weiße. Woher wusste sie das? Dieser hier roch eindeutig nach dem Dior-Duft, den Johnny Depp in der Wüste trug, als er irgendetwas verbuddelte. Das konnte sie wahrnehmen, als er an ihr vorbei zur Rolltreppe schlenderte, um die junge Frau in den Arm zu nehmen, die sich wortreich für ihre Verspätung entschuldigte.

Noch mehr Plattitüden. Wo kamen diese Bilder her? Mein Unterbewusstsein schoss mit mir in einer Blechkiste durch die Betonröhre. Freud ließ grüßen.
Fehlte zu guter Letzt nur die sexualisierte Variante. Die mit dem Paar, das sich, um sein Beziehungsleben aufzupeppen, in einem Rollenspiel am Bahnsteig heiß macht. Fremder Mann trifft fremde Frau. Vernaschte er sie unterwegs in einer dunklen Ecke oder doch erst im eigenen Bett, damit sie danach gemütlich liegen bleiben konnten?
Alles nur Gedankenspiele, alles nur, weil sich eine Szene für wenige Sekunden als scheinbar ungewöhnlich präsentierte. Kopfkino.
Kino, das war das Stichwort, das mich daran erinnerte, auf mein Handy zu schauen. Nicht ganz unerwartet sprang mir die Nachricht entgegen: „Habe keine Karten mehr bekommen, treffen uns doch beim Bierfinken“ smiley, winken, Bierhumpen. Typisch Cosima.
Bei der nächsten Station stieg ich aus, durchquerte das dortige Niemandsland und fuhr zurück. Würde ich noch sehen, wie die Begegnung ausgegangen war? Eine Idee – genauso absurd, wie die Gedanken zuvor – was war los mit mir?
Eine Durchsage verkündete eine Streckensperrung ab „Westbahnhof“ und forderte uns auf, die U-Bahn-Station zügig zu verlassen. Ich kam an, eine große Menschentraube stand zwischen den beiden Bahnsteigen. Das Grau der vorherigen Szene war den bunt gemischten Passantenfarben gewichen. Ich hörte jemanden sagen: „Keine Ahnung wie es passiert ist – sie lag einfach so da.“
Ich drängelte mich zwei Gafferreihen weiter nach vorne und sah, was gemeint war. Da lag sie, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände auf dem Bauch, als hätte sie versucht, den roten Fleck aufzuhalten. Knallrot – so rot wie ihr Lippenstift, wie ihre Schuhe und die kesse Baskenmütze – breitete sich ein kleiner See unter ihr aus.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Aina,
Ich muss gestehen, mir gefällt der Text noch nicht so richtig, auch wenn ich die Grundidee, eigentlich ganz spannend finde. Ich will mal versuchen zu begründen warum.

Zunächst die Form des Textes. Du wählst einen Ich-Erzähler, was ich eine gute Entscheidung finde. Die für eine reflexive Erzählform in der Vergangenheit dagegen halte ich aus zwei Punkten für etwas unglücklich. Zum einen wirkt diese Kombination immer ein bisschen behäbig. Gerade ein eher aufs visuelle ausgelegter Schreibstil, der viele Sprachbilder verwendet, profitiert bei einer Ich-Erzählung vom Präsens, da das Erleben für den Leser so direkter und unmittelbarer ist. Zum anderen sind in dem Text mehrere Brüche. Die exponierten reflektierenden Einschübe an den Absatzanfängen(„Warum sie mir auffiel?“ etc.) reißen den Leser immer wieder aus der Geschichte heraus.

Dann ist der Text noch sehr ungeordnet, ich hatte an manchen Stellen Schwierigkeiten der Handlung zu folgen. Am Anfang würde ich zunächst einmal klären, wo genau der Ich-Erzähler positioniert ist, da er der Beobachter ist. Außerdem würde ich zusätzlich das, was der Protagonist sieht stärker von dem Absätzen, was er sich dazu denkt bzw. wie er die beobachtete Szene weiterspinnt. Zudem wirken auf mich manche der Ideen, doch sehr weit hergeholt. Zum Beispiel die Idee mit dem Pianisten, wenn er die Dame vorher mit einem Instrument beobachtet hat, wirkt das nachvollziehbar, sonst nicht. Gleiches gilt für die Überbestimmung der gedachten Bilder (rosaroter Zettel, das Taschentuch, von dem es den Protagonisten nicht wundert, wenn sie es in knallrot herausgenestelt hätte. (warum?)). Das ist für meinen Geschmack zu viel.

„Was meinen Blick unweigerlich einfing, waren ihre kesse Baskenmütze, der Lippenstift und die hochhackigen Schuhe – alles in leuchtendem Knallrot.
Ich gebe es zu, den roten Lippenstift sah ich nicht...“
Hier räumt der Erzähler ein sich den Lippenstift dazu gedacht zu haben. Das kann man machen, mir ist aber der Sinn nicht recht klar. dich später wieder darauf beziehst („Ihr Lippenstift war so leuchtend, ihr Teint so blass, als wäre sie aus Porzellan.“) Das wirkt widersprüchlich und die Handlung gewinnt an dieser Stelle nichts dadurch hinzu das die rote Farbe des Lippenstiftes Einbildung ist.

Daneben beinhaltet der Text eine ganze Reihe von Wiederholungen. Zum einen als Sätze „Doch das Niemandsland des Bahnsteigs „Westbahnhof“ war leergefegt.“ (Absatz 1) „Vermutlich, weil der Bahnsteig um sie herum menschenleer war. Ungewöhnlich für diese Tageszeit.“ (Absatz 2). „Warum war der Bahnsteig weiter menschenleer?“ (Absatz 2).
Zum anderen innerhalb von Sätzen (Doch das Niemandsland des Bahnsteigs „Westbahnhof“ war leergefegt.) Ein Niemandsland ist immer menschenleer, das liegt bereits in der Bedeutung des Worts, da braucht es das leergefegt nicht mehr.


Das war jetzt viel Kritik, ich glaube aber, dass der Text durchaus eine interessante Geschichte werden könnte.

Liebe Grüße
Blumenberg
 

Aina

Mitglied
Westbahnhof

Sie, eine Frau unbestimmten Alters, steht im Niemandsland zwischen Ankunft und Abfahrt – dort, wo man sich für ein Gleis entscheiden muss. Eine strömende Menschenmasse, würde sie als Hindernis empfinden. Doch der Bahnsteig „Westbahnhof“ ist leergefegt. Ungewöhnlich.
Im Hintergrund die schimmernd plastikgrauen Paneele, die die Tunnelröhre verkleiden. Silbergrau die Seitenwand der Rolltreppe, die die zierliche Frau hinaus geschoben hat. Im Vordergrund der hellgraue Steinboden, den täglich tausende Menschen mit Füßen treten. Glänzend, als hätte er sich an diesem Freitagnachmittag besonders fein gemacht. Alles grau in grau.
Nur sie nicht. Ihre kesse Baskenmütze, der Lippenstift und die hochhackigen Schuhe fangen meinen Blick durch die verschmierte Scheibe ein. Alles in leuchtendem Knallrot.
‚Ein Edward Hopper, nur in echt‘, verknüpft mein Hirn Erinnerungsbilder und Realität. Er hätte dieses Bild so und nicht anders komponiert. Sicher hat sie das Lippenrot mit größter Sorgfalt, passend zu ihrer Mütze und den Schuhen, ausgesucht.
In den Taschen ihres taillierten, beigen Kurzmantels sucht sie etwas. Womöglich ein Taschentuch. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie es in knallrot herausnestelt. Oder sucht sie den Notizzettel, der ihr den entscheidenden Hinweis gibt, in welche Richtung sie die neutrale Zone verlassen soll? Knallrot. Das Bild würde nichts anderes zulassen.
Ein Mann taucht auf. Sportlich, eher klein, schwarz. Schwarz seine Schuhe, seine Hose, das Jackett, die Haare und die Haut. Er schlendert, die Hände in den Hosentaschen, mit federndem Gang in ihre Richtung. Der Bahnsteig ist weiterhin menschenleer. Hat er ihn sperren lassen, um sie dort in Ruhe zu treffen? Unsinn.
Türgepiepse und -gerumpel, meine U-Bahn setzt sich in Bewegung.
Vermutlich findet die Frau ihren Notizzettel, schnödes weiß mit Werbung ihrer Apotheke drauf, und damit den Weg zur vereinbarten Wohnungsbesichtigung. Sie kann sich mit der neuen Stelle eine Wohnung in einem Stadtteil leisten, der sich nicht über Müll in Ecken und Risse in den Wänden definiert. Der Mann bemerkt sie und schlendert an ihr vorbei – weiße Frauen sind oft so unentspannt, so verkrampft, genau wie diese. Egal, er wird sich mit seinen Jungs treffen, um den ersten Tag des Wochenendes entspannt anzugehen.
Oder sie sind doch verabredet. Kein erstes Date, das ergibt keinen Sinn, nicht in einer U-Bahn-Station. Aber ein Treffen, um den Abend miteinander zu verbringen, könnte es sein. Er, Trompeter, höheres Semester an der Hochschule. Sie, Pianistin, Studienanfängerin. Beide Jazzbegeisterte. Vor dem Clubbesuch eine Kleinigkeit essen, warm werden und dann einen improvisierten Abend miteinander verbringen. Für diese Verabredung wäre schwarz deutlich passender als beige. Sie weiß das, doch sie sträubt sich gegen die ungeschriebene Kleiderordnung und punktet mit dem stillen, gut aussehenden Protest des Andersseins. Ob ihm das überhaupt auffällt? Ihr Lippenstift lässt ihren natürlichen Teint noch heller, fast porzellanartig erscheinen. Ihre Zartheit bringt er kaum mit den kraftvollen Akkorden und energiegeladenen Läufen zusammen, die sie dem Klavier entlockt. Das beschäftigt ihn, das Beige fällt ihm nicht im Geringsten auf.
Plakative, romantische Klischees, das beherrsche ich mühelos. Schubladen für Menschen und Situationen, um mir selbst Lebenssicherheit zu geben.
Eine Sicherheit, die es in U-Bahnhöfen nicht gibt. Deshalb nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf. Die Frau tastet konzentriert in ihrer Jackentasche nach dem Pfefferspray. Gilt es eine Schutzkappe zu entfernen, bevor man sprüht? Vom Rolltreppenabsatz aus hat sie gesehen, dass der Schwarzgekleidete an dem Betonpfeiler lehnt. Steigt er nicht ein, wäre das ein Zeichen, dass er darauf wartet, seine kriminelle Energie, seinen aufgestauten Sexualtrieb oder sonst eine Perversität an ihr auszulassen. Er kommt ihr entgegen, ihr Spray ist nicht da, die U-Bahn fort, keine Menschenseele am Bahnsteig, die Schuhe zu hoch, um zu flüchten. Wie war das nochmal mit dem Knie Richtung Eier? Dafür muss sie ihn nah an sich heranlassen. Die eindringliche Warnung ihrer Mutter hat sie damals mit jugendlichem Übermut abgetan. Engstirnige Ängstlichkeit hat sie ihr sogar vorgeworfen. Missbrauch sei auf dem Land in der Familie wahrscheinlicher als eine Vergewaltigung in der Stadt. Was hilft ihr jetzt die Wahrscheinlichkeit? Und dann ausgerechnet ein Schwarzer. Neulich hat Erika erzählt, dass sie anders riechen als Weiße. Woher weiß sie das? Dieser hier riecht eindeutig nach dem Dior-Duft, den Johnny Depp trägt, wenn er in der Wüste irgendetwas verbuddelte. Das nimmt sie wahr, als er an ihr vorbei schlendert, um die junge Frau in den Arm zu nehmen, die sich wortreich für ihre Verspätung entschuldigt.
Noch mehr Plattitüden. Bilder tauchen unkontrolliert auf. Mein Unterbewusstsein schießt in einer Blechkiste durch die Betonröhre. Freud lässt grüßen. Um Sex könnte es gehen. Es ist ein Paar, das sein Beziehungsleben mit einem Rollenspiel am Bahnsteig aufpeppt. Fremder Mann trifft fremde Frau. Vernascht er sie unterwegs in einer dunklen Ecke oder doch erst im eigenen Bett, damit sie danach gemütlich liegen bleiben können? Alles nur Gedankenspiele, alles nur, weil sich eine Szene für wenige Sekunden als scheinbar ungewöhnlich präsentiert. Kopfkino.
Kino, das Stichwort, das mich daran erinnert, auf mein Handy zu schauen. Nicht ganz unerwartet springt mir die Nachricht entgegen: „Habe keine Karten mehr bekommen, treffen uns beim Bierfinken.“ Smiley, winken, Bierhumpen. Typisch Cosima.
Bei der nächsten Station steige ich aus, durchquere das dortige Niemandsland und fahre zurück. Werde ich erkennen, wie die Begegnung ausgegangen ist? Eine Idee, genauso absurd, wie die Gedanken zuvor. Was ist los mit mir?
Eine Durchsage verkündet eine Streckensperrung ab „Westbahnhof“ und fordert auf, die U-Bahn-Station zügig zu verlassen. Ich komme an, das Grau der vorherigen Szene ist den bunten Passantenfarben einer Menschentraube gewichen. Ich höre jemanden sagen: „Keine Ahnung wie es passiert ist – sie lag einfach so da.“
Ich drängle mich zwei Gafferreihen weiter nach vorne und sehe, was gemeint ist. Da liegt sie, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände auf dem Bauch, als wolle sie versuchen den roten Fleck aufzuhalten. Knallrot – so rot wie ihr Lippenstift, wie ihre Schuhe und die kesse Baskenmütze – breitet sich unter ihr ein kleiner See aus.
 

Aina

Mitglied
Hallo Blumenberg, hallo Arno Abendschön,
wie zu lesen ist, habe ich einiges geändert. Vor allem die Erzählzeit. Der Schreibspaß war deutlich größer. Herzlichen Dank für diese Anregung!
Zum Thema "Niemandsland" möchte ich noch kurz etwas anmerken. Ich habe diesen Begriff immer als das Land zwischen zwei Grenzen verstanden, das niemandem gehört (nicht ein Land, in dem niemand ist). Also hier: zu den beiden Gleisen gehören die jeweiligen Bahnsteige, die Halle, die dazwischen liegt, der Raum, der weder zum einen noch zum anderen Bahnsteig gehört, ist das Niemandsland. Somit ist für mich ein "leergefegtes Niemandsland" keine Dopplung. Drücke ich mich verständlich aus?
Trotzdem habe ich "die Leere" und ein "Niemandsland" rausgenommen, so wie Vieles andere auch, in der Hoffnung, dass der Lesefluss ungestörter ist und die Ebenen weniger getrennt sind.
Viele Grüße,
Aina
 
Gut, Aina. Das ist auf Anhieb noch einmal besser geworden, besonders durch die Verwendung des Präsens. Um aber ganz ehrlich zu sein: Es ist für mich so gut wie unmöglich, die beiden Fassungen hier Zeile für Zeile auf Änderungen hin zu untersuchen. Bei dem dafür notwendigen permanenten Rauf- und Runterscrollen streiken bei mir nach kurzer Zeit Augen und Gehirn.

Kritisch finde ich nach wie vor die häufigen kurzen Absätze. Unser Denken und Fühlen ist zumeist nicht so abgehackt strukturiert, sondern reiht Eindrücke und Gedanken auf fließende Weise. Der Absatz sollte also vor allem dazu dienen, dem Leser in größeren Abständen kurze Verschnaufpausen einzuräumen, passenderweise parallel zu "Umbrüchen" in der Handlung oder Gedankenarbeit. Unterhalb dieser Schwelle gibt es innerhalb von Absätzen u.a. diese beiden Möglichkeiten der Gliederung durch Satzzeichen: ... bzw. - .

Schönen Mittagsgruß
Arno Abendschön
 

Aina

Mitglied
Hallo Arno Abendschön,
ein direkter Vergleich ist hier leider fast unmöglich, stimmt. Auch finde ich es bedauerlich, dass nicht die neueste Version als erstes erscheint, so wie früher. Aber das haben die LL-Macher*innen sicher lange diskutiert und ihre Gründe dafür gut durchdacht.
Nichtsdestotrotz danke ich dir fürs nochmalige Lesen und die geduldigen Absatz-Hinweise.
Ich hatte diesen Punkt nicht so sehr auf dem Schirm und werde bewusster hinschauen.
Danke.
Aina
 

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