WG

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CB90

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Mark, ein junger Student, betrat seine WG, nachdem er am Wochenende seine Eltern besucht hatte. Der Flur war weiß gekachelt. Einkaufsprospekte bedeckten den Fußboden. Durch die fehlende Beleuchtung (die Lampe war seit Wochen defekt) konnte er den Schmutz kaum erkennen, der sich über die Monate angesammelt hatte. Er dachte, dass es schon mal besser im Flur ausgesehen hatte, als der Putzplan in den ersten Wochen richtig funktionierte, als seine Mitbewohner noch voller Eifer waren.
Links neben dem Flur lag die Küche. Das heißt, das, was man als Küche bezeichnet. In der Küche saß eine junge und blasse Frau und blickte auf ihr Handy. Die Frau blickte nicht auf, als Mark die Küche betrat. „So, so“, sagte Mark. Die Frau murmelte irgendwas Undeutliches und blickte weiter auf ihr Handy. Mark checkte den Akkustand seines Handys, alles okay, dachte er. Er ging zum Kühlschrank und er fand in seinem Fach nichts bis auf ein Glas Oliven mit Steinen. Der Küchenboden knirschte unter seinen Sohlen. „Is was ausgelaufen“, sagte die Frau kühl, als wäre das kein Problem. Er verließ die Küche und er ging in die Richtung seines Zimmers, vorbei an einem Bild arbeitender Bauern bei der Heuernte. Er ging ganz nah ans Bild und er betrachtete den vergilbten Rahmen des Bildes. Er verabscheute das Bild und er begriff nicht, was ihn daran störte.

Als er seine Zimmertür öffnete, kam ihm ein muffiger Geruch wie liegengelassene Socken, vermischt mit Zwiebeln in warmer Heizungsluft entgegen. Das einzig Wertvolle, was er besaß, war eine Autogrammkarte einer Erotikdarstellerin mit einer aufgedruckten Unterschrift. Und diese Autogrammkarte hütete er wie seinen linken Augapfel. Jedes Mal, wenn er sein Zimmer betrat, kontrollierte er, ob die Autogrammkarte noch da war. Wenn Besuch kam, dann zeigte er seinen Schatz mit einer unerklärlichen Freude und einem Strahlen in seinen Augen, was man sonst nie bei ihm sehen konnte. Dabei zeigte die Autogrammkarte nur eine ältere Frau mit gemachten Brüsten und aufgespritzten Lippen, da war keine Natürlichkeit.
Er war soweit zufrieden, das konnte er mit gutem Recht sagen. Zufrieden auch, weil er immerhin über zwei Säcke mit Pfandflaschen verfügte, dessen Pfand er bei Gelegenheit einlösen würde. Er musste für die anstehende Klausur lernen. Alle seine Utensilien, Stift, Heft, Buch und Karteikarten lagen bereit. Er dachte, wenn ich diese Klausur gut abschließe, dann geht es weiter, dann bin ich kurz davor, den Abschluss zu machen, dann kann mein Leben starten, dann habe ich Geld und ein eigenes Haus mit Garten, Kind und einen kleinen Hund.
Die Kälte kroch erbarmungslos durch alle Ritzen seines Zimmers und sein Bett lud ihn zum Schlafen ein. Er versuchte, sich zusammenzureißen, er fand aber keinen Ausweg und legte sich schlafen. Er kuschelte sich in die weichen Decken und er dachte, dass er nicht mehr aufstehen will, dass er hier liegen bleiben will. Man hatte ihm doch erzählt, dass alles möglich wäre, wenn man fleißig lernt, dann könnte man sich aus jeder misslingen Lage befreien. Ihn beschlich der Verdacht, dass das nicht so einfach werden würde.
Nach einer halben Stunde erwachte er und blickte direkt in den von Sträuchern verwilderten Garten. Im Wirrwarr der Sträucher hatten im Sommer einige gelbe, rote und blaue Wildblumen gestanden.

Der Hunger kam plötzlich und er beschloss einkaufen zu gehen. Die Pfandflaschen wegzubringen, war keine Option. Er musste sich mit 0,76 Cent begnügen. Er verließ verschlafen die WG und ging einkaufen. Er nahm die billigsten Nudeln und stellte sich in die Schlange vor der Kasse. „Bitte zweite Kasse aufmachen“, brüllte eine Stimme in seinem Nacken. Er kam an die Reihe und gab sein letztes Geld ab und verließ den Supermarkt.
Zuhause traf er wieder auf die dünne und blasse Frau, und es hatte sich nichts an der vorigen Situation geändert. Da war nichts, da war kein Gespräch (auch wenn es belanglos gewesen wäre), da war keine Geselligkeit, da war kein Miteinander. Ein Mitbewohner hatte ihn nach einer durchzechten Nacht mit einem Hammer bedroht, weil er durch den Hintereingang gekommen war und er Mark für einen Einbrecher gehalten hatte. Diese Angst vor Einbrechern hatte er nie verstanden, dabei war nichts Materielles zu holen und es gab auch nichts nicht Materielles. Der Mitbewohner verließ nach diesem Vorfall das Haus einige Wochen später und zog drei Häuser weiter zu seiner Freundin.

Mark kochte sich die Nudeln al dente und mixte sich ein Pesto aus den Oliven. Er war halbwegs satt und stellte den leeren dreckigen Teller in die fertige und saubere Spülmaschine und startete die Maschine neu. Hier war niemand, der sich um irgendwas kümmert, dachte er.
Anschließend filterte er seinen Kaffee mit Toilettenpapier, weil keine Kaffeefilter mehr da waren, und setzte sich ans Lernen. Wie in Trance lernte er stapelweise Karteikarten auswendig, und er war sich nicht sicher, ob irgendwas in seinem Gedächtnis geblieben war. Er konnte zufrieden sein, sehr zufrieden, das wird schon alles klappen, das hat es immer.
Er ging immer vom Besten aus, das Schlimme wurde nie von ihm in Betracht gezogen, daran glaubte er felsenfest. Am nächsten Tag war die Klausur, er wartete draußen vor dem Prüfungsraum. In einem Strauch tummelten sich unzählige kleine Fliegen, die abwechselnd in seine Augen oder in seine Nase flogen und dort starben. Endlich war Einlass und die Klausurfragen wurden ausgeteilt. War ich wirklich so gut vorbereitet, dacht er. Der Schweiß lief ihm den Rücken herunter, die Hände wurden feucht und der Mund trocken. Er schlug die Fragen auf. Eine falsche Antwort und null Punkte, keine Gnade.

Er konnte die ersten fünf von zwanzig Fragen problemlos beantworten, aber selbst dabei kam er ins Zweifeln. Fünfundzwanzig Prozent das reicht nie, das hat es noch nie, es müssen mindestens fünfzig Prozent sein. Er fand sich bei der Prüfung bereits mit dem negativen Ergebnis ab und spielte alle Szenarien durch, wenn er scheitern sollte. Er beendete dennoch die Klausur als erste und verließ den Klausurraum.
Er rechnete alle möglichen Punkte zusammen, vielleicht reicht es, vielleicht war das alles nicht so schlecht, vielleicht gibt es Hoffnung für mich. Die Ergebnisse kamen nach Weihnachten, er hatte bestanden. Er philosophierte, welche Schranken er ins sich trägt und, dass das alles nicht mehr so passieren darf. Er beendete alle wichtigen Klausuren und hatte anschließend etwas mehr als 0,76 Cent in seiner Hosentasche.
 
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Hallo, einige Anmerkungen:
konnte er den Schmutz kaum erkennen der sich über die Monate angesammelt hatte.
Hier fehlt ein Komma.
Wie in Trance lernte er stapelweise Karteikarten auswendig, und er war sich nicht sicher, ob irgendwas in seinem Gedächtnis geblieben war.
Für mich unlogisch. Wenn er auswendig lernt (und es nicht nur versucht), dann sind die Sachen doch in seinem Gedächtnis. Vielleicht sorgt er sich, ob sie auch am Prüfungstag noch dort sein werden?

Die Pfandflaschen wegzubringen, war keine Wahl.
Meinst du „keine Option“?

Er rechnete alle möglichen Punkte zusammen, vielleicht reicht es, vielleicht war das alles nicht so schlecht, vielleicht gibt es Hoffnung für mich. Die Ergebnisse kamen nach Weihnachten, er hatte bestanden. Er philosophierte, welche Schranken er ins sich trägt und, dass das alles nicht mehr so passieren darf. Er beendete alle wichtigen Klausuren und hatte anschließend etwas mehr als 0,76 Cent in seiner Hosentasche.
Der Schluss kommt zu abrupt, so, als hättest du unter Zeitdruck gestanden.
Ist es dir wichtig, dass der Leser nicht erfährt, was Mark eigentlich studiert hat oder was für einen Job er bekommt?
Solche Details würde dem Text mehr Leben verleihen.

Die Grundidee, wie ich sie verstehe, finde ich gut. Ein unbefriedigendes, ärmliches Leben ohne Geld und echte Sozialkontakte (trotz WG) und Mark schafft es, das hinter sich zu lassen.
Aber ich glaube, du müsstest noch einmal etwas Zeit in die Überarbeitung investieren.

Viele Grüße!
 
Ein bedrückend wirkendes Stimmungs- und Situationsbild, das sich gleichwohl gut liest, geringfügig beeinträchtigt durch einige Flüchtigkeitsfehler beim Niederschreiben. Über die Kommafehler kann man hinweglesen, aber bitte "misslich" und im vorletzten Satz "in sich". Wobei das Bild "Schranken in sich tragen" nicht eben geglückt ist.

Insgesamt vermittelt mir der Text eine gute Vorstellung davon, wie es im Kopf und Gemüt des Protagonisten aussieht. Ich spüre seine Unsicherheit, relative Orientierungslosigkeit und das beunruhigend Zufällige am Ablauf der Prüfungen. Das Studienfach zu benennen, halte ich nicht für erforderlich. Hier kommt es doch eher auf die zeitweiligen Lebensumstände an, die unabhängig von dessen Wahl auftreten können.

Freundliche Grüße an CB90
 

CB90

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Die Grundidee, wie ich sie verstehe, finde ich gut. Ein unbefriedigendes, ärmliches Leben ohne Geld und echte Sozialkontakte (trotz WG) und Mark schafft es, das hinter sich zu lassen.
Aber ich glaube, du müsstest noch einmal etwas Zeit in die Überarbeitung investieren.

Viele Grüße!
[/QUOTE]

Hallo,

vielen Dank für deine Anmerkungen.

Ich werde es probieren, wenn ich Zeit finde...

Grüße
CB90
 

CB90

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Ein bedrückend wirkendes Stimmungs- und Situationsbild, das sich gleichwohl gut liest, geringfügig beeinträchtigt durch einige Flüchtigkeitsfehler beim Niederschreiben. Über die Kommafehler kann man hinweglesen, aber bitte "misslich" und im vorletzten Satz "in sich". Wobei das Bild "Schranken in sich tragen" nicht eben geglückt ist.

Insgesamt vermittelt mir der Text eine gute Vorstellung davon, wie es im Kopf und Gemüt des Protagonisten aussieht. Ich spüre seine Unsicherheit, relative Orientierungslosigkeit und das beunruhigend Zufällige am Ablauf der Prüfungen. Das Studienfach zu benennen, halte ich nicht für erforderlich. Hier kommt es doch eher auf die zeitweiligen Lebensumstände an, die unabhängig von dessen Wahl auftreten können.

Freundliche Grüße an CB90
Hallo Arno Abendschön,

danke für das Feedback- nein über die Fehler kann man nicht hinweglesen :D

Gut, dass seine Unsicherheit verständlich wird im Text.

Grüße
CB90
 

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