Wie Balu auftauchte und Nero verschwand.

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Rheinmoses

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„Ach, das ist das Haus mit der Katze“ sagte der Postbeamte im Paketamt, wo ich gerade ein Paket abholen wollte. Das Postamt ist etwa acht Kilometer von dem Vorort entfernt, wo ich in einem Neubaugebiet wohne, am Rande eines früheren Dorfes.

„Was für eine Katze?“ fragte ich verdutzt, denn an meinem Haus war keine Katze angemalt – so, wie etwa ein Segelboot oder ein fröhlicher Clochard an anderen Häusern in meiner Gegend – solche Kunstwerke sind hier aber die Ausnahme.

„Nun, “ sagte der Postbeamte, „an Ihrem Haus streicht doch immer so eine Perserkatze herum maunzt und möchte gekrault werden.“

„Natürlich, die Katze meinen Sie!“ sagte ich – und war sehr erstaunt, dass die Katze so bekannt war: „Ja, das stimmt.“

„Es ist eine sehr hübsche Katze.“ bemerkte der Postbeamte.

In der Tat. Vor einigen Wochen war die junge Frau gekommen, die in meiner Einliegerwohnung wohnte, hatte einen betörenden Augenaufschlag aufgesetzt und geflötet: “Ich weiss, dass ich eigentlich keine Tiere haben soll, aber meine Großmutter ist gestorben, und keiner kann sich um die Katze kümmern – kann ich sie aufnehmen?“

Es ist richtig, dass ich Haustiere in der Einliegerwohnung nicht so gern sehe, weil man die Haare nicht weg kriegt und ich allergisch bin, vielleicht auch andere Mieter. Ausserdem hatte ich mal eine tote Amsel auf dem Rasen gefunden, ermordet von einer der streuenden Katzen, und das hatte mir gar nicht gefallen. Aber wer kann in einem solchen Notfall schon nein sagen – eine alte Frau war gestorben, deren letzter lieber Freund eine Katze war, und eine Katze gab es, die nun quasi verwaist ist.

Und so zog Nero ein. So hieß er nämlich, denn es war ein Kater. Ein richtiger Perserkater mit blauen Augen, einem runden, niedliche Kopf mit hoher Stirn, aufrecht stehenden Öhrchen und einem üppigen wuscheligen anthrazitfarbenen Fell, wie es Perserkatzen haben..

Als mir ihn die junge Frau das erste Mal zeigte, nannte sie auch den Namen der Katze.

Ich muss allerdings sagen, dass es mir schwer fiel, mit diesem sanften anschmiegsamen geschmeidigen Tier das Bild eines Katers, und dazu noch mit dem Namen eines grausamen römischen Kaisers zu verbinden.

So berichtete ich von da an bei meinen gelegentlichen Telefongesprächen mit Ulla, meiner Schwester aus Berlin, immer wieder mal von der Katze. Natürlich fand die Geschichte allerhöchstes Interesse bei den Kindern meiner Schwester, der neunjährigen Lilith und dem sechsjährigen Lucian – und es gehörte bald dazu, dass ich nicht nur erzählen musste, wie es mir so ging, auch über das Befinden der Katze wurde regelmässig gesprochen.

Bald wurde es ein gewohntes Bild, das Nero auf mich zusprang, wenn ich von der Arbeit kam, sich an mich schmiegte und in höchsten Tönen vor Wohlbefinden leise miaute, wenn ich ihn - sie - streichelte. Das Streicheln war etwas besonderes, weil sich die Katze mit sanftem Druck in die Hand schmiegte und sich entgegen der Richtung ein wenig bewegte, so dass die Berührung noch intensiver empfunden werden konnte. Und dabei dieses unnachahmliche Geräusch, ein leises, langgezogenes, fast wollüstiges Girren und dazu ein Schnurren.

Es war alles in Ordnung. In der Sackgasse, in der ich wohnte, gab es kaum Autoverkehr, freilaufende Hunde auch nicht, die Katze war also nie in Gefahr.

Wenn ich das Haus verließ, kam der alte Herr Gores, mein Nachbar, oft dazu, um die Katze zu streicheln.

Und Nero – als echte Perserkatze – hatte kaum im Sinn, hinter unschuldigen Vögeln herzujagen. Mit einer gewissen lässigen Mühe schaffte sie es gerade mal, auf einen Pfosten und von da aus auf den Holzkasten zu springen, in dem die Mülleimer aufbewahrt wurden. Alle ihre Bewegungen waren von einer majestätischen Langsamkeit, wie ein dauerndes Räkeln, und doch von einer gewissen Grazie.

Der Sommer kam, und es war warm draussen.

Dann änderte sich etwas. Nach einiger Zeit fiel mir nämlich auf, dass die Katze auch dann draussen war, wenn es regnete, sie strich unglücklich am Hauseingang entlang, und ich klingelte immer wieder mal bei der Besitzerin und sagte, dass die Katze rein wolle.

Im September machte ich einige Wochen Urlaub, und als ich wieder kam, saß die Katze wieder draussen und begrüßte mich. Und als ich die Besitzerin einmal traf, sagte sie, sie ließe die Katze gern draussen, weil sie nicht ganz stubenrein sei.

Von nun an fing ich an, mir Sorgen um Nero zu machen. Ich konnte die Besitzerin ja nicht zwingen, die Katze 'reinzunehmen. Umso schlimmer wurde es, als ich die Katze mal wieder streichelte und feststellte, dass das Fell an einer Stelle ganz schütter war – und dass unter dem imposanten Fell nur noch ein ganz magerer Körper saß, mit einigen Verhärtungen, von denen ich vermutete, dass es Zecken sein könnten – genaues war nicht zu erkennen. Und so wurde es Gewohnheit, dass meine Schwester und ich beratschlagten, was man tun könne. Natürlich beteiligten sich Lucian und Lilith eifrig - sozusagen im Hintergrund - an der Beratung. Ich kaufte versuchsweise Katzenfutter und stellte ein Schälchen hinter das Haus, aber es wurde nicht angerührt. Ich hob Nero auf und setzte ihn davor, aber er maunzte nur und schlich sich davon. Und er wurde immer dünner, und er maunzte immer kläglicher.

Der Oktober kam, und es wurde kälter, und Nero war immer draussen. Wo er sich nachts aufhielt, weiss ich nicht, aber auch morgens früh kam er angelaufen – eines der wenigen Male, wo er sich wirklich ein wenig schneller bewegte - und wollte gestreichelt werden. Hatte er die Nacht draussen verbracht?

So überlegte ich, ob ich ihm wenigsten ein Nachtquartier bereiten konnte – denn eine Katze, die nicht stubenrein ist, ist ja kein angenehmer Hausgenosse. Ich verfiel darauf, eine Bohle an das vergitterte Waschküchenfenster im Keller zu legen, und das Fenster ein wenig aufzulassen. Die Waschküche war gekachelt, da ließe sich ein wenig Katzenpisse ohne weiteres entfernen. Unter das Fenster auf den Fußboden legte ich eine alte Decke, und sorgte auch dafür, dass eine gewandte Katze über Tisch und Stuhl nach unten und wieder ans Fenster konnte. Dachte ich. Aber als ich eines Tages Nero zu seiner neuen Notunterkunft brachte, maunzte er nur, und bewegte sich von der Fensterbank nicht vor und nicht zurück. Nero war ein bisschen blöd.

„So, “ dachte ich, „er kennt das Quartier nun, und vielleicht fällt es ihm ein, wenn es wirklich mal nass und kalt wird. So muss er wenigstens nicht erfrieren.“ Ich schaute spät abends und frühmorgens immer mal wieder in die Waschküche, ob Nero den Weg gefunden hatte. Aber er war nie da. Und er wirkte, wenn man ihn sah, immer matter, das Fell glänzte nicht mehr, und die blauen Augen blickten auch nicht mehr so klar. Und ich machte mir immer mehr Sorgen, und natürlich meine Schwester und Lilith und Lucian auch.

Anfang November besuchten sie mich in den Herbstferien, mit dem alten Passat – Kombi, vollkommen vollgeladen - alle Autos von Leuten mit Kindern sind das, wie jeder weiss - sie fuhren die weite Strecke von Berlin.

Mein Schwager Wolfgang hatte einige Tage in der Gegend zu tun gehabt, er war vorher mit dem Zug nach Köln gekommen, und nach einigen Tagen Besuch bei mir wollten sie zusammen zurückfahren.

Vorher waren die Telefondrähte heiß gelaufen.

Die Kinder ließen fragen, sagte meine Schwester, ob man die Katze nicht mitnehmen könne. Sie würden sie gut behandeln, ihr ein Plätzchen im Keller des Hauses – der zu ebener Erde auf der Rückseite des Gebäudes lag – schaffen, und die Katze dürfte ruhig nicht ganz stubenrein sein, sie könne ja immer in der Garten gehen. Und zu Fressen würde sie auch bekommen, die Kinder wollten dafür sorgen, und wenn sie krank wäre, würde man sie zum Tierarzt bringen.

Ja, was tun? Sie einfach mitnehmen? Nein, das ging nicht, das wäre ja Diebstahl. Und so etwas kann man schon grundsätzlich nicht gut heissen, und ich als Jurist erst recht nicht. Die Besitzerin fragen? Aber was, wenn sei nein sagen würde? Dann könnte man die Katze nicht mehr retten, indem man sie mitnahm. Denn dann wüsste die Besitzerin ja, dass man sich Sorgen machte. Und sie beim Tierschutzverein anschwärzen – dann würde sie die Katze vielleicht einfach einschläfern lassen. Sie doch einfach mitnehmen? Davon musste ich wirklich ganz dringend abraten. Man will ja schliesslich bei einer Straftat nicht mitwirken.

Als die Kinder endlich ankamen, war es das Erste, dass sie die Katze in die Arme nahmen und mit ihr spielten, obwohl sie von der langen Fahrt sicherlich todmüde waren.

Wir haben dann später am Abend nicht mehr darüber gesprochen, nachdem ich immer wieder gesagt hatte, sie könnten die Katze keinesfalls mitnehmen, denn das wäre strafbar, und überhaupt.

Am nächsten Nachmittag – ich war gerade aus dem Büro gekommen - stieß auch Wolfgang, mein Schwager, zu der Familie.

Und nach einigen Tassen Kaffee und einem Stückchen Kuchen fragte er, wo hier denn ein grosser Supermarkt mit einer Abteilung für Tierbedarf sei. So fuhren wir zum Allkauf und schlugen uns in dem riesigen Gebäude zur Tierabteilung durch. Wolfgang meinte, er wolle sich mal nach einem Katzen - Transportkorb umsehen, es könnte ja sein, dass ihnen auf einer ihrer Reisen mal eine Katze zuliefe.

Und für diesen Fall wollte er gerüstet sein. Ich fand, das sei eine gute Idee, auf solche Eventualitäten müsse man vorbereitet sein, und spendierte noch einen Wasser– und einen Futternapf sowie einige Dosen Katzenfutter. denn auch so etwas braucht man ja in einem solchen Notfall.

Es vergingen einige nette Tage, den Kindern gefiel es vor allem, dass sie über die Felder laufen konnten, auch wenn es etwas matschig war, und sie die Schuhe danach immer ausziehen mussten, bevor sie das Haus betraten. Und natürlich spielten sie auch jeden Tag eine Stunde oder mehr mit der Katze Nero. Ich glaube, so oft hat sie in der ganzen Zeit bei mir nicht glücklich gegirrt und geschnurrt.

Und dann kam der Tag der Abreise. Der alte Passat war wie auf der Hinreise knallvoll gepackt – alle Autos von Leuten mit Kindern sind das, wie jeder weiss. Trotzdem war wie durch ein Wunder und die magischen Packkünste meiner Schwester sogar noch der Katzen - Transportkorb hineingegangen. Es war ein Sonntag, und ich beschoss, noch ein Stückchen hinter dem alten Passat herzufahren, damit sie den Weg zur Autobahn auch nicht verfehlten. Einen oder zwei Kilometer hinter dem Ortsausgang hielten wir beide Autos an, am Umspannwerk zwischen den inzwischen kahlen Kirschbäumen. Obwohl es ziemlich ungemütlich war und leicht nieselte, stiegen wir noch mal aus, das heisst, nur die Erwachsenen, die Kinder hatte man mühsam im Auto verstaut, sie saßen auf den beiden Rücksitzen zwischen ihren Spielsachen und kurbelten zum Abschied nur die Scheiben herunter. Mein Schwager öffnete noch mal die Heckklappe des alten Kombis, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei.

Und plötzlich hatte meine Schwester eine Katze zwischen den Händen und dann gleich auf dem Arm. Die Katze mauzte fast wollüstig, obwohl sie ein bisschen nass war, und die Wassertropfen auf ihrem dichten Fell glitzerten. „Ach“, meinte Wolfgang, „Du hast eine Katze gefunden.“ „So ein Zufall“, meinte ich, „da ist Euch ja tatsächlich eine Katze zugelaufen.“ Es war ein richtiger Perserkater mit blauen Augen, einem runden, niedliche Kopf mit hoher Stirn, aufrecht stehenden Öhrchen und einem üppigen wuscheligen dichten anthrazitfarbenen Fell, wie es Perserkatzen haben..

„Wir können uns jetzt nicht gross darum kümmern“ sagte Ulla – „aber wir haben ja Gottseidank den Katzen - Transportkorb, da können wir sie ja erst mal unterbringen, und in Berlin hängen wir einen Zettel an die Bäume, dass uns eine Katze zugelaufen ist“. „Ja“, sagte ich, „und dann setzt Ihr eine Anzeige in die ‘Zweiten Hand‘ – so heisst dort die Anzeigenzeitschrift- dass Euch eine Katze zugelaufen ist. Wie gut, dass ihr auch einen Trinknapf habt, und zwei Extraflaschen Wasser, für alle Fälle.“

Die Katze wurde in den Korb gesteckt – sie glitt offensichtlich ganz gern hinein – die Heckklappe wurde geschlossen, und auf einmal hatte es die beiden doch eilig, na klar, der lange Weg, und nach einem kurzen Abschied fuhren sie davon.

Am Abend meldete sich meine Schwester dann aus Berlin. Sie hätten beschlossen, die Katze Balu zu nennen, aber sie sei nicht gesund, sie würden gleich am nächsten Tag zum Tierarzt gehen.

Der hatte dann anscheinend eine Menge Arbeit, aber nach etlichen Spritzen, einer Wurmkur und sonstigen Behandlungen war Balu schliesslich frei von Parasiten und Krankheiten, und genoss offensichtlich das Leben in Berlin, wo er ins Warme konnte, wenn es draussen kalt war, und auch genug zu fressen hatte.

Und er fand auch immer eines von den Kindern oder beide, die mit ihm spielten und ihn streichelten.

Nur für meine Schwester war es nicht so schön, denn die ist allergisch gegen Katzen.

So lebte Balu noch einige Jahre, wie ich glaube, ganz glücklich in Berlin, bis er eines Tages, da muss er aber schon sehr alt gewesen sein, von einem Ausflug nicht zurückkam. Das kommt bei Katzen nun mal vor.

Einige Wochen nach der Abreise sprach mich übrigens der alte Herr Gores an, als ich gerade von der Arbeit zurückkam. Es war nun schon Ende November.

Er sagte: „Die Katze ist weg“, und schaute mich fragend an.

Ich sagte: „Ja, das habe ich auch schon gemerkt – wo sie wohl ist?“

„Vielleicht ist sie jemanden zugelaufen“, meinte er, und ich nickte. „Das kommt bei Katzen nun mal vor“.

Nero tauchte jedenfalls nie wieder auf.

Inzwischen gibt hier eine andere Katze, allerdings eine ganz ordinäre Hauskatze, keine Perserkatze. Wo sie wohnt, weiss ich nicht, wie sie heisst, auch nicht. Sie ist schwarz, mit weißen Pfötchen, und wenn ich ihr Käserinde oder Schinkenreste hinstelle – manchmal nehme ich auch Katzenfutter - kommt sie herangesprungen.

Wenn ich die Terrassentür öffne, läuft sie davon, um dann gleich wieder zu kommen, wenn die Tür geschlossen ist. Sie ist sehr scheu, und ich weiss immer noch nicht, ob sie ebenso maunzt und schnurrt, wenn man sie streichelt, wie einst die Perserkatze Nero.
 

Rheinmoses

Mitglied
Hallo Mariaan, es freut mich sehr, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Und das Beste daran: Sie ist tatsächlich wahr!
Herzliche Grüße
Rheinmoses
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
In der Tat eine nette erzählte Geschichte. Allerdings ist das wichtig und nicht die Tatsache, ob sie wahr ist. Denn der Wahrheitsgehalt macht keine gute Geschichte aus, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt wird.

Viele Grüße

DS
 

Rheinmoses

Mitglied
In der Tat eine nette erzählte Geschichte. Allerdings ist das wichtig und nicht die Tatsache, ob sie wahr ist. Denn der Wahrheitsgehalt macht keine gute Geschichte aus, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt wird.

Viele Grüße

DS
Hallo DS,
Das ist mir schon klar. Aber trotzdem vielen Dank für den Hinweis.
Frage: Ist das nun eine nette Geschichte, oder ist sie nett erzählt? Dass es eine erzählte Geschichte ist, braucht man ja nicht besonders zu erwähnen.
Viele Grüße zurück
Rheinmoses
 

Rheinmoses

Mitglied
Hallo Suzannah,
Es freut mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Ja, mit Geschichten, wie die Menschen an ihre Katzen gekommen sind, könnte man wahrscheinlich ganze Bibliotheken füllen. Und besonders schön sind die Geschichten, in der einer Katze in Not geholfen wurde. Wenn sie denn gut erzählt werden…
Liebe Grüße zurück!
Rheinmoses
 

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