Wie ein Boot am Steg

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Ciconia

Mitglied
Ein fahles Licht zu früher Stunde,
November auf dem Winterweg.
Noch schmerzt die tiefe alte Wunde,
ich dümple wie ein Boot am Steg.

Die Nebel lichten sich nur spärlich,
der Tag trägt heut sein graues Kleid.
Und wieder bleibt mir unerklärlich,
warum er mich verließ, der Schneid.

Das Abendrot glüht dennoch prächtig,
von Wolkenfetzen ziseliert.
Gutwetterbote, übermächtig -
ein Narr, wer da aufs Gestern stiert.
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Ciconia,
etwas verächtlich klingt sie ja, deine letzte Zeile, wie sie da alle Verzagtheit schwngvoll wegwischen will. Aber eben deshalb kann ich mich hier selbst wiederfinden: Es wird so lange gehadert, gezaudert, reflektiert, bis auf einmal ein Verlangen sich Bahn bricht, alles Erwägen und Mutmaßen über Bord zu werfen und einen Schritt hinein ins Leben zu machen.
Sehr schön.
lg wüstenrose
 

Willibald

Mitglied
Ungewöhnlich gut.
Eine Selbstermächtigung zur Resilienz und Selbstertüchtigung.
Ein wenig gebrochen, aber gerade in dieser Präzision von tristem Grundgefühl und Felgenaufschwung durch Naturbeobachtung, sehr berührend und seltsam realistisch. Phonographie, seelisch, mindscreen, Kunst der Weiterlebens.
Dennoch.

Beste Grüße

ww
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Wüstenrose,

vielen Dank für diesen Kommentar! Es freut mich sehr, dass ich Dich mit meinem Gedicht erreichen konnte.

Gruß Ciconia
 

Veil

Mitglied
Dein Gedicht gefällt mir ausgenommen gut. Es lässt sich so leicht darin baden. Sogar die Färbung (ich stelle mir ein lebendiges Grau-Rosa vor) zieht mich nicht in einen melancholisch anmutenden Strudel, sondern schießt mich pfeilgenau ins Himmelgrau.

Pudelnasse Grüße

Veil
:)
 

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