Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind

Rezension zu:

Susanne Garsoffky, Britta Sembach, Die Alles ist möglich-Lüge, Pantheon 2014, ISBN 978-3-570-55252-0

Die Vereinbarkeit von Familie mit Kindern und einem Ganztagsjob vielleicht noch mit Karrieregarantie ist eine Illusion, die auf dem Rücken der betroffenen Frauen und Männer, aber erst recht der Kinder von einer sich fortschrittlich gebenden Politik und den Interessen der Wirtschaft an Arbeitskräften permanent genährt wird.

Wie die beiden Autorinnen, die als berufstätige Mütter von Kindern wissen, von was sie reden, überzeugend zeigen, ist diese behauptete Vereinbarkeit etwas, an der die betroffenen Frauen vor allem zerbrechen.

Selbst in einer Partnerschaft oder Ehe, in der die gleichberechtigte Verteilung von Hausarbeit und der Zeit für die Kinder gleichmäßig verteilt ist (kommt nur in Einzelfällen vor), ist die Doppelbelastung von Beruf und Familie unter den gegenwärtigen Bedingungen vor allem für die Frauen nicht auszuhalten. Und die Kinder nehmen Schaden. Denn es kann mir keiner erzählen, dass eine außerfamiliäre Betreuung der Kinder schon ab dem ersten Lebensjahr bis weit in Sekundarstufe I von sieben Uhr bis in den späten Nachmittag für deren Entwicklung förderlich sein kann.

Wenn das alles so bleibt, dann, so die beiden engagierten Journalistinnen, haben Frauen in der Zukunft entweder keine Kinder oder keine Karriere. Wo die Reise hingeht, sehen wir an der Geburtenrate. Vor allem gebildete und ausgebildete Frauen entscheiden sich, oft mit großem inneren Schmerz, gegen die Gründung einer Familie und das Leben mit Kindern. Zumal es offenbar immer schwieriger für sie wird, die entsprechenden Männer für ein solches Lebensprojekt zu finden.

Es geht darum von den stromlinienförmigen Lebensentwürfen wegzukommen. Die Entscheidung, sich um andere zu kümmern (etwa später im Leben auch um pflegebedürftige Eltern), darf nicht zu einem lebenslangen Stigma werden. Frauen (und natürlich auch die immer noch viel zu wenigen Männer) müssen nach solchen „Pausen“ von der Arbeitswelt freundlich und mit Respekt vor ihrer Leistung wieder aufgenommen werden in die Welt der „Teambesprechungen und Teeküchengespräche“.

Durchaus selbstkritisch fassen sie zusammen: „Wir müssen begreifen, dass Familie keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Männer und Frauen haben heute die Wahl zwischen mehreren Lebensmodellen. Und sie entscheiden sich immer öfter gegen die Familie. Weil sie die Verantwortung für andere als einschränkend und die Gründung einer Familie als zu großes Risiko empfinden. Vor allem Männer scheuen davor zurück. Denn sie spüren, dass Fürsorge in unserer Gesellschaft keinen Stellenwert mehr hat. Und so stehen immer mehr junge Frauen mit ihrem Kinderwunsch allein da. Nur wenn Familie als Wert an sich wieder wahrgenommen wird und unterstützt wird, hat sie überhaupt eine Chance. Wer Familien wirklich will, muss die Gefühle von Kindern, Vätern und Müttern ernst nehmen. Wir haben das eine Zeit lange selber nicht getan. Wir haben im Gegenteil unseren mütterlichen fürsorglichen Gefühlen nicht getraut. Kann doch nicht sein, dass uns ein gemeinsames Mittagessen mit einem Habwüchsigen genauso wichtig ist wie die Vorbereitung einer Konferenz.“

Doch.

Es geht um die Veränderung der eigenen Haltung schon im Kleinen und um die Reformen der Sozialsysteme und des Steuer- und Arbeitsrechts.
Auch wenn Hausarbeit, Erziehung, Fürsorge für Kinder und Alte immer weniger wertgeschätzt wird, wir müssen selbst damit anfangen, diesen Tätigkeiten und diesen Lebensabschnitten mehr Anerkennung zu geben. Wenn ich mit meinem Kind spreche oder spiele, kann ich nicht gleichzeitig mit meiner Freundin telefonieren. Viele weitere Beispiele ließen sich finden. Mehr Aufmerksamkeit und Zeit für das, was ich gerade tue, eine gute Organisation, die sich nicht dauernd ablenken lässt von Larifari, Präsenz im ganzheitlichen Sinne – das ist die Aufgabe von Vätern und Müttern.

Mit gutem Beispiel vorangehen und die politisch und gesellschaftlich nötigen Reformen nicht aus den Augen verlieren – so kann Familie vielleicht, verändert zwar und den neuen Rollenverständnissen angepasst, wieder zu dem Ort einer menschlichen Entwicklung werden, wie ihn die Evolution offenbar vorgesehen hat.
 
A

aligaga

Gast
Die Vereinbarkeit von Familie mit Kindern und einem Ganztagsjob vielleicht noch mit Karrieregarantie ist eine Illusion, die auf dem Rücken der betroffenen Frauen und Männer, aber erst recht der Kinder von einer sich fortschrittlich gebenden Politik und den Interessen der Wirtschaft an Arbeitskräften permanent genährt wird.
Außer dir und den von dir offenbar geschätzten Autorinnen (ich nehm mal an: Alleinerziehende, die trotzdem über "Familien" schreiben), hängt doch auch heutzutage kaum jemand dieser Illusion nach. Jeder, der hart arbeitet, weiß, was harte Arbeit ist, und wer ein bisschen Ahnung vom Kinderhaben hat, weiß, was das bedeutet.

Die Mädelz wollen heute selber Karriere machen und sie tun's auch, da brauchen sie keine schlauen Sprüche aus der Politik oder aus "der Industrie" (was immer das sein soll). Mehr als die Hälfte eines Abiturienten-Jahrganges ist heute weiblich, die Studiengänge Human-, Tier- und Zahnmedizin, Pädagogik, Psychologie u. a. sind bald nur noch weiblich besetzt, andere Studiengänge paritätisch. Nur beim Maschinenbau haben die Herren der Schöpfung noch leichte Vorteile.

Was damit gesagt sein soll? Dass die modernen Mädchen und Jungs selber entscheiden, ob sie eine Familie haben wollen und wie groß die sein soll. Da brauchen sie keine schlauen Sprüche Dritter, und Illusionen machen sie sich schon gleich gar nicht. Sie bekommen ihre Kinder inzwischen zehn Jahre später als früher, und mehr als drei werden's i. d. R. nie mehr werden. Viele junge Menschen sehen in der "Familie" längst nicht mehr die Keimzelle des Nationalstaates, sondern organisieren sich anders. Wenn das mit einem Geburtenrückgang verbunden ist, dann mag das den momentanen Rentnern vielleicht zu grübeln geben, den jungen Menschen aber nicht. Die lassen sich nicht mehr zwingen oder verführen, von keiner Kirche, keinem Mutterkreuzverleiher und von keinem Patriarchen. Sie machen ihr Ding selber und lassen sich von keinem mehr ein schlechtes Gewissen einreden.

So sieht's aus. Besser als jetzt war's aus Sicht der Frauen noch nie, und die sind noch lange nicht am Ende. Aber in die Familiengruft, von der mancher Methusalix scheinbar immer noch halluziniert, wollen sie nicht zurück.

Gruß

aligaga
 
D

Die Dohle

Gast
Hallo Winfried Stanzick,

mit Interesse habe ich Deine Buchbesprechung gelesen. Bei der Lektüre kam mir folgende Frage:
Welches ist die Absicht Deiner Rezi? Betrachtest Du das Buch als kritikfähigen Diskussionsbeitrag oder geht es Dir darum, selbst dezidiert Position zu beziehen und insofern das Werk zu loben?

Weil: Den Inhalt, soweit Du ihn darstellst, muß man nicht zwingend loben. Aus meiner Sicht ist es ziemlich egal, wie Familie sich organisiert. Wesentlich ist, dass Menschen tatkräftige zugewandte Solidarität erfahren. Kinder wie auch Erwachsene. Wenn also ein Mann als Hausmütterchen die Erfüllung seines Lebens erfährt, diese Aufgabe zur Zufriedenheit ausfüllt, dann verdient das ziemlich unaufgeregt Respekt in Wort, Tat und Kohle. Umgekehrt, wenn Frau zwar Kinder kriegt, sich aber für eine, die Kindererziehung betreffend, wenig geeignete Person sieht, sondern vielmehr ihre Erfüllung in der Konstruktion von Baumaschinen findet, dann verdient das ebenso Respekt. Asche ist es und verbreiteter Brauch, die unterschiedlichen Lebensentwürfe gegeneinander auszuspielen. Aus meiner Sicht geht es um nichts anderes, als diese unterschiedlichen Entwürfe unter einer solidarischen Haltung zu organisieren.

Also, sofern Du als Rezensent Position beziehst, unterstützt Du die polarisierende Wirkung des besprochenen Textes. Gegner werden das Buch in dem Fall nicht anrühren. Sofern Du den Text als beachtenswerten Diskussionsbeitrag darstellst, gewinnst Du die auch Leser der Gegenseite. Bleibt die Frage: Weches ist dein Plan?

lg
die dohle
 

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