Winter, 2022

4,90 Stern(e) 8 Bewertungen

fee_reloaded

Mitglied
Servus, Frodomir!

Das Mystisch-Keltische ist dir hier sehr gut gelungen und findet sich gedoppelt in der Sprache und im Klang des Gedichts ebenfalls wieder.
Die Giftpilze und der "letzte Winter im Reservat" erzählen subtil aber deutlich die Geschichte, in die der Text eingebettet seine Bedeutung entfaltet. Eine sehr gelungene Momentaufnahme eines Kelten-Schicksals. Wunderbar unaufgeregt und nicht überladen erzählt.

Sehr gerne gelesen!

fee
 
G

Gelöschtes Mitglied 20513

Gast
Müssen wir demnächst mit dem Familienleben der Neandertaler rechnen?

Lieben Gruß, Hanna
 
Hi @Frodomir

ein paar Gedanken zu Deinem Gedicht:

1. Der Dichter benennt das Gedicht "Winter, 2022" und versieht es mit einer interessanten Signatur: "keltisch" dürfen wir dort lesen. Damit könnte eine bestimmte Benennung des angewendeten Formalismusschema gemeint sein, wobei mir "keltische Verse" (anders als zB kretische Verse) nicht bekannt sind. Vermutlich deutet es auf das umklammernde Szenario, in welches uns der Dichter mit seinen Bilder entführen will hin. In diese Richtung hat auch schon Fee interpretiert. Sie nimmt den Hinweis des Autors direkt am Anfang des Gedichtes auf, um das ganze Stück in ein "Mystisch-keltisches Setting" zu verorten, verbleibt allerdings in ihrem kurzen Leseeindruck dabei. Der Zusatz "2022" könnte profan auf das Entstehungsjahr deuten, oder aber den Winter 2022 mit einschließen in das Bilderwerk, das sich in den nächsten Zeilen entfalten will. Dann müsste der geneigte Leser Referenzen wiederfinden, die die Bilder aus der Eisenzeit mit der Jetztzeit zu vereinen im Stande sind.

2. Sodann wird übergeleitet zu dem dominierenden "Rabenbrot", das uns im Laufe des kurzen Werkes wieder begegnet. Diese Bezeichnung wird schon bei den alten Afghanen (die aus dem so benannten Fliegenpilz und gereiftem Ziegenkäse eine gar "augenöffnende Süßigkeit" kneteten) Rabenbrot genannt. Wir finden Verweise in der Lutherbibel in 1. Könige 17, Verse 4+6, wo auch von dem "Rabenbrot" erzählt wird, welches dem Prophet Elias am Bache Krith gegeben wird und der darauf das in seinem Rabenbrot aufgeschlossenes Muscarin und die Ibontensäure genießt . Natürlich handelt es sich in jeder Lesart um den hochgradig mystischen und halluzinogenen Fliegenpilz. Wir erfahren, dass es sich um "den letzten Winter" handelt und assoziieren nach mehrmaligem Lesen direkt die letzte Zeile: "fliegt der Feind über den Wall". Vordergründig könnte hier vom letzten "natürlichen Tag" vor einer großen Schlacht, jedenfalls einem Kampfereignis, auf das kein Winter mehr folgt, die Rede sein. Der über den Wall fliegende Fein könnte auf einen tatsächlichen historischen Überfall der Hunnen, oder der rumänischen Daker referieren, die auf ihren windschnellen Pferden häufig, wie "dahergeflogen" ausgesehen haben müssen.

3. Das Lyrische Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, gräbt im "Reservat", genauer gesagt in einem Fichtenwald nach Wurzeln. Dabei könnte es sich um Heilpflanzen handeln, auch um die Mandragora oder eine andere Wurzel, die im Kontext eines "Tagewerks" an den Feuern zusammengetragen werden sollen. Wir erfahren, dass unser Wurzelgräber eine Frau hat, die einen Armreif hergestellt hat. Dieser ist eine "Beigabe" und wird zu den anderen Beigaben gelegt. Hiermit dürften Grabbeigaben gemeint sein.

4. Sodann schließt das Gedicht mit dem Verweis auf Rabenbrot und Gifthäubling. Nun ist der Gifthäubling anders als das RAbenbrot nicht nur völlig ungenießbar, sondern auch hochgiftig. Dem geneigten Leser drängt sich, nachdem der Dichter den Kreis mit diesen Zutaten und dem sehr wichtigen Hinweis auf die "Beigaben" schließt natürlich auf, dass diese Dorfgemeinschaft, mindestens jedoch dieser Mann und diese Frau ihren eigenen Suizid planen und durchführen werden, im Angesicht des Feindes, der unausweichlichen SChrecken, die geschehen werden, sobald der Feind "über den Wall fliegt". Beide haben nichts mehr entgegenzusetzen, als die Selbstbestimmung über ihr eigenes Ableben. Dafür bereiten sie ihre Gräber vor und legen ihre eigenen Beigaben hinzu mit der Sorgsamkeit, als gäbe es nichts wichtigeres (Tagewerk im Angesicht eines drohenden Überfalls!) Der Mann sammelt den terminalen Gifthäubling, den sich beide möglicherweise unter dem Einfluss des Fliegenpilzhalluzinogen einverleiben werden, um von dieser Ebene zu verscheiden.

Wir müssen also davon ausgehen, dass diese beiden hier sehr stolze Menschen sind, auch gläubige oder spirituelle Menschen, denen ein "geordnetes Ableben inklusive Grabbeigaben" wichtiger ist, als beispielsweise ein Fluchtversuch. Lieber nutzen sie die wenige Zeit die sie noch haben, um ihr eigenes Ablegen vorzubereiten, denn um ihr Leben zu kämpfen.

5. Auszudeuten bleiben die Begriffe des "Reservats" und "abends etwas heimbringen an die Feuer". nun ist der Begriff des Reservats als größeres Gebiet, in dem seltene Tier- und Pflanzenarten geschützt werden bzw. ein den Ureinwohnern (besonders den Indianern in Nordamerika) als Lebensraum zugewiesenes Gebiet schwer aus dem Kontext einer im Einklang mit ihren Ritualen lebenden keltischen Eisenzeitgemeinschaft zu vereinbaren. Hier handelt es sich um einen modernen Begriff, denn die Reservatbildung ist ein Zeichen der Neuzeit. Vorher war sie nicht notwendig, nicht einmal als Konzept bekannt. Wir finden also möglicherweise in diesem Begriff des Reservates den einzigen (über eine reine Allegorie hinausgehende) Rückverweis auf das Jahr 2022. Für mich erschließt sich dadurch jedoch nichts, weswegen ich eher geneigt bin, das Jahr 2022 profan als Entstehungsjahr des Gedichts zu verstehen Das Heimbringen an die Feuer passt wiederum gut in den Kontext einer kleinen Eisenzeitsieldung, so dass ich geneigt bin das Bild für mich so aufzulösen, dass uns der Dichter eine tragische Szene des selbstbestimmten würdevollen Ablebens dieser kleinen Eisenzeitgemeinschaft präsentiert.

6. In meiner Lesart tut er dies mit hohem handwerklichen geschick. Er erschafft eine starke Stimmung, die ungereimt erzeugt wird, allein durch die archetypischen Bilder, die sofort Assoziationen hervorrufen, aber auch durch das Mythologisch unterbaute. Das Bild des Rabenbrotes (wo man auch Fliegenpliz hätte sagen können) fügt sich wunderbar in die düster-tragische Szene ein: die Raben als Vorboten großen Unheils. Die Benennung des Gedichts als "Winter" weist auf eine gerade in der Eisenzeit vorherrschende Zeit der Entbehrung, des Schicksalskampfes mit den Elementen. Das Drama wird verstärkt durch den "fliegenden Feind" vor den Wällen.

Ein Fragezeichen erhält die von mir hier ausgewählte, durchaus kühne und streitbare Interpreation, natürlich durch die Wurzel, die ja der eigentliche Grund des Grabens ist. Streng genommen geht es unserem Gräber ja nur um diese Wurzel. Nur ihretwegen liegt er auf der Erde im Moos. Bezeichnenderweise wird das Ergebnis seiner bodennahen Suche nicht weiter aufgelöst. Allein, wir erfahren noch: "und einmal etwas heimbringen". Dabei könnte es sich natürlich um die Wurzeln handeln, zu deren Bergung unser Gräber in die Fichten aufgebrochen war. Es könnte sich allerdings auch um Rabenbrot und Gifthäubling handeln. Ich neige zu letzterem und unterstelle einen nicht ganz wieder aufgenommenen Faden, der im Gedicht noch lose herumliegt, was allerdins nur meine Interpretation ist (die falsch sein kann). Für mich jedoch Grund genug auf diesem allerdings sehr hohen NIveau von fünf auf vier Sterne abzuwerten, zumals das "Reservat" sich auch dem geneigten Leser nach mehrmaligem Lesen nicht in harmonisch einfügen lassen will.

Mich erreicht das Gedicht vor allem mit dem Armreif der zur Beigabe gelegt wird. Auch der Fichtenwald übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Gestört habe ich mich sehr am "Reservat", weil ich es für mich weder konstruktiv einordnen, noch auflösen konnte. Ein sehr fein gewebtes Gedicht, dessen wirklich Größe erahnen kann, wer sich vergegenwärtigt, wie solch starke Emotionen in wenigen ungereimten Zeilen transprortiert werden können. Handelt es sich um eine bestimmte Form, die Du hier angewendet hast ? Ich frage mich, weil ich positiv überrascht bin ob der transportieren Emotion, die man den Zeilen keineswegs ansieht, oder anliest.

Das Gedicht löst für mich das Versprechen "keltisch" hier erfrischend treu und gleichzeitig kurzweilig in dem komprimierten Drama, das vor uns ausgelegt wird, ein. Dabei gelingt es dem Dichter mit wenigen Zeilen eine Anteilnahme am Schicksal der beiden zu erzeugen und man bleibt etwas sprachlos vor der großen Tat, die dort geplant und mit einer sprichwörtlichen "RUhe vor dem Sturm" umgesetzt werden wird, allein gelassen.

Es sei denn, man ist Blackout und hat nichts weiteres vorzubringen, als ein unmotiviert hingerotztes "Müssen wir demnächst mit dem Familienleben der Neandertaler rechnen".

Ich persönlich würde es sehr begrüßen !

mes compliments

Dionysos
 
Zuletzt bearbeitet:

fee_reloaded

Mitglied
4. Sodann schließt das Gedicht mit dem Verweis auf Rabenbrot und Gifthäubling. Nun ist der Gifthäubling anders als das RAbenbrot nicht nur völlig ungenießbar, sondern auch hochgiftig. Dem geneigten Leser drängt sich, nachdem der Dichter den Kreis mit diesen Zutaten und dem sehr wichtigen Hinweis auf die "Beigaben" schließt natürlich auf, dass diese Dorfgemeinschaft, mindestens jedoch dieser Mann und diese Frau ihren eigenen Suizid planen und durchführen werden, im Angesicht des Feindes, der unausweichlichen SChrecken, die geschehen werden, sobald der Feind "über den Wall fliegt". Beide haben nichts mehr entgegenzusetzen, als die Selbstbestimmung über ihr eigenes Ableben. Dafür bereiten sie ihre Gräber vor und legen ihre eigenen Beigaben hinzu mit der Sorgsamkeit, als gäbe es nichts wichtigeres (Tagewerk im Angesicht eines drohenden Überfalls!) Der Mann sammelt den terminalen Gifthäubling, den sich beide möglicherweise unter dem Einfluss des Fliegenpilzhalluzinogen einverleiben werden, um von dieser Ebene zu verscheiden.

Wir müssen also davon ausgehen, dass diese beiden hier sehr stolze Menschen sind, auch gläubige oder spirituelle Menschen, denen ein "geordnetes Ableben inklusive Grabbeigaben" wichtiger ist, als beispielsweise ein Fluchtversuch. Lieber nutzen sie die wenige Zeit die sie noch haben, um ihr eigenes Ablegen vorzubereiten, denn um ihr Leben zu kämpfen.
Ja, so habe ich das auch interpretiert, Dionysos,

habe aber das 2022 durchaus als Verweis auf die aktuelle Situation des Krieges ganz in unserer Nähe gedeutet. Auch da fliegt der Feind über die Mauern und jeder neue Tag kann der letzte sein. Hier durch das Gedicht dazu angeregt zu werden darüber nachzudenken, ob die modernen Menschen heute anders empfinden im Angesicht eines möglichen Todes, oder ähnlich um ihre letzte Menschenwürde ringen und sich - wie auch immer - vorbereiten für diesen schlimmsten Fall - das allein bewerkstelligt die Beigabe der Jahreszahl und das fand ich schon ziemlich gut gemacht.

Das "Reservat" hat mich ähnlich irritiert anfangs, aber ich denke, überall, wo man sich als die letzten noch Übrigen be- und empfindet, die nur noch auf einem kleinen Flecken auf unbestimmte Zeit ein stark beschränktes Leben leben können, ist ein "Reservat" in gewisser Weise. Gemeint als: es wurde uns ohnehin schon viel genommen, nun ist auch noch das letzte Bisschen bedroht und wir können nirgends mehr hin. Insofern fand ich den Begriff als Verstärkung der Bedrängnis schon gut gewählt.

LG,
fee


PS: spannend fand ich übrigens auch, dass ich den kleinen Hinweis "keltisch" erst überlesen hatte und dennoch sofort im Keltischen angekommen bin. Auch das leistet der Text nämlich.
 
habe aber das 2022 durchaus als Verweis auf die aktuelle Situation des Krieges ganz in unserer Nähe gedeutet. Auch da fliegt der Feind über die Mauern und jeder neue Tag kann der letzte sein. Hier durch das Gedicht dazu angeregt zu werden darüber nachzudenken, ob die modernen Menschen heute anders empfinden im Angesicht eines möglichen Todes, oder ähnlich um ihre letzte Menschenwürde ringen und sich - wie auch immer - vorbereiten für diesen schlimmsten Fall - das allein bewerkstelligt die Beigabe der Jahreszahl und das fand ich schon ziemlich gut gemacht.
Das liebe Fee reicht mir persönlich nicht. Eine hingeworfene Jahreszahl mit der Aufforderung jetzt einmal in einem regressum ad infinitum alle Artefakte anzudocken, die irgendwie ins Bild passen würden, ist mir zu beliebig. In diesem Fall erlaube ich mir auch etwas Flapsigkeit: "hätte hätte Fahradkette.."

aber ich denke, überall, wo man sich als die letzten noch Übrigen be- und empfindet, die nur noch auf einem kleinen Flecken auf unbestimmte Zeit ein stark beschränktes Leben leben können, ist ein "Reservat" in gewisser Weise. Gemeint als: es wurde uns ohnehin schon viel genommen, nun ist auch noch das letzte Bisschen bedroht und wir können nirgends mehr hin. Insofern fand ich den Begriff als Verstärkung der Bedrängnis schon gut gewählt.
Naja. Das ist schon sehr weit ausgelegt. Ein Reservat ist in meinem Verständnis eine Zuweisung eines mächtigeren an einen schwächeren und hat eine Neuzeitlichkeit, die nicht in das Setting des Gedichts passt, jedenfalls nicht, wenn es so "in der Luft hängt" m.M.n.
 

fee_reloaded

Mitglied
"Winter" an sich ist ja schon eine Andeutung auf härtere Zeiten - vor allem, wenn man sich danach vom Text mitnehmen lässt, wird der Titel mehr als eine bloße Bezeichnung einer Jahreszeit, kann aber eben auch mit der Härte des Winters 2022 parallel betrachtet werden.
In Kombination mit der Jahreszahl hat das für mich jedenfalls nicht eines sehr bemühten "Herholens" bedurft. Und spätestens bei den letzten beiden Versen war ich eben sowohl "damals" als auch "heute". Für mich funktioniert das eigentlich ganz gut so. Aber ja - das Reservat ist durchaus schwierig und vielleicht etwas gewagt in seiner Verwendung hier im Text. Das bestreite ich nicht.
 
wird der Titel mehr als eine bloße Bezeichnung einer Jahreszeit, kann aber eben auch mit der Härte des Winters 2022 parallel betrachtet werden.
ja natürlich KANN es das, wobei dann eine völlige Beliebigkeit in Kauf genommen werden muss: DIE Härte des Winters 2022 gibt es vermutlich genausowenig wie DEN KÖLNER. Für den einen ist die Härte des Winters 2022 vielleicht schon damit bezahlt, dass er sich genötigt fühlt, sich (vordergründig) ein Familiengedicht über Kelten reinziehen zu müssen musste und erstarrt schon aus Angst vor den Neandertalern. Für den anderen ist DER Winter 2022 eine Sache von Leben und Tod. Nun schließe ich den Kreis zum Gedicht: Wenn das Gedicht eine solche Beliebigkeitsreaktion suchen möchte (sie quasi durch das schlecht zu fassende und auf das Gedicht zu beziehende 2022 herausforderd) , ist es meines Erachtens nicht gut damit bezahlt, würde selber (meine Meinung!) in eine unschöne tragische Fallhöhre geraten sein.

Nun hat ja ein Dichter in der Regel über ein einmal in die Öffentlichkeit entlassenes gedicht keine ernst zu nehmende Einschätzungsprärogative mehr, wenn er Letztgültigkeit darauf reklamiert, weil sihc das Gedicht an seine Leser verschenkt und darin liegt oftmals eine Aufwertung durch die jederzeit erneuerte Auferstehung in den jeweiligen Rezipienten, weswegen alles vorher gesagt sehr relativ zu betrachten ist und das Werk nicht abwertet. Auch darin steckt am Ende eine naturgemäße Beliebigkeit, das will ich gerne zugestehen. Dennoch interessiert mich natürlich Frodomirs ursprüngliche Absicht sehr. Vielleicht liegen wir - nur daran gemessen- auch beide falsch. Ansonsten ist es wunderbar, Deinen klugen Gedanken zu folgen und sich davon herausfordern zu lassen, liebe Fee
 
Zuletzt bearbeitet:

fee_reloaded

Mitglied
jDennoch interessiert mich natürlich Frodomirs ursprüngliche Absicht sehr. Vielleicht liegen wir - nur daran gemessen- auch beide falsch.
Danke für die Blümchen, lieber Dionysos!
Ich finde unseren Dialog auch sehr spannend und nehme auch mal immer wieder gerne die Perspektive anderer ein. Die eigenen Lesarten und Ansichten kenn ich ja schließlich schon zur Genüge (laaangweilig!!! :cool: )

Ja, mich interessiert das auch sehr. Und natürlich hat das Gedicht nicht allein die Aussage, die ich als Leserin hineinlege. Mir ist schon bewusst, dass ein Dialog zwischen Text und Leser immer Spielraum für viele - teils auch unerwartete - Interpretationen eröffnet. Mich hat Frodomirs Gedicht eben da abgeholt. Für dich bräuchte es offensichtlich mehr Eindeutigkeit, was die Begrifflichkeit angeht (was, wie ich annehme, ein genereller Anspruch deinerseits an ein Gedicht ist).

Ich hoffe doch, er wird das Rätsel bald lösen. ;)

LG,
fee
 

fee_reloaded

Mitglied
Hm. Aber wäre es denn nicht eigenartig, ein "Keltengedicht" zu schreiben, das sich einzig als "wie es damals gewesen hätte sein können" liest? Dem wäre doch jeder historische Roman überlegen...die Vernetzung mit dem Hier und Heute ist schon etwas, das es für mich zu weit mehr macht als einem bloßen Nacherzählungsversuch. Der wiederum würde mir persönlich nicht genügen.
 
ie Vernetzung mit dem Hier und Heute ist schon etwas, das es für mich zu weit mehr macht als einem bloßen Nacherzählungsversuch. Der wiederum würde mir persönlich nicht genügen.
Das kann ich sehr gut verstehen und nachvollziehen. Für mich persönlich käme es vermutlich aufs einzelne Gedicht an, an dem ich die Wertung festmachen wollen würde. In diesem Faden bezogen auf dieses Gedicht bin ich gespannt. Sehr gut möglich, dass ihc bestimmte Aspekte übersehen oder nicht verstanden habe. Ich lass mich überraschen. Merci !
 

Tula

Mitglied
Hallo in die Runde
Ich hatte mich in der Tat gewundert, d.h. kannte weder Rabenbrot, noch war mir die Bedeutung des augenscheinlich unnützen Armreifs klar. Natürlich keine Beigabe für das Abendmahl.

Danke also an Dionysos für die ausführliche Analyse zum Text!

Die Vorbereitungen für den letzten unausweichlichen Moment. Schweres Thema. Die Nuss ist nicht leicht zu knacken, aber einmal geöffnet, finde ich es trefflich verdichtet, mit ausdrucksstarker Pointe.

LG
Tula
 

Patrick Schuler

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich empfehle diesen Text nicht nur, weil der Text herausragend ist, sondern auch weil die folgende Diskussion ein Genuss ist. Ich empfehle also den ganzen Faden.
 

Frodomir

Mitglied
Hallo fee, hallo Dionysos,

euer Dialog, eure Interpretationen und auch euer in die Diskussion getragenes Wissen sind von einer deratigen Qualität, dass ihr mir damit einen literarischen Genuss bereitet. Heiliger Jesus, es ist ein Fest, eurem Gespräch zu folgen! Dann möchte ich mich gerne daran beteiligen.

Der Aufhänger ist offensichtlich der Titel: Ist er eine profane Enttäuschung und beliebig? Oder ein Verweis auf die aktuelle Situation des Krieges? Beides war eigentlich meine Intention nicht.

Ich hoffe, es enttäuscht euch nicht, aber ich habe dieses Gedicht geschrieben, um mich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Ursprünglichkeit, Wildheit und Freiheit in einer Welt bedeuten können, in der diese Werte authentisch nicht mehr erlebbar sind. Ich habe dabei u.a. an die Theorie des Anthropozäns gedacht, welche davon ausgeht, dass eine Natur als eine vom Menschen unberührte Sphäre nicht mehr gedacht werden kann. Ich hatte den wunderbaren Philosophen Gernot Böhme vor Augen, welcher "Über Natur im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit" (Suhrkamp, 1992) schreibt. Und ich hatte mich selbst mit meinen Sehnsüchten und meiner Herkunft von Augen. So habe ich manchmal, auch wenn es sicherlich für manche kitschig anmuten mag, Sehnsüchte nach einer Technik, die geerdeter, ja, erdverbundener ist, als unsere gegenwärtige zunehmend elektronische und der Digitalisierung anheim gefallene. Es mag abwegig klingen, aber in meiner Fantasie malte ich mir, durchaus melancholisch, aus, wie unsere Zivilisation heute ohne Weiteres in der Lage ist, mit einer Drohne über eine Stadt- oder Dorfbefestigung zu gelangen, welche in früheren Zeiten in der Lage war, einen attackierenden Feind in aussichtslose Lagen zu bringen. Jetzt reicht ein Knopfdruck und jede Grenze kann überflogen werden. Ein Verstecken vor der Technik ist nicht möglich.

Mir war es als Folge dieser Überlegungen ein Anliegen, mit meinem Gedicht einen Lebensentwurf, welcher in unserer mitteleuropäischen Geschichte eine Entsprechung haben sollte, kraft der Fantasie mit dem Gegenwärtigen in Verbindung zu setzen. Ich erhoffte mir, den Leser vielleicht in ursprünglichen, ja archaischen Gefühlen erreichen zu können, ohne mir letztlich ganz im Klaren zu sein, wie ich diese benennen würde. So gesehen ist mein Gedicht auch ein Herantasten an Verlorenes, an etwas, was in früheren Kulturen vielleicht noch Namen hatte.

Dies ist die Bedeutungsebene, welche mich beim Schreiben umtrieb, und so erklärt sich auch der Titel, welcher also nicht dazu vorgesehen ist, das Gedicht zu datieren, sondern dem Leser die Möglichkeit eröffnen soll, seine Lebenserfahrung der Gegenwart mit der Fantasiewelt des Textes in Verbindung zu setzen. Letztlich so, wie du es gemacht hast, fee, wenngleich meine Intention nicht auf den Krieg in der Ukraine zielte. Aber das ist egal.

Was deutet im Text nun noch auf diesen Gegenwartsbezug hin? Du hast ja als alleinige Anspielung das Reservat ausgemacht, Dionysos. Und ja, hier liegt, denke ich, die Schwäche meines Textes. Denn ich hatte mich dazu entschieden, den massiven Kontrast von alter und neuer Welt nur anzudeuten und es scheint, als wäre dies letztlich für den Leser nicht mehr erkennbar. Aber ich habe mich gescheut, die Stimmung des Gedichtes zu sehr anzugreifen, also nahm ich es in Kauf, dass man vielleicht "nur" die Geschichte als solche wahrnimmt und sich vielleicht daran erwärmt. Dies scheint offensichtlich ganz gut funktioniert zu haben, das erfreut mich schon.

In deiner Interpretation unter Punkt 5. beschreibst du interessant, wie man nun den Begriff Reservat deuten könnte. Vor dem Hintergrund meiner Intention verstehe ich dieses Wort im Sinne eines Restbereiches des Natürlichen und Ursprünglichen, und zwar nicht als Entität, sondern viel mehr als etwas dem Menschen Innewohnendes, aber durch die Zivilisationsentwicklungen Zurückgedrängtes. Das Graben nach Wurzeln ist somit auch metaphorisch als eine Suche nach diesem Inneren zu verstehen.

Aber das LI sucht in einem Fichtenwald, eine weitere Anspielung auf die Moderne, denn es gibt sowohl natürliche Fichtengehölze, viel eher aber künstliche Plantagen, die allein der Holzgewinnung dienen und ein Ausdruck der oben angesprochenen technischen Reproduzierbarkeit von Natur sind. Eine solche Materialisierung kapitalistischen Denkens ist aber bar jeder Aura und ein Graben nach Wurzeln scheint in diesem Umfeld vergebens. Dem LI bleibt in dieser unbeseelten Welt nur noch der Traum und eine unstillbare Sehnsucht:

noch
einmal im Moos liegen
und abends etwas heimbringen
an die Feuer
Was du, lieber Dionysos, dann über die Würde des selbstbestimmten Abgehens schreibst, kann ich nicht besser formulieren. Es bleibt vielleicht noch zu ergänzen, dass der Selbstmord in diesem Gedicht, zumindest wenn man meiner Intention folgen möchte, allegorisch auf die von mir so empfundene Aufgabe und die Entfremdung von den archaischen Wurzeln unserer Zivilisation deutet. So bleibt nur noch mit einer gewissen Traurigkeit zu resümieren:

Rabenbrot, Gifthäubling
schon morgen
fliegt der Feind über den Wall
Dies also ist der Siegeszug der technischen Welt über die natürliche, welche freilich für uns schon lange nicht mehr wahrnehmbar ist und vielleicht auch nie war, weil der Mensch ein Kulturwesen zu sein scheint. Aber irgendetwas spüre ich doch in mir und ich habe es versucht, in Worte zu fassen.

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich nicht alle Fragen beantworten und auf alle Punkte eingehen konnte. Ich habe versucht, alle Fragen und Anmerkungen in meiner Antwort zu komprimieren, aber ich befürchte, das ist mir nicht zu 100 % gelungen. Eine bestimmte Form habe ich übrigens nicht angewendet. Es war mir insbesondere wichtig, dass dieses Gedicht auch ohne die von mir eben ausführlich beschriebene Herangehensweise funktioniert und so ist die erste Bedeutungsebene genau die von euch wunderbar heraus interpretierte Geschichte einer keltischen Familie. Ich habe mich sehr gefreut, dass das funktioniert und hoffe nun, dass meine Antwort zu einem weiteren Verständnis beitragen konnte.

Ich danke euch herzlich!

Liebe Grüße
Frodomir
 

Frodomir

Mitglied
Hallo blackout,

ich denke, Dionysos hat deinen Kommentar schon ganz gut eingeordnet. Konstruktive Kritik immer gern, Destruktivität aber bringt mich nicht weiter.

Liebe Grüße
Frodomir

~~~

Hallo Tula,

ich freue mich sehr, dass du dir die Mühe gemacht hast, diesen Text und auch die grandiose Interpretation von Dionysos zu erforschen! Ich danke dir auch für deine positive Bewertung!

Liebe Grüße
Frodomir

~~~

Hallo Patrick,

herzlichen Dank!

Liebe Grüße
Frodomir

~~~

Hallo Chandrian,

ich danke dir für deine Bewertung!

Liebe Grüße
Frodomir
 
Hi @Frodomir

vielen Dank für Deine Rückmeldung ! Die zweite Ebene war für mich in der Tat nicht mehr aus dem Text ableitbar. Nun finden wir im Text ja eine terminale Resignation vor der als Lebens (!) gefahr empfundenen "entgrenzten Technik". Sofern Böhme hier Pate gestanden hat, wundert mich, dass die Auflösung nicht im Widerstand gesucht wird. Er war immerhin Initiatior der Verweigerungsformel und hat sich gerade um das "Einfangen" der Wissenschaft in seiner Theorie der FInalisierung bemüht. Insofer er -als Schüler von v. Weizsäcker auch Platoniker und Kantianer gewesen ist- war sein Ansatz ein eher progressiver, um Verständnis und Durchdringung der Primärquelle bemühter. Er und v. Weizsäcker waren ja auch der Ansicht, dass wahres Verständnis der gedankenwelt eines Philosophen nur erlangen kann, wer die Primärquellen studiert. An Sekundärliteratur glaubten sie beide nicht. v. Weizsächer war übrigens ein enger Freund von Heisenberg. Insofern Böhme und v. Weizsächer ja auch Anhäger der Monadenlehre gewesen sind und das Phänomen der Zeit eine wichtige Rolle spielte, gab es hier interessante Diskussionen. Auc hbei Dir finden wir (wieder) eine Übertretung der Zeitgrenzen, eine Verwischung des Zeitpfeils und das gelingt Dir wunderbar harmonisch !

Das Gedicht grenzt sich in seinem Drama erstaunlich davon ab und unsere kleine Familie hadert weder mit ihrem Schicksal, noch versucht sie es zu ändern. Hier hätte der geneigte Leser - dergestalt auf die Spuren Böhmes verwiesen, möglicherweise eine andere Konfliktbeendigung erwartet.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob Dein (Nick)Name hier etwas mit Frodo aus dem Herrn der Ringe zu tun hat. Aber auch Tolkien hat mit dem Herrn der Ringe ja explizit eine Wissenschaftskritik geschrieben. Für ihn war der "eine Ring" nie eine Allegorie, sondern die Quelle des ZWANGES. Die Magie war die Technik seiner Welt und dem Zwang gleichgesetzt, dem UNnatürlichen.

Diese Unnatürlichkeit hättest Du m.E. in das Gedicht an der Stelle einziehen können, wo von dem "Feind" die Rede ist. Hier hätte sich möglicherweise ein frappierendes Bild für das, was Du an Technik kritisierst, angeboten, nichts augenscheinliches wie Bombe, oder Rakete, sondern etwas wirklich poetischer frappierenderes, beispielsweise statt Feind: die Strahlenfaust, das Elektronenauge, die Spulennacht etc.

So gelesen hat Dein Gedicht eine doppelt tragische Pointe: die Selbstaufgabe ohne Kampf und die Selbstverleumdnung vor der Technik (die ja auch teil des Menschen und der Natur ist !). So gelesen erleben wir eine Vertiefung der Spaltung, statt einer Integration.

Das ist Dir wunderbar gelungen und bringt die individuelle Resignation von der Du oben sprichst gut auf den Punkt.

Sehr schön finde ich das Bild, das Du mit der Wurzel intendiert hast. Ja, da kann ich gut folgen und auch, dass er die Wurzel folgerichtig NICHT gefunden hat. Auf den Fichtenwald als (sauerländische) Monokultur bin ich nicht gkeommen, ist aber auch sehr schön stringend und gut nachvollziehbar.

Merci +

Compliments !

Dionysos
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Dionysos,

ich danke dir für deinen erneuten scharfsinnigen und überaus interessanten Kommentar! Ich gehe einmal genauer darauf ein:

Die zweite Ebene war für mich in der Tat nicht mehr aus dem Text ableitbar.
Das kann ich gut verstehen. In einem nächsten Text wäre es vielleicht klug, wenn ich etwaige Deutungsmöglichkeiten für den Leser sichtbarer gestalte, damit dieser in seinem Entdeckerdrang keine Enttäuschung erfahren muss. Allein die Umsetzung eines solchen Anspruches ist nicht die leichteste Übung.

Nun finden wir im Text ja eine terminale Resignation vor der als Lebens (!) gefahr empfundenen "entgrenzten Technik". Sofern Böhme hier Pate gestanden hat, wundert mich, dass die Auflösung nicht im Widerstand gesucht wird.
Nun, die Lebensgefahr bezieht sich freilich nicht in erster Linie auf das Körperliche, sondern auf das dem Menschen Wesentliche: das Lebendige. Und diesbezüglich zeichnet das Gedicht tatsächlich eine terminale Resignation (ein interessanter Ausdruck!), denn ein Widerstand scheint, wenn man von einer Zivilisationsentwicklung ausgeht, welche die Trennung der Sphären von techné und physis, um in der abendländisch-aristotelischen Tradition zu sprechen, nicht mehr gewährleistet, geradewegs undenkbar. Denn wie sollte sich ein Aufbegehren gegenüber der techné entzünden, wenn diese doch bereits als physis wahrgenommen wird?

Wenn ich Gernot Böhme, zumindest das, was ich von ihm gelesen habe, richtig interpretiere, liegt ihm daran, praktische Schlüsse aus seinen Erkenntnissen über die Natur-Technik-Beziehung des Menschen zu ziehen, sei es die von dir angesprochene Darmstädter Erklärung oder seine Versuche, trotz der technischen Durchdringung des Lebens einen Naturbegriff aufrecht zu erhalten, welcher seine ursprüngliche Abgrenzung von der menschengemachten Sphäre nicht verliert. Mein Gedicht ist aber insofern kein Epigone dieser Konsequenzen, da es sich anschickt, darüber hinaus die Frage zu stellen, ob in einer durch die techné determinierten Welt ein im eigentlichen Sinne natürliches Leben utopisch bleiben muss. Und es beantwortet diese Frage mit ja, aber nicht, ohne die Hoffnung zu hegen, dem Leser anhand dieser dystopischen Zeichnung doch den Wert einer Utopie zu vermitteln, welche vielleicht doch noch erlebbar ist. Die Verwischung des Zeitpfeils, welche du ansprichst, soll somit nicht nur Vergangenes und Gegenwärtiges kombinieren, sondern vor allem auch in die Zukunft weisen, weil vielleicht der Leser in Berührung kommen kann mit Instinkten und Eigenwahrnehmungen, welche durch den Text eine emotionale Unterstützung erfahren und letztlich Auswirkung auf das Praktische haben könnten. Freilich kann dies der Anspruch eines solchen kleinen Gedichtes nicht sein, aber denkbar ist es zumindest, dass durch literarische Texte eine solche Berührung und Selbstbestätigung stattfinden kann.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob Dein (Nick)Name hier etwas mit Frodo aus dem Herrn der Ringe zu tun hat. Aber auch Tolkien hat mit dem Herrn der Ringe ja explizit eine Wissenschaftskritik geschrieben. Für ihn war der "eine Ring" nie eine Allegorie, sondern die Quelle des ZWANGES. Die Magie war die Technik seiner Welt und dem Zwang gleichgesetzt, dem UNnatürlichen.
Frodo + Boromir = Frodomir ;) Ich danke dir für diese Interpretation Tolkiens, denn von dieser Warte habe ich den Herrn der Ringe noch nie betrachtet und das ist wirklich ein interessanter Ansatz! Da ich mich mit Tolkien aber noch nie wirklich intensiv beschäftigt habe, sollte ich das nachholen und dabei deine Gedanken im Kopf behalten.

Diese Unnatürlichkeit hättest Du m.E. in das Gedicht an der Stelle einziehen können, wo von dem "Feind" die Rede ist. Hier hätte sich möglicherweise ein frappierendes Bild für das, was Du an Technik kritisierst, angeboten, nichts augenscheinliches wie Bombe, oder Rakete, sondern etwas wirklich poetischer frappierenderes, beispielsweise statt Feind: die Strahlenfaust, das Elektronenauge, die Spulennacht etc.
Ja, in der Tat, hier war mein Verlangen auch groß, die Drohne im Text unterzubringen. Deine Vorschläge gehen ja sogar noch weiter, aber ich muss gestehen, dass ich letztlich froh bin, dies nicht getan zu haben, denn dieser allzu heftige Kontrast hätte auch die Stimmung im Gedicht angegriffen und ich hatte doch so ein heimelndes Gefühl, welches ich nicht zerstören wollte, "nur" um dem Leser meine Intention aufzuzwingen.

So gelesen hat Dein Gedicht eine doppelt tragische Pointe: die Selbstaufgabe ohne Kampf und die Selbstverleumdnung vor der Technik (die ja auch teil des Menschen und der Natur ist !). So gelesen erleben wir eine Vertiefung der Spaltung, statt einer Integration.

Das ist Dir wunderbar gelungen und bringt die individuelle Resignation von der Du oben sprichst gut auf den Punkt.
Vielen Dank! Man kann nicht gegen etwas kämpfen, was man nicht als Feind betrachtet. Letztlich versucht mein Gedicht aber, die beiden Sphären von Kultur und Natur wieder zu trennen, denn ich befürchte, das Wesentliches verloren geht, wenn der Naturbegriff seine Definiertheit verliert. Allerdings ist dies wohl bereits geschehen.

Sehr schön finde ich das Bild, das Du mit der Wurzel intendiert hast. Ja, da kann ich gut folgen und auch, dass er die Wurzel folgerichtig NICHT gefunden hat. Auf den Fichtenwald als (sauerländische) Monokultur bin ich nicht gkeommen, ist aber auch sehr schön stringend und gut nachvollziehbar.
Es freut mich, dass du nun die Metapher der Wurzeln anders deuten konntest und sie nun nachvollziehbar findest.

Herzlichen Dank für das wunderbare Gespräch!

Liebe Grüße
Frodomir
 
Zuletzt bearbeitet:

Tula

Mitglied
Hallo Frodomir

Das kann ich gut verstehen. In einem nächsten Text wäre es vielleicht klug, wenn ich etwaige Deutungsmöglichkeiten für den Leser sichtbarer gestalte, damit dieser in seinem Entdeckerdrang keine Enttäuschung erfahren muss.
Hier jetzt doch ein leiser Einspruch meinerseits. Es gibt immer weitere Deutungsebenen, wie auch bei diesem mit Hinsicht auf Krieg oder andere Formen eines 'unvermeidlichen Endes' auf welches sich Lyrich hier vorbereitet. Die sollte ein Autor aber vielleicht doch dem Leser weitestgehend überlassen. Gerade bei Lyrik scheint mir das wichtig, weil diese eigentlich immer aus einer persönlichen Perspektive, Erfahrung, sprach-ästhetisches Empfinden usw. aufgenommen und emotional bewertet wird.

Auf mich wirkt der Fichtenwald zum Beispiel 'vertraut, heimisch, unverdorben, beschützend' usw. Das will ich gar nicht anders verstehen, und zumindest diesen Böhme kenne ich gar nicht und möchte das Gedicht auf mich einfach wirken lassen, ohne durch ein Grundlagenstudium der Philosophie gehen zu müssen ;)

LG
Tula
 

fee_reloaded

Mitglied
Hier jetzt doch ein leiser Einspruch meinerseits. Es gibt immer weitere Deutungsebenen, wie auch bei diesem mit Hinsicht auf Krieg oder andere Formen eines 'unvermeidlichen Endes' auf welches sich Lyrich hier vorbereitet. Die sollte ein Autor aber vielleicht doch dem Leser weitestgehend überlassen. Gerade bei Lyrik scheint mir das wichtig, weil diese eigentlich immer aus einer persönlichen Perspektive, Erfahrung, sprach-ästhetisches Empfinden usw. aufgenommen und emotional bewertet wird.

Danke, Tula!

Jetzt muss ich das nicht mehr selbst schreiben. Ich sehe das auch so.

So spannend es für mich auch ist, zu wissen, wie der Autor seinen Text "gedacht" hat, so ungern möchte ich mich in meiner Deutungsfreiheit eingeengt sehen. Das nähme aus meiner Sicht einem Gedicht viel zu viel an dessen poetischer Wirksamkeit. Auch, behaupte ich, muss man Herrn Böhmes Lehren nicht kennen, um dennoch mit der eigenen Deutung intuitiv richtig zu liegen oder zumindest nah dran. Auch andere Menschen zerbrechen sich über diese Thematik den Kopf. Und das von ganz allein und auf ihre ganz eigene, individuelle Art. ;)

LG,
fee
 



 
Oben Unten