Yasna und die Zerstörung der Irminsul

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Spirulina

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Yasna kauerte hinter dem Nadelwerk dreier Tannen in einer schmalen Felsnische, etwas über drei Meter hoch im Götterfelsen. Sie bot gerade genug Platz für einen zwölfjährigen Jungen. Die Bäume verdeckten die Nische vollständig, dennoch konnte er aus diesem Versteck hinaus den gesamten heiligen Hain überblicken. Er sah die Irminsul* in der Mitte in ihrer mächtigen Schönheit bis zum Himmel ragen. Still und erhaben stand sie da und begrüßte die vorbeiziehenden Sommerwolken. Ihre Rinde schimmerte silberrot in der aufgehenden Sonne. Ein leichter Wind streifte durch das Laub der alten Eichen neben dem Felsen und Yasna hörte das sanfte Rascheln ihrer Blätter. Ihre Wipfel wogten hoch oben in der Luft wie leichte Wellen. Dahinter stieg der morgendlich-rot-glühende Sonnenball über die Wälder seiner geliebten Heimat. Fasziniert betrachtete er einen Moment dieses Bild. Beinahe hätte er die Gefahr vergessen, die aus Richtung der Eresburg heranpreschte. Man konnte in der Ferne bereits das Hufgetrappel hören.
Schon oft hatte Yasna hier gekauert, wenn er allein sein wollte oder über Wichtiges nachzudenken hatte. Doch dieses Mal war es anders, ganz anders.
Sehr früh, noch im allerersten Grau des Morgens waren sie aufgebrochen: sein Vater Siegesfried, Vaters bester Freund Fürst Widukind, Matthies, der weise Älteste des Stammes und der geachtete Medizinmann Wohlbert. Sein Vater war der Anführer des Flussvolks und Widukind, der oberste Anführer aller Stämme der Saxones*. Und er, Yasna war heute zwölf Jahre alt geworden. Es war nun an der Zeit, ihn den Göttern als nächsten Führer seines Stammes zu empfehlen und um ihren Schutz für ihn zu bitten, bis es dereinst so weit sein würde. Auf dem Weg zur Irminsul hatte er selbst mit seinem neuen Bogen und einem der blitzschnellen Pfeile des Waffenspezialisten ihres Dorfes vor den Augen seiner Begleiter ein Reh erlegt – wie es der Brauch verlangte – und es auch selbst geschultert und zur Irminsul getragen. Hier sollte es den Göttern geopfert werden, um sie gnädig zu stimmen.
Yasna war ein Freund der Waldtiere und es hatte ihm fast das Herz gebrochen, dass er tun musste, was seine Pflicht und Teil des Rituals war. Wenigstens hatte er darauf geachtet, dass sein Pfeil ein älteres Tier traf, das schon ein bisschen müde wirkte. Er sah, wie die vier Männer sich heimlich gegenseitig Blicke zuwarfen. Den Mund seines Vaters umspielte jedoch ein kleines Lächeln, er wusste ja um die Verbundenheit seines Sohnes mit der Natur. Wie ihm sein Vater gelehrt hatte, sprach er mit etwas rauer Stimme die magischen Worte, während er die Hand über dem Herzen des Tieres ins Fell drückte. Bevor Yasna das Reh aufnahm, flüsterte er dem Tier noch ein paar Worte zu: „Verzeih mir, meine Freundin, ich danke dir. Dein Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Ich verspreche dir, dass ich ein angemessener und gerechter Führer sein werde, der seinen Clan, den Wald und die Tiere achtet.“
Am Nachmittag sollten die Spiele, die Kämpfe, die Zeremonie und das Weihefest der jungen Krieger stattfinden. Während sie hier bei der Irminsul den Ritus und das Opfer vorbereiteten, richteten die Menschen im Dorf alles für die Festlichkeiten der Kriegerweihe. Mit ihm zusammen sollten noch drei andere junge Männer ihre Kriegerwaffen und ein Schwert mit einem geschnitzten Griff und dem eingebrannten Zeichen des Flussvolkes überreicht bekommen. Beim nächsten großen Treffen aller Stämme in Marklo an der Weser in zwei Monden würden sie das erste Mal als Krieger teilnehmen dürfen und sie würden Rede- und Stimmrechte erhalten. Die Mädchen würden ihnen scheu hinterherschielen oder kess und frech mit ihnen flirten. Was für ein aufregendes Leben ihn doch erwartete.
Die beiden Wächter, die vorhin Widukind und Vater gewarnt hatten, waren längst weiter, um noch anderen von den Geschehnissen der Nacht zu berichten und ihnen zu raten, sich zu verstecken. Kriegerheere hatten die Eresburg überfallen und fast vollständig zerstört. Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen. Wer nicht getötet wurde oder im Feuer umkam, wurde gefangen genommen. Noch vor dem Morgen mussten sie sich zu einem fremden Gott bekennen. Einem einzelnen großen Gott, der allein herrschte. Sie mussten das laut sagen und so ein seltsames Zeichen mit der Hand machen. Und dann berichteten die Männer noch, dass allen Wasser über den Kopf geschüttet wurde. Für was sollte denn das gut sein?‘, Yasna schüttelte schon allein beim Gedanken daran den Kopf.
Schnell hatte der Medizinmann seine magischen Steine, die geheimen Kräuter und die abgegriffenen Knöchelchen in seinen Taschen verschwinden lassen. Matthies hatte das kleine Feuer gelöscht und frische Erde über der Feuerstelle verteilt, damit keine Spuren zurückblieben. Vater und Widukind versteckten das Reh unter einem dichten Busch am Waldrand und häuften sicherheitshalber noch Zweige und Laub darüber auf. Sie konnten nur hoffen, dass die Soldaten keine Hunde dabeihatten. Vater raunte ihm zu: „Schnell, versteck dich. Bleib still. Wir treffen uns spätestens heute Abend im Dorf wieder.“ Dann verschwanden die vier Männer hinter den Eichen im Dickicht.
Behände war Yasna den steilen Fels nach oben geklettert. Jeder Griff saß. Er hatte es schon oft genug geübt. Auch Pfeile und Bogen oder sein Messer hinderten ihn nicht. Und schon war er hinter den Tannen verschwunden. Nicht einmal sein Vater hatte von diesem Versteck gewusst. Nun konnte man die Pferde schon deutlich hören, auch leichtes Klirren von Metall. Bald würden sie hier sein. Aber was wollten sie bei der Irminsul? Wer hatte ihnen überhaupt verraten, wo sie sich befand? Inzwischen stand die Sonne schon hell an der Himmelsdecke. Es würde heute wieder sehr heiß werden, das konnte man bereits spüren. Der angenehme Wind hatte sich gelegt, als ahne er das drohende Unheil. Erst jetzt fiel Yasna auf, dass kein einziger Vogel zwitscherte, keine Grille zirpte, kein Eichhörnchen und kein Hase war zu sehen. Nichts. Nur die Sonnenstrahlen fielen fröhlich in den wunderschönen Hain. Yasna war es allerdings nicht fröhlich zumute, trotz der aufsteigenden Hitze begann er zu frösteln und ein unsichtbarer Druck presste sich auch seine Brust und ließ ihn schwer atmen.
Yasna beugte sich etwas vor, um nach seinen Leuten zu sehen. Noch beratschlagten sie leise, was sie tun sollten. Er hörte Widukind flüstern: „Das muss der Frankenkönig sein. Ich habe schon von seinen Feldzügen gehört. Machen wir uns nichts vor, seine Angriffe sind grausam und er ist erbarmungslos.“ „Gut, dass unsere Clans in Sicherheit sind. Bis zum Fluss zu meinem Dorf werden sie wohl nicht kommen und bis ins Tal der grauen Wölfe können sie nicht, ihre Pferde würden im Moor stecken bleiben. Den Weg finden sie niemals. Dein Stamm hat nichts zu befürchten“, antwortete ihm mein Vater. „Wir haben den Eingang zur großen Felsenhöhle nicht wieder richtig hinter Steinen und Gehölz versteckt,“ keuchte der Medizinmann Wohlbert erschrocken, „das haben wir völlig vergessen. Wir können nur hoffen, dass sie nicht beim Götterfelsen suchen.“ „Es ist zu spät, seid leise“, raunte Matties, „sie sind gleich da.“ Damit verschwanden die vier im Dickicht. Yasna wusste, dass sie noch da waren, um zu beobachten, was das feindliche Heer bei ihrer Irminsul wollte.
Yasna verlagerte noch ein letztes Mal das Gewicht auf seinen Beinen und suchte eine Position, die es ihm erlauben würde, lange in der gleichen Stellung auszuharren. Er hatte sich wieder etwas beruhigt und atmete tief durch. Gerade als er sich mit dem Rücken gegen die kühle Felsenwand lehnte, preschten wie aus dem Nichts die Reiterhorden in den Hain der Irminsul.

Karl, der König der Franken, saß noch auf seinem Ross, einem stolzen, hohen Rappen, der es vermochte, Karls großgewachsene Gestalt zu tragen. Karl hatte die Stirn grübelnd in Falten gelegt. Seine Männer waren allesamt bereits abgestiegen und hatten ihre Pferde in dem wenigen Schatten angebunden, den es hier gab, wollte man die Tiere nicht zu weit entfernt in den Wald stellen. Man musste vor den Saxones auf der Hut sein, am Ende bemächtigten sie sich noch ihrer Tiere oder ließen sie einfach frei. Die Sonne brannte unbarmherzig, seine Männer und die Pferde hatten Durst. Auf dem ganzen Weg von der Eresburg bis zu dieser Kultstätte waren sie an keiner einzigen Quelle, an keinem Bächlein und schon gar nicht an einem Fluss vorbeigekommen. Kein Dorf und kein Brunnen lagen an dieser Strecke. Die letzten Tropfen Wasser hatten sie unterwegs aus ihren Vorratsbeutel gepresst. Aber nun waren sie hier und Karl wollte sich auf keinen Fall die Blöße geben und unverrichteter Dinge wieder abziehen. Außerdem wusste Karl, wie wichtig diesen Heiden dieser Baum war. Es würde sie schwer treffen, würde er die Irminsul vernichten lassen. Diese Menschen glaubten tatsächlich, eine Säule könnte den Himmel tragen. Es war höchste Zeit, dass dieser Unsinn aufhörte. Christen sollten sie werden, alle, er hatte es sich geschworen, komme was da wolle, freiwillig oder mit Gewalt. Es gab nur einen Gott, seinen, den einzig wahren. Karl klopfte den Staub aus seiner Kleidung, konnte sich aber immer noch nicht entschließen, abzusteigen. Er tätschelte Ogar, seinem Hengst, den feuchtgeschwitzten Hals: „Mein Braver, dann wollen wir mal!“, sagte er und rührte sich nicht vom Fleck. Karl blickte sich um, Saxonen waren keine zu sehen. ‚Vermutlich wegen der Hitze ...‘, dachte er bei sich. Seine Männer standen in Grüppchen zusammen oder hatten sich auf Steine oder auch einfach auf den Boden gesetzt. Sie sahen müde aus. Kein Wunder, sie hatten eine lange Nacht hinter sich. Er gönnte ihnen ein paar Minuten Ruhe, aber es war keine Zeit für eine lange Rast, sie mussten bald weiter und eine Wasserquelle suchen.
Der König der Franken hatte sich dazu entschlossen, einfach im Sattel sitzen zu bleiben. Seine einfache Hose klebte sowieso feucht am Sattel und die Stiefel drückten ihn heute. Vermutlich waren seine Füße geschwollen. Seine Hochstimmung der letzten Nacht war in Missmut umgeschlagen. Er winkte einen der höheren Offiziere zu sich: „Befiehl deinen Männern, sie sollen diesen heidnischen Baum fällen. Jetzt sofort!“, sagte er unwirsch. „Jawohl, mein König, aber es ist das Heiligtum der Saxones, bist du ...“ „Weg mit diesem Götzending, hast du mich verstanden? Sie werden sonst nie mit ihren grausamen Opfern aufhören. Nie! Diesem Frevel an Gott werde ich ein Ende bereiten.“ Sein Gesicht rötete sich zornig und seine hohe Fistelstimme, die so gar nicht zu seiner stattlichen und hohen Gestalt passen wollte, überschlug sich fast. „Na los jetzt“ sagte Karl wieder etwas milder: „Und hol mir den Bischof her, er soll Gebete sprechen, um die bösen Kräfte zu vertreiben.“ „Jawohl, mein König, jawohl“, wiederholte Gießbert. Er hatte schon im Heer von Karls Vater gedient und würde nicht weiter nachfragen. Er kannte den Moment nur zu gut, an dem es besser war, zu schweigen.
Yasna saß wie erstarrt in seiner Felsnische und konnte kaum glauben, was er gehört hatte. Sie wollten die Irminsul zerstören. Der Himmel würde zu Boden stürzen und in Tausende Stücke zerbersten. Er konnte das Entsetzen seines Vaters spüren, auch wenn er ihn in seinem Versteck nicht sehen konnte. Der Klang der Äxte, die sich ihren Weg in das Innerste des riesigen Baumes suchten, hallte unendlich laut in seinen Ohren. Immer abwechselnd schlugen zwei Männer auf den Stamm des Baumes ein. Alle anderen hatten sich aus der Fallrichtung gebracht, auch dieser enorm große König auf dem schwarzen Pferd stand jetzt abseits und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Mit jedem Axthieb blickte dieser König zufriedener, lächelte er nicht sogar? Yasna liefen Tränen die Wangen hinunter und tropften auf seine nackten Beine. Er konnte es nicht verhindern. Er war gezwungen, still dem Sterben der heiligen Irminsul zuzusehen. Auch die vier Männer im Wald bewegten sich nicht. Wie es wohl in ihnen aussah? Yasna vermochte nicht, sich das vorzustellen.
Mit einem furchtbaren Krachen brach der Baum, einem Geräusch, das durch Mark und Bein ging. Die Irminsul stürzte zu Boden - mit einem Aufschlag, der die Welt erbeben ließ. Die Soldaten johlten dazu. Sie waren aufgesprungen und beglückwünschten sich wie bei einem gewonnenen Krieg. Und als ob das nicht schon genug wäre, sammelten sie trockenes Holz und Laub, legten es rund um die Irminsul und zündeten es an. Bei dieser Hitze und in dieser Trockenheit fraß sich das Feuer rasch durch die Rinde und der Baum brannte lichterloh.
Yasna musste aufpassen, dass er im Rauch und Qualm nicht zu husten begann. Der Götterfels war zwar etwas weiter am Rand des Hains, aber doch nicht weit genug. Er sah eine leichte Bewegung bei den Eichen. Sein Vater, Widukind, Matthies und Wohlfried nutzen den Trubel und das Geschrei bei den Soldaten, um zu verschwinden. Die vier Männer hatten genug gesehen und sie schworen Rache. Yasna schlang die Arme um die Beine und drückte seine Stirn an die Knie. ‚Warum lassen sie mich allein? Allein mit einer Horde Wilder, die Krieg gegen einen Baum führten. Vater, hast du mich im Schrecken einfach vergessen?“
Doch plötzlich brach das Geschrei ab und die Soldaten versammelten sich um ihren König. „Geht und sucht die Gegend ab“, sagte er gerade zu ihnen, „Vielleicht findet sich noch etwas Brauchbares. Ich habe gehört, es soll hier einen Schatz geben.“ Yasna drückte sich in den hintersten Winkel seiner Felsnische und machte sich so klein als möglich. Jetzt verstand er auch, warum sein Vater und die anderen verschwunden waren, sie mussten vorausgesehen haben, dass die Soldaten die Gegend durchkämmen würden.
Nicht lange und sie hatten das Reh gefunden und banden es begeistert auf eines der Pferde. Hungern würden sie heute nicht müssen. Eine kleine Gruppe schwerbewaffneter Männer kam direkt auf die Felsen zu, auch auf den Götterfels. Yasna schloss die Augen und betete zu den Göttern. Er betete auch noch, als er plötzlich Freudengeheul vernahm. Sie hatte die große Höhle gefunden. Niemand interessierte sich mehr für die drei Tannen, und es vermutete auch keiner, dass sich dahinter ein zwölfjähriger Junge verstecken könnte. Wozu auch, sie hatten gefunden, wonach sie suchten. Der gewaltige Schatz eines gesamten Volkes, der unermessliche Reichtum der Saxones, den man einem Waldvolk niemals zugetraut hätte.
Karls Laune hatte sich schlagartig verbessert. Er strahlte fast mit der Sonne um die Wette. Mit diesen Kisten voller Gold, Silber, Schmuck und wertvollen Edelsteinen konnte er viele Kriege führen, er konnte seine Soldaten bezahlen und Kirchen und Klöster bauen und es würde noch genug Beute übrig bleiben für die Fürsten seines Landes.
Es sollte Stunden dauern, bis sie alle Schätze auf den Pferden verstaut und verschnürt hatten. Ihren Durst hatten sie in der Aufregung ganz vergessen, doch nun meldete er sich mit Vehemenz zurück. Auch Karl verspürte seinen trockenen Hals und sein Magen knurrte. Er pfiff durch die Finger, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und mit einer Geste, die seine Leute zum Aufsitzen aufforderte, rief er: „Auf, meine treuen Soldaten, suchen wir uns einen Bach oder einen Brunnen und machen heute Nacht Rast. Das haben wir uns verdient. Morgen treffen wir uns mit den restlichen Truppen und ziehen weiter. Es gibt noch viel zu tun bei den Saxones.“

Erst als Yasna ganz sicher war, dass die Krieger Karls weit genug entfernt waren, kletterte er aus seinem Versteck. Er ging zu dem Ascheberg, der noch von der Irminsul übrig war und suchte darin nach einem brauchbaren Stückchen ihres Holzes. Als er es fand, steckte er es in seine Tasche und machte sich auf den Heimweg.
Es dämmerte, als er den Fluss erreichte. Noch die lange Biegung entlang, dort hinter dem Hügel lag ihr Dorf. Seltsam, es roch immer noch verbrannt. Irgendwie schien er diesen Geruch nicht mehr loszuwerden. Er nahm das Stückchen Irminsul aus der Tasche und schnupperte daran, das konnte es eigentlich nicht sein. Yasna beschlich ein furchtbarer Verdacht und er rannte den Rest bis zu seinem Dorf, so schnell er nur konnte.
Hier sah es aus, als seien Riesen über ihre Hütten und Häuser getrampelt. Vereinzelte Häuser hatten gebrannt und ihre Asche glühte noch am Boden. Das ganze Vieh war verschwunden, auch die Hunde. Das Dorf war wie leergefegt. Die Alten waren fort, die Männer, die Frauen und die Kinder. Nichts und niemand war mehr im Dorf. Bis auf ein paar Reste war auch der ganze Vorrat weg. Er suchte sich ein paar Brocken Essbares in den Trümmern und trank einige kräftige Schlucke aus dem Fluss. Er wusste, wo sich das geheime Lager des Waffenschmieds befand. Vielleicht hatten die Feinde das Lager übersehen. Und tatsächlich, sie hatten es nicht entdeckt. Er nahm sein Schwert heraus, jenes, das er heute bei der Weihe zum Krieger hätte erhalten sollen. Jetzt würde es keine Weihe geben, keine Spiele, keine Wettkämpfe und auch kein Fest. Es war niemand mehr da.
Yasna setzte sich auf einen großen Stein und wartete auf seinen Vater und die Rückkehr der anderen drei Männer. Es wurde langsam Nacht, aber sie kamen nicht. Was war geschehen? Hoffentlich lebten sie noch. Hier konnte er nicht bleiben. Er musste sich ein besseres Versteck für die Nacht suchen. Er stand auf und hob sein neues Schwert gegen den Himmel und rief laut: „Ich werde euch suchen und ich werde euch finden. Das verspreche ich euch. Ihr seid mein Volk, ihr seid mein Clan – das bin ich euch schuldig.“
Die Sterne funkelten, der Vollmond beleuchtete träge das Land. Ein junger Mann suchte sich seinen Weg durch den Wald. Innerhalb eines Tages war er zum Krieger geworden, auch ohne Weihe.

*historische Erzählung
*Irmisul = antikes + frühmittelalterliches Heiligtum der heidnischen Sachsen
*Saxones = lateinische Bezeichnung der Sachsen
 
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