Zähne

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Bo-ehd

Mitglied
Auf das Jahr genau weiß man’s nicht, aber der Affe benötigte fünf Millionen Jahre, um sich zu entwickeln. Vor vierzigtausend Jahren unterlief der Evolution dann aber ein Fehler: Aus ihm entwickelte sich der Mensch, das einzige Wesen, das über sein ganzes Leben nicht einmal die richtigen Zähne besaß, um zu überleben. Die ersten bekommt er unter zum Teil unerträglichen Qualen in seiner frühesten Jugend. Sobald sie vollständig sind, fallen sie ihm allesamt wieder heraus. Danach bekommt er neue, aber in einer schlechteren Qualität und nicht einmal dazu geeignet, Nahrung zu zerkleinern. Sie stehen schief, brechen, faulen, entzünden sich oder werden ihnen ausgeschlagen, was ziemlich leicht geht. Wenn sie endgültig zu nichts mehr nütze oder herausgefallen sind, geht er zum Zahnarzt und lässt sich falsche machen. Ja, er nennt sie falsch, obwohl es die einzigen sind, mit denen er richtig kauen und unbeschwert leben kann.
 

rubber sole

Mitglied
(…) und gilt als die Krone der Schöpfung - erdacht und konstruiert von einem 'intelligenten Designer'.
Gerne gelesen.
Gruß von rubber sole
 

Sammis

Mitglied
Hallo Bo-hed!

Ich mag mich täuschen, aber:
Der Mensch entwickelte sich nicht aus dem Affen, sie haben gemeinsame Vorfahren.
Milchzähne bekommt man nicht während der frühen Jugend, sonder als Kleinkind.
Und warum sollen die Zähne eines Erwachsenen von schlechterer Qualität sein, als die eines Kindes?
Selbstverständlich kann der Mensch mit seinen Zähnen Nahrung zerkleinern.
Und sie brechen, faulen oder entzünden sich nicht, wenn man sie vernünftig pflegt.
Zudem ist Zahnersatz kein Garant dafür, unbeschwert Nahrung zu sich nehmen zu können. Nicht selten bringen die sogenannten Dritten erheblich Probleme mit sich.

Was also soll uns dein Text sagen?

Gruß,
Sammis
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Sammis,

ja, du täuschst dich wirklich, denn dieser Text will nicht so gelesen werden, wie du es getan hast. Es handelt sich um einen Aphorismus (einen Sinnspruch, hier eine Erkenntnis, die ohne wissenschaftlichen Tiefgang vermittelt wird, ähnlich wie Geiz ist geil, der Weg ist das Ziel). Bei mir ist die Erkenntnis: falsche Zähne fallen nicht aus und bekommen auch keine Karies. In der Mehrheit der Fälle sind Aphorismen scherzhafter oder nicht ganz ernst zu nehmender Natur. So auch hier.
Ich wollte keinen Diskurs aufmachen über evolutionsbedingte Entwicklungen. Und ja, Affe und Mensch haben eine gemeinsame, sehr lange Entwicklungsphase aufzuweisen, und irgendwann ist der Punkt gekommen, wo sich die Wege geteilt haben. Aus dem einen hat sich der Affe weiterentwickelt, aus der anderen ist der Mensch hervorgegangen.

Früheste Jugend: der Begriff steht hier für die Kindheit. Ich habe übrigens nicht frühe Jugend geschrieben, sondern früheste. Das kann doch nur in Richtung Kindheit gehen.

Haltbarkeit der Zähne: Ich habe hier nicht die Industriestaaten von heute mit ihren Heerscharen von Zahnärzten gemeint, die jedes Zähnchen richten und schneeweiß machen. Mir gehts um das Zahnproblem der Menschheit, und das ist in etwa so, wie ich es geschrieben habe. Bei der Mangelernährung in den letzten Jahrtausenden haben zuerst die Zähne schlappgemacht. Das ist Fakt.

Nahrung: Ich meine nicht die von heute. Ich meine die Naturnahrung vergangener Tage: Nüsse, die keiner kauen konnte, Fleisch, das zu zäh war, Früchte, die "nicht essbar" waren. Das geht ja beim Apfel schon los. Mir kam es bei diesem Text lediglich darauf an, darzustellen, dass die künstlichen Zähne, die falschen, die besten sind. (Falsche Zähne/Prothesen gibt es übrigens bereits seit über 1000 Jahren.)

Also, lieber Sammis, wir sehen das Ganze mal etwas lockerer, erkennen etwas Scherzhaftes in diesem Text und lassen die Tüte mit den Erbsen im Schrank.

Sei herzlich gegrüßt von
Bo-ehd
 

fee_reloaded

Mitglied
Zudem ist Zahnersatz kein Garant dafür, unbeschwert Nahrung zu sich nehmen zu können.
In manchen Fällen schon. Mein erster Zahnarzt hat mir die Zähne so richtig schön kaputt-behandelt. Das hat zu jahrelangem Abbröckeln mühsam erhaltener "Ruinen mit Verfallsdatum" geführt. Müsli, Kaugummi, ein gutes Buttersemmerl und Co...war alles nicht mehr drin, ohne sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Zahnarztbesuch einzuhandeln. Seit ich da Implantate habe, schrecken mich nicht einmal mehr die Nuss-Schifferl vom Lieblingsbäcker! ;)

Was also soll uns dein Text sagen?
Mir jedenfalls sagt der Text genau das Richtige. Bzw. lese ich ihn wohl so, wie er gemeint ist.
Da er ja deutlich ironisch gemeint ist, geht es an der Sache vorbei, sich an naturwissenschaftlichen "Ungenauigkeiten" zu stoßen. Die genau machen doch den Text zu dem, was er ist - aus meiner Sicht wirklich gelungen und unterhaltsam. Hab ihn wirklich gerne gelesen, @Bo-ehd !

Liebe Grüße,
fee
 

lietzensee

Mitglied
Hallo Bo-ehd,
für dich vielleicht das Wichtigste: Das Ende finde ich sehr gut.
Ja, er nennt sie falsch, obwohl es die einzigen sind, mit denen er richtig kauen und unbeschwert leben kann.
Dieses Spiel mit den Worten -richtig- und -falsch- gefällt mir und funktioniert als Pointe sehr elegant.

Auch bei mir haben die "Fakten" im ersten Teil aber den Lesegenuss geschmälert. Ich stimme auf jeden Fall zu, dass ein Prosa-Stück keine Lexikon-Artikel sein muss. Wenn die Wahrheit einen Text zu umständlich macht, sollte man lieber lügen. Subjektiv für mich sind deine Behauptungen aber so schräg, dass sie die Suspension of Disbelief brechen. Es schadet deiner schönen Pointe, wenn sie auf so tönernen Füßen steht.

Mein Rat wäre tatsächlich, den Einstieg umzuschreiben. Dass falsche Zähne zu echtem Genuss führen, könntest du auch an anderen Beispielen zeigen.

du täuschst dich wirklich, denn dieser Text will nicht so gelesen werden, wie du es getan hast
Der Text kann sich seinen Leser aber nicht aussuchen.

Viele Grüße
lietzensee
 
Zuletzt bearbeitet:

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Bo-ehd,
für dich vielleicht das Wichtigste: Das Ende finde ich sehr gut.

Dieses Spiel mit den Worten -richtig- und -falsch- gefällt mir und funktioniert als Pointe sehr elegant.

Auch bei mir haben die "Fakten" im ersten Teil aber den Lesegenuss geschmälert. Ich stimme auf jeden Fall zu, dass ein Prosa-Stück keine Lexikon-Artikel sein muss. Wenn die Wahrheit einen Text zu umständlich macht, sollte man lieber lügen. Subjektiv für mich sind deine Behauptungen aber so schräg, dass sie die Suspension of Disbelief brechen. Es schadet deiner schönen Pointe, wenn sie auf so tönernen Füßen steht.

Mein Rat wäre tatsächlich, den Einstieg umzuschreiben. Dass falsche Zähne zu echtem Genuss führen, könntest du auch an anderen Beispielen zeigen.


Der Text kann sich seinen Leser aber nicht aussuchen.

Viele Grüße
lietzensee
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Lietzensee,
danke für deine interessante Stellungnahme. Wahrscheinlich bemängelst du meinen Hinweis, dass der Mensch eine Fehlkonstruktion ist. Ja, körperlich ist er das: Verglichen mit einem entsprechend großen/schweren Tier, ist er ein Trümmerhaufen. Er hat keine Ausdauer, keine Körperbeherrschung, keine Haare (friert), keine Abwehrkräfte (Infektionen), kaum Selbstheilungskräfte etc.etc. Und sein Gebiss ist eine Katastrophe, weil sich durch unnatürliche Nahrung (Weichgekochtes etc.) sein Kiefer verkleinert hat und nun kein Platz mehr da ist für die 32 Zähne. Das verursacht von Jugend an Probleme. Jeder Zahnarzt wird dir das bestätigen. Ich weiß nicht, was an dieser Argumentation überbordend schräg sein soll.
Doch, doch, der Text sucht sich seine Leser aus, wobei er passiv tätig wird. Wer ein Thema nicht mag, ein Genre ablehnt, einen Autor nicht vertragen kann, diese oder jene Sprache ablehnt oder sogar wie ich bestimmte Verlage ablehnt, filtert sich selbst. Analysier mal deine Reaktion als Leserin hier im Forum. Du wirst genau diese Erfahrung machen. Auf der anderen Seite zieht dich ein Autor an, weil du ihn gern liest. Also: Sein Text hat dich dann gefunden.
Liebe Grüße bo-ehd
 

lietzensee

Mitglied
Hallo Bo-ehd,
ob der Mensch eine Fehlkonstruktion ist, scheint mir für dieses Forum nicht das passende Thema. Sicher kann man das so sehen. Aber lass uns konkret bei deinem Text bleiben. Da waren es vor allem zwei Sachen, die mich beim Lesen gestört haben.
Erstens die ganze Passage über Milchzähne. Bei dir klingt es so, als seien diese ein "Fehler" speziell beim Menschen. Milchzähne haben aber alle Säugetiere, vom Affen bis zu Pferd. Zweitens diese Stelle:
der Affe benötigte fünf Millionen Jahre, um sich zu entwickeln. Vor vierzigtausend Jahren unterlief der Evolution dann aber ein Fehler: Aus ihm entwickelte sich der Mensch
Wie du schon selbst geschrieben hast, verläuft die Evolution graduell. Bei der Trennung von Menschen und Affen ist die Zahl von 40.000 Jahren aber einfach zu fehl am Platz. Zu der Zeit war das Kind schon lange in den Brunnen gefallen.

Wie gesagt, mir ist klar dass das subjektiv ist. Aber für mich haben diese Punkte den Effekt des Textes geschmälert. Denn die Argumente am Anfang sollen ja den Boden für deine Pointe bereiten.


Doch, doch, der Text sucht sich seine Leser aus, wobei er passiv tätig wird. Wer ein Thema nicht mag, ein Genre ablehnt, einen Autor nicht vertragen kann, diese oder jene Sprache ablehnt oder sogar wie ich bestimmte Verlage ablehnt, filtert sich selbst.
Als Gegenbeispiel für diese These fällt mir ein, dass Sammis sich nicht selbst gefiltert hat. Scheinbar hat er deinen Text einfach gelesen, weil er für ihn sichtbar im Forum stand.

Viele Grüße
lietzensee
 

Sammis

Mitglied
Ich weiß nicht, was das mit Erbsenzählerei zu tun haben soll, wenn alle genannten Punkte daneben liegen. Obgleich ich weiß, dass es sinnfrei ist, lasse ich mich darauf ein und greife ein Beispiel auf. Der Sonntag bleibt der Sonntag. Egal wie früh es ist, wird er nicht zum Samstag. Schon klar, der Begriff Jugend ist nicht in Minuten und Sekunden eingeteilt und dadurch klar umrissen. Per Definition handelt es sich dabei jedoch um vier, fünf Jahre vor der Volljährigkeit. Ließe man früheste Jugend als Kindheit gelten, sprechen wir von einem 14, 13 oder meinetwegen von einem 10 Jährigen. Zähne bekommen wir jedoch mit 2 bis 3 Jahren. Daher handelt es sich eher um Freitag, wenn nicht gar Donnerstag. Aber ganz sicher nicht um Sonntag. Oder möchtest du allen ernstes einen 2-3 Jährigen als Jugendlichen bezeichnen?

Gruß,
Sammis
 

fee_reloaded

Mitglied
Ich habe den Text als Stimme einer Person gelesen, die sich über die "Fehlkonstruktion Zähne" aufregt und diese Stimme (eines offensichtlich aufgeregten und mit Zahnproblemen kämpfenden durchschnittlich gebildeten Menschen) als zusätzliches Stilmittel aufgefasst. Das fand ich höchst gelungen, weil durchaus glaubhaft - gerade wegen der kleinen Ungenauigkeiten ;)

Man wirft ja sonst auch nicht automatisch den Autor und die Erzähl-Stimme eines Textes in einen Topf.

Ich wundere mich ein wenig über dieses verbissene Tauziehen hier.

LG,
fee
 

Bo-ehd

Mitglied
Also doch die Goldwaage. Sammis, das ist ein ironischer Text, der zum Schmunzeln veranlassen soll und einzig und allein von der Pointe lebt. Das haben Aphorismen häufig so an sich. Inwieweit der Boden, wie Lietzensee es formuliert, die Basis für die Pointe ist, lass ich ganz bewusst offen.
50% aller Aphorismen beginnen mit einer Behauptung oder Vermutung oder mit einem surrealen Einstieg, wie ich in den nächsten Tagen beweisen werde. Widerlegen sie damit das Genre Aphorismen?
Gruß Bo-ehd
 

Bo-ehd

Mitglied
Liebe fee,
du triffst den Nagel auf den Kopf. Mir wäre es auch lieber, wir würden mit solcher Vehemenz an die großen Probleme herangehen, die hier in diesem Forum auf Schritt und Tritt auftreten.
Gruß Bo-ehd
 

petrasmiles

Mitglied
Sorry, wenn ich mich hier einklinke wegen einer Nebensächlichkeit, aber da ich Aphorismen liebe, zuckte ich schon bei Deiner ersten Behauptung zusammen, Dein Text sei ein Aphorismus. Das ist er sicher nicht. Aphorismen könnte man mit Sinnspruch übersetzen, bei dem in ein bis zwei Sätzen eine sehr verdichtete Wahrheit auf den Punkt gebracht wird. Als Beispiel hier meine Lieblingsaphoristin Marie von Ebner-Eschenbach: "Wir werden vom Leben hart oder weich geklopft, es kommt auf das Material an." Oder: Eine intelligente Frau hat Millionen natürlicher Feinde, alle dummen Männer. (Aus der Erinnerung zitiert).
Ich bin eigentlich keiner, der auf Kategorien herumreitet, aber das hier tat mir zu weh.)

Liebe Grüße
Petra
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo lietzensee,
sehen wir's mal so: An einem Buch wird meine These deutlicher. Wenn es mir nicht gefällt, klappe ich es nach wenigen Seiten zu. Das mache ich beim gleichen Autor vielleicht ein zweites Mal, ein drittes aber nicht. Dann ist der Autor durchs Raster gefallen. Seine Werke finden mich nicht mehr, und ich suche sie auch nicht.
Liebe Grüße
Bo-ehd
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Petra,
Aphorismen sind nicht nur die Ein- oder Zweizeiler. Sie sind zum Teil winzige Geschichten oder etwa Betrachtungen, die zum "Ausholen" ein bisschen mehr Platz brauchen. Wirf einen Blick auf die angelsächsischen Autoren, da wirst du bei Twain anfangen müssen und endest bei Shaw. Sie alle haben sich nicht nur mit der Kürzestvariante zufriedengegeben. Ich stelle eine solche "aphoristische" Geschichte heute Abend ein, damit du weißt, wovon ich rede.
Liebe Grüße
Bo-ehd
 

petrasmiles

Mitglied
Hallo Bo-ehd,

dann werde ich wohl die Individual-Karte ziehen müssen und bekennen, dass ich nur die kurzen mag, mit Power und Erkenntnis. Solche längeren, eher 'komisch' gemeinten liegen mir nicht. Und über Geschmack braucht man nicht zu streiten.

Liebe Grüße
Petra
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Petra,
so ähnlich würde ich es auch formulieren. Lass mich die Sache so zu Ende führen:

Der Aphorismus lautet: Jetzt haben die Menschen endlich Zähne, die nicht von Karies attackiert werden können, und dann nennen sie sie die FALSCHEN.
Zur Erläuterung, dem höheren Lesevergnügen und dem besseren Verständnis wird dieser Aphorismus in einen Kontext gesetzt.
Liebe Grüße
Bo-ehd
 



 
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