Zebrowski zieht um

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Ciconia

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Zebrowski saß rauchend auf seinem kleinen Balkon im Hochparterre und verstand die Welt nicht mehr. Die erste Flasche Bier des Tages stand neben ihm auf dem kleinen Klapptisch, zwei weitere warteten im Kühlschrank. Notfalls würde er noch einmal in den Keller gehen müssen, um Nachschub aus dem halbvollen Bierkasten zu holen.

Er ruckelte sich den blauen Leinenklappstuhl zurecht, der noch aus Hildes Zeiten stammte. Früher waren sie oft mit diesen Stühlen (sie in Grün, er in Blau) zum See gegangen und hatten stundenlang den Enten und Schwänen zugeschaut. Heute war ihm der Weg dahin zu beschwerlich geworden und er beobachtete stattdessen Passanten und Autos, die auf der belebten Straße unter seinem Balkon vorbeikamen. Und ab und zu eine Taube auf der Balkonbrüstung.

Der Brief von der „Hausverwaltung Roeder“ lag neben der Bierflasche auf dem Tisch, Zebrowski wollte ihn später noch einmal in Ruhe lesen. Seitdem er den Brief am späten Vormittag geöffnet hatte, konnte er an nichts anderes mehr denken.

Von der nahen Bushaltestelle eilten die ersten Berufstätigen zurück in die Hochhaussiedlung. Der Strom würde jetzt ein bis zwei Stunden lang nicht abreißen. Zebrowski kannte einige von ihnen nun schon vom Sehen. Die meisten nahmen den alten Mann, der in einer Ecke des mit allerlei Schnickschnack und Rankelpflanzen versehenen Balkons saß, nicht wahr. Warf doch mal jemand aus Versehen einen Blick hinauf, wandte er ihn meistens sehr schnell wieder ab.

Durstig leerte Zebrowski die erste Flasche, dann fischte er widerwillig das Schreiben aus dem Briefumschlag. „Kündigung wegen Eigenbedarfs“ las er und schnaufte verächtlich. Mit einer sechsmonatigen Frist. Immerhin. Wahrscheinlich war das gesetzlich so vorgeschrieben, dachte er. Wozu brauchte ein Mann wie Roeder, der in einem Riesenanwesen am Stadtrand wohnte, diese schäbige Zweizimmerwohnung als Eigenbedarf? Sein erwachsener Sohn würde bestimmt nicht hierher ziehen wollen. Aber wahrscheinlich würde Roeder eine alte Tante oder Schwippschwägerin als neue Mieterin aus dem Hut zaubern. Zebrowski kannte so eine Geschichte von einem Bekannten.

Er schlurfte zum Kühlschrank, öffnete die zweite Flasche und grübelte weiter. Morgen würde er zuerst beim Mieterverein anrufen, das hatte der Bekannte damals auch gemacht. Vielleicht konnten die ihm helfen. Einfach wollte er es Roeder auf keinen Fall machen. In seinem Alter noch einmal umzuziehen, kam für ihn nicht in Frage.

Draußen riss der Strom der Heimkehrer allmählich ab, als Zebrowski die nächste Flasche aus der Küche holte. Ob ihn vielleicht jemand angeschwärzt hatte? Die alte Boysen vom zweiten Stock hatte sich neulich über den Lärm zu mitternächtlicher Stunde beschwert, als ihn einer seiner letzten Kumpel besuchte. Und auch über den Gestank aus seinem Kellerabteil hatte sie sich ausgelassen. Er wusste selbst nicht, woher der kam, wollte aber demnächst mal gründlich aufräumen. Hilde hatte immer gesagt, man müsse rechtzeitig mit dem Entrümpeln beginnen, bevor man es selbst nicht mehr konnte.

Er musste jetzt sowieso noch einmal in den Keller, bei der Gelegenheit könnte er schon mal schauen, was da unten überhaupt alles stand.
Hildes grüner Klappstuhl fiel ihm als erstes auf. Und zwei Paar Langlaufski. Er konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie zum letzten Mal in Gebrauch gewesen waren. Na ja, es kam wohl eine ganze Menge zusammen, sogar selbstgemachte Marmeladen von Hilde standen noch in einem der hinteren Regale. Er hatte es zwar beim Umzug aus der großen Wohnung nach Hildes Tod nicht übers Herz gebracht, die Gläser zu entsorgen, später aber auch keinen Appetit mehr darauf gehabt.
Mit zwei weiteren Bierflaschen tapste er schwer atmend zurück nach oben. Er sollte bald mal zum Arzt gehen und sein Herz untersuchen lassen, dachte er. Bevor er sich wieder nach draußen setzte, holte er eine Wolldecke vom Sofa. Es war sehr frisch geworden auf dem Balkon.

Am frühen Morgen sah eine junge Frau auf dem Weg zur Bushaltestelle eine zusammengesunkene Gestalt auf dem Balkon im Hochparterre sitzen. Auf dem Tischchen standen zwei leere Bierflaschen. Diese Frau wandte sich nicht sofort ab, sondern wählte 112.

Vier Wochen später vermietete Roeder die überraschend schnell frei gewordene Wohnung – mit der von Zebrowski einbehaltenen Kaution renoviert – zu einem überhöhten Preis. Von Eigenbedarf war nicht mehr die Rede.
 
G

Gelöschtes Mitglied 22298

Gast
hallo ciconia

wieder von unaufdringlicher souveränität deine im alltag der 'einfachen' menschen angesiedelte erzählung
was im keller übel riecht wissen wir nicht
das üble am schluss hat schon eine andere qualität

gruß
gun.
 

John Wein

Mitglied
Hallo Ciconia
Ich habe es wieder gern gelesen. Deine Texte lesen sich einfach gut, sind aufgeschriebene Bilder, die schon beim Lesen im Kopf eigene Erinnerungen wachrufen können.
Gruß, John
 

Bornstein

Mitglied
Liebe Ciconia,

Die Geschichte hat mir sehr gefallen. Du malst ein Bild, das mit kurzen aber präzisen Strichen ein Stuck von Wirklichkeit beschreibt. Zusätzlich, mit Roeder und sein Schreiben, noch etwas über die soziale Ungerechtigkeit, und wie Regeln und Gesetze dies nur bekräftigen. Sehr gerne gelesen.

Claudio
 

lietzensee

Mitglied
Hallo Ciconia,
die Geschichte ist gut erzählt, wie Bornstein sagt, mit kurzen und präzisen Strichen gezeichnet. Eine große Schwäche sehe ich allerdings im Ende. Ich kann keine Verbindung erkennen zwischen seinem Tod und dem, was vorher erzählt wurde. Sein Tod wirkt willkührlich. Wäre der Brief in der Post verloren gegangen, wäre er genau so gestorben.
In den letzten zwei Absätzen wechselst du die Erzählperskeptive dann noch für eine Schusspointe, die ich ziemlich vorhersehbar fand. Ich wäre überraschter gewesen, wenn der Nachmieter wirklich Eigenbedarf gehabt hätte.

Viele Grüße
lietzensee
 

Ciconia

Mitglied
Hallo lietzensee,

vielen Dank, dass Du Dich mit diesem Text beschäftigt hast.
Sein Tod wirkt willkührlich. Wäre der Brief in der Post verloren gegangen, wäre er genau so gestorben.
Nein, das glaube ich nicht. Der alte Mann hat sich extrem über den Brief aufgeregt, er ist offensichtlich nicht mehr ganz gesund (das Herz!), er hat (wahrscheinlich aus Frust) zu viel getrunken und ist in der Kälte sitzen geblieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Tod durch den Brief mit verursacht wurde, ist also höher als ohne Brief.

Mit der Schlusspointe wollte ich unterstreichen, dass es dem Vermieter wahrscheinlich von vornherein um etwas Anderes ging. Somit hätte Zebrowski vielleicht gute Aussichten auf das Durchsetzen eines Widerspruchs gehabt.

Gruß, Ciconia
 

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