Zeitlos

Ihre körperliche Ausdehnung ist vertikal wie horizontal in der Regel bei männlichen wie bei weiblichen Varianten eher bescheiden. Die Rede ist von gewissen Literaten, die sich anschicken, im Rahmen einer Gruppen-Lesung eigene lyrische wie prosaische Werke vorzutragen. Ihr ganzes Gehabe vermittelt bei der Vereinbarung der Programmabfolge der Lesung beinahe unterwürfige Zurückhaltung. Gäbe es entsprechende Daten, könnte ich mit Sicherheit statistisch nachweisen, dass diese Spezies mit Vorliebe an vorletzter Stelle lesen. Aber kaum haben sie Lesepult und Mikrophon erobert, legen sie los.
Weniger ärgerlich ist das für jene, die vor ihm oder ihr lesen. Den Letzten aber beißen die Hunde, die, werden sie denn geweckt, bekanntlich besonders bissig sind. Der letzte im Reigen der Gruppenleser war kürzlich ich. Mein schmalbrüstiger, nicht sonderlich großwüchsiger Vorgänger auf dem Stuhl des Lesenden las und las, ohne einmal aufzublicken, und war bereits weit jenseits der vereinbarten zehnminütigen Lesezeit bei inzwischen einer sehr guten halben Stunde. Der Moderator der Lesung wies, ständig nervöser werdend, auf seine vermutlich wegen ähnlicher Erfahrungen überdimensionale Armbanduhr hin. Das übersah jener ebenso großzügig, wie das inzwischen fast ausnahmslos gähnende nicht mehr zuhörende Publikum. Einige verließen leise und diskret den Raum. Sie würde ich als nach ihm Lesender mit meinen Texten natürlich nicht mehr erreichen. Selbst die Verbliebenen aus ihrem Halbschlaf zu holen, könnte schwer genug werden. Nun gut, es gelang mir leidlich mit einem relativ humorvollen Text. Außerdem verdankte ich einem weniger diskret-lautlosen Zuhörer, der die Tür krachend ins Schloss fallen warf, ein plötzlich hellwaches Publikum.
Als ich nach der üblichen Nachlese in der Kneipe und nach mehr als drei Bier den Mut fand, meinem Vorgänger meinen Ärger zu offerieren, sah der mich verständnislos an, nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus seinem Rotweinglas und ließ mich wissen, er trage bei Lesungen nie eine Armbanduhr. Das setze ihn nur unter Zeitdruck. Und seine Texte, die seien ohnehin zeitlos.
 

Der Andere

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haha. jaja. schöne pointe, herr Feldkamp, ich hätte vielleicht noch über eine stärkere verknappung oder -dichtung nachgedacht. dennoch: gut getroffen, eine kolumne, die unterhält. meine texte sind zeitlos. jaja.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Schade, dass das eher so wirkt, wie nur wenige Stunde nach dem Akut-Ärgern aufgeschrieben statt wie effektvoll durchkonstruiert.

Ich versuch mal zu erklären: Du holst am Anfang zu einer großen General-Watsche aus, verlierst dich dann in der wortreichen Darstellung des eigentlichen Problems mit solchen Lang-Lesern. Bei all dem stellt sich der Leser auf Bild & Stimmung ein, auf klassisches Erzählen. Die Pointe knallst du dann aber in Kabarett-Form raus – jetzt muss sich der Leser plötzlich das verdatterte Gesicht des Erzählers (bzw. den stark kommentierenden Gesichtsausdruck, den der Kabarettist auf der Bühne aufsetzen würde) vorstellen und bekommt im Text nicht mal Platz dafür, denn der Text endet just an dieser Stelle. Bei Kabarettisten gehört zur "Nummer" noch der abschließende (wertende) Blick, bei reinem Text kannst du etwas analoges z. B. durch einen Schlusssatz erzeugen. Ich war sprachlos. könnte so ein Satz sein. Oder Was soll man da noch sagen. Oder etwas, was den erzählenden Ton wieder aufnimmt wie z. B. Ich sah den Knaben einen Moment lang an. Dann klopfte ich ihm tröstend auf die Schulter und sagte: „Nur keine Sorge! Wahn ist heute schon recht gut heilbar.“

Anderer Ansatz: Die Pointe ist sehr dicht (sie transportiert in 20 Wörtern, dass der Typ zu doof ist, das Problem zu verstehen, zu sehr Stümper, um zu wissen, dass man sowas nicht erst während der Lesung "auslitert", und zugleich so größenwahnsinnig, dass er die Qualität seiner Arbeit maßlos überschätzt). Der Rest des Textes geht genau andersrum vor: Um zu sagen "er liest zu lange und schläfert (mir) das Publikum ein" brauchst du etwa 100 Wörter. Dadurch steht eine Disharmonie.
 
Hallo jon,
danke für deine Kritik. Allerdings kann ich sie nur zum Teil annehmen.
Es handelt sich bei meinem Text eher um eine Glosse, die m.E. ruhig "offen" enden kann. Gerade ein Kabarettist würde auf einen entspannenden Nachsatz verzichten...
Das Ausholen zur Generalwatsche - ist sicherlich zu weit ausgeholt...
Daran werde ich noch arbeiten müssen...
Herzliche Grüße
Karl
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Vielleicht habe ich es nicht klar ausgedrückt: So wie das Ende hier drangebaut ist, kann das ein Kabarettist durchaus auf dem Papier stehen haben. Aber er trägt es ja vor und da ist die Nummer eben nicht nur der Text, sie ist eben nicht mit diesen Worten zu Ende sondern mit dem "abschließenden Blick". Bei einem reinen Text (und das soll das hier ja sein) müsste der Effekt, den der Kabarettist mit dem Blick erreicht, durch Text erreicht werden. So, wie es jetzt da steht, fühlt es sich (für mich) abgehackt ab (diese "Blick" ist einfach abgehackt).

… wie kommst du darauf, dass ich es nicht für eine Glosse halten könnte? Diese Idee überrascht mich.
 
Literaten, die sich anschicken, im Rahmen einer Gruppen-Lesung eigene lyrische wie prosaische Werke vorzutragen, vermitteln bei der Vereinbarung der Programmabfolge der gemeinsamen Lesung beinahe unterwürfige Zurückhaltung. Gäbe es entsprechende Daten, könnte ich mit Sicherheit statistisch nachweisen, dass sie mit Vorliebe an vorletzter Stelle lesen. Doch kaum haben sie Lesepult und Mikrophon erobert, legen sie los.
Weniger ärgerlich ist das für jene, die vor ihm oder ihr lesen. Den Letzten aber beißen die Hunde, die, werden sie denn geweckt, bekanntlich besonders bissig sind. Der letzte im Reigen der Gruppenleser war kürzlich ich.
Mein Vorgänger auf dem Stuhl des Lesenden las und las, ohne einmal aufzublicken, und war bereits weit jenseits der vereinbarten zehnminütigen Lesezeit bei inzwischen einer sehr guten halben Stunde. Der Moderator der Lesung wies, ständig nervöser werdend, auf seine vermutlich wegen ähnlicher Erfahrungen überdimensionale Armbanduhr hin. Das übersah jener ebenso großzügig, wie das inzwischen fast ausnahmslos gähnende nicht mehr zuhörende Publikum.
Einige verließen leise und diskret den Raum. Sie würde ich als nach ihm Lesender mit meinen Texten natürlich nicht mehr erreichen. Selbst die Verbliebenen aus ihrem Halbschlaf zu holen, könnte schwer genug werden. Nun gut, es gelang mir leidlich mit einem relativ humorvollen Text. Außerdem verdankte ich einem weniger diskret-lautlosen Zuhörer, der die Tür krachend ins Schloss fallen ließ, ein plötzlich hellwaches Publikum.
Als ich nach der üblichen Nachlese in der Kneipe und nach mehr als drei Bier den Mut fand, meinem Vorgänger meinen Ärger zu offerieren, sah der mich verständnislos an, nahm einen weiteren kräftigen Schluck aus seinem Rotweinglas und ließ mich wissen, er trage bei Lesungen nie eine Armbanduhr. Das setze ihn nur unter Zeitdruck.
Und seine Texte, die seien ohnehin zeitlos.
Erneut setzte er sein Glas an und blickte mich über dessen Rand an, als sei ich nicht in der Lage, wahre Literatur zu verstehen.
 
Hallo jon,
hoffentlich habe ich Dich jetzt richtig verstanden,
Ich habe versucht, meinen Text Deinen Anmerkungen entsprechend umzuarbeiten...
Herzliche Grüße
Karl
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Genau sowas meinte ich, diese Lösung gefällt mir richtig gut: Sie verstärkt die Pointe nochmal, gibt ihr Raum zum Wirken. Und mit "Ende offen" hattest du recht: eine Antwort/Reaktion des Erzählers ist wirklich nicht nötig, es funktioniert auch so prima.

Beim neuen Anfang irritiert mich, dass du dich bei "Literaten" ausnimmst. Das Wort an sich ist ja noch keines für "diese Art Literaten", sondern umfasst eigentlich alle Schreiberlinge. Irritierend wirkt es auch durch den Zusatz "die sich zu lesen anschicken", denn das genau hast ja auch du in diesem Fall getan. Und alle anderen (Literaten und "Literaten"), die zwar mit Vorliebe auf dem vorletzen Platz gewesen wäre, es aber "nicht geschafft" haben, neigen doch sicher auch zum Überziehen, oder? Oder neigen sie nur dazu, wenn sie den begehrten Platz bekommen haben …
Mir ist schon klar, dass das Wort als Klammer zum Schluss hin ("wahre Literatur") dient, deshalb sollte es bleiben. Was hältst du von einer Einschränkung der Art "Manche Literaten". Oder etwas mit "Es gibt Litertaren, die - wenn sie sich anschicken …"? Das ist keine Generalwatsche (der Art "Das sind Vollpfosten!"), wirft aber trotzdem nicht alle Autoren in einen Topf.
 
Lieber Jon,
zunächst einmal ganz herzlichen Dank für Deine Mithilfe.
"Es gibt Literaten" ist doch kein Pauschalurteil über alle Literaten...
Also diese Formulierungen möchte ich jetzt doch gern lassen ...
Herzliche Grüße
Karl
 

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