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Oliver Beck

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Sie betrachtet ihre Konstruktion sorgfältig, stolz, fast liebevoll von allen Seiten. Das schlanke Gestell aus dunklem, gebürstetem Stahl. Die am oberen Ende des Gestells etwas behelfsmäßig montierte fast handtellergroße Speziallinse, die makellos poliert in der Sonne glänzt und es zulässt, dass sie ihr Auge nicht direkt an das Instrument pressen muss. Den schweren stabilen Standfuß mit den Gumminoppen am Boden - die Idee kam ihr noch kurz vor dem Aufbruch hierher, als sie ihre dicken Anti-Rutsch-Socken beim Packen in der Hand hielt. Das silbrig glänzende filigrane Stellrad, das die von ihr entwickelte revolutionäre Mechanik im Inneren des Gestells bediente, und das es ihr erlauben sollte, ein Objekt in bisher unerreichtem Faktor zu vergrößern. Und der Objekttisch - die Fläche, auf der sie das zu untersuchende Objekt platziert hat. Die Andeutung eines Lächelns huscht über ihr Gesicht, als sie ihren Blick auf den unter die Lupe zu nehmenden Gegenstand richtet. Einfacher geht es kaum. Das zweithäufigste chemische Element, nach Sauerstoff. Silizium. Zu finden in ... einem Sandkorn.

Einen Tag zuvor hatte sie das Mikroskop endlich fertig gestellt, und sie konnte es kaum erwarten, es zu testen. Ein wenig wollte sie sich allerdings noch gedulden, um dem Erlebnis mehr Gewicht zu verleihen, es außergewöhnlicher zu gestalten, es zu einer so erinnerungswürdigen Aktion zu werden zu lassen wie möglich. Sie hatte sich eine Art Ritual ausgemalt - das banale Element an einem Ort seines natürlichen Vorkommens zu untersuchen. Ein Ort, an dem sie für sich alleine sein kann, ihre Ruhe hat. Ein Ort, der der Besonderheit ihrer Erfindung gerecht wird.

Noch am Abend packte sie ihre Sachen, konnte kaum einschlafen in Erwartung des nächsten Tages und brach deshalb voller Ungeduld schon um 3 Uhr Nachts auf. Zum Ozean. Zum Strand.

Jetzt sitzt sie hier, auf einem flachen Felsen, der es ihr erlaubt, das Mikroskop stabil zu platzieren. Ein Sandkorn ist auf dem Mikroskoptisch platziert. Noch sieht sie zu wenig, die Sonne ist nicht ganz aufgegangen. Nur ein schwacher Lichtstreifen lässt zu, dass sie den Horizont erkennen kann, der den weiten Himmel über ihr und den gewaltigen Pazifik vor ihr teilt. Ganz alleine am weiten Strand fühlt sie sich winzig inmitten der Leere. Sie ist ungeduldig, und ihr ist kalt. Sie stapft ruhelos in kleinen unregelmäßigen Kreisen durch den Sand um den Felsen herum. Immer wieder hält sie an, blickt auf die Linse, kann aber noch nichts erkennen.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, die Sonne ist noch immer nicht richtig zu sehen, doch die Sterne am Himmel sind einem sanften Blau gewichen, genügt die Helligkeit aus. Und sie betrachtet die Welt zum ersten Mal durch die Augen ihres Mikroskops.

In der großen Linse sieht sie das vorher unscheinbare Sandkorn deutlich und um ein vielfaches vergrößert in verschiedenen Farben und einer komplizierten Form glitzern. Sie ist beeindruckt, wie etwas so einfaches bei näherer Betrachtung einen so hohen Grad an Details hat, so wunderschön sein kann. Aber was sie jetzt sieht kann auch jede bessere Lupe. Das ist nicht, wofür sie das Mikroskop gebaut hat. Der spannende Part wird erst nach einigen Umdrehungen des kleinen Stellrades beginnen - wenn der Vergrößerungsfaktor so hoch wird, dass das Bild in dieser Auflösung bislang nur in Umrissen und farblos durch Elektronenmikroskope oder Rasterkraftmikroskope betrachtet werden konnte.

Sie gibt sich einen Ruck, nimmt einen Schluck von ihrer Wasserflasche, stellt sie neben sich auf den Felsen, beugt sich über die Linse ihres Mikroskops und beginnt ihre Expedition in die Mikroebene des Sandkornes. Sie lächelt kurz. Nicht Mikro. Das hier geht tiefer. Wenn alles funktioniert, sollte sie ihr Weg von Milli über Mikro zu Nano, weiter zu Piko und schließlich sogar zur Femtoebene bringen.

Langsam umschließen Zeigefinger und Daumen ihrer rechten Hand das Rädchen, fühlen die metallische Kühle und die gezahnte Oberfläche, die einen guten Griff ermöglicht, und beginnen das Rad gleichmäßig und millimeterweise zu drehen. Das Sandkorn kommt in ihrem Sichtfeld näher und näher, die kleinsten Erhebungen werden detaillierter und füllen das Bild mehr und mehr aus. Selbst die kleinen Unregelmäßigkeiten wirken so groß wie Schluchten, in die sie mit ihrem Mikroskop weiter eintaucht. Sie gelangt auf den Boden einer Schlucht, inzwischen eine große Felslandschaft voller flacher kristallförmiger Steine, fühlt sich wie ein Besucher auf einem fremden Planeten. Und dringt in einen der Steine weiter ein. Vor ihr entfaltet sich ein dreidimensionales Netzwerk aus seltsamen kleinen Pyramiden. An jeder der vier Ecken einer Pyramide befindet sich eine weitere, ein Muster, das sich in alle Richtungen endlos weiter erstreckt, wie ein verrücktes Kunstwerk, eine Welt aus einem Traum - die Siliciumdioxidmoleküle, aus denen das Sandkorn besteht. Als sie nun die kleinen Sauerstoff Atome und die fast doppelt so großen Siliziumatome an den Ecken und Kanten der Pyramiden erkennen kann nimmt sie auch das ganz leichte, langsame Zittern des gesamten Konstruktes wahr - die Spannung der Bindungen, die wie durch unsichtbare Kräfte in alle Richtungen gezerrt werden, aber doch ihre Position halten. In der Mitte des Siliziumatoms, an das sie nun heranzoomt, umringt von wahnsinnig schnellen und nur schemenhaft wahrnehmbaren Bewegungen der Elektronen, ein klar zu erkennender Kern, der aus vielen in einer Art Kugel dicht aneinander gedrängten ... Dingen ... besteht. Das müssen die Nukleonen sein, die Neutronen und Protonen des Kerns. Sie bewegen sich ineinander, wie ein wuselnder Haufen kompakter Ameisen. Allerdings kann sie ihre Form nicht wirklich zuordnen. Die merkwürdig aufgebauten Nukleonen kommen näher, sind jetzt sehr groß, und es ist zu erkennen, dass jedes in Wirklichkeit aus jeweils drei kleinen Bällen, Quarks, besteht. Deren Umrisse sind zwar auszumachen, die Farbe der Oberfläche selbst kann sie allerdings aus irgendeinem Grund nicht einordnen. Die undefinierbare Fläche kommt näher und näher, wird dabei immer dunkler - bis komplette Schwärze das Bild ausfüllt. Dann viele lange Sekunden nur noch Schwärze, am Bild vor ihr scheint sich trotz weiteren Zoomens gar nichts mehr zu ändern.

Leere.

Mit hektischen Handbewegungen vergrößert und vergrößert sie das Bild immer weiter, doch es ist nichts zu sehen. Bis sie plötzlich einen hellen Punkt in der Mitte ausmachen kann. Der Punkt wächst und wächst, streckt sich zu einem Oval, in dem wiederum Strukturen auszumachen sind. Nein, kein Oval, sondern ein langgezogener flacher Strudel aus leuchtenden Punkten, mit einem gleißenden Auge in der Mitte, der nach außen hin ausfranst und keine klaren Grenzen vorzuweisen scheint.

Wunderschön.

Irgendwann fast nur noch Helligkeit, als sie wie fremdgesteuert in den äußeren Bereich des Strudels eintaucht und die hellen Punkte das Blickfeld ausfüllen.

Was sind das für Lichtpunkte?

Dann nimmt die Helligkeit wieder nach, als einer der Punkte näher und näher kommt und die anderen in einer schwarzen Unendlichkeit nach außen verschwinden. Der eine aber scheint auf einmal so hell zu sein, dass sie die Augen leicht zusammen kneifen muss. Sie dreht weiter am Stellrad, und sieht eine winzige schwarze Kugel vor dem Lichtpunkt vorbeiziehen. Dann noch eine. Eine weitere Handbewegung führt ihr Blickfeld an den Kugeln vorbei zu einer dritten Kugel. Näher und näher - erschrocken zuckt sie zurück, wobei sie die Wasserflasche mit ihrem Arm streift, die klirrend umfällt.

Das kann nicht sein! Oder? Was sie dort sieht - die Kugeln, die um den Lichtpunkt kreisen, ein riesiger Strudel aus unzähligen dieser Lichtpunkte - in ihr drängt sich das Bild einer Sonne auf, mit Planeten, die sie umkreisen - das Sonnensystem, inmitten der Milchstraße. Aber ... ein Planetensystem in einem Sandkorn? Sie schmunzelt über sich selbst und den verrückten Gedanken, schafft es aber nicht ganz, ihn zu verwerfen. Und bemerkt ihre zitternden Finger, als sie sich wieder vorlehnt, um das Mikroskop zu bedienen. Sie muss wahnsinnig aufgeregt sein.

Sie schaut erneut auf die große Linse und sieht ihn ganz klein vor sich, den "Planeten". Sie kann ihn nicht wirklich erkennen, meint aber zu sehen, dass er aus blauen und weißen Farbtupfern besteht. Mit einer kaum wahrnehmbaren, leicht zittrigen Handbewegung dreht sie erneut das Stellrad des Mikroskops. Es gelingt ihr kaum noch, langsam heran zu zoomen - das Rad erlaubt selbst mit filigranen Bewegungen die winzige Vergrößerung des Zoomfaktors für ein langsames Herantasten nicht mehr - und mit einem Mal sieht sie ein Bild vor sich. Farben und Formen, wie gemalt. Eine große blaue Fläche, eine große rötlich weiße Fläche, dazwischen ein Streifen aus wunderschönen weißen Schlieren. Das Bild bewegt sich - die Schlieren wachsen, verschieben sich und scheinen sich immer wieder neu auf die rot-weiße Fläche zu schlängeln. Da wird ihr klar was sie sieht - es ist Wasser, das sich in Wellen auf einen Strand wirft und Gischt aufwirft. Von oben betrachtet.

Also ... doch ein Planet?

Trotz zitternden Händen gelingt es ihr, das Bild ein kleines Stück zu vergrößern. Und erneut ist sie geschockt. Das Mikroskop scheint an seine Grenzen zu kommen, denn die Konturen und Farben der Objekte fangen an, ineinander zu verschwimmen. Dennoch erkennt sie groß und deutlich den Strand direkt vor ihr. Den Strand und eine Person, die sich darauf befindet. Eine Person, die gebückt über einem Objekt sitzt und hochkonzentriert darauf schaut. Die Haltung, das Aussehen, die auf der Seite liegende Wasserflasche, die Umgebung - das ist sie!

Erschrocken schaut sie sich um. Kann das wirklich sein? Sie wirft erneut einen Blick in das Mikroskop. Tatsächlich. Der Fels, auf dem sie sitzt, die Düne neben ihr - die Umgebung ist dieselbe. Ist ... es einfach unendlich? Eine unendliche Schleife? Im kleinsten Teil des Universums befindet sich einfach dasselbe Universum erneut? Warum? Was für einen Sinn ergibt das? Sie blickt über sich, wie um ihr Mikroskop dort schweben zu sehen. Ein blauer Himmel, ein paar versprenkelte weiße Wolken, sonst nichts. Natürlich nicht, wie auch.

Sie blickt erneut durch das Mikroskop, und aus Versehen - eine winzige Bewegung ihrer Finger an dem filigranen Stellrad reicht aus - hat sie die Zoomstufe erneut verändert. Und sieht nur noch Schwärze vor sich. Hat sie das Rad gerade aus Versehen so weit zurück gedreht, dass sie wieder am Anfang ist, dort, wo sie in das Quark hineingezoomt hat, die unendliche Leere und Weite des "Universums" - welches auch immer es ist - vor sich? Merkwürdig. Sie hätte schwören können, dass sich das Rad in die andere Richtung bewegt hat. Sie zoomt minimal hinaus. Und sieht ihr Mikroskop direkt vor sich. Das ganze Bild ausfüllend. In der Linse ihres Mikroskops.

Sie zoomt wieder hinein. Sieht eine leicht zuckende Masse aus kugelförmigen Objekten vor sich. Der Siliziumatomkern. Weiter hinein. Und da ist wieder die Schwärze. Sie begreift. Sie sieht das Sandkorn jetzt nicht durch das Mikroskop direkt vor ihr, sondern durch das Mikroskop, das sie in ihrem Mikroskop sieht. Eine Ebene tiefer sozusagen. Sie zoomt weiter hinein. Und wieder - die Milchstraße, das Sonnensystem, die Erde. Sie. Am Strand. Mit dem Felsen und der auf der Seite liegenden Flasche.

Für eine solche Tiefe dürfte die Auflösung des Mikroskops gar nicht ausreichen. Aber die Verkettung der Mikroskoplinsen scheint dafür zu sorgen, dass sie immer weiter hinein zoomen kann. Sie dreht weiter am Rad. Und wieder im Schnelldurchlauf, Molekül, Atom, Quarks, Schwarz, Milchstraße, Sonne, Erde, sie am Strand. Ihr wird schwindelig. Sie muss die Augen schließen. Steht auf, merkt, dass sie leicht orientierungslos ist und strauchelt vor Schwindel. Es fühlt sich ein wenig an, als wäre sie plötzlich aus einem tiefen Traum erwacht, müsste sich erst wieder in der echten Welt zurechtfinden.

Ungläubig betrachtet sie ihr Mikroskop. Kann es sein, dass sie einen Fehler bei der Konstruktion gemacht hat? Dass das Licht irgendwie "im Kreis" läuft, und so eine Endlosschleife entsteht? Nein, das ergibt keinen Sinn. Wie sollte sie sich denn so durch das Mikroskop selbst von oben sehen können? Die einzige Erklärung ist unglaublich: Dass sie sich selbst, ihre umgefallene Wasserflasche und der Strand IN diesem Sandkorn befinden.

Die Erde befindet sich darin. Das Universum befindet sich darin. Alles.

Sie hält inne. Lacht kurz. Das ist absurd. Das ist so absurd, das muss ein Traum sein. Natürlich. Erleichtert schließt sie die Augen. Ein Traum! Warum ist ihr das nicht früher aufgefallen? Sie kichert. Und kann nicht aufhören, als sie daran denkt, wie sie sich gerade gefühlt hat. Wahrscheinlich ist sie einfach am Strand beim Warten auf den Sonnenaufgang eingeschlafen.

Ihr Lachen wird stärker. Verstärkt sich selbst, so komisch erscheint ihr die ganze Situation.

Sie versucht, sich zu beruhigen, hält inne, holt einmal tief Luft und öffnet die Augen. Immer noch das gleiche Bild. Sie zwickt sich in die Hand. Autsch. Keine Veränderung. Nochmal, dieses Mal mit den Fingernägeln. Ahh! Fuck. Das tut ja richtig weh. Sie schaut auf ihre Hand. Moment - hatte sie nicht mal aufgeschnappt, dass die eigenen Hände im Traum nie richtig aussehen? Dass immer etwas falsch ist? Eine falsche Anzahl an Fingern, Gelenken, oder einfach etwas widernatürliches? Sie inspiziert ihre Hände. Sie sehen normal aus. Sie dreht sie in alle Richtungen, tastet die eine mit der anderen ab. Normal. Woran kann man noch erkennen, ob man träumt? Wie kann man sich noch aufwecken? Sie ist ratlos, hat alles probiert, was sonst so funktioniert. Träumt sie etwa doch nicht? Sie will, dass sie träumt. Will nicht, dass das, was sie gesehen hat, Wirklichkeit sein kann. Es ist zu verwirrend, zu unbegreiflich. Aber einen solch intensiven und bewussten Traum hat sie auch noch nicht erlebt.

Sie analysiert ihre Situation: Ihr fällt keine Möglichkeit ein, zu erkennen, ob sie sich in einem Traum befindet oder nicht, keine Möglichkeit, aufzuwachen. Die einzig sinnvolle Vorgehensweise ist also, davon auszugehen, dass das hier kein Traum ist. So widersprüchlich das Erlebte auch ist - sie muss davon ausgehen, dass es die Realität ist.

Sie setzt sich wieder auf den Felsen. Vor ihr Mikroskop. Und schaut erneut hindurch. Sie will sich vergewissern. Schaut wieder durch die Linse, hebt einen Arm und winkt. Und kann sich dabei selbst von oben beobachten. Als ob eine Kamera auf sie gerichtet wäre. Sie nimmt die Hand zurück an das Stellrad, stellt es wieder komplett auf den Ausgangsfaktor zurück. Sieht das Sandkorn sehr stark vergrößert vor sich. Und nimmt sich vor, ruhig zu bleiben, sich auf eine logische Vorgehensweise zu konzentrieren und das Bild in einer gleichbleibenden Geschwindigkeit zu vergrößern.

Sie holt tief Luft, und beginnt, mit gleichmäßig rhythmischen Bewegungen ihres Zeigefingers und Daumens das Stellrad zu drehen. Das Bild kommt ihr in kleinen Sprüngen in diesem Rhythmus entgegen.

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Die wie ein fremdartiger Planet aussehende Oberfläche des Sandkorns.

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Das kaum wahrnehmbare Zittern des Kristallgitters der Moleküle vor ihr.

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Das Siliziumatom mit seinen vielen Nukleonen, die sich in einer beeindruckend perfekten Kugelform in der Mitte ballen.

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Die dunkle Oberfläche eines Quarks, umgeben von einer kreisförmigen Ahnung eines Scheins, die es erlaubt, dessen Grenzen zu erkennen.

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Schwärze.

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Die Milchstraße.

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Ein Halbkreis aus Millionen winziger leuchtender Punkte vor einem kaum noch zu sehenden schwarzen Hintergrund. Einer der Milchstraßenarme in Nahaufnahme.

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Die Sonne, als einsamer winziger heller Punkt inmitten einer gewaltigen Schwärze.

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Die Erdkugel - die Erdkugel?? - die Hälfte des Bildes ausfüllend. Ein spektakulärer Anblick, der sie an Satellitenbilder erinnert.

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Sie fällt der Erde entgegen, es fühlt sich an, als hätte man sie aus großer Höhe fallen lassen. Der Ozean, die Küste.

Zoom.

Sie fällt weiter. Der Strand, ein Mensch - sie.

Zoom.

Sie fällt auf sich, muss sich beherrschen, nicht erschrocken nach oben zu schauen.

Das Mikroskop in Nahaufnahme, mit seiner Linse.

Zoom.

Wieder das Sandkorn.

Das Sandkorn in groß.

Das Sandkorn größer.

Die Atome.

Schwärze.

Die Milchstraße.

Sie bemerkt kaum, wie sie trotz ihres Vorsatzes die Geschwindigkeit, mit der sie das Stellrad dreht, immer stärker beschleunigt, die Augen weit aufgerissen schon lange nicht mehr blinzelt, immer schneller atmet, flacher atmet, ihr leicht schwindlig wird - sie fällt geradezu in das Bild hinein. Sandkorn, Milchstraße, Erde, Sandkorn, Milchstraße, Erde, immer und immer wieder rast die Szenerie an ihr vorbei, zehn Mal, hundert Mal. Sie registriert jetzt, dass sie leicht benommen ist - ob durch ihre Atmung oder die unbegreiflichen Bilder weiß sie nicht - und schließt für einen winzigen Moment die Augen.

Als sie die Augen wieder öffnet sieht sie, dass das Bild auf sie gerichtet ist. Aber - was? Das passt nicht. Auf dem Bild schaut sie durch das Mikroskop, genau wie jetzt. Mit ihrer Hand kann sie die feinen Erhebungen an der Kante des kleinen Zoomrädchens unter ihren Fingerspitzen fühlen. Und dennoch hat die in der Linse zu sehende Person diese Hand nicht am Mikroskop. Nein - die Hand, der Arm, ist in die Luft gestreckt und winkt. Sie blinzelt kurz, bemerkt dabei kaum, wie sehr ihre Augen vor Trockenheit gereizt sind. Und beobachtet in ihrem Mikroskop, wie sie - Sie?? - langsam ihren Arm wieder senkt und an das Mikroskop führt. Was ... sie versteht nicht. Zuerst. Langsam beginnt sie zu begreifen, was sie dort sieht. Das ist sie - aber vor fast einer Minute. Sie erinnert sich, dass sie den Arm gehoben und gewinkt hatte, um sicherzugehen, dass sie sich dort selbst sieht.

Wie kann das sein? Sie fängt wieder an, das Zoomrad zu bedienen. Dreht es und dreht es, so schnell sie kann, mit starren, zittrigen Fingern, bis ihre Sehnen an der Hand schmerzen und die kleinen Zacken am Stellrad sich schmerzhaft in ihre Fingerkuppen pressen. Wird langsamer und stellt den Fokus erneut auf sich ein.

Das kann nicht sein.

Was sie sieht, ist wieder sie selbst. Aber wieder verhält sich die Person auf dem Bild nicht so, wie sie sich gerade wirklich verhält. Stattdessen beobachtet sie, wie die Person - sie - aufrecht sitzt, fast erschrocken, und auf die Wasserflasche schaut, die auf dem Boden liegt und noch etwas hin und her rollt, die aussieht, als wäre sie gerade umgefallen, und aus der das Wasser ausläuft.

Sie schließt die Augen. Lehnt sich zurück, richtet sich auf, und spürt jetzt erst so richtig, dass ihre Augen tränen, der Rücken von der gebeugten Haltung schmerzt, und sie am ganzen Körper zittert.

Sie versucht einen klaren Gedanken zu fassen. In ihrem Kopf rast und tobt es, sie schafft es nicht, in ihren gewohnt logischen Bahnen zu denken - ein verrückter Gedanke jagt den anderen und erst als sie die Augen öffnet, ihre Wasserflasche wie eine rettende Boje mit den Blicken fixiert und tief Luft holt, gelingt es ihr, Ordnung in das Chaos in ihrem Kopf zu bringen.

Auf den ersten "Ebenen" hat sie sich selbst gesehen, in Echtzeit beobachten können, was sie tut, wie sie ihren Arm hebt. Sehr viele Ebenen tiefer hat sie sich dann wieder gesehen. Auch dieses Mal konnte sie beobachten, wie sie ihren Arm hebt. Nur dass sie das zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr tat. Das Ereignis lag viele Sekunden in der Vergangenheit. Und zum Schluss, viele viele Ebenen tiefer, sah sie, wie sie ihre Wasserflasche umstieß - was noch länger her war. Sie kann nicht zuordnen, wie lange, ihrem Zeitgefühl traut sie gerade nicht.

Es spielt auch keine Rolle, für das, was sie langsam begreift.

Was sie dort gesehen hat, ist tatsächlich die Erde, ist tatsächlich der Strand, an dem sie sitzt, und ist tatsächlich sie selbst vor dem Mikroskop. Genau das trifft auf jede weitere Ebene auch zu, in die sie tiefer und tiefer hineingetaucht ist.

Die Ebenen sind aber nicht einfach eine Endlosschleife.

In den kleinsten Teilen des Sandkorns sieht sie sich nicht nur selbst - sondern sich selbst, einen winzigen Zeitpunkt in der Vergangenheit. Mit jeder Ebene, die sie tiefer hinabgestiegen ist, hat sie einen weiteren Schritt in die Vergangenheit gemacht.

Dieses Mikroskop, ihr Mikroskop, kann nicht nur Objekte so detailliert darstellen wie es noch nie zuvor möglich war - man kann damit in die Vergangenheit schauen!
 
Zuletzt bearbeitet:

Oliver Beck

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Das ist die erste Geschichte, die ich je geschrieben und anderen Menschen zum Lesen zur Verfügung gestellt habe. Interessantes Gefühl, einen Text so "schutzlos" den kritischen Augen Anderer zu präsentieren.

Ich hoffe, ihr habt Spaß daran :)
 


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