Zwei Seiten einer Medaille (Sonett)

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blackout

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Zwei Seiten einer Medaille
Meinem Lehrer K. G. gewidmet

Es war ein Tag wie all die andern Tage,
die ich gelebt, vermerkt nicht im Kalender.
Ich dachte ihn gewiss nicht als Vollender
der Träume, die ich stumm im Herzen trage.

Ich litt noch an der jüngsten Niederlage,
als ich verstand, auch sie verspricht Gewinne.
Verlust, Gewinn – sie hielten sich die Waage!
Sehr langsam wurde ich der Wahrheit inne.

Mich schmerzte es, mein mähliches Verstehen,
ich wog sie ab, die Gründe Für und Wider,
so manches schien mir fast wie Totenklage.

Es brauchte Zeit, den Fehlschluss einzusehen,
ein Feuer ging durch mich und meine Glieder,
und nichts blieb offen, keine Daseinsfrage.
 

Mondnein

Mitglied
Scheinbar, blackout,

fehlt der konkrete Biß, der Zahnschmelz. Der faktische Grund der in sich kreisenden Reflexion bleibt dem Leser unbestimmt, abstrakt, -

aber konsequent wird hier der seelische Fußabdruck einer verinnerlichten Kritik (bzw. eines Tritts von oben, vom Chef) nachgezeichnet. Das kann sich genügen, ja das genügt.

Es ist eine Nachdenklichkeit, die der Leser nicht mitdenken kann, da er nicht herauslesen kann, was die selbstkritikwürdige Handlung des lyrischen Ichs gewesen sein soll.

Wobei "Selbstkritik" zum Umerziehungsarsenal sozialistischer Diktaturen gehört hat, oder noch dazu gehört, wenn man zu der Million Uiguren zählt, die ihre Sprache und Religion vergessen dürfen und zu Hanchinesen veredelt werden wollen.

Aber die Ursachenquellen irgendeiner Echospur von "Selbstkritik" gehen den Leser nichts an.
Die (durchaus sonetttypische) Nachdenklichkeit bleibt deshalb der distanzierte Nachhall einer Demutsgeste, etwa wie bei Betrachtung eines traurigen Menschen, dessen Niedergeschlagenheit man nur von außen vor sich hat, wenn man seine Beweggründe nicht mitgeteilt bekommt.

grusz, hansz
 

blackout

Mitglied
Jeder Kommentator schreibt so, wie er es versteht. Du weißt nicht, worum es geht, aber du vermutest irgendeine dunkle Geschichte von Demut und Unterwerfung. Dies aber entspricht nicht dem Text, wie du sehr gut lesen kannst. Ich habe diesen Text meinem Lehrer geschrieben, der kann mit jedem Wort was anfangen. Dass ich ihn überhaupt eingestellt habe, hängt damit zusammen, dass ich mal eine andere Form ausprobieren wollte. Und ich habe festgestellt, es geht.

Gruß, blackout
 

Mondnein

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"wie du sehr gut lesen kannst" - werch ein Illtum: Ich kann nicht besonders gut lesen. Ich habe nicht so einen tollen Lehrer gehabt wie Du, blackout.

grusz, hansz
 

blackout

Mitglied
Dass du einen so tollen Lehrer hattest wie ich, nehme ich dir unbesehen ab, das erschließt sich ja schon aus deinem Kommentar. Und das ist traurig - für dich. Selbst wenn ich ins Gedicht aufgenommen hätte, was das Thema des Disputs war, würdest du es nicht verstehen. In dem Gedicht geht es aber weder um Selbstkritik (was für ein Schablonendenken!), sondern darum, wie langsam eigentlich das Ich (das nicht ich bin, es ist ein lyrisches Ich) bisher Unbekanntes aufnimmt, das sich ihm als Neues, mitunter auch als dialektischer Widerspruch offenbart. Der Titel weist ja bereits auf die Dialektik hin. Der Mensch denkt in eingefahrenen Spuren, die keinesfalls das Ergebnis des Selberdenkens sind, sondern ihm anerzogen sind. Ich habe diesen Vorgang des Aufschließens einer neuen Welt im Denken des Menschen darstellen wollen. Das Denken in eingefahrenen Spuren ist ein Tunneldenken, Mondnein. Und genau dagegen geht das Gedicht an, ohne es auszusprechen. Dass dir das Gedicht deshalb nicht gefällt, das verstehe ich. Ich habe es ja auch nicht für dich geschrieben. Ich sage mal kühn, du wirst dich nie ändern, selbst dann nicht, wenn man dich mit der Nase in den Dreck stößt. Vielleicht hattest du mal die Chance, aber du hast sie nicht wahrgenommen - siehe die eingefahrenen Spuren. ;)

Gruß, blackout
 

Mondnein

Mitglied
"dialektischer Widerspruch zum herkömmlichen Denken" -

genau so wird "Selbstkritik" von denen, die sie einfordern, verstanden. Man kann es einfach nicht genauer darstellen als Du es tust. Exakt dieser Pseudohegelianismus, in den Schlüsselbegriffen der Selbstkritiks-Psychologie.

Eine scharf konturierte Einbahnstraße: Dem, der zur Selbstkritik aufgefordert ist, wird "herkömmliches Denken" unterstellt; "dialektisch" ist der Selbst-Widerspruch des Selbstkritikers schon dadurch, daß er sich in Angeklagten und Richter aufspalten muß und zugleich den richtigen Klassenstandpunkt auf der Richterseite und die Berichtigung des Klassenbewußtseins im dialektischen Selbstverhältnis des sich Widersprechenden aufbringen muß.

Die absolute Klarheit Deiner Formulierungskunst, die Genauigkeit deines "Selbstkritik"-Begriffs, vor allem aber die unendliche Selbstaufspaltung Deines lyrischen Ichs im dialektischen Selbst-Widerspruch - das beweist Dein poetisches Geschick.

grusz, hansz
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Du bist eine Pfeife, Mondnein, dir ein solches Zeug unter die Schuhe schieben zu lassen ... und beim Ausrutschen auch noch aufs Akademische zu insistieren, obwohl dein Gegenüber dem gar nicht gewachsen ist.

Na ja ...
 

blackout

Mitglied
DOSchreiber, du hast absolut recht, ich taug nichts, ich kann wirklich nicht so tolle Sachen wie du schreiben. Ist eben alles Schicksal ...

Tränenbleich, blackout
 

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