Zwischen uns der Strom

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Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
„Hin und zurück?“, fragt der Kassierer der kleinen Fähre.
Der unförmige Kasten verdient die Bezeichnung Schiff nicht. Fast lautlos zieht er seine Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Beim Aussteigen überfällt mich heftiges Bauchgrummeln. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Üppige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den penibel gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgestoßen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mehr mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

anbas

Mitglied
Hallo Anonymus,

dies ist ein wirklich guter Text, finde ich. Vielleicht zu persönlich, um ihn aus der Anonymität herauszuholen? Verdient hätte er es aber!

Liebe Grüße

Andreas
 

Ciconia

Mitglied
Liebe Anemone,
das wäre eine Interpretationsmöglichkeit von mehreren.

Lieber Andreas,
danke für Dein Lob. Zu persönlich ist der Text bestimmt nicht, ich wollte einfach mal meine „Textqualitäten unabhängig vom Ansehen des Autors“ (Forentext) bewertet wissen.

Liebe Grüße
A.
 

anbas

Mitglied
OK, das kann ich nachvollziehen - mache ich hin und wieder auch so.:D
Aber, wie gesagt: Ich finde ihn gut. Er würde sich auch gut in der Prosa machen.

Liebe Grüße

Andreas
 

herziblatti

Mitglied
Hallo, der Text hat mich beschäftigt, er gefällt mir sehr gut.
Was m.E. noch nicht sitzt, ist der Einstieg, [blue]lauernde Vergangenheit, Fähre/Schiff/Fährschiff[/blue], der Absatz ist umständlich. Überdenken, zusammenfassen, kürzen, bis "Vom westlichen Ufer ... ab da passt es.
[blue]Bauchgrummeln[/blue] kriegt man auf Kirschen und Wasser - du meinst sicher ein anderes Bauchgefühl, bitte präzisieren.
Stille rundherum, und so viel inneres Beben
Klasse-Satz & Schluss. Den letzten Satz würde ich weglassen, er schwächt ab.
Frage zum Titel: zwischen welchem "uns"? Insgesamt: feine Miniatur. LG - herziblatti
 

anbas

Mitglied
OK, ich noch mal ;),

was das Bauchgrummeln betrifft, so bin ich darüber auch ein wenig gestolpert. Allerdings sollte der letzte Satz aus meiner Sicht unbedingt bleiben (damit steht es diesbezüglich 1:1 :D).

Liebe Grüße

Andreas
 

Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
„Hin und zurück?“, fragt der Kassierer der kleinen Fähre.
Der unförmige Kasten verdient die Bezeichnung Schiff nicht. Fast lautlos zieht er seine Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Beim Aussteigen verspüre ich eine leichte Übelkeit. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Üppige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den penibel gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgestoßen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mehr mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

Ciconia

Mitglied
Liebes Herziblatti,
lieber Andreas,

das Bauchgrummeln hat mir selbst selbiges verursacht. Hab es jetzt geändert, hoffe, dass es jetzt besser klingt.
Die Eingangsszene würde ich gern so belassen: Der Prot empfindet schon ein Lauern der Vergangenheit, das hat ihm lange Angst gemacht. Auch meine ich, dass für das Stimmungsbild ein langsames Herantasten an die Situation (auf der Fähre) nötig ist.
Der letzte Satz scheint mir wichtig, ohne ihn fände ich den Text unvollständig.
Das „Uns“ bezieht sich natürlich auf den Prot und seinen Vater / seine Eltern.

Vielen Dank, dass Ihr Euch Gedanken zu dieser Geschichte gemacht habt. Natürlich freue ich mich, dass sie Euch gefällt.

Liebe Grüße
A.
 

anbas

Mitglied
Hm, aus meiner Sicht ist das auch noch nicht so ganz das Gelbe vom Ei ...

Ich brainstorme mal:

Beim Aussteigen verspüre ich ein leichtes Unwohlsein.
(Ist noch sehr/zu dicht an "Übelkeit", aber nicht ganz so extrem).
Beim Aussteigen verspüre ich, wie sich ein Kloß in meinem Magen zu bilden scheint / bildet // wie ein Kloß in meinem Magen entsteht.
(Oder so ähnlich ;))
Beim Aussteigen merke ich, dass mir irgendwie mulmig wird.
(Wie gesagt, ich brainstorme - da ist evtl. nicht alles Gold (es kann aber zu weiteren, anderen Ideen führen)):D)
OK, sowiet zunächst meine Gedanken. Vielleicht ist ja was Passendes dabei.

Liebe Grüße

Andreas
 

Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
„Hin und zurück?“, fragt der Kassierer der kleinen Fähre.
Der unförmige Kasten verdient die Bezeichnung Schiff nicht. Fast lautlos zieht er seine Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Nach dem Aussteigen wächst mein Unbehagen. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Prächtige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den sorgsam gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgeschlossen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

Ciconia

Mitglied
Lieber Andreas,

vielen Dank für Deine Hartnäckigkeit. Ich habe den Text noch einmal überarbeitet - vielleicht passt es jetzt besser.

Liebe Grüße
A.
 

Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
„Hin und zurück?“, fragt der Kassierer der kleinen unförmigen Fähre.
Fast lautlos zieht sie ihre Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Nach dem Aussteigen wächst mein Unbehagen. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Prächtige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den sorgsam gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgeschlossen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
„Hin und zurück?“, fragt der Kassierer der unförmigen kleinen Fähre.
Fast lautlos zieht sie ihre Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Nach dem Aussteigen wächst mein Unbehagen. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Prächtige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den sorgsam gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgeschlossen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

anbas

Mitglied
Hallo Ciconia,

schön, dass Du den Text aus der Anonymität geholt hast! Er gefällt mir wirklich gut. Beim Lesen muss ich stets an das Lied "Wieder Zuhaus" von Klaus Lage denken - obwohl es inhaltlich um andere Dinge geht (für diejenigen, die das Lied nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=V0dW_LgHkXM .)

Liebe Grüße

Andreas
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Andreas! Das Lied kannte ich nicht.

Danke auch noch einmal, Herziblatti. Den Anfang habe ich nun doch noch ein wenig gekürzt. ;)

Gruß Ciconia
 

HelenaSofie

Mitglied
Hallo Ciconia,

wieder ein guter Text von dir, über den ich nachdenke. Meistens ist es der Inhalt, manchmal ein sprachlicher Audruck. Anstatt "Unbehagen" kam mir "Beklommenheit" oder "Beklemmung" in den Sinn. Aber das ist vielleicht zu stark empfunden, so dass dein "Unbehagen" besser zum weiteren Verlauf der Geschichte passt.

Liebe Grüße
HelenaSofie
 
E

eisblume

Gast
Hallo Ciconia,

ich wusste gar nicht, dass man hier Texte auch anonym einstellen kann.
Mir gefällt dein Text sehr gut, vor allem die beiden Schlusssätze finde ich sehr passend.

Womit ich hadere, ist der Anfang, diese kleine wörtliche Rede und der Kassierer an sich wirken auf mich als Störfaktor, sie unterbrechen den Fluss.
Sorry, wenn ich jetzt herumfuhrwerke, ist auch nur ein Vorschlag:
[blue]Fast lautlos zieht die kleine, unförmige Fähre ihre Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffs, mit dem Ausflüge früher begannen. Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Auf dieser Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich. [/blue]

Lieben Gruß
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
Auf der anderen Seite des Flusses lauert die Vergangenheit. Lange habe ich gezögert.
Fast lautlos zieht die unförmige kleine Fähre ihre Bahn über den Strom. Mir fehlt das gemütliche Tuckern des alten Fährschiffes, mit dem Ausflüge früher begannen.
Vom westlichen Ufer grüßt schon der Leuchtturm. Heimatliche Gefühle wollen sich dennoch nicht einstellen. An diesem Ort wartet niemand mehr auf mich.

Nach dem Aussteigen wächst mein Unbehagen. Ich lasse mir Zeit für den Weg entlang des Deiches. Prächtige Rhododendren und Pfingstrosen blühen in den sorgsam gepflegten Gärten, Bauerngärten, zu denen Kinder wie ich niemals Zutritt hatten. Sofort fühle ich mich wieder ausgeschlossen, doch dann ruft der Duft von frisch geschnittenem Gras plötzlich Erinnerungen wach: Sommerabende am Deich, unbeschwertes Herumtoben im Heu. Nicht alles hier kann schlecht gewesen sein.

Das alte Haus ist kaum wiederzuerkennen, es scheint unbewohnt, dem Verfall preisgegeben. Tagelöhner gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Bestimmt erinnert man sich im Dorf aber noch an Willem und seine Eskapaden. „Willem sien Jung“ nannten sie mich, das galt nicht als Auszeichnung.

In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen bunten Strauß. Es dauert eine Weile, bis ich das Grab gefunden habe. Ungelenk drapiere ich die Blumen vor dem grauen Grabstein. Die Namen darauf, vertraut und trotzdem beunruhigend fremd, haben nichts mit meinem jetzigen Leben gemeinsam.

Stille rundherum und so viel inneres Beben. Ich hätte nicht kommen sollen.
 

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