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Leselupe.de > Kurzgeschichten
... denn sie wissen nicht, was es alles soll
Eingestellt am 12. 11. 2012 00:03


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Hagen
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Ich wollte was essen, ein bisschen reden, in Ruhe ein, zwei Bier trinken, nach Hause zurĂŒckkehren, etwas nachdenken und mit Anna-Karenina einen schönen Film von Anfang bis Ende genießen.
Ich rief Doris an und fragte sie, ob sie mit mir ein Steak essen wollte. Doris wollte. Ich freute mich, zumal sie entlang zu kommen beabsichtigte um dann mit mir in ein ganz tolles Steakrestaurant zu fahren, das voll im Trend liegt, und da gÀbe es ganz tolle Steaks, und ganz tolle Leute. Sie wollte sogar in zehn Minuten da sein.
FĂŒr Anna-Karenina eine Dose öffnen - Thunfisch -, Duschen und warten, wĂ€hrend Anna-Karenina andĂ€chtig ihren Thunfisch verzehrte. Warten ĂŒber eine Stunde lang, wĂ€hrend der ich mit Anna-Karenina eine mit Ă€tzender Werbung durchsetzte Komödie zu ertragen versuchte. Klappte nicht, wĂ€hrend dessen schob ich den Staubsauger durch die Wohnung und ließ den Staublappen seinen Job tun. Als ich kurz davor war, den `Rasenden RainerÂŽ anzurufen, dass er mich dahin fahren möge, wo es ein Steak gibt, kam Doris doch noch, gar fröhlich aufgestylt und mit lila StrĂ€hnchen im Haar.
„Na, wie sehe ich aus? Wie findest du meine neue Frisur?“
„Phantastisch! ÜberwĂ€ltigend! PhĂ€nomenal! Es haut mich um! - Können wir denn?“
„Ja, natĂŒrlich. - Wie findest du meine StrĂ€hnchen?“
„Wahnsinn! Grandios! Ich bin voll begeistert! - Können wir denn? Ohne uns ĂŒber Frisuren und Klamotten zu unterhalten?“
„HĂ€ttest du dir nicht was Ordentliches anziehen können? Immer nur deine schwarzen Klamotten, ist doch total out! - Meinst du, ich hĂ€tte die StrĂ€hnchen lieber blond machen lassen sollen?“
„Um Gotteswillen! Keineswegs! Auf gar keinen Fall!“
„Wollen wir nicht lieber zum Inder gehen? Das liegt jetzt voll im Trend!“
„Ich laufe doch nicht irgendwelchen Trends hinterher! Du, ich habe kein Problem damit, alleine irgendwo hinzugehen, ein Steak zu essen, ein Bier zu trinken und wieder nach Hause zu gehen!“
„Wir haben zwar morgen die FrĂŒhschicht zusammen, aber bis dahin können wir doch noch ein Bisschen Spaß haben. - Was willst du denn am Sonnabendabend allein Zuhause?“
„Das verstehst du nicht. – Liebe Doris, wir hatten vereinbart, dass wir Steak essen gehen. Du hast mich schon eine Stunde warten lassen.“
„Wieso? Ist doch egal. Wir haben doch Zeit. HĂ€ttest ja fernsehen können.“
„Normalerweise suche ich mir die Filme aus, die ich sehen will und plane die Zeit so ein, dass ich den Film von Anfang bis Ende so sehen kann wie er es verdient, denn da haben viele Menschen dran gearbeitet. - Können wir denn?“
„So darfst du das aber nicht sehen! Außerdem ist das ja doch immer das gleiche im Fernsehen.“
„Bitte ĂŒberlas mir, was ich darf oder nicht! - Entschuldige, aber wenn mich irgendjemand warten lĂ€sst, werde ich stets ein ganz klein wenig ĂŒbellaunig.“
Das verstand Doris nicht und drĂŒckte mir auf der B 65 eine scheußliche Diskussion darĂŒber rein, ob wir nicht doch lieber in ein vegetarisches Restaurant sollten.
Nein! Das wollte ich nicht, das wollte ich verdammt noch mal ĂŒberhaupt nicht! Ich ertrug den Flachfunk, den Doris in ihrem Auto eingeschaltet hatte und erinnerte sie daran, dass auch sie als Frau eine Vereinbarung einzuhalten hatte, und diese hieß: Steak essen! Ich hatte kein Problem damit, auszusteigen, in die nĂ€chste Kneipe zu gehen, mir ein Bier zu bestellen, ein recht schönes großes, mit einem HĂ€ublein Schaum oben drauf, welches das Auge erfreut, sodann den Wirt zu bitten, mir ein Taxi zu rufen, und mit dem hiesigen Kollegen in das nĂ€chste Steakhouse zu fahren, um dort andachtsvoll etwas von einem Geschöpf zu mir zu nehmen, was mal gelebt hat. Das wollte ich ihr gerade darlegen, aber sie erzĂ€hlte mir irgendetwas darĂŒber, dass ich viel zu wenig spontan sei:
„Sag’ mal, hörst Du mir ĂŒberhaupt zu?“
Sie schien etwas aufgebracht, als sie vor einem grell erleuchteten Steakrestaurant hielt.
„NatĂŒrlich“, sagte ich, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung von dem hatte, worĂŒber sie sich soeben ausgelassen hatte, „aber ich lehne es ab, mir eine Meinung zu bilden, bevor ich nicht alle Fakten kenne. - Du verstehst?“
„Ja klar.“
Doris parkte seltsam elegant fĂŒr eine Frau ein, neben einem rot-metallic lackiertem Trike, und ihr Gang war nicht minder elegant als wir das Steakrestaurant betraten.
GlĂŒcklicherweise hatten die eine Raucherlonge.
War mir etwas zu schrill, das alles, die Musik, die Beleuchtung und die Typen, die rumsaßen und sich inszenierten. Entweder kurze ansonsten ölige Haare oder polierte Glatzen. Zeitaufwendig zurechtgestutzte BĂ€rtchen, demonstrative Logos auf den Klamotten, AutoschlĂŒssel mit AnhĂ€ngern von Lamborghini, Audi oder irgendwelcher anderen Nobelmarken und Filterzigaretten. Diese ‘MĂ€nner’ hatten sogar bunte Drinks, in denen kleine Schirmchen oder farbige Spießchen auf denen kleine FrĂŒchte oder Papiergebilde steckten, vor sich stehen.
Lange Tische, normalerweise die Geselligkeit fördernd; - wir fanden zwei PlĂ€tze gegenĂŒber. Ich belegte den mit dem RĂŒcken zur Wand. Karte aufschlagen, in der Rubrik ‘Steaks’ suchte ich mir das grĂ¶ĂŸte raus, ein Rumpsteak von 300 Gramm. 300 Gramm empfand ich außer Zweifel als mittlere GrĂ¶ĂŸe, aber egal, Chilibohnen dazu und ein schönes Bier. Das sagte ich der fröhlichen Kellnerin, die alsbald herbei kam und wissen wollte, ob es ein alkoholfreies Bier sein sollte.
„Nein, bitte nicht. Ich bitte Sie, einfach ein großes Glas mit Griff an der Seite unter den Zapfhahn stellen und derart zapfen, dass das Glas nach zirka sieben Minuten gefĂŒllt ist, und oben drauf soll ein HĂ€ublein Schaum sein.“
„Wir haben auch Erdbeerbier, wird sehr gerne genommen, oder ein Mix mit Cola oder Lemon, das liegt auch voll im Trend.“
„Bitte nicht. Einfach ein schönes Gezapftes, und das Steak bitte englisch.“
„NatĂŒrlich.“
Sie schrieb irgendetwas auf ein Zettelchen in einem Blöckchen, wandte sich Doris zu und beantwortete mit Engelsgeduld unzÀhlige Fragen. Es endete damit, dass Doris einen Salat bestellte, und ein alkoholfreies Bier, und Doris nahm mir meinen Tabak weg, als ich im Begriff war, mir eine Zigarette zu drehen.
„Was soll das denn?“
„Wie sieht denn das aus? Zigaretten selber drehen! Hier, nimm eine von mir.“
Sie warf mir ihre Schachtel rĂŒber, Filterzigaretten light.
„Kann ich bitte meinen Tabak wieder haben! Ich rauche keine Filterzigaretten.“
Schon hatte ich wieder eine ĂŒppige AusfĂŒhrung am Hals. Doris wollte tatsĂ€chlich eine Rechtfertigung dafĂŒr, dass ich mir in diesem Trendlokal eine Zigarette selbst zu drehen beabsichtigte. Ein solargebĂ€unter und mit Goldkettchen behĂ€ngter Typ zwei PlĂ€tze weiter bewies außerordentlichen Scharfsinn, indem er bemerkte, dass ich ja den Filter abbrechen könnte, und dann kam die Kellnerin wieder, stellte mir einen rosa Drink hin und behauptete, den hĂ€tte ich in Auftrag gegeben. Das dementierte ich und bestand auf dem bestellten Bier. Die Kellnerin zeigte sich etwas genervt, Doris gab die Indignierte, mir den Tabak wieder und wandte sich dem SolargebrĂ€unten zu. Der erzĂ€hlte irgend etwas von einer phantastischen Mischung aus exorbitanten Kurssteigerungen, hoher VolatilitĂ€t, LiquiditĂ€t gepaart mit Transparenz und einem nicht enden wollendem Strom frischen Kapitals trotz der weltweiten Krise, und wer heutzutage noch selber arbeitet ist blöde. Er jedenfalls wĂŒrde sein Geld fĂŒr sich arbeiten lassen.
GlĂŒcklicherweise kam mein Bier und mein Steak, es war ganz durch, sicher weil es hier im Allgemeinen so gewĂŒnscht wurde. Ich wollte nicht in Missmut versinken, genoss Steak und Bier wĂ€hrend Doris etwas halbherzig ihren Salat vertilgte und dabei andĂ€chtig dem GoldkettchentrĂ€ger lauschte, der irgendetwas von seinem Trike und einer Botschaft erzĂ€hlte, die der Markt nicht richtig verstanden hĂ€tte.
Doris schien irgendwie beeindruckt, sie wandte sich von mir ab und dem Mann zu, der Filterzigaretten rauchte und ihr erzĂ€hlte, dass die Menschen, die arbeiten und Werte schaffen, blöde sind, weil sie es nicht verstehen, andere fĂŒr sie arbeiten zu lassen und an der Krise zu verdienen.
Ich aß mein Steak andachtsvoll, es entstammte einem Lebewesen. Viele HĂ€nde von arbeitenden Menschen hatten daran gewirkt bis es vor mir auf dem Tisch stand.
Nachdem ich eine Zigarette gedreht und geraucht hatte, bestellte ich einen Eierlikör fĂŒr den Trikefahrer. Der bedankte sich und trank ihn.
Ich ging weg und suchte die Kneipe, in deren hinterem Tisch der Philosoph sitzt, und mit dem wollte ich reden, einfach nur reden, noch ein, zwei Bier trinken und vielleicht das Fragment einer Antwort bekommen, auf die Frage, was es alles soll...

Aber ich fand die Kneipe nicht,
ĂŒberall war nur laute Musik
und Menschen gelehnt an Theke und Einsamkeit.

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