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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
„Ist es möglich, einen Überlebenden von Auschwitz zu hassen..."
Eingestellt am 15. 01. 2014 16:29


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Winfried Stanzick
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Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Michel Laub, Tagebuch eines Sturzes, Klett-Cotta 2013, ISBN 978-3-608-93972-9


Michel Laub, ein 1973 in Porto Alegre geborener Schriftsteller und Journalist, gilt nach fünf Romanen als einer der wichtigsten Autoren seiner Generation in Brasilien. Er ist jüdischer Herkunft und „Tagebuch eines Sturzes“ ist sein erster ins Deutsche übersetzter Roman.

Es ist eine veritable Lebenskrise, in der der Schriftsteller fast durch den Alkohol umgekommen wäre, die ihn zwingt, sich mit den Brüchen und den Stürzen seines Lebens auseinanderzusetzen. Und er kommt seiner verschwiegenen und verdrängten Familiengeschichte auf die Spur. Er findet ein Tagebuch seines Großvaters, der, nachdem er das KZ Auschwitz überlebt hatte, nach Brasilien auswanderte um dort ein neues Leben zu beginnen.

Immer wieder zitiert Michel Laub Stellen aus diesem Tagebuch und fügt sie in sein eigenes ein, dessen Niederschrift ihm letztlich das Leben rettet und auch seine brüchige dritte Ehe. Ihm wird langsam klar, warum der Großvater nie vom Konzentrationslager gesprochen hat, und er erinnert sich an seine eigene Kindheit in einer jüdischen Schule, wo er an einem schrecklichen Sturz beteiligt war, den ein nichtjüdischer Junge erlitt. Als sein eigener Vater an Alzheimer erkrankt, ist auch dies ihm ein Symbol für das Nichterinnernkönnen in seiner Familie, das sich wie ein Fluch durch die ganze Familiengeschichte zieht.

Michel Laub macht sich mitten in der größten Krise seines Lebens, als ihm alles abhanden zu kommen scheint, was ihm je wichtig war, daran, die Folgen des KZ-Trauma seines Großvaters auf die beiden nächsten Generationen zu bearbeiten, indem er sich selbst erinnert an wichtige Einschnitte in seinem Leben. Der erwähnte Sturz des nichtjüdischen Jungen und ein Streit mit seinem Vater, als Michel die jüdische Schule verlassen will, sind neben der kritischen Lektüre der Aufzeichnungen seines Großvaters und später auch jenen des Vaters die Themen, um die er immer wieder kreist.

Und an einer Stelle, als er nachdenkt über das Verhältnis seines Vaters zum Großvater, schreibt er:
„Ist es möglich, einen Überlebenden von Auschwitz zu hassen, wie es mein Vater getan hat? Ist es erlaubt, diesen vollkommenen Hass zu empfinden, ohne jemals der Versuchung zu erliegen, ihn wegen Auschwitz zu mildern, ohne sich schuldig zu fühlen, die eigenen Emotionen über so etwas wie die Erinnerung an Auschwitz zu stellen?
Kann der Hass auf einen Überlebenden von Auschwitz gleichgültig machen gegenüber Auschwitz, der Hass auf den Überlebenden, der dazu führt, das man ihm Böses wünscht, dazu, dass einem gleichgültig oder gar recht ist, was ihm angetan wurde, selbst wenn es in Auschwitz war?“

Am Ende seines schmerzhaften Erinnerns, das Michel Laub mit einer großen sprachlichen Kraft aufgeschrieben hat, ist er bereit für ein neues Leben, auch für das, das im Bauch seiner Frau gerade heranwächst. Vielleicht eine Hoffnung, dass die vierte Generation anders mit der Vergangenheit der Familie umgehen wird.




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