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Leselupe.de > Kurzgeschichten
(Abschied)
Eingestellt am 30. 03. 2014 23:46


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roobin
Hobbydichter
Registriert: Jun 2010

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(Abschied)
Es hatte lange gedauert, bis er sich endlich zu eine Entscheidung durchringen konnte. Gesch├Ątzte zwei Monate hatte er ├╝ber nichts anderes mehr nachgedacht, schlie├člich musste er sich ganz sicher sein. Und das war er jetzt. Todsicher quasi. Bei dem Gedanken musste er kurz schmunzeln. Er hatte es nat├╝rlich niemandem erz├Ąhlt. Sie w├╝rden es sowieso nicht verstehen. Das ganze war seine Entscheidung, er hatte sie getroffen, und damit war die Akte dann auch geschlossen.
Als Theo in die Bahn eingestiegen war, hatte er sich einen der letzten Sitzpl├Ątze ergattern k├Ânnen. Nun, lediglich vier Stationen sp├Ąter, herrschten beinahe japanische Verh├Ąltnisse. Er hatte mal von einem Freund geh├Ârt, dass die Bahnen dort manchmal so voll sind, dass die ganzen Leute vom Schaffner regelrecht hineingeschoben werden m├╝ssen. Diese These hatte Martin dann mit einem Beweisvideo untermauert.
Martin. Theo erinnerte sich gerne an ihn. Sie hatten immer viel Zeit miteinander verbracht, kannten sich seit dem ersten Schuljahr. Damals waren sie beide sechs, wobei Martin f├╝nf Tage ├Ąlter war als Theo. Damit hatte er ihn immer aufgezogen. \"Dieser Mistkerl\", dachte Theo und l├Ąchelte in sich hinein, w├Ąhrend die Bahn zum f├╝nften Stopp ansetzte.
Er hatte noch vier Stationen vor sich, brauchte sich also noch keine Gedanken machen, wie er es letztendlich aus diesem ├╝berf├╝llten Wagon schaffen w├╝rde. Ja, Martin war schon ein lustiger Kerl gewesen, abgesehen von seinen F├╝nf-Tage-Witzen nat├╝rlich. Theo konnte sich allerdings nicht beschweren. Denn w├Ąhrend Theo mittlerweile 18 Jahre alt war, w├╝rde Martin nie ├╝ber die 16 hinauskommen. Passiert war das ganze an Sylvester vor zwei Jahren. Theo erinnerte sich noch gut an den Abend. Bis auf Martins Tod war er perfekt gewesen, ein besseres Sylvester konnte man sich eigentlich nicht w├╝nschen. Die Stichworte waren sturmfreie Bude, eine Menge Feuerwerksk├Ârper und eine noch gr├Â├čere Menge alkoholischer Getr├Ąnke. So kam es auch zu dem Umstand, dass in Martin noch eine nicht geringe Menge an Restalkohol steckte, als dieser den Nachhauseweg antrat. Auf diesem passierte dann wohl das Unausweichliche. Martin kam nicht zu Hause an, man suchte verzweifelt nach ihm, und fand ihn dann ein paar Tage sp├Ąter in einem Graben am Stra├čenrand, vermutlich erfroren.
Die Bahn setzte sich wieder in Bewegung. Gegen├╝ber von Theo sa├č ein M├Ądchen, ungef├Ąhr in seinem Alter. Die Tatsache, dass sie ein Smartphone in der Hand hielt und eifrig am SMS-Schreiben war, erlaubte es ihm, sie genauer zu mustern. Das M├Ądchen hatte tiefschwarzes Haar und braune Augen und entsprach durch aus dem, was Theo als h├╝bsch bezeichnen w├╝rde. M├Ądchen waren nie ein gro├čes Thema f├╝r ihn gewesen. Der Grund daf├╝r war allerdings keinesfalls Homosexualit├Ąt, Theo w├╝nschte, er h├Ątte eine derma├čen gute Ausrede. Er hatte einfach nie Zugriff gefunden. Er ├╝berlegte, ob er das M├Ądchen ansprechen sollte. Dann bemerkte er, wie merkw├╝rdig er es finden w├╝rde, wenn ihn in der Bahn einfach jemand vollkommen Fremdes ansprechen w├╝rde, und verwarf den Plan so schnell, wie er ihm in den Sinn gekommen war. Das wollte er ihr nun wirklich nicht antun. Au├čerdem w├╝rde das ganze jetzt eh nichts mehr ├Ąndern.
Stattdessen widmete sich Theo nun der am Fenster vorbeirauschenden Landschaft. Jaja, es gab keinen Ort des allt├Ąglichen Lebens wo man Einsteins erstes Postulat so gut beobachten konnte wie in einem Zug.
Die Bahn verlie├č nun langsam die Stadt, und anstelle von Fabrikschornsteinen und Industrierauchwolken zeichneten sich jetzt immer mehr W├Ąlder und Felder vor dem Fenster ab. Wieder kam die Bahn zum Stillstand. Diesmal stiegen eine Menge Leute aus, auch das M├Ądchen von Gegen├╝ber. Noch drei Stationen. Langsam wurde Theo dann doch etwas mulmig. Waren das etwa Zweifel? Nein, er hatte sich das ganze gut ├╝berlegt. Und er w├╝rde das jetzt durchziehen.
ÔÇ×Zur├╝ckbleiben bitteÔÇť, h├Ârte er die Stimme vom Band sagen und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Drau├čen begann es leicht zu nieseln. Theo hatte damit kein Problem. Was er zu erledigen hatte w├╝rde im Regen nicht weniger gut funktionieren. Au├čerdem war er der Meinung, dass Regen sowieso alles ein wenig epischer gestaltete. Theo wurde aus seinen Gedanken ├╝ber das k├╝hle Nass gerissen, als er eine Vibration in seiner linken Hosentasche versp├╝rte. Wer w├╝rde ihm wohl jetzt eine SMS senden?
Theo, ich wei├č zwar nicht wo du bist, aber wir essen heute ein wenig sp├Ąter. Es gibt Spaghetti! ÔÇô Mama
Regungslos nahm Theo die Nachricht zu Kenntnis. Spaghetti hatte er sowieso noch nie gemocht.
W├Ąhrend die Bahn die n├Ąchste Station passierte, wurde es langsam dunkel. Die Bahn war nun fast leer, und Theo hatte den Wagon fast f├╝r sich alleine. Die Landschaft wurde immer bergiger, und er bemerkte, dass er seinem Ziel immer n├Ąher kam. Er hatte lange ├╝berlegt, wie genau er es anstellen sollte. Es sollte besonders sein, eine einzigartige Erfahrung. Etwas Unwiederholbares, und zwar eben nicht nur technisch gesehen, sondern auch emotional. Dann hatte er sich an die Wanderungen erinnert, auf die ihn seine Eltern bereits von fr├╝h auf mitgeschleppt hatten. Das Wandern hatte ihn zwar eher weniger begeistert, aber die Aussicht hatte ihn fasziniert. Und somit war Theo nun auf dem Weg zu Aussichtspunkt Nummer eins von der gr├╝nen Wanderroute. Aussichtspunkt eins befand sich an einem riesigen Abhang, von dem man das komplette Tal ├╝berblicken konnte.
Die Bahn bremste ab. Das war seine Station. Theo erhob sich und verlie├č die Bahn. Aus seiner rechten Hosentasche kramte er die Karte vom Wandergebiet hervor, die er kurzerhand aus der Schublade der Kommode seiner Eltern entwendet hatte, und versuchte, sich zu orientieren. Sekunden sp├Ąter machte er sich auf den Weg und befand sich wiederrum nur kurze Zeit sp├Ąter auf der gr├╝nen Route. Nach 10 Minuten Wanderung fand er sich an Aussichtspunkt 1 wieder. Nun war es also soweit. Theo schloss die Augen. Er h├Ârte V├Âgel zwitschern und den Wind, wie er die Bl├Ątter der B├Ąume zum Rascheln brachte. Die Natur hatte schon immer gemocht, nur eben das Wandern nicht. ÔÇ×Hey, duÔÇť, h├Ârte er pl├Âtzlich eine Stimme hinter sich. Erschrocken drehte Theo sich um. Was zum Teufel? Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Als er seine 180-Grad-Drehung vollendet hatte, sah er einen Mann, den er auf circa 30 sch├Ątzte. Hinter ihm standen Frau und Kind. ÔÇ×Guten Abend, was gibtÔÇÖs denn?ÔÇť, erwiderte Theo. ÔÇ×Kannst du uns sagen, wie lange der Weg ungef├Ąhr noch dauert? Unser Kleiner wird langsam ungeduldig, und ich will nur wissen ob wir noch ÔÇśne Pause einschieben m├╝ssenÔÇť, sagte der Mann nun mit einem Schmunzeln im Gesicht. ÔÇ×Ach, das schafft er schonÔÇť, antwortete Theo, wobei er das Schmunzeln erwiderte. ÔÇ×Sind noch circa zehn Minuten!ÔÇť. ÔÇ×Danke dir! Sch├Ânen Abend noch!ÔÇť, bedankte sich der Mann, und die drei machten sich wieder auf den Weg.
Theo wartete noch etwas, etwa f├╝nf Minuten, bis er sich ganz sicher war, keine Schritte mehr zu h├Âren. Das war schlie├člich sein Moment und den sollte ihm niemand vermiesen. Dann war es soweit. Noch einmal schaute Theo hinunter ins Tal. Im Licht der D├Ąmmerung sah das ganze echt fantastisch aus.
Dann tat er einen Schritt vorw├Ąrts und sprang.


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