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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
„Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“
Eingestellt am 09. 11. 2011 12:05


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Winfried Stanzick
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Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

David Ranan, „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben?“, Nicolai 2011, ISBN 978-3-89479-689-1

Seit seiner Gründung im Jahr 1948 ist Israel alle paar Jahre in einen Krieg gezwungen worden oder musste ihn führen, um sich vor der drohenden Vernichtung zu schützen. Mindestens genauso alt wie der Staat Israel ist der Konflikt um ihn und um das Land. Unter dem Begriff „Nahost-Konflikt“ hat er sich in das politische Bewusstsein aller Generationen eingeprägt, die etwa ab den frühen fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Und dennoch zeigen viele Reaktionen von Freunden, aber leider auch viele Kommentare in den Medien, dass ein wirkliches und tiefes Verständnis dieses Konfliktes und vor allen Dingen seiner Ursache und seiner Genese nicht vorhanden ist. Die Öffentlichkeit scheint gespalten zwischen einer kritiklosen Solidarität mit den als Opfer dargestellten Palästinensern und einer fast ebenso kritiklosen und deshalb zutiefst unsolidarischen Haltung zur israelischen Politik. Zwar hat Angela Merkel immer wieder betont, dass die Sicherheit des Staates Israel zur Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland gehöre, hinter den diplomatischen Kulissen gibt es sicher auch immer wieder Bewegung, aber die Bevölkerung unseres Landes steht in seiner Mehrheit den Problemen in Israel und dem Alltag der Menschen dort indifferent gegenüber.

Während sich die ganze Aufmerksamkeit der Deutschen und auch der Europäer seit Monaten auf die Schuldenkrise richtet, bahnt sich im Nahen Osten neuer dramatischer Konfliktstoff an. Israel hat dem Iran gedroht, dessen auf die Vernichtung Israels zielende Atomwaffenproduktion zu vernichten. Zudem weiß zur Stunde niemand, wie die aus dem arabischen Frühling hervorgehenden neuen Regierungen, vor allen Dingen die in Ägypten, in Zukunft mit der Existenz Israels umgehen werden.

Diese Unsicherheit trifft auf eine israelische Gesellschaft, in der die selbstverständliche Akzeptanz der bisherigen harten Linie der unterschiedlichen Regierungen gegenüber den Palästinensern brüchig geworden und auch der über Jahrzehnte für alle Frauen und Männer verbindliche Militärdienst in die Diskussion gekommen ist. Der große und international sehr beachtete Roman von David Grossmann „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, der von der großen Angst einer Mutter um ihren in der israelischen Arme dienenden Sohn handelt, hat als Bestseller in Israel einiges dazu beigetragen.

Nun legt der einer deutsch-jüdischen Familie entstammende David Ranan, der in Israel aufgewachsen ist , dort 1965 auch zum Dienst in der israelischen Armee eingezogen wurde und nun als freier Autor in London lebt, ein Buch vor, das in ganz hervorragender Weise dem deutschen Leser in seiner Einleitung einen informativen und leicht verständlichen Abriss der Geschichte Israels liefert, der verschiedenen Kriege, die die Armee geführt hat und der hierzulande kaum wahrgenommenen gesellschaftlichen Veränderungenh in den letzten Jahrzehnten.
Dem Leser wird verständlich, warum und wie die in den anschließenden 27 Interviews mit „jungen Israelis über ihren Dienst in der Armee“ immer wieder deutlich werdenden Veränderungen und Wandlungen in der Armee stattgefunden haben, einer Armee, die über lange Jahrzehnte als das Rückgrat des israelischen Gesellschaft galt, das nun brüchig zu werden scheint. Mehr noch als die vielen Kriege, hinter der immer eine große Mehrheit der Bevölkerung und der Soldaten stand, waren es die Zuwanderungswellen neuer Bürger, die meist rechts stehen und der immer größer werdende politische Einfluss der Religiösen, die über ihre Militärrabbiner enormen Druck auf die Soldaten ausüben, die die Armee verändert haben.

Als David Ranan bei einem Besuch von Freunden in Israel erfuhr, dass es zwei der drei Söhne dieser Familie geschafft hatten, sich dem Wehrdienst zu entziehen, entschloss er sich, diesem Phänomen nachzuspüren. Er interviewte 27 wehrpflichtige junge Israelis. Zwischen achtzehn und dreißig Jahre sind sie alt und sie erläutern, durch die Offenheit des Fragers sichtlich ermutigt, ihre unterschiedlichen Einstellungen zur Armee, sie erzählen von ihren Hoffnungen und Erwartungen, aber auch von ihren moralischen Nöten mit dem Militärdienst und dem Staat Israel. Sehr persönliche Zeugnisse sind das, mit Geständnissen von Verfehlungen und der Schilderung innerer Zerrissenheit angesichts der Bedingungen, unter denen man selbst Gewalt ausübt. Das Spektrum reicht von scharfer Kritik an den Werten des israelischen Militärs und am Verhalten der Soldaten in den besetzten palästinensischen Gebieten, über sehr differenzierte und klare Analysen der Situation bis zu Statements, die dem Schicksal der Palästinenser gegenüber völlig gleichgültig sind.

Weil sich das ganze Spektrum der gegenwärtigen israelische Gesellschaft in diesen 27 befragten Menschen spiegelt, bietet das Buch nicht nur Inneneinsichten einer Armee, sondern auch einen aktuellen Blick auf die israelische Gesellschaft, die mitten in einer Bedrohung, die vielleicht noch nie so groß war wie heute, den Eindruck macht, als sei die Akzeptanz ihrer Gründungswerte brüchig geworden, eine Gesellschaft, die sich in schwierigen außen- und innenpolitischen Zeiten neu erfinden und definieren muss, will sie überleben.

Die Interviews geben einen Eindruck davon, wie die junge Generation, linke, rechte, liberale und orthodoxe Israelis denken über ihre Armee und über ihr Land.
Ranan fasst am Ende seines Buches zusammen: „Der Nahe Osten geht durch einer Phase zunehmender Volatilität. Es ist fast trivial festzustellen, dass Israels militärische Situation in hohem Maße von den Entwicklungen in den benachbarten Ländern abhängt. In solchen Zeiten fühlen sich Israelis weniger sicher, und das Bedürfnis nach einer starken Armee ist besonders ausgeprägt. Israelische Regierungen haben sich seit vielen Jahren erfolgreich darum bemüht, einen Konsens über die unbestreitbare Notwendigkeit, in der Armee zu dienen, aufrechtzuerhalten. Dieser Konsens gründete auf der Vorstellung eines jüdischen Staates, der umgeben ist von Arabern, die ihn vernichten wollen.“

Dass dieser Konsens nicht mehr selbstverständlich vor allem bei der jüngeren Generation so gesehen wird, das machen die Interviews in diesem Buch deutlich.



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