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Leselupe.de > Kurzgeschichten
(K)eine Chance
Eingestellt am 20. 09. 2003 16:19


Autor
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Herbert Stahlvogel
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

Werke: 15
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(K)eine Chance

Mit Tr├Ąnen im Gesicht zog sie behutsam die T├╝re hinter sich zu. Der dumpfe Schlag durchzuckte ihren K├Ârper. Ihre feuchte Hand verlie├č z├Âgernd den T├╝rgriff. Nun galt es einen k├╝hlen Kopf zu bewahren, sich von den Gedanken ihres Mannes zu l├Âsen und weiter zu gehen. Selbst wenn sie verd├Ąchtig wirkte, sie w├╝rde nicht anhalten. Im Flur war keine Menschenseele zu sehen und dass war gut so. Sie st├Âhnte, leise aber bewusst, als ob sie den Druck in ihrem K├Ârper schwinden lassen k├Ânnte.
Bei jedem Schritt raschelte die zusammengekn├╝llte Einkaufstasche, die sie unter ihrem Mantel verdeckt hielt. Niemand w├╝rde sie bemerken, dachte sie sich. Niemand. Das letzte Mal ging es gut. Warum nicht auch dieses Mal? Am Fahrstuhl angekommen, betrat sie den erdr├╝ckenden kleinen Raum und dr├╝ckte die EG Taste. Die Fahrt schien unendlich lang zu dauern. Im 3. Stock betrat ein Ehepaar den Aufzug. Der Mann im dunklen Anzug nickte ihr zu und sie erwiderte etwas zu schnell, beinahe milit├Ąrisch, fast zu perfekt. Sie durfte sich keine Schnitzer erlauben. Als der Fahrstuhl aufging schlich sie, ohne das Ehepaar eines Blickes zu w├╝rdigen zum Ausgang – Richtung Freiheit. Nach einigen Minuten bog sie am Kiosk vis avis rechts ab und z├╝ndete sich verkrampft und mit zittrigen H├Ąnden eine Zigarette an. Das war geschafft.

War das alles? Dachte sich der Mann in dem Zimmer. Soll das alles gewesen sein? Mein ganzes Leben? Ein Schauer lief ihm ├╝ber den R├╝cken. Er wusste, dass er es genauso wenig h├Ątte ├Ąndern k├Ânnen, wie er sich selbst w├╝rde retten k├Ânnen. Machtlos lag er in dem Bett. Aber sie konnten ihn nicht zwingen. Wenn er nicht wollte, dann w├╝rde es eben nicht gehen. Vorsichtig verlagerte er sein Gewicht auf die linke Seite und zog eine angebrochene Zigarettenschachtel unter der Matratze hervor. Das Bett quietschte, aber niemand w├╝rde au├čerhalb des Zimmers einen Verdacht hegen. Aus der Schachtel entnahm er eine Zigarette und z├╝ndete sie mit dem bereitliegenden Feuerzeug an. Jeder Zug tat gut. Es schwindelte ihn etwas und ein bisschen was ihm mulmig zu Mute, aber war nicht sein ganzes Leben ein Anflug des Rausches gewesen? Was ist schon ein Leben verglichen mit der Ewigkeit? Ein Atemzug?
Rauchschwaden hingen bereits an der Decke. Er sah auf die Kontrollanzeige an der T├╝re. Ein rotes L├Ąmpchen blinkte. Wie harmlos. Aber so unschuldig wie es zu sein scheint, ist es nicht. Schei├č Ding!!! Es wird nicht mehr lange dauern bis sie die T├╝re erreichen und mir alles wegnehmen. Seit sie an ihm herumgeschnippelt hatten, ihn zum Kr├╝ppel degradierten, war ihm alles egal. Was h├Ątten sie ihm noch nehmen k├Ânnen? Ein Mann ohne Beine war in seinen Augen ein Zwerg. Seine F├╝├če waren tot und bevor er sich selbst richtete, w├╝rden sie es f├╝r ihn tun. Dabei ist er selbst ein Masochist. Das muss man sein. Wenn man ein Mal die Lust versp├╝rt, kann man es nicht mehr lassen. Selbst wenn sie ihn zwangen und ihm drohten endlich aufzuh├Âren – er w├╝rde es durchziehen, bis er zusammenbr├Ąche.

In dem Moment knallte die T├╝re gegen die Wand und zwei M├Ąnner st├╝rmten durch die T├╝re. Der Eine, ein Schwarzer mit krausigem Haar und einer Nase, die so platt war wie die eines Boxers, riss ihm die Zigarette aus der Hand und f├╝r einen Augenblick dachte er schon, er w├╝rde seine schwarzen F├Ąuste gegen ihn erheben und ihn ins Jenseits bef├Ârdern. Aber dann hielt der Farbige inne und durchsuchte mit dem Zweiten, einem Wei├čh├Ąutigen, dessen Vorfahren mit Sicherheit aus dem Norden stammte, das ganze Zimmer. Als sie nichts fanden, ├╝berdeckten sie seine amputierten R├Ąucherbeine, die bis vor kurzem wie abgebrannte Glimmst├Ąngel aussahen, zu.
Er wehrte sich nicht einmal, l├Ąchelte nur in sich hinein. Seine Gedanken waren bereits bei drei weiteren Zigarettenstangen, die seine Frau f├╝r ihn hineingeschmuggelt und in der ganzen Reha versteckt hatte.

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