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#Merkel streichelt und Brechts Radiotheorie wird Wirklichkeit
Eingestellt am 17. 07. 2015 11:28


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Schreibensdochauf
???
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#Merkelstreichelt und Brechts Radiotheorie wird Wirklichkeit

Dieter Nuhr, Kuschelsatiriker mit warmer Stimme, klagt in der FAZ „Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts“. Nuhr ist ein Künstler, der die Medien sowohl nutzen darf, um sich selbst zu vermarkten, als auch um seine Witze zu machen über Moslems oder Minderheiten. Manchmal übt er sich auch in seichter Macht- und sicher auch Merkelkritik. Nuhr darf das, denn Satire darf alles. Nuhr darf das vor Millionen. Auch die Kanzlerin darf ihre Sicht der Dinge vor Millionen von Menschen via TV und anderen Medien darlegen. (aktueller Bezug s. Fußnote)

Wenn ich Millionen etwas vorsetze, muss ich im 21. Jahrhundert auch damit leben, dass, wenn auch nicht Millionen, so aber doch Menschen in relevanter Zahl reagieren. Die Reaktionen gehen dabei von konstruktiv, über satirisch, polemisch bis hin zu beleidigend. Oft verkürzt zusammengefasst als „Shitstorm“. Als Person der Zeitgeschichte muss eine Frau wie Merkel dabei mehr aushalten, als die Bäckersfrau von nebenan, über die sich ein Stefan Raab oder eben Dieter Nuhr lustig machen.

Vor Gerichten, denn vor die kann in Deutschland jeder Mensch ziehen, müssen die Richter dann entscheiden, ob es sich um „Macht“- oder „Schmähkritik“ handelt. Ein Beispiel: „Merkel verhielt sich in der Interviewsituation mit dem Palästinensermädchen wie ein Elefant im Porzellanladen“. Eindeutig Machtkritik – erlaubt. „Merkel sieht in ihrem neuen Abendkleid aus wie eine geplatzte Leberwurst“. Eindeutig Schmähkritik und nicht durch die Meinungsfreiheit im Grundgesetz gedeckt.

Zurück zur Leberwurst. Das böse Internet reagiert also jetzt, in diesem Fall auf die streichelnde Merkel oder den spöttelnden Nuhr. Das ist zutiefst demokratisch. Zuvor hatten Menschen wie Merkel, Nuhr und andere Prominente eine Meinungsmacht, die Meinungsäußerungen gingen nur in eine Richtung. Vom Medium zu den Millionen - Leserbriefe in überschaubarer Zahl ausgenommen. Jetzt erfolgt die Kommunikation beidseitig.

Es geht hier nicht darum, was Merkel hätte anders oder besser machen können. Es geht darum, dass das Netz die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland jetzt zum großen Teil spüren lässt, dass es mit ihrer Ausländerpolitik nicht einverstanden ist oder eben doch. Und es geht nicht nur um die Ausländerpolitik, es geht auch um Griechenland, Energiewende, Ukraine, Bildungspolitik. Das ist Meinungsaustauch, ungefiltert und demokratisch. Gewiss, es tummeln sich in nicht unerheblicher Zahl anonyme Druckablasser unter den Schreibenden, Beleidiger, Geschmacklose. Da, wo es zu strafbewehrten Äußerungen kommt, kann und soll der Rechtsstaat auch reagieren.

Interessanter ist aber die Hoffnung, nicht dass die Politiker künftig noch geschickter artikulieren, sondern dass sie möglicherweise intensiver über die Folgen ihrer Politik nachdenken und verinnerlichen, dass sie ständig auf dem Prüfstand stehen und nicht nur alle vier oder fünf Jahre, wenn es an die Wahlurnen geht. Nachdenken heißt in sich hinein- und weniger auf Lobbyisten und Spindoktoren zu hören. Dabei dürfen sie nicht in linken oder rechten Populismus verfallen, um Massen zu befriedigen.

Im Fall der jungen Palästinenserin ist es natürlich nicht damit getan, dieser einzelnen Person dauerhaftes Bleiberecht zu gewähren, so wenig es damit getan ist, Ausländer rigide abzuschieben, nur weil die ein oder andere Seite im Netz das in Massen fordert. Es geht vielmehr um das, wozu uns unser Grundgesetz und unsere Geschichte verpflichten: Eine stringente und humane Politik zu betreiben, in einem der reichsten Länder der Welt. Nur zum Vergleich: Die sicher nicht reichere und größere Türkei hat 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Und wir klagen über ein paar Hunderttausend? Auch die etablierten Medien sind hier gefordert, die Realitäten ins Auge zu fassen und nicht so oft ihrem Bauchgefühl zu folgen oder auf die Quote und die Werbekunden zu schielen.

Zurück zur Radiotheorie von Bertolt Brecht, der bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts formulierte: „Ein Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks: Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“

Dem Hörfunk ist das nicht gelungen, abgesehen von einigen verflossenen basisdemokratischen Piratensendern. Das Internet ist aber heute genau dieser Ort: ein Ort des Austausches und der Debatten, des Streites und ja, auch der Polemik. Auf jeden Fall ein Ort, an dem das Meinungsmonopol einzelner verloren geht. Und das dürfte nicht nur Dieter Nuhr oder die Kanzlerin schmerzen.

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Fußnote: zur aktuellen Einordnung für die, die im Urlaub waren oder Medien generell nicht konsumieren. Nuhr hat sich jüngst mit dem "Witz" auf Twitter und Facebook geäußert: „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ Er kritisierte damit das griechische Volk, dass im Referendum die EU-Pläne abgelehnt hat. Für diese Äußerung erntete Nuhr rund 100.000 zustimmende und rund 10.000 kritische, satirische und hämische Kommentare. Draufhin sprach er in der FAZ von dem "Scheiterhaufen". Angela Merkel erntete Kritik für ihre Reaktion auf die Tränen eines 14 jährigen Mädchens, die seit vier Jahren in Rostock lebt und zur Schule geht und der die Abschiebung droht. Merkel streichelte sie, lobte sie für ihren Beitrag und bescheinigte ihr sinngemäß, dass man da nichts machen könnte. Für dieses Verhalten erntete sie ebenfalls viel Kritik in den sozialen Medien. Die Kritik machte bei Twitter unter #Merkelstreichel die Runde.

__________________
"Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche". Alt und wahr.

Version vom 17. 07. 2015 11:28

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jon
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Gefällt mir in Ton und Inhalt und ist auch handwerklich (bis auf einen Strukturstolperer) sauber gemacht.

Der Hashtag stört mich, auch wenn ich sehe, dass er wohl Stilmittel (Hinweis auf's Netz) ist. Der Text ist dafür zu konventionell, ein Rückbezug fehlt (so dass das Element # eher lose rumbaumelt, um es mal so überspitzt zu sagen).



quote:
#Merkelstreichelt
Leerzeichen!

quote:
Dieter Nuhr, Kuschelsatiriker mit warmer Stimme,
Kicher: Gut getroffen!

quote:
Nuhr ist der Künstler, der …
Falscher Zungenschlag: Nein, er ist einer, der das darf, nicht der einzige KĂĽnstler, der das darf.

quote:
Wenn ich Millionen etwas vorsetze, muss ich im 21. Jahrhundert auch damit leben, dass, wenn auch nicht Millionen, so aber doch Menschen in relevanter Zahl reagieren.
Ok. Und? – Ich meine Folgendes: Die bisherige Struktur würde hinter diesem Satz etwas erwarten lassen wie "Mich darüber zu echauffieren, dass so viele Leute reagieren, wäre …"

Das ist das, was ich oben als Strukturstolperer bezeichnet habe: Du beginnst bei zwei sehr konkreten Personen. Dann wird es aber extrem allgemein – weder verlierst du ein Wort darüber, was die Reaktionsmöglichkeit im Netz den beiden Beispiel-Leuten (bei welchem Anlass) beschert hat, noch, wie sie damit umgehen. Ersteres halte ich für essentiell nötig, das Zweite wäre Zubrot.

quote:
Vor Gerichten, denn vor die kann in Deutschland jeder und jede ziehen, müssen die Richter dann entscheiden, ob es sich um „Macht“- oder „Schmähkritik“ handelt.
Ich finde "jeder und jede" einen unsäglichem Tribut an die "political Correctness"; den Verstärkungseffekt würde ich hier lieber mit "wirklich jeder" oder sowas erzeugen.

quote:
Ein Beispiel: „Merkel verhielt sich in der Interviewsituation mit dem Palästinensermädchen wie ein Elefant im Porzellanladen“. Eindeutig Machtkritik – erlaubt. „Merkel sieht in ihrem neuen Abendkleid aus wie eine geplatzte Leberwurst“. Eindeutig Schmähkritik und nicht durch die Meinungsfreiheit im Grundgesetz gedeckt.
Am Rande: Gute Idee, das mal zu erklären – viele denken ja, Satire & Co. dürfen wirklich alles.


quote:
Das böse Internet reagiert also jetzt.
Worauf? Wie? (siehe oben)

quote:
Das ist fĂĽr viele noch ungewohnt, aber zutiefst demokratisch.
Falscher Zungenschlag: Es gibt Millionen von Menschen, für die das längst nicht mehr ungewohnt ist. Du meinst wohl Leute wie Merkel (also Politiker) oder Nuhr (die sich bisher nur offline tummelten und so vor allem mit Fans und Duldern zu tun hatten.

quote:
Denn zuvor hatten Menschen wie Merkel, Nuhr und andere Prominente ein Meinungsmonopol, denn die Meinungsäußerungen gingen nur in eine Richtung.
… das ist kein Meinungsmonopol und wenn, dann bestenfalls ein scheinbares (im Rahmen der Aktivität "Auftritt").

quote:
Darauf gilt es sich einzustellen.
Banalität. Spannend: Wie reagier(t)en die beiden Bespiel-Personen? Reagier(t)en sie überhaupt – im Rahmen des betreffenden Threads, in neuen Thread, in anderem Medium …

quote:
und das wo es zu strafbewehrten Ă„uĂźerungen kommt, kann und soll der Rechtsstaat auch reagieren.
und da, wo

quote:
Viel interessanter ist aber die Hoffnung, nicht dass die Politiker künftig noch geschickter artikulieren, sondern dass sie möglicherweise intensiver über die Folgen ihrer Politik nachdenken und verinnerlichen, dass sie ständig auf dem Prüfstand stehen und nicht nur alle vier oder fünf Jahre, wenn es an die Wahlurnen geht.
Am Rande: Finde ich auch am spannendsten. Allerdings denke ich, sie denken sehr wohl gründlich nach (nach zumindest oft), aber auf Grundlage eines anderen Inputs – wo bisher vor allem Lobbyisten Stimmung machten, reden nun ganz andere Leute mit. (Herausforderung: Der „Mob" ist in gewissen Sinne auch Lobbyist – in der Regel äußern sich mehr Leute mit extremem Sichten als Leute mit Sachverstand und sinnvollen („konstruktiven“) Kritik-Ansätzen.

quote:
Gleichzeitig mĂĽssen sie den Spagat eingehen,
"Kompromiss eingehen" oder "Spagat machen"

quote:
Im Fall der Palästinenserin
Was für eine Palästinenserin? Nein im Ernst: Ich bin zugegeben nicht gerade ein "Nachrichten-Junkie", aber ich halte für möglich, dass auch andere von dem "Vorfall" noch nichts (oder nicht viel) mitgekriegt haben.


quote:
ZurĂĽck zur Radiotheorie von Bertolt Brecht, der bereits in den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts formulierte:

Das heißt: zwanzigiger – das "ig" streichen!

quote:
Dem Hörfunk ist das noch nicht gelungen,
Am Rande: … und wird es auch nie. Mal im Ernst: Wenn man als Hörer einfach dazwischenquatschen könnte oder – wie im Netz – es nach der Sendung jeder was zur Sendung sagen könnte, das würde ein massives Tohuwabohu ergeben.


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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Schreibensdochauf
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Jon, konstruktive Hinweise, so viele

Mist Jon, herzlichen Dank. Über Deine Hinweise freue ich mich am meisten. Jetzt muss ich aber nacharbeiten, zumindest erstmal die Fehler ausmerzen. Danke. Wenn ich all deine inhaltlichen Hinweise berücksichtige, verzottel ich mich wieder so sehr. Aber ich werde schauen, was sich machen lässt :-) Gruß
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Schreibensdochauf
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Jon, erledigt

Danke nochmal fĂĽr die Hinweise.
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