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Leselupe.de > Kurzprosa
(peinlicher!) Versuch eines Betrunkenen.
Eingestellt am 01. 06. 2005 02:25


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nachtsicht
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Es ist immer das gleiche. Ich wache irgendwo auf und weiss es: Nicht geschafft. So wie ich aussehe, wars knapp. ├ťberall Kotze, ein bisschen schwarzgetrocknetes Blut, alles stinkt nach Urin. Vor mir an der Klot├╝r, steht so Scheisse wie ├╝berall. "Tr├Ąume nicht dein Leben, lebe deinen Traum", "T liebt J" und der ganze Dreck. Selbst im G├Ąstebuch vom Buchenwald- KZs hab ich vor ein paar Jahren sowas schon gelesen, da wurde mir so schlecht, dass ich mich am liebsten in einen Verbrennungsofen gelegt h├Ątte, aber wir mussten los, die Z├╝ge warten ja nicht. Garnicht lange her, da fand ich mich auch wieder, am Ende einer Nacht, zwei leere Flaschen des brennensten Wodkas auf den Fliesen, mein von Bakterien zerfressener, widerw├Ąrtiger K├Ârper dazwischen, und da dachte ich, nein, sowas machst du nicht noch mal, fast entsetzt, ich bin wie ein Aufgestandener herumgerannt, nachdem ich mich ja selbst ans Kreuz nageln wollte. W├╝rde ich jetzt einfach liegen bleiben, dann k├Ąmen irgendwann Leute, vielleicht so eine kakerlakike Eineuro-Wischfrau, und w├╝rde die ganze Szene vielleicht f├╝r einen Unfall halten, und dann h├Ątte sie die 112 angerufen, oder vorher bei der Feldbusch nach der Nummer fragen m├╝ssen. Ich h├Ątte mich nicht um Erkl├Ąrungen bem├╝ht, im Krankenhaus. Pumpt meinen Magen aus, oder schafft mich in die Ausn├╝chterungszelle, in der neulich mal jemand gestorben ist, ein Schwarzer. Hatte ein Feuerzeug dabei, das wurde ihm nicht abgenommen, also: aufgerissene Matratze, auf der man dann angekettet ist, anz├╝nden und alles leuchtet. Auch die Zigarette von dem Wichser, der draussen raucht, statt vorschriftsgem├Ą├č die Zelle per Videokamera zu ├╝berwachen. Er hat einen Nigger mit dem Tod begnadigt, und dann wurde er im Gef├Ąngnis gefickt, bis ihm das Hetero-Sperma aus den Augen kam. Ich glaube, die meisten von den Typen im Knast, die alles ficken, sind garnicht schwul. Ein Vegetarier wird nicht verhungern, wenn man ihn tagelang einsperrt in einem Raum mit einem (bis dahin) lebenden Schwein. Er wird es fressen, w├Ąhrend das Vieh quiekt, und ├╝brig bleiben nur ein Haufen Menschenscheisse und ein paar Knochen.

Gehirnfasching hiess das fr├╝her, wenn sich alles dreht. Nach drei├čig Runden auf nem Karusell ist einem das aber auch verdammt egal und deshalb st├Ârt mich das kaum, weil ich mich sozusagen nicht gerade in einer Ausnahmesituation befinde, hier auf dem Boden, in der verschissensten Bahnhofstoilette die man sich vorstellen kann. Fehlt nur noch Musik von Wagner, die hat Hitler so gern gehabt, wegen de Dramatik. Statt dessen Stille, nur der Ich-Erz├Ąhler in meinem Kopf, dessen Vertrag ich nicht k├╝ndigen kann. Zweimal mit dem Hintersch├Ądel gegen die Keramik-Sch├╝ssel. Dreimal. Viermal. Hilft nicht, tut aber gut, eine Portion selbstmitleidiger Zerst├Ârungsversuche. Ich stinke zwar, ewig kann ich trotzdem nicht hier bleiben, das Leben geht weiter, ich krieche notgedrungen mit wie ein Insekt, das einen minutenlang nervt, und das man dann nicht einfach totschl├Ągt, sondern dem man viel lieber nen Fl├╝gel herausreisst. Mengele-like. Und dann kr├╝ppelt das Ding, und irgendwann eben nicht mehr, und dann l├Ąsst man es liegen. Ich hasse ja die Leute, die ritzen. Weil das so unernst ist, fast so erb├Ąrmlich wie meine Art, mit den Geschehnissen umzugehen, oder sie zu umgehen. Man br├Ąuchte eben Mut, und ich kann nicht schnell genug trinken. Es geht nicht. Schnell schnell runter damit, und wenn man dann denkt, ja, los, jetzt gehts ab(w├Ąrts), dann checkt man nichts mehr und f├Ąllt um und einem garnicht mehr ein, dass man getrunken hat um etwas zu erledigen Das eigene Leben n├Ąmlich.

M├╝hsam aufgerappelt, keineswegs aufgepeppelt stehe ich da, Griff nach der T├╝rklinke, einmal daneben, dann geht sie auf und ich raus aus der Kabine. Klingt nach Schiff, stinkt nach Schiffe. Muss von aussen so aussehen als w├╝rde ich auf beiden Beinen humpeln, wie dieses biologische Abfallprodukt, klarer Fall: gr├╝ner Punkt, nach draussen geht, und es ist doch schon irgendwie morgentlich. Diese Klarheit, die noch nicht veratmet wurde von den vielen gut programmierten Maschinen. Ich w├Ąre auch gern eine, hat nicht funktioniert bei, Fehler, ich h├Ątte alles daf├╝r getan, nicht nachzudenken zu m├╝ssen, oder es richtig zu k├Ânnen, so, dass die Schlussfolgerung kein blo├čes NEIN ist. Punk minus alles. Ohne Gemeinschaftsgef├╝hl, ohne Meinung, keine Demonstration, ausser der, dass es auch Menschen gibt, die Hass wirklich verdient haben. Also, vor mir Bahngleise. Ich werfe mich vor einen Zug, aber er kommt nicht.

Wenn ichs nicht aufgesetzt f├Ąnde zu heulen, dann k├Ânnte man mich vielleicht jetzt sehen, wie ich geschlagen, aber noch nicht tot, so wie die Fliege ohne Fl├╝gel, alles versuche, was ich kann, und das ist verdammt nochmal bestimmt nicht viel. Und dass ich in so nem Zustand sogar noch an das Wort "Konjunktiv" denke, dass ich vielleicht mehr "gekonnt h├Ątte", das ist wirklich unr├╝hmlich. "Meine" Frau kommt mir ins Bewusstsein, Jasmin. H├Ątte alles getan, um sie gl├╝cklicher zu machen. Ging nicht. Sie war die einzige, die ich jemals. Aber naja, sie hat immer noch an jemand anderen gedacht. Und sowas sieht man halt. Aber drauf geschissen, auf Langweilerstories beim Kaffeetrinken ohne Ralf Morgenstern ("Blond am Freitag"), daf├╝r mit dem Verderben. Fuck, ich rede mich immer weiter rein in die Gew├Âhnlichkeit. Weg damit. Etwas besonderes muss man wenigstens sein, egal ob besonders widerlich oder was anderes. Anthony Robbins, der erfolgreichste Personal Coach, dem Agassi die Zur├╝ckeroberung der Weltspitze und Michel Crichton das Buch "Jurassic Park" zu verdanken hat, der hat mal gesagt, dass der Wunsch, etwas Besonderes, jemand von Bedeutung zu sein, eines der sechs menschlichen Grundbed├╝rfnisse ist, neben Liebe, Wachstum, Sicherheit, Abwechslung und gesellschaftlichem Beitrag. Bei allen Punkten habe ich versagt. Ein Vater, der sein Kind ins Heim gibt. Ein Mensch, der sein einziges Versprechen bricht. Ein Unmensch, ├╝berfl├╝ssige Ressourcenvernichtung.

Viele gebildete Menschen neigen zur Fremdanekdotenerz├Ąhlung, zum Zitieren, weil sie eingesehen haben: einige haben Dinge besser gemacht, als man es jemals k├Ânnten. Ich neige nur dazu, weil ich selbst nichts erlebe. Blick in den Spiegel der nullten Dimension. Wenn jemand diesen Scheiss, den ich denke, h├Âren k├Ânnte, ich w├╝rde mich sch├Ąmen f├╝r alles pseudointellektuelle, und daf├╝r, dass ich das Wort pseudo tats├Ąchlich benutzt habe, und intellektuell im Zusammenhang mit mir. Meine Augen sind nass. Keine Tr├Ąnen, nur Wasser. Zwei Euro in der Tasche gefunden, ein Automat mit Erdn├╝ssen und zum Gl├╝ck auch Bierdosen. Rein, dr├╝cken, rausnehmen, schlucken.

Das Grausamste ist wohl, weder Mut zum Ertragen zu haben, noch den zum logischen Nichtertragenm├╝ssen. Schwebend unwirksames Dasein, qu├Ąlend wirksam. Die Bierdose sorgf├Ąltig im M├╝lleimer entsorgen. Weg gehen, den Weg gehen durch die Stadt. Mehrere Aktentaschen, befestigt an Krallen, mehrere K├Âpfe, befestigt an gierigen H├Ąlsen, laufen mit gewissenhafter Entfernung an mir vorbei. Ihre Bahnschienen sind unsichtbar. Vielleicht um f├╝nf oder um sechs. Sogar noch ein paar Nutten auf der Stra├če, sie kennen mich, oder ich sie wenigstens. Jaqueline fickt am besten, sie schaut nicht an die Uhr, im Hotelzimmer, sie bewegt sich nicht wie Pinochio und sie schluckt. Kein Geld mehr dabei, wir sehen uns sp├Ąter Jaqueline, gr├╝├č deine Kinder und deinen Mann, vielleicht kommt ein Neger vorbei mit einem Riesenschwanz.

Meine Halswirbels├Ąule beugt sich nach oben (grauer Himmel), dann nach unten (tote Zigarettenleichen). Der Betrunkene neigt zu Pathos. Ich gehe weiter, und dann verschwimmt wieder alles und brennt, wie beim Tauchen im Chlorbecken. Wenn Jasmin bei mir w├Ąre, dann w├Ąre der Kummer woanders und ich wahrscheinlich auch. Bei ihr, und ich w├╝rde sie zudecken, und k├╝ssen, und ihr Dinge ins Ohr fl├╝stern, die man garnicht gewohnt sein kann von so einem Wicher, und sie w├╝rde im Halbschlaf ihre Mundwinkel nach oben ziehen. Ich w├╝rde st├Âhnen wie ein Schwein, das vom Schlachtband abspringt, und dann w├╝rde ich neben ihr schlafen. Letztlich kann man alles auf die Gef├╝hle schieben, sie liegen als Fundament unter der Ratio, sie sind alles. Sie sind alles was mir fehlt.

Wenn ich mir vostelle, dass alle Knochen in mir in etwa gleichzeitig brechen, und ich zusammenfalle wie das World Trade Center, dann bin ich endlich nackt am FKK vor Gott, die Gesetze f├╝r Hundebesitzer schreiben das Entfernen der H├Ąufchen vor, und um mich k├╝mmert sich der Wind.

[Dies ist alles nur ein Test: mit vors├Ątzlich deutlich ├╝ber einem Promille erhofft sich der Schreiber sp├Ąter Klarheit ├╝ber die Leistungsf├Ąhigkeit des "Verstandes" unterm Einfluss des Neuronenkrieges.]

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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Nachtsicht,

ein erstklassiger Text, hat Spa├č gemacht zu lesen! Ein gekonntes Spiel mit Tabus, ein dreckiger Gedankenstrom vom Feinsten. Perfekt zusammengesetzt und zum Kunstwerk erhoben.

Wenn sich der Kater verzogen hat, geh doch noch mal durch den Text und hol die Fl├╝chtigkeitsfehler raus!

LG Henry

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nachtsicht
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2005

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Hi Henry,

habe das ganze nun nochmal durchgelesen, die Fehler sind nicht in der ├ťberzahl, und weil das ja auch den Anspruch hatte, ein Test unter Alkoholeinfluss zu sein, lass ich die Unreinheiten einfach mal drin. Ist ja sonst Betrug. Danke f├╝r deine Worte.

Nachtsicht

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xzar
Guest
Registriert: Not Yet

hi nachtsicht,

bisher hab ich dich hier gar nicht bemerkt - ein schlimmes vers├Ąumnis. bei deinem text dachte ich mir: endlich wieder ein text, der was neues bringt, der nicht alle bereits tausendmal abgelutschten s├Ątze noch einmal in den mund nimmt und daran herumzuzelt. und noch dazu ist dein text sehr angenehm zu lesen. er legt sich f├Ârmlich ins hirn, man muss die s├Ątze nicht ins ohr zwingen, sie schmiegen sich rein. witzig obendrein.

vielleicht solltest du ├Âfter beim trinken schreiben. oder beim schreiben trinken.

lg
co

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Wolkenreiter
Hobbydichter
Registriert: Feb 2005

Werke: 1
Kommentare: 18
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Hallo Nachtsicht

Einer der besten und kraftvollsten Texte die ich in den letzten Wochen hier gelesen habe - eine rundum gelungene Sache. Die Sprache ist hart und beschreibt die Schei├čh├Ąrte des Lebens, aber nicht nur: Der Text ist vielschichtig und Du nimmst so ganz locker und wie nebenbei Bezug zu allem M├Âglichen. Das wirkt dann alles wie aus einem Guss, in sich stimmig und ist, ja ich schreibe es hier ganz gro├č: GRANDIOS!, wie ich finde. Mein Kompliment.

LG, Wolkenreiter

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2004

Werke: 1
Kommentare: 18
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Klasse.

Sehr sch├Ân zu lesen.
Zwar wirken ein paar Worte oder Szenen f├╝r meinen Geschmack ein bisschen aufgesetzt bzw. zu dick aufgetragen, aber das relativiert sich im Text ("ich w├╝rde mich sch├Ąmen f├╝r alles pseudointellektuelle, und daf├╝r, dass ich das Wort pseudo tats├Ąchlich benutzt habe, und intellektuell im Zusammenhang mit mir").

Interessant und gelungen finde ich vor allem die Passagen, die sich ein bisschen stilisiert/poetisiert geben. (Ab Ende des zweiten Absatzes ungef├Ąhr.)

Nicolas

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