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"Ach, Sie sind Kannibale. Wie interessant...
Eingestellt am 15. 11. 2017 12:43


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Kassandro
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„Ach, Sie sind Kannibale. Wie interessant…


… Man hört heutzutage viel zu wenig von den Kannibalen.“ Ich weiß nicht mehr, wo ich diese Persiflage auf einen gewissen Typus blasierten Partygeschwätzes aufgeschnappt habe. Sie trifft jedenfalls ins Schwarze.

Am 6. Oktober 2017 kam die Nachricht, dass der diesjährige Friedensnobelpreis an Ican, die Dachorganisation von über 400 internationalen Initiativen zur Ächtung von Atomwaffen, ging. Ich habe die Freude, dem Leitungskreis einer deutschen Mitgliedsorganisation anzugehören und beobachte mit Interesse die Reaktionen auf die Auszeichnung hierzulande.

Die Bundesregierung verlautbarte umgehend: "Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen und gratuliert dem Nobelpreiskomitee zu dieser Wahl sowie der Internationalen Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen für die Auszeichnung." Sie verwies dann sogleich auf Staaten, die mit Atomwaffen drohten, und erklärte: "Solange dies so ist – und Deutschland und Europa hiervon auch bedroht sind –, besteht die Notwendigkeit zum Erhalt einer nuklearen Abschreckung fort. Diese wird durch die Nato gewährleistet."

Die politische Leistung von Ican besteht darin, auf UN-Ebene einen bindenden Vertrag zur Ächtung der nuklearen Massenvernichtungsmittel auf den Weg gebracht zu haben, den 122 Nationen unterstützen und der jetzt die entsprechenden Ratifizierungen durchläuft. Die Bundesregierung der Großen Koalition dagegen boykottierte trotz vielfachen zivilgesellschaftlichen Widerspruchs zusammen mit den Atombomben-Besitzern jede Verhandlungsteilnahme. Denn Deutschland hat zwar keine dieser Massenvernichtungsmittel in eigenem Besitz, aber es stellt den amerikanischen Atomraketen nach wie vor sein Territorium (Büchel in der Eifel) samt Logistikzentrum als Abschussrampe und strategisches Drohpotential zur Verfügung.

Spannender als die erwartbar heuchlerische regierungsoffizielle Reaktion auf den Friedensnobelpreis 2017 (Wir gratulieren, tun aber weiterhin das Gegenteil.), war mir die Linie, die die Meinungsmacher Deutschlands fahren würden. Da war zunächst einmal auffällig, wie viel Platz auf Rückblicke verwendet wurde, wer alles zuvor wie überzeugend oder zweifelhaft den Friedensnobelpreis bekommen hatte, im Verhältnis zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit Gründen, Zielen und Aktionen des diesjährigen Preisträgers. Weiterhin war typisch, die Nobelpreisentscheidung nicht in ihrer ethischen Aussage zu erörtern, sondern polit-taktische Spekulationen anzustellen: Wer damit in den momentanen Konstellationen gemeint und abgestraft sein könnte. Schließlich bot das Thema Gelegenheit, eine Grundtugend des Mainstream-Journalisten auszuspielen, nämlich sich als realpolitischer Experte, ja, als Oberpragmatiker zu gerieren. Nicht etwa, dass die Friedensnobelpreisträger als Traumtänzer und Gutmenschen geschmäht wurden. So unfein ist unser Qualitätsjournalismus nicht. Er insinuiert. Er druckt den Unsinnssatz „Die Welt wird durch diesen Friedensnobelpreis nicht atomwaffenfrei.“ (SZ-online-Kommentar). Er adelt die Friedensaktivisten mit dem vergifteten Lob „echte Idealisten“ zu sein (SPIEGEL-online-Kommentar). Er belächelt sie, als leugneten sie die Schwerkraft. Hervorstechendes Merkmal der deutschen Journaille gegenüber dem Kampf für eine Ächtung der Atomwaffen ist ein Chor von Unkenrufen. Da weiß man: Der Sumpf ist nicht weit.

In der Sache besteht eine grundlegende Alternative: Entweder man teilt den Glauben an die Abschreckungsdoktrin und sagt: Die Atomwaffen, so entsetzlich ihre Wirkung ist, sind gerade deswegen ein Mittel der Friedenssicherung. Denn wenn gilt ‚Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter.’, verhindert die wechselseitige glaubhafte Androhung der Totalvernichtung ihren Einsatz gerade. Das hat sich seit ihrer Entwicklung auch in Zeiten schärfster Konfrontation zwischen Ost und West bewährt. Die Atombombe ist irreversibel in der Welt und zu einem wichtigen Faktor der Sicherheitspolitik geworden. Darum ist der Nobelpreis für Ican falsch.

Oder man teilt den Abschreckungsglauben nicht und argumentiert: Die Atomwaffen und die beständige Drohung mit ihnen sind eine unerträgliche Gefahr für die Menschheit, riskanter noch als die zivile Nutzung der Kernenergie, aus der wir vernünftigerweise aussteigen. Denn Menschen und ihre Technik sind fehlbar. Wie knapp wir in der Zeit des Kalten Krieges an der Katastrophe vorbeigeschrammt sind, kommt langsam ans Licht. Darum muss man mit aller Kraft auf die internationale Ächtung dieser Massenvernichtungsmittel hinwirken, so wie biologische und chemische auch geächtet werden konnten, und damit Schritte zu ihrem Abbau erzwingen. Darum ist der Friedensnobelpreis für Ican richtig.

In dieser Alternative müssten sich ernsthafte Kommentare positionieren. Stattdessen weitgehend Eiertänze. Den halsbrecherischsten legte Markus Becker bei SPIEGEL-online aufs Parkett. Er glaubt angesichts des Weltgeschehens nicht an die Abschreckungslogik. Aber er kann sich auch partout nicht zu einer ermutigenden Würdigung des Engagements gegen die Atomwaffen durchringen, sondern muss sie kleinschreiben: Der Link zu seinem Kommentar lautet: Friedensnobelpreis 2017 für Ican. Idealisten auf verlorenem Posten. Das Tabu eines vermeintlich seriösen Journalismus, sich auf die Seite einer Basisbewegung zu stellen, lässt Becker lieber in die Apokalyptik abdriften: Dicke Überschrift Diesen Kampf wird die Menschheit wohl verlieren. Die Schlusssätze raunen vom bevorstehenden Inferno.

„Wussten Sie schon, dass demnächst eine Atombombe in einer Großstadt explodieren wird? Nein, wirklich? Doch, doch, die Experten sagen das. Ach, wie interessant…“


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Version vom 15. 11. 2017 12:43

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