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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
"Der Mensch ist ein Lebewesen" (Claude Levi-Strauss)
Eingestellt am 05. 12. 2011 10:52


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Catherine Clement, Theos zweite Reise, DTV 2011, ISBN 978-3-423-62348-3

Der ber├╝hmte franz├Âsische Ethnologe Claude Levi-Strauss erl├Ąuterte 1976 bei einer Rede vor dem franz├Âsischen Parlament seinen von ihm erfundenen Leitspruch der neuen Menschenrechte: "Der Mensch ist ein Lebewesen."
Nicht mehr und nicht weniger. Er ist ein Lebewesen wie andere auch und nicht mehr Meister und Herr der Natur. Er ist es niemals gewesen, auch wenn gro├če Weltreligionen in ihren Traditionen den Menschen so gesehen, und eine entsprechende, Jahrhunderte lange Wirkungsgeschichte hinterlassen haben.

"Der Mensch ist ein Lebewesen." Mit dieser Erkenntnis des mittlerweile 22-j├Ąhrigen Theo endet seine zweite gro├če Weltreise, die er wieder mit seiner Tante Marthe unternimmt. Und sie baut eine Br├╝cke zu seiner ersten Reise im Jahr 1998, zu der Catherine Clement den damals todkranken Theo und seine reiche und gebildete Tante Marthe auf der Suche nach der Bedeutung der Weltreligionen rund um den Globus schickte.

Das vorliegende Buch zeigt die gleichen St├Ąrken und Schw├Ąchen wie das erste. Wer in einem verst├Ąndlichen Jugendbuch ( laut Verlag ab 13 geeignet) den Versuch unternimmt, erstens die Weltreligionen einerseits und die Ambivalenz der Religion insgesamt andererseits zu erl├Ąutern, und zweitens in einem Parforceritt durch Naturwissenschaft und Philosophie in einem auch noch locker und unterhaltsam daherkommenden Roman nichts weniger als die Rettung der Welt zu beschreiben, der muss sich einfach verheben.

Dennoch kann man Catherine Clement nicht genug Lob zollen f├╝r ihre beiden wunderbaren literarischen Versuche, einem jungen Publikum etwas nahe zu bringen, was kaum noch einen interessiert, aber f├╝r das einzelne Leben jedes Menschen und f├╝r die Welt insgesamt eine nicht hoch genug einzusch├Ątzende Bedeutung hat, oder haben wird, oder haben sollte.

Diese drei verschiedenen Modi durchziehen das neue Buch: Theo ist inzwischen 22 Jahre alt, studiert Medizin, arbeitet bei den "french doctors" mit und hat in seinem jungen Leben schon soviel Leid und Elend gesehen, dass es f├╝r ein ganzes Menschenleben reicht. Er ist engagiert f├╝r die Umwelt, aber er ist radikal, zeitweise sogar dumm und fundamentalistisch.

Auf seiner zweiten Weltreise, die ihn auch auf eine bestimmte Art wieder heil werden l├Ąsst, so wie die erste, lernt er von allen m├Âglichen Menschen etwas ├╝ber Zusammenh├Ąnge und dar├╝ber, dass es ├Ąhnlich wie vor acht Jahren bei seiner Reise durch die Welt der Religionen auch in den Fragen der Umwelt und der Gerechtigkeit keine klaren, eindeutigen Antworten gibt. So hat zum Beispiel das Robbenfangverbot einer ganzen Kultur, der der Inuit, die Lebensgrundlage entzogen. Viele andere Beispiele f├╝hrt Clement in zum Teil heftigen und auf hohem intellektuellem Niveau gef├╝hrten Dialogen auf in ihrem neuen Buch. Beispiele, die man auch als gebildeter Mensch oft mehrfach lesen muss, um sie wirklich zu verstehen.
Aber das ist wohl der Preis daf├╝r, wenn man es wagt, ein so hoch komplexes Thema in einen spannenden Jugendroman zu fassen.

Dennoch: es hat sich gelohnt. Leider werden solche anspruchsvollen B├╝cher aber noch f├╝r eine lange Zeit nur einigen wenigen Jugendlichen zug├Ąnglich sein und vorbehalten bleiben, die die daf├╝r n├Âtige Intelligenz und das Interesse f├╝r solche Themen haben.

Aber auch Erwachsene, die vielleicht schon etwas mehr ├╝ber die Ambivalenz des Lebens und der Ph├Ąnomene auf dieser Welt gelernt haben, werden diese B├╝cher mit gro├čem Gewinn lesen.

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