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Leselupe.de > Science Fiction
"Dort" - 2.Teil
Eingestellt am 18. 11. 2000 08:18


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Er hat recht gehabt. Er hat sehr viel recht gehabt. Und das Schlimme ist, da├č er immer noch sehr viel recht hat.
Die ersten Jahre verbrachte ich damit, auf den zerfallenen Stufen vor dem Schulgeb├Ąude zu hocken und ziemlich d├Ąmlich vor mich hinzustarren. Manchmal legte ich mich auch unter die Weide oder kletterte auf einen ihrer ├äste. Ich ├╝berlegte, was ich machen sollte. Das kann in der Zwischenzeit lange dauern.
Ich kam zu keiner L├Âsung. Mit den Chaoten vom Spielplatz wollte ich nicht spielen. Mit dem Typen, der im Morgenmantel beinebaumelnd am Schulhofrand sa├č, wollte ich nicht reden. Und mit dem Rand wollte ich sowieso nichts mehr zu tun haben. So f├╝llten sich vier Schalen mit Wasser.
Darauf verbrachte ich einige Jahre damit, philosophische Theorien ├╝ber jenen Brunnen in der Mitte des Schulhofs aufzustellen. Ich kam zu einigen sehr interessanten Erkenntnissen. Ich diskutierte mit mir ├╝ber die Zahl 25 und stellte fest, da├č irgendwie alles auf diesem Schulhof auf die Zahl 25 zur├╝ckzuf├╝hren war, wenn man nur lange genug dar├╝ber nachdachte und die richtigen Rechenwege benutzte.
Ich machte mir tiefgreifende Gedanken ├╝ber den Ursprung aller Dinge. Wie lange schon, wie lange noch, von wo und warum ├╝berhaupt dieses Wasser lief und was wohl passieren w├╝rde, wenn der Brunnen mal voll sei?
Diese ganzen Fragen, die man sich nun mal irgendwann stellt und die mir nicht mehr brachten als Kopfschmerzen, warf ich bald alle ├╝ber einen ziemlich gro├čen Haufen und stellte fest, da├č in der Zwischenzeit wieder f├╝nf Schalen gef├╝llt worden waren.
Eine Weile - ungef├Ąhr eineinhalb Schalen - fand ich Gefallen daran, wie mein Freund, der M├╝llmann, Bl├Ątter zu fangen und so lange zu maltr├Ątieren, bis sie ihr Spr├╝chlein kundgaben. Ich warf sie danach allesamt in den verbeulten Papierkorb, der neben dem Treppenaufgang zur Schule sein gelangweiltes Dasein fristete. Als der Hof v├Âllig laubfrei war, versuchte ich, mir mit den Bl├Ąttern, die noch am Baum waren, etwas Kurzweil zu verschaffen. Doch war der Versuch die einzige Kurzweil. Ich hing mich mit meinem ganzen Gewicht an einzelne Bl├Ątter, aber sie lie├čen sich einfach nicht pfl├╝cken.
Ich gab mich bald gegen mich selbst geschlagen und plauderte mal ab und an mit einigen Greisen. Allerdings ging ich ihnen dabei b├Âsartig absichtlich auf die Nerven und dabei recht unfair vor. Ich narrte, um nicht genarrt zu werden. Die Omas und Opas hatten ja offenbar nicht mehr viel an Verstand zu verlieren. Ich half ihnen nur dabei, den letzten Rest noch ein wenig schneller zu vergeuden.
Dem einen kn├Âpfte ich beim geschummelten TicTacToe-Spiel einen Hosenknopf ab.
"Was sagt man denn da?" fragte er, als ich mich schon wortlos umgedreht und mich zum Gehen gewandt hatte.
"Herzliches Beileid?"
Er sch├╝ttelte knatschig das graustr├Ąhnige Haupt.
"Gl├╝ckwunsch?"
Kopfsch├╝tteln.
"Eine Hand w├Ąscht die andere?"
Er versuchte ein absch├Ątziges Pokerface hinzubekommen, was nur einigerma├čen gelang.
"Auf das der dreckige Taler wandere?
Werden Schulden so geringer?"
Ich ging auf das Spielchen ein.
"Dann behalt' ich lieber dreckige Finger."
Das verwirrte ihn sichtlich. Er wurde ziemlich nerv├Âs. Stammelte nur noch.
"Wasch sie dir."
"Leck sie mir."
"Des Talers Wert ... wird ... wird hosengerecht verrechnet."
Ich sch├╝ttelte den Kopf.
"Des Talers Wert wird beim Kn├Âpfen verkehrt. Stopft nun L├Âcher und knechtet." Daraufhin beugte ich mich langsam zu ihm her├╝ber und wisperte ihm schelmisch ins Ohr: "Und das hier bald die K├Âpfe rollen, das werden wohl auch die Kn├Âpfe wollen." Dabei buffte ich ihm augenzwinkernd in die Seite.
Der Alte sprang mit einem angstvollen Schrei auf und rannte wie bl├Âd ├╝ber den ganzen Hof. Die Arme hielt er ├╝ber dem Kopf, als wollte er ihn regelrecht verschn├╝ren.
Klar war das fies. Er tat mir ja auch ein bi├čchen leid. Aber ich hatte nur diese M├Âglichkeit. Entweder wurde ich teilnahmslos ein Bekloppter unter Bekloppten oder ich wurde ein halbwegs Verr├╝ckter in einem Haufen v├Âllig Abgedrehter. Und solange ich mir selbst einredete, da├č ich bei den Leutchen hier gar nicht mehr viel kaputtmachen konnte, ging's. War fast in Ordnung.
Einige besch├Ąftigte ich monatelang mit Sch├╝ttelreimen und Zungenbrechern. 'Fischers Fritze' und so, Sie wissen schon.
Aber die wu├čten es nicht.
Oh, sie waren nicht dumm. Nein, nein. Sie konnten es nur nicht verstehen.
Ich versuchte auch noch einmal, in die Schule zu kommen. Nat├╝rlich ohne meine Aufgabe gemacht zu haben. Doch als ich eben die Hand auf die Klinke legen wollte, preschten mir die Bullaugen wieder entgegen. Z├Ąhnebleckend knurrte mich dies Wesen geborener Alptr├Ąume an:
"Du mu├čt wirklich verdammt gl├╝cklich sein, wenn du dir freiwillig einen solchen ├ärger machst."
Durch die Unterredungen mit meinen Spielgef├Ąhrten war ich richtig in Fahrt: "Gl├╝cklich? Ich? Dies zwei zusammen ist schon Hohn.
Undank ist der Welten Lohn,
welcher unbarmherzig l├Âhnt.
Gl├╝ck? Nein. An Gl├╝ck hab ich mich nicht gew├Âhnt."
Da l├Ąchelte es hinter dem dicken Glas.
"Ihr seid wie Fliegen auf der Fensterbank
Wie die Spuren vertaner Energie
Fliegt euch allesamt die Nasen blank.
An harter Luft. Ihr Viecher lernt das nie."
"L├Ą├čt du mich drum ein?"
Sie zeigte mir eine Reihe ehemaliger Z├Ąhne. "Nein."
Damit wandte sie sich mit allem, was zu ihr geh├Ârte um, und unsere Konversation endete hiermit.
* * *

├ťber diese ganzen Vorg├Ąnge gr├╝belte ich die ganzen n├Ąchsten Jahre, was wiederum drei Schalen mit Wasser f├╝llte.
Irgendwann fiel mir dann endlich etwas sehr Interessantes auf. Ich hatte es schon vorher beobachtet, jedoch nicht realisiert. Der ganze Schulhof - ist schief.
Zwar nur ganz leicht, aber er hat Schlagseite. Das Wasser schwappt nicht gleichm├Ą├čig aus den Schalen, sondern flie├čt immer nur an einer Seite ├╝ber die R├Ąnder, n├Ąmlich auf der Seite, auf der auch der Knilch im Morgenmantel sa├č und starrte. Diese Tatsache lie├č mich in eine tiefe Gr├╝belei verfallen. Und tats├Ąchlich fruchtete sie.
Ich kam auf eine ph├Ąnomenale Idee. Denn gesetzt den Fall, dieser Schulplatz ist wirklich das, wonach er aussieht, n├Ąmlich nur ein herausgerissenes St├╝ck von irgend etwas, dann d├╝rfte er ja nicht allzu dick sein, nicht wahr? Und, gesetzt den Fall, es ist so, wie man aus der Rede des M├╝llmanns schlie├čen konnte, n├Ąmlich da├č die Zeit, die man f├╝r die Aufgabe hat, mit dem Wasser herabl├Ąuft, der Brunnen de fakto eine Art Sanduhr ist ... Und geht man dann davon aus, da├č die Zeit um ist, wenn der Brunnen voll ist ... Dann k├Ânnte ich doch vielleicht die Zeit, die ich zum L├Âsen meiner Aufgabe brauchte, verl├Ąngern, indem ich ein Loch in den Boden bei dem Brunnen grub. Und zwar genau an der Stelle, an der das Wasser ├╝berschwappen mu├čte, da die Ebene ja schief ist, so da├č das Wasser, nachdem es die letzte Schale gef├╝llt hat, ungehindert weiterflie├čen kann.
Also machte ich mich an die Arbeit. Zuallererst zertr├╝mmerte ich einen der eh schon abgefallenen Fensterl├Ąden, um den Sparren als Werkzeug zu benutzen. Dann bestimmte ich die genaue Stelle am Brunnenrand, an der das Wasser ├╝berschwappen mu├čte und begann dort zu graben.
Ich war etwa eine halbe Stunde am Werk, als pl├Âtzlich der Boden unter mir bebte und das bisher entstandene Loch zu rieseln begann.
Alles bebte. Unter mir schien alles einzust├╝rzen. Die Alten auf dem Spielplatz kreischten in heller Panik und liefen auseinander und zusammen und suchten sich v├Âllig bl├Âdsinnige Verstecke. Der eine hatte vor, sich im Sandkasten einzubuddeln. Eine Oma verbarg sich und ihr verzerrtes Gesicht so gut es eben ging unter einem F├Ârmchen. Ich selbst klammerte mich voller Entsetzen an den Stein des Brunnenrandes.
"Was machen sie denn da?! Lassen sie das!" scholl hinter mir eine Stimme, von der ich lange nichts geh├Ârt hatte. Ich schaute hinter mich und sah, wie meine erste Bekanntschaft, der Spinner im Morgenmantel, mit wutrotem Kopf auf mich zukam. Je n├Ąher er mir und dem Brunnen kam, um so st├Ąrker wurde das Beben.
Doch, nein, es war kein Beben. Es war ein Heben. Etwas hob das gesamte Plateau an meiner Seite an. Hinter mir knarrte die Schule aus allen altersschwachen Fugen um Hilfe. Steine und Staub rauschten ihr entgegen.
"Sie! Sie sollen sagen, was sie da tun!" schrie mir der Kerl zornig entgegen und blieb auf der H├Ąlfte der Strecke stehen. Sofort stoppte das Bewegen und die Schulplatzinsel verharrte in der Neigung, in der sie gerade wankte. In meinem Magen sp├╝rte ich noch ein erhebliches Pendeln, doch konnte dies auch der pl├Âtzliche Schreck verursacht haben.
"Ich ... ich ... wollte nur ... ", stotterte ich und wu├čte mit einem Male keine Antwort mehr.
"WAS WOLLTEN SIE?!" br├╝llte der Typ im Morgenmantel. Doch auf einmal wurde er ruhiger. Aber ich sah, wie er die Kiefer zusammenpre├čte und wie seine Nasenfl├╝gel zornig bebten. Nie habe ich eine solche Wut in jemandes Gesicht gesehen.
"Sie sind wie alle anderen, nicht wahr? Oh, ich habe mich so in ihnen get├Ąuscht. Ja, das wei├č ich jetzt. Schade. Das ist sehr schade. Ich hatte gedacht, sie seien anders. Besser. Zumindest besser als die anderen da." Bei diesen Worten zeigte er zu den bibbernden Alten her├╝ber. Einer von ihnen hatte eben seinen Kopf, den er im Sand verbuddelt hatte, wieder hervorgeholt. Doch als er bemerkte, da├č man auf ihn zeigte, war sein graues Haupt in Sekundenschnelle wieder mit Sand bedeckt.
"Sie waren mutig. Das hatte ich ihnen angesehen. Gleich zu Anfang so weit in die Tiefe zu schauen, hat sich in der Zwischenzeit noch niemand getraut. Aber letztendlich sind sie auch nicht anders als diese anderen feigen Kreaturen, die ihre Antworten suchen und finden, dann aufgeben und sich selbst Sch├Ânwetter vorgaukeln. Auch sie versuchen diese Alternativen. Oh, aber ja, die sind ja so einfach. Wenn ein Problem ansteht, mu├č man nur daf├╝r sorgen, da├č es weiterhin ansteht. Zusammen mit den anderen ├╝brigen Problemen, die dort schon in der Reihe stehen und warten. Und wenn es dann immer mehr und mehr werden, dann knarren zwar die T├╝ren und deren St├╝tzbalken unter dem Gewicht der wartenden Lasten, aber was soll's denn? Alternativen sind die ├ťbersetzungen f├╝r 'bequeme Umwege'. Warum also nicht nutzen?"
Er tat ein paar Schritte nach vorne und ich klammerte mich fester, denn das Plateau neigte sich wieder um einige Meter.
"DU VERSUCHST, DIE ZEIT ZU ├ťBERLISTEN!!" br├╝llte er zu mir her├╝ber und tippte sich dabei mit Wucht den Zeigefinger gegen die Stirn. "Mu├č man denn erst dumm sein, um zu begreifen, da├č es auch anders geht? Mu├čt du erst dumm sein?! Aber ja, aber ja, Schnelligkeit ist ja gut, Eile ist ja g├╝nstig und sch├Ân und ein Loch kann auch jeder buddeln, durch das dann das Wasser rinnen darf.
Steter Tropfen h├Âhlt den Stein. Auch Wasser mu├č reifen. Schon mal davon geh├Ârt?"
Seine Frage forderte eine Antwort. Doch ich war nicht f├Ąhig, auch nur einen Ton herauszubringen.
Da wandte er sich wieder dem Rand zu. Wieder bebte es, doch sank nun das Plateau wieder der Waagerechten zu. Kurz vor dem Rand drehte sich der Mann mit dem Morgenmantel noch einmal zu mir um.
"Du wirst das lassen! H├Ârst du! Ich werde das nicht zulassen! Hast du verstanden?!!" Ich nickte schnell.
Damit setzte er sich wieder an die Kante. Allerdings ein paar Meter weiter links von seinem vorherigen Platz.
Und pl├Âtzlich war wieder alles beim Alten. Es wankte alles nur noch ein wenig, pendelte sich aus und war still.
Ich brauchte eine Weile, um mich von diesem Ereignis zu erholen. Dann schlie├člich wagte ich es und bewegte mich. Zuerst nur die Augen, dann auch mal einen Muskel.
Doch fand ich einiges ver├Ąndert. Nicht nur, das der Herr im Morgenmantel nun woanders sa├č, auch die Stelle, an der das Wasser nun ├╝ber die Kanten der Schalen schwappte, war etwas weiter nach rechts verschoben. Genau in die Richtung, in die sich auch der Sitzplatz des Herrn im Morgenmantel verlegt hatte. Das konnte doch kein Zufall sein.
Mir offenbarte sich pl├Âtzlich ein eigenartiges Bild von dieser Welt:
Dieser Schulplatz schwebte nicht. Dieser Schulplatz stand nirgends drauf und er flog auch nicht einfach so.
Der Morgenmantelmann ... war ein Gewicht.
Dieses Beben, wenn er aufstand, wenn er sich zur Mitte hin bewegte. Das Anheben auf dieser und das Senken auf der anderen Seite des Brunnens, wo sich schlie├člich die Schule befand ...
Die Trauerweide war ein Gegengewicht. - Und zwar f├╝r den Spielplatz.
Der Morgenmantelmann war auch ein Gegengewicht. Und zwar f├╝r die Schule. Doch war er irgendwie schwerer als die Schule.
Und der Brunnen war die genaue Mitte. In der Zwischenzeit war er die Mitte.
Aber demnach war dieser fadend├╝nne Strahl nicht nur Wasser.
Und das Wasser war auch nicht nur die vergehende Zeit.
An diesem fadend├╝nnen Strahl Wasser ... hing alles.

* * *

Langsam und vorsichtig, so als ob jeder Schritt meinen Durchbruch bedeuten w├╝rde, bewegte ich mich vorw├Ąrts auf den Rand und auf den Mann zu. Ich hatte keinerlei Lust, diesen Schwindel von einst noch einmal zu erleben. Das hatte mir gereicht. Aber trotzdem mu├čte ich endlich zu diesem eigent├╝mlichen Typen mit dem Morgenmantel und den seit Jahren nassen Haaren. Ich brauchte mehrere Tage, um bis auf die N├Ąhe von sieben, acht Meter an ihn heranzukommen, als er pl├Âtzlich, ohne sich zu mir umzudrehen, sagte:
"Sie brauchen sich nicht so anzuschleichen. Setzen sie sich hier zu mir hin und gut ist."
"ES TUT MIR LEID!" schrie ich ihm zu.
"Was tut ihnen leid?"
"Das mit dem Loch. Ich wu├čte das alles nicht. - Da├č man das nicht darf, meine ich."
"Schon gut. Nun setzen sie sich schon hier hin." Dabei klopfte er mit der flachen Hand auf den Boden rechts neben sich.
"Ich ... ich traue mich nicht", gestand ich.
Da drehte er sich zu mir um und l├Ąchelte mich an.
"So kommen sie schon. Glauben sie mir. So schlimm ist es immer nur auf den ersten Blick."
"Wenn sie meinen", murmelte ich und tat, wie mir gehei├čen war.
Er hatte recht. Ganz so schlimm war es gar nicht mehr, wenn man es erst einmal kannte. So sa├čen wir dort und starrten eine lange Zeit in das bunte Schillern. Einen Tag. Zwei Tage. Und hinter uns f├╝llte sich die f├╝nfzehnte Schale.
"Warum sind Sie schwerer als die Schule?" fragte ich irgendwann.
"Weil ich schwerer zu verstehen bin als die Schule", antwortete er.
"Schwerer oder schwieriger?" fragte ich.
"Ob das eine oder das andere. In beiden F├Ąllen belastet dich etwas, oder?"
Wie auch immer ich eine ganze weitere Schale lang dar├╝ber nachdachte, ich wu├čte dem nichts entgegenzusetzen. Irgendwann fragte er mich dann:
"Hast du deine Aufgabe gemacht?"
"Ich habe nicht viel auf", sagte ich.
"War das eine Antwort?"
"Es ... ist sehr ... schwierig."
"Vielleicht kann ich dir ja helfen."
Insgeheim hatte ich auf ein solches Angebot gehofft.
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?" nannte ich ihm die Frage.
Er zog die Augenbrauen in die Stirn.
"Das ist tats├Ąchlich schwierig", sagte er und ich lie├č resigniert die Schultern h├Ąngen.
"Ich werde wohl niemals hier fort k├Ânnen."
"Ich habe nicht gesagt, da├č es unm├Âglich ist, diese Aufgabe zu l├Âsen, Dummkopf. Hast du dir ├╝berhaupt mal ├╝ber die L├Âsung Gedanken gemacht?"
Erst jetzt bemerkte ich, da├č ich mir, seit mir die Frage gestellt wurde, immer nur dar├╝ber Gedanken gemacht habe, wie ich vielleicht die Antwort umgehen k├Ânnte. Dabei habe ich mich eigentlich nie richtig um die L├Âsung gek├╝mmert. Ertappt sch├╝ttelte ich den Kopf.
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?" wiederholte der Herr im Morgenmantel. Es war das erste von ungef├Ąhr einem Dutzend Male w├Ąhrend der n├Ąchsten Jahre, da├č er sich diese Frage murmelnd wiederholte. Er sprach die Worte stets so langsam und mit einer solcher Konzentration, als buchstabiere er sie. Das Wasser schwappte ├╝ber die zwanzigste Schale und ich entdeckte an meinem Nebenmann ein paar nasse, graue Haare.
Dann pl├Âtzlich sagte er:
"Was ist der Fuchs f├╝r ein Tier?"
Ich wu├čte erst gar nicht was er meinte.
"Ein S├Ąugetier", antwortete ich und z├Ąhlte die Einzelheiten auf, die ich in meinem Ged├Ąchtnis unter dem Schlagwort 'Fuchs' fand. "Er ist Fleischfresser ... hat ein rotes ..."
"Ach was, vergi├č das!" schnauzte der Mann dazwischen. "Ich will nicht wissen, woran man einen Fuchs erkennt. Wenn ich einen Fuchs sehe, wei├č ich, da├č es ein Fuchs ist. Ich m├Âchte von dir wissen, wie ein Fuchs ist. Was wei├čt du ├╝ber ihn?"
"Er ist ... Einzelg├Ąnger ... glaube ich", formulierte ich vorsichtig, denn ich brauchte einige Zeit, um in meinem Ged├Ąchtnis etwas Brauchbares zu finden.
"Glaubst du es oder wei├čt du es?"
"Ich wei├č es nicht genau. Ich glaube es. Ich kenne kein Bild von F├╝chsen im Rudel."
"Das ist gut", sagte er l├Ąchelnd. Das verwirrte mich etwas. "Wenn du etwas nur glaubst, aber nicht wei├čt, dann hast du ein eigenes Bild von einem Fuchs. Verstehst du? Es ist dann nicht wichtig, ob dein Bild von einem Fuchs auch wirklich so wirklich ist. Weiter, Junge, du bist auf dem richtigen Weg."
Mein Verstand verstand das nicht. Doch gestand ich es nicht.
"Der Fuchs ... der Fuchs ..." Da traf mich der Geistesblitz: "... ist schlau."
Der Mann schaute mich listig von der Seite an.
"Glaubst du das oder wei├čt du es?"
"Es pa├čt zu ihm, finde ich."
"Definiere mir 'schlau' ", forderte er mich auf. Ich dachte nicht weiter dar├╝ber nach und tat es einfach.
"Schlau ... klug, pfiffig, clever, gerissen, listig, ... na, schlau eben."
"Was meinst du: Wei├č der Fuchs, da├č er schlau ist und wie schlau er ist?"
"Kann ich mir nicht vorstellen. Und selbst, wenn er es w├╝├čte, w├Ąre er zu schlau, es zuzugeben."
"Gut", sagte er begeistert und gab sich damit zufrieden. Daraufhin versank er erneut in jahrelanges Schweigen, in dem er vom konzentrierten Nachdenken sichtlich alterte. Falten gruben sich in sein Gesicht. Seine stets nachdenklich gerunzelte Stirn verdr├Ąngte den Haaransatz. Die einundzwanzigste Schale f├╝llte sich. Und auch die zweiundzwanzigste und eine halbe dreiundzwanzigste. Ich gestehe, ich wurde langsam ungeduldig und besorgt.
Ganz pl├Âtzlich und ohne Vorwarnung beendete der Greis sein Schweigen.
"Was ist das Regenland eigentlich?"
"Wei├č nicht", gestand ich. "Das Amazonasgebiet vielleicht."
"Nein", sch├╝ttelte er den Kopf. "Das Amazonasgebiet hat in der Zwischenzeit zu viel verloren. Gibt es da ├╝berhaupt F├╝chse?"
"Es gibt dort Regen. Viel Regen."
"Ja, genau. Und deshalb nennt man das Gebiet Regenwald. - Und nicht Regenland. Es gibt keine Veranlassung zu denken, mit 'Regenland' sei das Gebiet um den Amazonas gemeint."
Ich mu├čte ihm rechtgeben. "Ich hatte nur frei assoziiert", versuchte ich mich zu rechtfertigen.
"Ja, das ist ja auch gut", gab der Herr neben mir zu.
Ein Weidenblatt wehte vorbei. Der Mann im Morgenmantel schnappte es sich mit flinken Fingern und zerdr├╝ckte es.
"Der erste Eindruck ist nicht immer gleich der richtige."
Ich war ├╝berrascht, doch schob ich es auf den Zufall, da├č das Weidenblattspr├╝chlein so pa├čte.
"Ich fange anders an. Mal ganz ab von der Frage, wo es denn wohl sein k├Ânnte: Wie sieht es denn aus in einem Regenland? Was glaubst du?"
"Es regnet viel. Sehr viel. O ja, es wird wahrscheinlich beherrscht vom Regen. Sonst hie├če es ja nicht Regenland."
"Ja, genau. Also?"
"Es wird dort wohl sehr viel wachsen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Viele Pflanzen. Viel Gr├╝n. Saftiges Gr├╝n."
"Hohe Pflanzen? B├Ąume?"
"Ja, doch. Obwohl - in Gro├čbritannien und Irland regnet es ja auch viel, aber dort sind nicht sehr viele B├Ąume..."
"Hey!" unterbrach er mich und rammte mir sanft den Ellbogen gegen die Rippen. "Genau das ist doch der Trick, verstehst du nicht? Es ist ├╝berhaupt nicht wichtig, wo sich das Regenland eigentlich befindet, sondern wie das Regenland ist. Und zwar dort oben - bei dir - ist." Dabei tippte er mir mit dem Finger gegen die Stirn. "Da spielen klimatische Verh├Ąltnisse oder sonstige Einfl├╝sse keinerlei Rolle. In deinem Regenland herrscht der Regen, denn sonst hie├če es ja nicht Regenland. Also? Wie sieht dein Regenland aus? Hat es B├Ąume?"
"Oja", sagte ich. "Sehr viele und sehr hohe B├Ąume. Eigentlich ist es ein Wald, der alles mit seinen gro├čen, dunklen Bl├Ąttern bedeckt."
Er zog eine krause Miene, die mich zusammenzucken lie├č, weil ich f├╝r einen Augenblick glaubte, ich sei ihm in eine Falle gelaufen.
"Wof├╝r, glaubst du, sind diese gro├čen, dunklen Bl├Ątter?"
"Na, um den Waldboden und die niedrigeren Pflanzen vor dem vielen Wasser und nat├╝rlich auch vor der Sonne zu sch├╝tzen."
"Welcher Sonne? Mein Junge, ich spüre, du rutscht schon wieder durch Klimazonen, die dir andere Welten vorgeben. Du bist nicht am Amazonas, nicht am Äquator und auch nicht in Irland oder sonst wo.
H├Âr zu. Ich sage es dir noch einmal: Du bist in einem Regenland. Allein das ist dir vorgegeben. Und trotz dem ist es nun dein Regenland. Es ist deine Aufgabe. Du bist in deinem Regenland und in dem herrscht der Regen. Und es hat deine Logik.
Nun denke nach. Denke noch einmal gr├╝ndlich nach. Nimm dir Zeit, noch hast du sie. Schlie├če die Augen dabei. Ja, los, mach deine Augen zu. Nimm dir die Zeit und denke nach, wie es in deinem Regenland aussieht. Stelle es dir vor. Ich m├Âchte, da├č du jedes einzelne Blatt dieses Waldes vor Augen hast."
Ich hatte die Augen geschlossen und stellte mir das Regenland vor. Mein Regenland. Es glich zun├Ąchst dem Bild, das ich von ihm hatte. Viel Gr├╝n, Sonne und so. Doch merkte ich, da├č tats├Ąchlich irgend etwas nicht stimmte. Nicht stimmen konnte. Es war in einer unrealistischen Art unlogisch. Und so ver├Ąnderte es sich langsam.
Riesige Baumst├Ąmme, dick wie S├Ąulen, dicht an dicht, machten den Durchgang eng und ein weitr├Ąumiges Sehen unm├Âglich. Mannshohe Str├Ąucher und B├╝sche f├╝llten den verbleibenden Untergrund aus. Der Waldboden dazwischen war h├╝fthoch vom Wasser ├╝berschwemmt. Nur einige Erh├Âhungen, die dem Wasser entsteigen konnten, waren wie ein Teppich mit saftigem, gelbgr├╝nen Gras ├╝berdeckt, das vor N├Ąsse schmatzte.
Die Luft roch frisch und feucht. Aber auch kalt. Die Str├Ąucher, die gro├č gewachsen und kr├Ąftig waren, trugen keine Bl├╝ten und keine Beeren. Die Bl├Ątter waren gro├č und gelb, da sie alles, was sie brauchten, in Mengen bekamen.
- Au├čer Sonne.
Nirgends waren Blumen zu sehen. Es war dunkel hier und ich f├╝hlte mich na├č und unbehaglich. Ich schaute nach oben. Die m├Ąchtigen Baums├Ąulen, deren Rindenm├Ąntel rissig und v├Âllig ast- und gr├╝nlos waren, trugen erst ganz weit oben ein dunkelgr├╝nes Bl├Ątterdach. Dicke Tropfen fielen mir von dort oben entgegen, weil dieses Dach aus lichtem Laub das Regenwasser nicht mehr aufhalten konnte. Ewiger Regen mu├čte ja schlie├člich irgendwo hin. Zwischen den gro├čen, dunklen Bl├Ąttern, die sich unter der Dauerberieselung bogen, sah ich das triste, verregnete Grau des Regenlandhimmels. Die dicken, zusammengesammelten Tropfen rasten mir in der Tiefe entgegen wie kleine fallende Bomben. --
Ich blinzelte. Ich schluckte. Ich sah den Herrn im Morgenmantel an.
"Es regnet", sagte ich fassungslos. "In meinem Regenland regnet es auch unter den B├Ąumen. Wenn es st├Ąndig regnet, bringt es nicht viel, sich unterzustellen." Ich mu├čte weinen. Ich wu├čte nicht genau warum, aber ich fand die Tatsache des st├Ąndigen Unterstellens und dessen Nutzlosigkeit so entsetzlich traurig, da├č ich einfach das Bed├╝rfnis versp├╝rte zu weinen. Also weinte ich einfach. Ich lehnte mich an die feuchte Morgenmantelschulter des Greises und lie├č meinen Tr├Ąnen freien Lauf.
"Das ist gut", sprach der alte Mann sanft und strich ├╝ber meinen Kopf. "Das ist sehr gut, mein kleiner Fuchs."
Erschrocken r├╝ckte ich zur├╝ck und starrte den Alten an. Mit einem Male japste ich wie nach einem Marathonlauf und in meinem Kopf wirbelte ein Sandsturm mit gro├čem Get├Âse auf. Meine Ohren begannen zu rauschen. Es war, als habe sich in meiner ganzen Zeit, die ich bereits hier war, eine dicke Staubschicht ├╝ber all meine Gehirnzellen gelegt. Und ganz pl├Âtzlich war dieser Staub von einem m├Ąchtigen Atem weggeblasen worden. Millionen Staubpartikel stoben hinter meinen Augen umher und ich entdeckte nun schemenhaft, was ich vorher nie bemerkt hatte, weil es unter dem Staub gewachsen war. Milchglasklar lag es vor mir. Doch konnte ich es noch nicht deutlich sehen. Und es bereitete mir arge M├╝he zu verhindern, da├č der herabrieselnde Staub wieder alles unter sich verbarg.
Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis ich wieder einiger Worte f├Ąhig war. Ein schallendes Ger├Ąusch, als w├╝rde Wasser in eine sehr, sehr gro├če metallene Schale gegossen, weckte mich aus meiner Starre.
"Wer bist du?" ├Ąchzte ich.
"Ich bin ich. Das sagte ich dir."
"Du kannst nicht ich sein. Ich bin ich schon. Warum sagst du mir nicht, wer du bist?"
"Ich habe dich nicht gebeten, mich dar├╝ber auszufragen."
"Aber warum? Was ist das f├╝r ein Geheimnis um dich? Du bringst mich zu meiner Welt und verweigerst mir dann den Weg zu deiner. Was soll das?"
Ein leiser Windhauch lie├č wieder ein Weidenblatt vor├╝berwehen. Der Mann schnappte es sich, ohne hinzuschauen und ohne weiter auf meine Frage einzugehen.
"Takt ist nicht Metronomensache",
knurrte das Blatt, als es zerdr├╝ckt wurde und meine weiteren Fragen erschrocken verstummen lie├č.
"Du brauchst mich nun nicht mehr", sagte der Greis im Morgenmantel. Er zog die Beine hoch und lie├č sich auf die linke Seite sinken. Einige Minuten sp├Ąter vernahm ich leises, grunzendes Schnarchen, das mir tiefen Schlaf versicherte Doch es garantierte mir auch, unverz├╝glich wieder zu erwachen, wenn ich den Versuch des Lochgrabens noch einmal in Erw├Ągung ziehen sollte.
Dies, so weit ...
Fortsetzung -> "Dort" - 3.Teil

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