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Leselupe.de > Science Fiction
"Dort" - 3.Teil
Eingestellt am 18. 11. 2000 08:21


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
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Das Wasser flie├čt. Langsam. Ganz, ganz langsam f├╝llt sich die gro├če. Letzte. F├╝nfundzwanzigste Schale. Auf den Knien knie ich. Ich knie auf den Knien am Rand des Brunnens. Das Gesicht gelehnt. Das Gesicht an die gefalteten H├Ąnde gelehnt. Z├Ąhle ich. Tropfen. Langsam, stetig und unaufhaltsam. Z├Ąhle ich einzelne Tropfen. Meine Augen. Zucken. Zucken jedem Tropfen hinterher. Zucken hinter jedem einzelnen Tropfen her. Den sie erhaschen k├Ânnen. Hinter jedem einzelnen Tropfen. Der in jeder einzelnen Sekunde tropft. Von den einzelnen Schalen tropft. In die einzelnen Schalen heruntertropft. Getropft ist. Tropfte. Tropft. Tropfen wird. Tropfen f├╝r Tropfen.
"Ich bin ein Fuchs in einem Regenland."
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?"
"Ich bin ein Fuchs in einem Regenland."
"Sprich mit mir!"
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?"
"Ich bin ein Fuchs in einem Regenland."

* * *

Seine Schritte hallen klackend in der Vorhalle hinter dem Schulportal.
Seine Schritte knirschen auf dem Sand und Staub vor dem Schulportal.
Seine Schritte verstummen auf den breiten Stufen vor dem Schulportal.
Der M├╝llsack rauscht auf die Steine herab und der Stock mit dem Nagel an der Spitze klackert daneben. Der M├╝llmann l├╝ftet seine M├╝tze, zieht ein rotgepunktetes Tuch daraus hervor und betupft sich damit die hohe Stirn. Schnaufend l├Ą├čt er sich auf eine Stufe nieder. Die M├╝tze legt er neben sich auf den Stein.
"Verdammt viele R├Ąume da drin", schnauft er.
Niedergeschlagen gehe ich zu ihm hin und setze mich ebenso niedergeschlagen neben ihn.
"Ah. Na, wie geht es dir?" begr├╝├čt er mich.
"Den Umst├Ąnden entsprechend."
"Und was sprechen sie, die Umst├Ąnde?"
"Ich begreife dies alles nicht", beginne ich spontan loszupl├Ąrren. "Was sollte ich noch hier? Eigentlich habe ich meine Aufgabe doch gel├Âst. Aber ich habe keine konkrete Antwort auf die Frage, die mir gestellt worden ist. Das macht mich ..." Ich suche nach einem passenden Adjektiv. "... ziemlich ... nerv├Âs."
"Wirkst aber gar nicht nerv├Âs."
"Bin ich aber ... Hast du mir was mitgebracht?" frage ich ihn ablenkend und lasse die Tr├Ąnen wieder schnell versiegen. Der M├╝llmann l├Ąchelt mich an.
"Warst du denn auch artig?"
"Ich habe meine Aufgabe fast fertig."
"Und warum nur fast?"
"Ich habe doch noch Zeit", l├╝ge ich zynisch und versuche ein L├Ącheln. Doch ich f├╝rchte, es gelingt mir nur sehr verkrampft.
"Dann habe ich vielleicht genau das Richtige f├╝r dich", sagt er und greift in eine der vielen Taschen seiner grellorangenen Uniform. "Hier. Das habe ich in einem der Klassenr├Ąume gefunden. - Damit du wei├čt, was Zeit ist."
Es ist eine verschlossene Taschenuhr, so gro├č wie das Loch, das entsteht, wenn man die Kuppen von Daumen und Mittelfinger zusammendr├╝ckt. Sie scheint sehr alt zu sein. Ihr Silber hat Flecken. Sie baumelt an einer Kette am Finger des M├╝llmanns.
"Danke sch├Ân", sage ich artig und lasse den Deckel aufschnappen. Das Zifferblatt ist eines jener Zifferbl├Ątter, die keine Ziffern haben und doch Zifferblatt hei├čen. Die verschn├Ârkelt geformten Zeiger h├Ąngen schlaff an ihrer Befestigung im Zentrum und pendeln hin und her, wenn man die Uhr bewegt. In der Innenseite des Deckels ist eine Gravur.
F├╝r Dich
steht da.
"F├╝r mich?" frage ich und der M├╝llmann nickt.
"Ja-a. Obwohl mich ja brennend interessieren w├╝rde, wer Dich war, dem sie vor dir mal geschenkt wurde."
"Aber sie ist ja kaputt", sage ich und halte ihm die Uhr mit den baumelnden Zeigern vor die Nase.
Da macht er ein ├╝berraschtes Gesicht.
"So? Findest du? Sieht gar nicht so aus."
Ich blinzle irritiert, doch mein Freund, der M├╝llmann, geht nicht weiter auf seine ├äu├čerung ein. Er bedeckt seine hohe Stirn wieder mit seiner M├╝tze, steht auf, stemmt seine F├Ąuste in die H├╝fte und donnert:
"Wie sieht das denn hier schon wieder aus?!" Er packt seinen M├╝llsack und seinen Piekser und marschiert schnurstracks auf die gro├če Trauerweide zu. Den Abfalleimer, den ich ihm gef├╝llt habe, ├╝bersieht er vorerst.
Erst jetzt f├Ąllt mir auf, da├č er recht hat: W├Ąhrend der Zeit seiner Abwesenheit sind viele der Weidenbl├Ątter welk geworden und jene, die bereits abgefallen sind, lassen sich von dem leisen Wind ├╝ber den Schulplatz treiben. Einige von ihnen segeln wie kleine Schiffchen in der untersten Schale des Brunnens.
Der Brunnen. - Mein Herzschlag will beinahe stehenbleiben, als ich die Distanz zwischen Wasserstand und Brunnenrand sehe. Die Distanz ist kaum noch zu bemerken, so gering ist sie. Eine kurz auflodernde Panik ergreift mich und dr├╝ckt kurz zu. Doch wird sie von einer sehr schwerf├Ąlligen Resignation einfach ├╝berw├Ąltigt und sorgsam zugedeckt.
Ich will dies alles nicht mehr sehen. Ich gehe einfach hinter meinem Freund her.
Am Stamm des gro├čen Baumes angekommen, stellt der M├╝llmann seinen Sack ab und legt sein Werkzeug beiseite. Mit einiger Verwunderung beobachte ich durch die L├╝cken die der Zweigmantel um den Stamm herum bildet, was er dort treibt und bin sehr gespannt, was er nun vorhat.
Er entfernt sich wieder einige Meter von dem Baum. - Peilt peinlich genau den breiten Stamm an, nimmt etwas beh├Ąbigen Schrittes Anlauf und tritt mit aller ihm m├Âglichen Wucht gegen den Stamm.
Eine grollende, brodelnde, knirschende Ersch├╝tterung geht durch den Baum und l├Ą├čt ihn einige Sekunden fr├Âstelnd zittern. Ein welkbrauner Rieselregen aus Weidenlaub rauscht hernieder und bedeckt den dichtbehangenen Boden unter der herabh├Ąngenden Krone. Schon ist der Baum wieder rein gr├╝n.
"So!" erkl├Ąrt der M├╝llmann, wobei er tatkr├Ąftig in die H├Ąnde spuckt und nach seinem Werkzeug greift.
Ich schaue ihm zu, wie er mit seinem Piekser jedes Blatt einzeln aufpickt und in den blauen Plastikm├╝llsack stopft.
"Warum nimmst du keinen Besen?" frage ich.
"Gern", antwortet er. "Hast du einen?"
Ich mu├č zugeben, da├č er recht hat.
"Ich helfe dir", sage ich.
Dabei mache ich einen Anfang mit einem welken Blatt, welches an einem traurig herabh├Ąngenden Zweig direkt vor meinen Augen h├Ąngt.
"Hoppla! Dies ist wohl drangeblieben." Ich zupfe es ab und betrachte es. Dann dr├╝cke ich zu.
"Ich geh' nach drau├čen - hier sind die Tropfen zu dick."
Ich glaube, meinen Ohren nicht trauen zu d├╝rfen.
"Bl├Âder Satz", h├Âre ich weit entfernt den M├╝llmann sagen.
Ich r├╝hre mich nicht. Kann es gar nicht.

* * *

Ich wei├č nicht, wie lange ich dagestanden habe. Es m├╝ssen Stunden, doch k├Ânnen es nur Minuten gewesen sein, denn mit einem Male h├Âre ich die Tropfen. ├ťberlaute Tropfen, die wie die Schl├Ąge einer ├╝berdimensionalen Ba├čtrommel gegen meinen Kopf, meinen Magen, meine Ohren und Augen und eigentlich gegen alles an mir schlagen und hallen.
"Was ist jetzt?" fragt mich der M├╝llmann und winkt mir direkt vor meinen starren Augen zu. "Noch da?"
Gigantische Tropfen, wie sie kilometerweit von einer vollen Schale herab in eine andere volle Schale fallen. Sie ├╝bert├Ânen die Stimme meines Freundes fast. Und jeder Tropfen kann jener sein, der die Schale zum ├ťberlaufen bringt. "Ich denk', du willst mir helfen?"
Ich schaue ihn an.
"Ich kann nicht. Die Tropfen. Sie sind mir hier zu dick."
Ich glaube, ich drehe mich um.
Ich glaube, ich fange an zu laufen.
Ich glaube, ich stolpere ├╝ber eine der Stufen.
Ich glaube, ich schlage der L├Ąnge nach hin.
"Ich schaffe es nicht!" schie├čt mir durch den Kopf. Ich greife nach einem M├Ârtelstein, den meine Finger ber├╝hren und schreibe mit ihm gehetzt meine Antwort in den Staub vor dem Portal. Es ist eine zitterige, grauwei├če Schrift.

"ICH GEH' NACH DRAUSSEN. - HIER SIND DIE TROPFEN ZU DICK."

"Na ja, ich will diese Krakelei mal durchgehen lassen", h├Âre ich hinter mir die bekannte Donnerstimme der Frau Pedell. "Nun geh schon rein."
Ohne mich umzudrehen, raffe ich mich auf.
Und gehe.
Durch das.
Portal.
* * *

Es ist k├╝hl in der Halle. Der Atem zieht in Schwaden aus meinem offenen Mund. Die Halle ist riesig. M├Ąchtige S├Ąulen stemmen das Gew├Âlbe ├╝ber mir. Doch ist alles nur gro├č. Es sind keinerlei Verzierungen zu sehen. Alles ist wei├č. Keine Farbe. Es sieht so aus, als sei alles vom Ursprung an jungfr├Ąulich wei├č, steril ... und leer. Ich habe schon viele schmucklose Schulen und n├╝chterne Amtsgeb├Ąude gesehen, aber bei diesem Haus hat man sich nun wirklich gar keine M├╝he gegeben worden, etwas zu versch├Ânern.
In der ganzen Halle, so gro├č sie auch ist, befindet sich nur eine einzige T├╝r. Ganz versteckt in einer hinteren Ecke f├╝hrt sie in die wei├če Wand. Doch auch hier finde ich nichts, was sich auch nur den Hauch an Zierde anmerken l├Ą├čt. Au├čer vielleicht das Pappschild, das mit Heftzwecken am wei├čen Holz befestigt ist und mich beordert, doch bitte anzuklopfen.
Ich tu ihm den Gefallen und sogleich klingt ein schnarrendes "Herein!" von drinnen.
Als ich die T├╝r ├Âffne, merke ich, da├č ich der Zugluft den Weg frei gemacht habe. Eine Staubb├Âe wirbelt an mir vorbei nach drau├čen. Mit kr├Ąftiger M├╝he ziehe ich die T├╝r hinter mir wieder zu.
Das Zimmer, in dem ich bin, ist offenbar ein B├╝ro. Oder vielleicht besser: ein Lehrerzimmer. Es ist recht gro├č und die hintere Wand bildet ein schwarzer Stoffvorhang, der aus der Zimmerdecke zu h├Ąngen scheint und bis auf den Fu├čboden reicht.
"Hallo", begr├╝├čt mich eine Stimme, die zu einem sehr eigent├╝mlichen Herrn geh├Ârt. Ich wende mich um und entdecke ihn nun hinter seinem mit B├╝chern, Schriften und losen Bl├Ąttern schwer belagerten Schreibtisch, verborgen wie ein Tier, das sich auf Tarnung versteht. Er kommt mir etwas d├Ąmlich l├Ąchelnd entgegen.
Ich habe das Bed├╝rfnis, ihn als Professor zu bezeichnen. Er ist sehr klein und untersetzt. Sein sauber rasierter, wei├čer Bart gibt ihm einen intellektuellen Ausdruck. Auf den schmalen Schultern des feinen Tweed-Anzugs t├╝rmen sich harte Wachsh├Ąufchen wie die Schulterklappen eines Offiziers. Auch auf der Tweed-Weste, deren Kn├Âpfe durch einen runden Bauch bedroht werden, sind wei├če Wachstropfen erstarrt. Auf dem Kopf hat der Mann einen hohen Hut mit einer breiten, steifen Krempe, auf der ├╝ber ein Dutzend brennende Kerzen stehen und sich bei jeder heftigeren Bewegung entwachsen. Ich frage mich, wie diese Kerzen die Zugluft hier vertragen, denn das B├╝ro ist wirklich reichlich k├╝hl und sehr gut bel├╝ftet.
"Ah, sind sie der Neue? Freut mich. Freut mich. Setzen sie sich. Setzen sie sich." Er lotst mich mit ein wenig Handleitung zu einem uralten Sessel, dessen F├╝llung wohl entweder in Pfeifen geraucht oder vom Winde verweht worden ist. Jedenfalls ist das runde Dr├╝cken der Federn an meinem Hintern der einzige Sitzkomfort. Mit einer ausschweifenden Geste l├Ą├čt er sich selbst in einem gigantischen B├╝rosessel nieder, in dem er fast verschwindet.
"Willkommen am Ort unserer brillantesten Fehler. Womit kann ich dienen?"
"Ich will hier weg", sage ich.
"Aber warum denn. Du bist doch gerade erst hier. Du hast noch so viel vor dir."
"Ich wei├č."
"Aber?"
"Aber ich will das, was ich noch vor mir habe, woanders noch vor mir haben."
Der Professor lehnt sich noch tiefer in seinem Sessel zur├╝ck.
"Verstehe", murmelt er durch seine aneinandergelegten Finger. "Du willst ... den Absprung."
"Ja. Genau." Ich f├╝hle mich sofort verstanden.
"Du willst den Schritt nach vorn."
"Ja, ganz genau."
"Nach drau├čen." Er steht auf und geht um den Tisch herum.
"Richtig", euphoriere ich
"Den Kick. Das Andere."
"Genau. Genau!"
"Was von dir ist und was dir geh├Ârt, nur dir, allein dir, einzig und allein dir."
"Ja-ja. Ja!!"
"Und es ist dir v├Âllig egal, was andere davon halten. Ob sie es dumm finden oder es verlachen. Das ist dir voll-kom-men egal! Du willst nach drau├čen!" kommt er mir immer lauter anfeuernd n├Ąher. Ich wei├č nicht, ob es absichtlich geschieht, aber ich stimme rhythmisch mit ein.
"Ja! Ja! Ja!"
"Du willst dein Leben!"
"Ja!"
"Du willst endlich dein verdammtes Recht auf Leben!!"
"Ja!"
"Und du willst, da├č sich dein Leben nach dir richtet!"
"Ja!"
"Und du wei├čt, da├č du ein ICH bist!"
"Ja!"
"Sag es!!"
"Ich bin ein ICH."
"Wer ist ein ICH?"
"Ich bin ein ICH!!"
"Ich h├Âre dich nicht!!"
"ICH bin ein ICH!"
"Wer ist ein verdammtes ICH?"
"ICH bin ein verdammtes ICH!"
"Ich habe geh├Ârt, da├č dort irgendwo ein verdammtes verICHtes ICH ist!"
"Ja! Hier!"
"Wer spricht dort? Ich h├Âre dich nicht! Wer bist du?!"
"ICH! ICH bin ein verdammtes, verICHtes ICH!!"
"LAUTER!!"
"ICH BIN EIN ICH!!!!"
Ich schnappe nach Luft. Die Stille, die pl├Âtzlich eintritt, ist nur eine Begleiterscheinung meines Atems. Die Hutkerzen knistern so leise, als sei es ihnen peinlich. In der ger├Ąumigen Vorhalle verabschiedet sich noch ein paar Mal ein Echo: "Ich ... ich ... ich ..."
Der Professor beugt sich so weit vor, da├č seine wachsverschmierte Krempe mir auf den Haaransatz rutscht. Er sagt nichts. Er schaut mich blo├č an. Irgendwann verzieht er sein Gesicht zu einem breiten L├Ącheln. Er neigt den Kopf zur Seite und ich verstehe aus der Geste, da├č ich ihm folgen soll. Er hakt sich bei mir unter und stellt mich vor die gro├če Vorhangwand. Dann l├Ą├čt er mich los, stellt sich seitlich von mir in eine alberne Positur und schnalzt einmal kurz mit der Zunge.
Zwei Vorhangh├Ąlften gleiten lautlos zur Seite. Vor Schreck weiche ich einen Schritt zur├╝ck.
Der Raum, in dem ich bin, mu├č wohl an der Hinterseite des Schulgeb├Ąudes liegen, denn die hintere Wand fehlt v├Âllig. Ein ausgefranster Rand aus Backsteinen, Holz und lockeren M├Ârtelbrocken rahmt die aufgerissene Sicht in den Hintergrund ein und gibt mir den Blick in jenes, mir nun altbekannte bunte Schillern frei.
Direkt vor mir, bisher von dem Stoff des Vorhangs verdeckt, steigen drei Stufen zu einem kleinen Podest empor. Ein langes Brett reckt sich weit ├╝ber den abgebrochenen Rand hinaus. In das Schillern hinein.
Minutenlang bin ich vollkommen unf├Ąhig, meinen entsetzten Blick von dem bunten Schillern abzuwenden, obwohl ich es doch schon so lange vor Augen gehabt habe.
Ich sp├╝re eine Ber├╝hrung an meinem Arm. Der kleine Professor l├Ąchelt mich von unten an.
"Spring", sagt er nur.
Ich kann nicht reden. Die Zunge klebt wie trockener Kuchen an meinem Gaumen. Ich mu├č oft schlucken, bevor die Stimme endlich losrutscht.
"Aber ... das h├Ątte ich doch die ganze Zeit ├╝ber tun k├Ânnen."
Die dichten Augenbrauenb├╝schel des Mannes fliegen erstaunt in die Stirn.
"Nun, dann h├Ąttest du das die ganze Zeit ├╝ber mal tun sollen", entgegnet er.
Mit gr├Â├čter Behutsamkeit, als betrete ich ein lebendes Wesen, steige ich die drei Stufen hoch und gehe ein paar Schritte ├╝ber das Brett. Meine Beine zittern heftig. Ich sp├╝re den Schwindel. Ich sp├╝re den Schwindel wieder!
Das Schillern vor mir zieht sich erneut meilentief in einen unsichtbaren Abgrund herab. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich sp├╝re ihn. So intensiv. Meine Beine wabern wie Pudding, der nie steif wird. Sie sacken konsistenzlos zusammen. Meine Kiefer schmerzen. Mein Zorn auf mich selbst will irgendwas zerbei├čen. Wut bewegt sich in mir wie eine schl├╝pfende Larve, die aus ihrem Ei heraus will.
"Ich kann das nicht", zische ich w├╝tend durch die Z├Ąhne. Ein Schluchzen schwingt mit. "Ich schaffe das nicht."
"Okay", sagt der Professor, der hinter mir steht und es klingt so, als sei seine Stimme in meinem Kopf. "Das ist deine Entscheidung. Doch dann geh jetzt bitte wieder zur├╝ck zu deinen Kameraden. Geh und spiele ein wenig mit ihnen."
Die Finger meiner aufgest├╝tzten H├Ąnde krallen sich in das rauhe Material des Sprungbrettes. Meine Augen kneifen sich schmerzhaft zusammen und ich presse das Kinn so fest an die Brust, da├č es mir den Atem raubt.
"Nein", ├Ąchze ich.
Neben mir bemitleidet mich ein Seufzen.
"Wei├čt du, ich habe nie kapiert, weshalb ein Vogel in eine Kamera passen sollte", sagt die Stimme des Professors.
Nur wenige Worte. Doch wirkten sie wie Medizin. Ich hocke und kralle mich immer noch fest. Die Worte dehnen sich warm aus. Wie eine Milchwolke im Kaffee. Und mit einem Male entspannt sich etwas. Mein Griff lockert sich. Erst ein wenig nur. Dann v├Âllig. Mein Blick hebt sich aus der schlierigen Tr├Ąnentraufe. Erst z├Âgernd. Doch nun breitet er sich aus ├╝ber das bunte Schillern vor mir. Und ich sp├╝re den Sog. Sp├╝re den weichen Ku├č des Soges, wie er liebevoll aber auch fordernd an mir saugt.
Wieder sagt der Professor etwas:
"Wenn einem gemalten Einhorn die Koppel des Bildes zu klein ist ... Komma..." Ich wei├č die Antwort:
"... Dann sprengt es wiehernd den Rahmen und sucht das Weite."
Ich stehe auf. Ich hole tief Luft. Ich beginne zu rennen. Das Brett federt unter mir. Die letzten Meter auf den Rand zu. Lange gen├╝├čliche S├Ątze.
Der letzte Sprung. Ich beende ihn auf beiden F├╝├čen. Schwinge herunter. Federe empor. Sto├če mich ab. Springe.
Ich falle, ohne zu st├╝rzen.
Ich falle, ohne zu st├╝rzen.
Ich falle, ohne zu st├╝rzen.
Ich falle, ohne zu st├╝rzen.
Ich falle, ohne zu st├╝rzen.
Ich falle, ohne zu
Ich falle,

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