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Leselupe.de > Kurzgeschichten
"Es ist nur der Mythos, der zahlte" *
Eingestellt am 11. 12. 2003 20:29


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papilio
???
Registriert: Nov 2003

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In vier Wochen w├╝rde ich meine literarische Abschlussarbeit im Pr├╝fungsamt abgeben m├╝ssen. Weil ich noch keinen Satz auf dem Papier stehen hatte, geschweige denn eine Idee f├╝r ein Thema, und mich meine Kommilitonen mit ihrer Euphorie und ihren sprudelnden Einf├Ąllen v├Âllig nerv├Âs machten, erlaubte ich mir spontan, eine Woche zum Wandern zu fahren. Vielleicht stellten sich beim ausgiebigen Laufen ja die bisher ausgebliebenen Ideen ein. Drei Tage schon war ich mit Oscar durch die menschenleeren W├Ąlder gewandert und auf Berge geklettert, hatte uns jeden Tag l├Ąngere und weitere Touren ausgesucht und am Abend sa├čen wir auf dem Balkon unseres Hotels und bestaunten den doppelten Vollmond: den am Himmel und den im See gespiegelten. Manchmal hob Oscar den Kopf und ich hatte den Eindruck, er fing nur mit R├╝cksicht auf mich nicht an zu heulen.
Am vierten Tag, als wir an einem einsamen See unterhalb eines Berggipfels eine Pause machten, trat aus dem Geb├╝sch neben uns pl├Âtzlich und v├Âllig ger├Ąuschlos ein Lebewesen, das durch seine extrem d├╝nnen Arme und Beine sowie eine sehr schmale und l├Ąngliche Kopfform auff├Ąllig anders aussah. W├Ąhrend ich mich f├╝rchterlich erschreckte, schaute Oscar dem Fremden nur neugierig entgegen.
Das fremde Wesen schob ein brillen├Ąhnliches Gebilde auf der Nase zurecht und stellte sich h├Âflich vor: „Ich ein Reisender vom Planeten Europa bin und den ministerialen Auftrag habe, die Kultur der Erdenbewohner zu erforschen und neue Musikst├╝cke zu sammeln. Deshalb ich dich frage: Welches dein Lieblingslied ist?“
Ich erschrak fast noch mehr als beim Anblick dieses Europ├Ąers. Schlie├člich habe ich immer mehrere Lieblingslieder, f├╝r jede Stimmungslage mindestens eins. Au├čerdem empfand ich die Frage viel zu intim: Ich w├╝rde doch mein Innerstes nicht vor diesem Fremdling ausbreiten: Ich w├╝rde ihm doch nichts erz├Ąhlen von dem zugegeben makabren Inhalt des Liedes „I don┬┤t like mondays“, das mich jedenfalls immer an den denkw├╝rdigen Montag erinnern w├╝rde, an dem alle Schl├Âsser der Klassenraumt├╝ren von unbekannten T├Ątern durch Klebstoff unbrauchbar gemacht worden waren und wir Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler somit einen freien Montag geschenkt bekamen. Ich w├╝rde ihm doch nichts von dem opernhaft opulenten „Bohemian Rapsody“ erz├Ąhlen, dem ersten englischen Liedtext, den ich je in meinem Leben verstanden habe, und schon gar nichts w├╝rde ich ihm erz├Ąhlen von den ungez├Ąhlten wunderbar melancholischen Balladen, die mich sicher durch die abgr├╝ndig traurigen Stimmungen geleiten. Hilfesuchend schaute ich Oscar an, aber der erkundete gerade, die Nase am Boden, die Ger├╝che des Kultur-Sammlers.
„┬┤Moon over Bourbon Street`”, h├Ârte ich mich verwundert sagen.
Der Europ├Ąer starrte einen Moment mit leerem Blick vor sich hin, so als w├╝rde er sich erinnern wollen, und bemerkte dann kopfsch├╝ttelnd: „Das von Sting ist. Das aber nicht als richtige Musik gilt.“
„Was ist denn richtige Musik, wenn das keine ist?“
„Wir bisher aus dieser Region der Erde St├╝cke von Bach und Beethoven, Strawinsky und Mozart gesammelt haben“, entgegnete er und begann wie zum Beweis eine Arie aus der Zauberfl├Âte zu summen.
„So so. Da hast du dir bisher aber nicht viel M├╝he gemacht und deine Sammlungen auf keine besonders breite Grundlage gestellt.“
Damit schien ich ihn bei seiner Ehre gepackt zu haben und er erkl├Ąrte, dass die Europ├Ąer auf eine unserer Raumsonden gesto├čen seien und dabei von der Erde und ihrer Musik erfahren h├Ątten.
Ich f├╝hlte mich gleich an mehrere Science-Fiction-Filme erinnert. Da kamen die Au├čerirdischen auch immer aus Neugierde zur Erde, weil sie auf Voyager I oder II gesto├čen waren und damit auf Gr├╝├če in den Sprachen der Erde, auf kurze Filmdokumente, auf Bilder und eben auch auf Ausschnitte aus der Musik der Kulturen.
„Auf Voyager I ist aber nicht unsere gesamte Musik hinterlegt, die wir gerne h├Âren. Vor allem fehlt ja alles, was nach 1967 gekommen ist.“
„So wie ┬┤Moon over Bourbon Street ┬┤?“ – “Genau.”
“Und warum das dein Lieblingslied ist und nicht eine Symphonie von Beethoven?”
„Da gibt es viele Gr├╝nde. Zum Beispiel mag ich, wie das Lied gesungen wird. Passend zum Inhalt des Textes singt Sting dieses Lied besonders traurig und d├╝ster.“
„Um den Mond es geht? Um den Vollmond?“ fragte der Reisende.
„Nur am Rand. Es geht um ein lyrisches Ich,“ – hier musste ich grinsen, weil ich endlich au├čerhalb des Seminars einen Fachbegriff nutzen konnte – „das durch die Stra├čen von New Orleans geht, wenn der Mond scheint.“
„Das nun nicht besonders faszinierend ist.“
„Es ist schon faszinierend. Denn der das Lied singt, beschreibt zuerst einmal seine Situation: er geht durch die mondbeschienenen Stra├čen, sieht die blassen Gesichter der anderen Menschen und erkl├Ąrt - f├╝r den Zuh├Ârer v├Âllig unverst├Ąndlich - dass er einem bestimmten Ruf folgen m├╝sse und jeden Tag bete, „stark“ zu sein - was auch immer er damit meint. Dann erz├Ąhlt er, dass er vor mehreren Jahren „wie ein unschuldiges Schaf“ in diese missliche Situation gekommen sei und nun unerkannt durch die Stra├čen laufe mit einem Hut auf dem Kopf, der seine Augen verdecke, die er als Augen eines Biestes beschreibt. Und er beschreibt, dass er das Gesicht eines S├╝nders habe, aber die H├Ąnde eines Priesters was f├╝r den Zuh├Ârer die Situation auch nicht wirklich erhellt. Und dann erz├Ąhlt er davon, dass es sich in eine Frau verliebt habe, der er nun immer folge und vor deren Fenster er n├Ąchtelang stehe. Dort k├Ąmpfe er mit seinem Instinkt, weil in ihm der Ruf sei, das zu zerst├Âren, was er liebe. Als Zuh├Ârer wei├č man immer noch nicht so recht, was nun mit dem lyrischen Ich los ist. Trotzdem wird diese ganze Zerrissenheit und das ganze Ungl├╝ck, das er hat, durch die besondere Art der Musik und durch die traurige und gedr├╝ckte Stimme deutlich.“
Der Fremde schaute mich verst├Ąndnisvoll an. „Wir uns auch f├╝r die Musik interessieren, bei der Form und Inhalt absolut zu einander passen. F├╝r uns auch wichtig ist, dass die Musik einer effektiven Ordnung entspricht. Eine Melodie wie Mathematik ist und es darauf ankommt, die Kenntnisse ├╝ber die Harmonien zu optimieren. Optimale Musik dann die bestm├Âgliche Umsetzung dieser Kenntnisse ist. Deshalb wir durch die Galaxien reisen und neue Musik sammeln. Wir hoffen, dabei neue Kenntnisse zu gewinnen. Und unser Anspruch es ist, die neuen Melodien m├Âglichst exakt nachzuspielen.“
Oscar hatte genug neue Ger├╝che gesammelt und sich mittlerweile neben der Bank niedergelassen. Er schien uns aufmerksam zuzuh├Âren. ┬┤Exakt nachspielen` - hatte der Extra-Territoriale gesagt? - die Europ├Ąer schienen seelenlose Kopierer zu sein. Also versuchte ich weiter zu erkl├Ąren:
„Musik hat f├╝r uns vor allem auch emotionale Bedeutung. Wenn ich „Moon over Bourbon Street“ h├Âre, kann ich mir zum Beispiel ganz genau vorstellen, wie das lyrische Ich durch die Stra├čen schleicht, ich entwerfe also quasi einen Film. Und manchmal f├Ąllt mir auch die Situation ein, in der ich zum ersten Mal das Ende richtig geh├Ârt und dann das ganze Lied auch erst verstanden habe. Wir waren nach einer endlos langen Fahrt am Urlaubsort angekommen und aus tiefstehenden Wolken regnete es ununterbrochen und ohne Aussicht auf Besserung – und das im Juli. Also setzte ich mich auf den Balkon und h├Ârte „Moon over Bourbon Street“ ziemlich laut mit Kopfh├Ârern. Wenn ich es jetzt h├Âre, habe ich immer wieder diesen Blick auf die tiefstehenden Wolken, die die Berge verh├Ąngen und den See dunkelgr├╝n f├Ąrben. Ich rieche die nasse Wiese und vor lauter Feuchtigkeit in der Luft fr├Âstelt es mich. Und dann h├Âre ich es, ganz am Ende, als das Lied schon vorbei ist. Ich habe es noch nie vorher geh├Ârt und selbst wenn man es wei├č, h├Ârt man es nicht, nicht im Radio, nicht ├╝ber normale Boxen, nur mit Kopfh├Ârern.“
„Was h├Ârt man?“
„Das Heulen eines Wolfes, eines Werwolfes.“
Nun war der Fremde erschrocken. „Wir dachten es gebe keine Werw├Âlfe auf der Erde.“
„Es gibt schon seit Jahrhunderten ganz viele Werwolf-Geschichten, es gibt ganz viele Filme ├╝ber Werw├Âlfe und mindestens auch dieses Lied.“
Nun hatte ich den Sammler in der Hand. Er r├╝ckte nerv├Âs hin und her, schob wieder das brillen├Ąhnliche Gebilde auf der Nase zurecht und murmelte etwas, was sich wie eine Verabschiedung anh├Ârte. Dann drehte er sich abrupt herum und machte sich auf den Weg, wieder zwischen den Str├Ąuchern zu verschwinden. W├Ąhrend er ging, wurde mir klar, dass ich mir nun keine Sorgen mehr wegen einer fehlenden Idee f├╝r die Abschlussarbeit machen musste. Oscar schaute mich kurz an, dann hob er den Kopf und heulte – endlich.


* Textzeile entstammt: Herbert Gr├Ânemeyer (1998) - „Reines Herz“ auf „Bleibt alles anders“



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... weil er w├Ąrmt, wenn er erz├Ąhlt... (H. Gr├Ânemeyer)

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Minds Eye
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Papilio.
Deine Auffassung und Definition von "guter" Musik gef├Ąllt mir sehr gut. Eine wirklich nette, kleine Geschichte.
Gr├╝├če,
ME (auch nach ┬┤67 entstanden).

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papilio
???
Registriert: Nov 2003

Werke: 1
Kommentare: 4
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Lieber Minds Eye,

sch├Ân, dass dir die Geschichte gefallen hat. Schlie├člich begleitet Musik die meisten Menschen ja st├Ąndig (mich auf jeden Fall) und ist (fast) so wichtig wie die geschrieben Texte. Und durch Nick Hornbys Buch "31 Songs" bin ich auf die Idee gekommen, aus dem Thema Musik eine Geschichte zu basteln.

Interessant finde ich die - unbeabsichtigte - Wirkung, durch das Lesen auf das Geburtsjahr der Ich-Erz├Ąhlerin (oder ist es ein Ich-Erz├Ąhler?) zur├╝ckzuschlie├čen - das meintest du doch mit ┬┤67, oder?. Es w├Ąre jedenfalls die Best├Ątigung des Ansatzes, dass jeder Text erst durch den "Akt des Lesens" "richtig" fertig wird.

Viele Gr├╝├če
papilio
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... weil er w├Ąrmt, wenn er erz├Ąhlt... (H. Gr├Ânemeyer)

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Penelopeia
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2002

Werke: 149
Kommentare: 1962
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Hallo Papilio,

die Geschichte liest sich sehr angenehm, die Dialoge liefern Spa├č, sogar ein klein wenig Spannung, und vor allem: interessante Gedanken zu den Wirkmechanismen von Musik.

Liebe Gr├╝├če

Pen.

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