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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
"Ich coache dein Leben!"
Eingestellt am 28. 08. 2005 10:45


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Tochter des Ozeans
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Im Fernsehen kann man alles bekommen - sofern man Privatsender empfängt. Klingeltöne, Nachrichten, irrsinnig flache Unterhaltung über Hinz und Kunz, die sich in der Ecke XY eine Schlägerei abliefern, Rezepte für die Küche, den Körper, die Erziehung, die Ausstattung von Mensch, Tier und Haus – das Angebot ist vielfältig, breit gefächert. Und gesättigt.
Dies dachte man bisher, doch nun hat man eine neue Lücke gefunden (Was nicht heißt, dass man die Suche aufgegeben hätte). Wo bisher nur einzelne Farben des prächtigen Regenbogens bedient wurden, steckt man nun alles in einen Topf. Und bepinselt damit eine ganze Wand, sechzig Minuten – mit Werbeunterbrechung.

Der Moderator ist kein geringer als der Guru der „jetzt-geil-hier-sofort“ jungen Gesellschaft, der seinen Namen Detlef, auf einen Buchstaben reduziert, mit einem Ausrufezeichen jedoch betont, welch ein Morzkerl er ist. D!
D! macht aus vermeidlichen Alleskönnern, deren Potential weder entdeckt noch ausgeschöpft ist, singende Sternchen und lässt sie hoch an den Himmel steigen. Er probt und turnt mit ihnen herum, bastelt an ihrer Persönlichkeit und macht sie zu dem, was sie werden wollen. Ein hellem, strahlendem Licht, das seinen Platz in der Welt der Schönen und Reichen bald und ohne viel Mühe finden wird. – So zumindest die Versprechung. Dh es wird zugegeben, dass der Weg nicht einfach ist, aber auch hier, liebt man das Schnell-Auf-Und-Hopp-Verfahren: Wäsche rein, Schleudergang, Trocknen, Fertig. Die junge Seele ist geschmeidig, biegsam, unbefleckt - sie wird das alles verkraften. Sie MUSS es verkraften. Für Pausieren, Analysieren udn Betrachten des eigenen Befindens bleibt nicht viel Zeit - die Wäsche soll nicht eingehen, bevor sie nicht getragen und präsentiert wurde.

Dass die Überlebensdauer der jungen Newcomer gewöhnlich nicht länger als das einer Eintagsfliege ist, wird fein verschwiegen.
Denn das was zählt, ist das Jetzt und Hier – man ist schließlich nur einmal jung.

Eben jener Guru hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das Leben seiner Mitbürger zu managen. Ach, nein, vergebt – „choachen“ nennt man das in der Postmoderne.
Die Versprechungen sind groĂź: Egal welches Problem du hast, ich regel es fĂĽr dich! Ich gehe den Weg mit dir.
Nun wird also fleiĂźig gesucht und gefunden, entdeckt und entlarvt. Ein Leben soll gefunden werden. Nein, suchen will man nicht. Es wird gefunden. Oder vielmehr produziert.

Probleme sind genug da, die angegangen werden müssen. Doch will man dies den Bürgern nicht mehr alleine überlassen. Nein, der Choach regelt das höchstpersönlich! Ob Familien-, Berufs- oder Finanzprobleme - D! kann alles und kennt keine Schranken.

Während der Sendung sorgt der Guru mit seinem vermeidlichen Schützling für Lacher, Tränen und nochmals großen Gefühlen, von denen der Sesselfurzer gerührt werden, aber niemals zum Nachdenken angeregt werden soll. Das Herz, die Seele – oh, woher das Interesse an der Tiefe des Menschen? – sollen angesprochen, berührt werden. Damit die Einschaltquoten stimmen.
Vorgeblich wird also der ganze Regenbogen des Einzelnen in Form und an Stelle gerückt. Ja, das Leben soll gechoacht werden, damit der Schützling endlich leben kann – denn das konnte er, aufgrund seiner Belastungen, zuvor nicht.
Aber jetzt, wird Alles anders. Jetzt ist D! zur Stelle. Dass es sich bei der Problembegehung allerdings nur um einen reduzierten Abklatsch einer Primärfarbe handelt, wird leise verschwiegen. Warum das Blau und das rot angucken, wenn das Lila das Problem darstellt? Wie kompliziert und aufwändig wäre es denn, mehrere Facetten (alle sind wohl kaum möglich) eines Lebens zu betrachten? Was interessiert uns denn der Mensch? Wie kämen wir denn da vorwärts, wenn wir das ganze Paket behandeln würden?
Nein, das lässt sich nicht in sechzig Minuten erledigen.
Und da der Zuschauer heulen, lachen, zittern, mitfiebern, aber auf keinen Fall denken soll, werden Kratzer zu Brüchen erklärt und somit für alles verantwortlich gemacht. Sicher, es gibt Kernprobleme und -hindernisse und die haben ihre Wurzeln. Aber hey! Wen interessiert schon die Tiefenpsychologie? Reißen wir doch einfach das Unkraut aus - die Wurzeln sehen wir ja nicht.

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jon
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…schade, dass ich nicht weiß, wovon du sprichst. Sender, Sendung, Name des Gurus oder – falls dír all das zu heikel ist (, sollte es in einem journalistischenText allerdings nicht sein, denn eigentlich sind das notwendige Fakten) – wenigstens ein, zwei Beispiele, was da so „herumgecoacht“ wird, würden sehr helfen.

PS: Es ist zwar farbig, „laut zu schweigen“, aber „leise schweigen“ ist muss schon sehr gut inhaltlich begründet sein, was ich hier aber nicht sehe.

PS: …und was kann man in lauter Zweisamkeit mit den Körpern anstellen? Nein im Ernst: Bei aller Aufregung darauf achten, dass man nicht an allen Stellen dick aufträgt – das wirkt schnell hysterisch.

PS: Welcher Primärfarbe? Ich glaube, bei diesem Bild ist das Potential in diesem Text nicht gut genug ausgeschöpft.

PS: Managen ist auch nicht echt deutsch – sich über die Ablösung einer Modewortes durch ein anderes zu beschweren, wirkt (sorry!) albern. Zumal „managen“ (anderes Fremdwort dafür: organisieren) und „coachen“ (anderes Fremdwort dafür: trainieren) zwei verschiedene Akzente setzt (oder setzen sollte).

PS: Was soll der zweifache Hieb gegen die „Sesselfurzer“? (Doppelt in so einem kurzenText wirkt es zudem "einfallslos" – es sei denn, es wird als wichtiges Codewort gebraucht.)

PS: „Dass die Überlebensdauer der… nicht länger als das die einer Eintagsfliege ist, wird fein verschwiegen.“


… aber es klingt – wie die meisten Aufreger – schon mal spannend. Ich würde gern mehr erfahren.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Tochter des Ozeans
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Danke fĂĽr deine Antwort und deine genaue Kritik.
Ich habe die Stellen nun verändert und bin gespannt, wie es nun wirkt...!

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Mick Tales
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Habe das Essay mit Spannung gelesen, komme aber auch nicht ganz dahinter, auf wen oder besser auf welche Fernsehshow genau das Ganze zielt (wahrscheinlich weil ich mich in der Materie der modernen Fernsehunterhaltung glĂĽcklicherweise nicht gut genug auskenne).
Dennoch zwei konkrete Fragen:
Ist der "Morzkerl" eine neue Wortschöpfung bzw. absichtlich so geschrieben oder handelt es sich um den althergebrachten "Mordskerl"?
Und was sind "vermeidliche Alleskönner"? Soll deren Können vermieden werden oder sollte es ursprünglich "vermeintliche Alleskönner" heißen?
Das Thema jedenfalls ist hochinteressant und die damit verbundene Problematik kann meines Erachtens hinsichtlich ihrer (negativen) Auswirkungen auf unsere gesamte gesellschaftliche Existenz nicht überschätzt werden.
______________________________________________
Wir bewundern Menschen wegen ihrer Stärken,
lieben sie aber wegen ihrer Schwächen.
(Sir Peter Ustinov)

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