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Leselupe.de > Kurzgeschichten
"Keine Vorkommnisse, Genosse Leutnant!"
Eingestellt am 30. 10. 2000 00:48


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Fast ger├Ąuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angez├╝ndet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlu├člichter rasch kleiner wurden. Mit der freien Hand wischte er sich ├╝ber die brennenden Augen.
ÔÇÜKarin!' dachte er. ÔÇÜKarin, warum nur?'.
Immer wieder formulierten seine Gedanken diese drei Worte. Zu mehr waren sie im Moment nicht f├Ąhig.

Irgendwann trat er achtlos die Zigarette aus, vergrub die klammen H├Ąnde tief in den Taschen seines Uniformmantels und ging zum Ausgang. Mit schleppenden Schritten durchma├č er den leeren Fu├čg├Ąngertunnel, wo schmutzig-wei├če Fliesen das Licht der flackernder Neonr├Âhren reflektierten und eine trostlose K├Ąlte ├╝ber ihn breiteten.

Auf dem Bahnhofsvorplatz schien der junge Mann langsam zu sich zu kommen. Ein Blick zur Uhr sagte ihm, da├č die verbleibende Zeit f├╝r einen Fu├čmarsch nicht ausreichen w├╝rde. Er ging daher langsam zum Taxistand. Er achtete nicht auf das pl├Âtzliche Motorger├Ąusch in seinem R├╝cken. Erst als unmittelbar neben ihm Bremsen quietschten, schaute er auf. Aus einem grau-gr├╝nen Gel├Ąndewagen sprangen zwei Uniformierte und kamen mit raschen Schritten auf ihn zu. Wei├če M├╝tzenb├Ąnder, wei├čes Koppelzeug! Auf den Armbinden leuchteten die Buchstaben KD.
"Kommandantendienst!' dachte der Mann und nahm unwillk├╝rlich Haltung an. Mit der Milit├Ąrpolizei war nicht zu spa├čen.
"Genosse Gefreiter! Ihren Urlaubsschein!" schnarrte der Streifenf├╝hrer und legte nachl├Ąssig die Hand an den M├╝tzenschirm.
"Einen Moment." Der Mann kramte in seinen Taschen. Er besa├č keinen Urlaubsschein, nur eine Ausgangskarte. Als der Streifenf├╝hrer einen Blick darauf geworfen hatte, wurde sein Gesicht mi├čtrauisch.
"Ausgang bis Null-Zwo-Uhr? Sehr ungew├Âhnlich", knurrte er.
"Habe ich als Belobigung f├╝r ausgezeichneten Grenzdienst erhalten."
Vor wenigen Stunden h├Ątte er diese Erkl├Ąrung nicht ohne Stolz abgegeben. Doch jetzt kamen ihm die Worte v├Âllig gleichg├╝ltig von den Lippen.
"Aha", sagte der Streifenf├╝hrer nur. Er blickte hin├╝ber zur schwach erleuchteten Bahnhofsuhr und schien kurz zu ├╝berlegen.
"Wir m├╝ssen ohnehin zum Regiment. Steigen Sie ein. Wir setzen Sie bei ihrer Kompanie ab."
War das nun ein freundliches Angebot oder eine Aufforderung, die keinen Widerspruch duldete? Aber war das nicht v├Âllig egal?. Wortlos klemmte sich der junge Grenzer auf die harte R├╝ckbank.
Schon scho├č das Fahrzeug ├╝ber den Bahnhofsvorplatz, durchquerte einige enge Stra├čenz├╝ge und raste dann auf der Ausfallstra├če der Kaserne entgegen. Durch die Ritzen des Verdecks drang ein eisiger Luftzug. Frostig ging es auch in dem engen Gef├Ąhrt zu. Man wechselte kein Wort. Der Grenzer glaubte zu wissen, warum man ein Gespr├Ąch mit ihm mied.
ÔÇÜSie wissen es schon und haben mich gesucht,' dachte er. ÔÇÜWer wei├č, wo die mich abliefern.'
Doch seine Bef├╝rchtungen erwiesen sich als unbegr├╝ndet. Nach knapp zehn Minuten hielt der K├╝bel direkt vor dem Schlagbaum seiner Kompanie. Der Grenzer bedankte sich, erntete aber nur ein kurzes "Schon gut." Dann jagte das Fahrzeug wieder hinaus in die Nacht.
"Das war ja ein sehr merkw├╝rdiges Taxi", staunte der Posten und lugte mit neugierigen Augen unter dem Stahlhelm hervor. "Wohl zuviel getankt, was?"
Der Angesprochene reagierte nicht, sondern lie├č den Posten einfach stehen. Er betrat den zweist├Âckigen, lieblos hingeklatschten Neubau, der seiner Einheit als Kaserne diente. Auf dem Flur schlug ihm der vertraute Geruch von Bohnerwachs und Waffen├Âl entgegen. Den wachhabenden Offizier bemerkte er erst, als der bereits vor ihm stand.
"Na, Genosse Wiesner. Irgendwelche Vorkommnisse im Ausgang?" Die Frage war reine Routine, kein lauernder Unterton heraus zu h├Âren. Wu├čten sie immer noch nichts?
"Nein, Genosse Leutnant. Keine Vorkommnisse."
Der Offizier nickte und teilte ihm dann mit, da├č er f├╝r morgen vom Dienstplan gestrichen sei.
"Sie melden sich um neun Uhr im Dienstzimmer des Politoffiziers. Verstanden?"
"Jawohl, Genosse Leutnant!"
Also doch! Die Meldung war bis hierher vorgedrungen. Merkw├╝rdig - wie gleichg├╝ltig ihn das lie├č. Was konnte es f├╝r ihn schlimmeres geben, als das, was er eben auf dem Bahnhof erlebt hatte.
"Kopf hoch, Wiesner! Ihnen passiert nichts. Sie sind doch einer meiner besten Postenf├╝hrer. Auf meine F├╝rsprache k├Ânnen sie z├Ąhlen."
Der Gefreite Wiesner murmelte ein "Danke" und bat dann, auf seine Stube gehen zu d├╝rfen. Es wurde ihm gew├Ąhrt. Doch Wiesner ging an der T├╝r, wo seine Zimmerkammeraden der Fr├╝hschicht entgegen schnarchten, vorbei. Wie h├Ątte er sich jetzt einfach ins Bett legen k├Ânnen, wo er doch keinen Schlaf finden w├╝rde. Er wollte allein sein. Allein mit seinem Schmerz.

Er betrat den dunklen Waschraum und ├Âffnete beide Fensterfl├╝gel. Die herein str├Âmende K├Ąlte schien er kaum zu sp├╝ren. Sein Blick glitt hin├╝ber zu der unendlich langen Reihe von Peitschenlampen, die wie Teile einer leuchtenden Perlenschnur den Grenzverlauf markierten. Und irgendwo dahinter tauchte pl├Âtzlich eine Gestalt am n├Ąchtlichen Himmel auf. Sie wuchs auf ihn zu - schien zum Greifen nah, und doch blieb sie so unendlich fern. Ihm war, als brauchte er nur die Hand auszustrecken, um die feinen Linien des geliebten Gesichts mit den Fingerspitzen nachzuzeichnen.
"Oh Karin", fl├╝sterte er. "Warum mu├č es ausgerechnet so enden? Dabei liebst Du mich noch genauso wie fr├╝her. Und trotzdem hat diese Liebe nicht die Spur einer Chance. Warum mu├čte uns Dein Vater das antun? Ging es ihm, dem privilegierten Wissenschaftler denn so schlecht, da├č er gen├╝gend Grund besa├č, um von seiner Dienstreise in den Westen nicht zur├╝ck zu kehren? Und deine Mutter hat nichts Eiligeres zu tun, als den l├Ąngst vorbereiteten Antrag auf Familienzusammenf├╝hrung aus der Schublade zu ziehen. Du hast deine Eltern verteidigt, hast viele Gr├╝nde genannt. Gr├╝nde, die ich nicht verstanden habe. Werde ich sie je verstehen? Und wenn ja - was n├╝tzt es uns?"
Er sah zu ihr hin├╝ber, blickte in ihr tr├Ąnen├╝berstr├Âmtes Gesicht. Und er f├╝hlte sich pl├Âtzlich wieder so, wie in den letzten Minuten auf dem Bahnsteig - ausgebrannt, leer, ohne Worte.

Fauchend scho├č eine Leuchtkugel in den frostklaren Himmel. Ihr flackerndes Licht lie├č das Bild des geliebten M├Ądchens verschwimmen.
"Karin! Geh nicht!"
Als die Leuchtkugel erlosch, gab es nur noch die Schw├Ąrze der Nacht und das h├Âhnische Flimmern der Grenzbeleuchtung.
"K a r i n!"
Ein Schrei, der den Posten unten am Schlagbaum zusammenzucken lie├č. Ein Schrei, geboren aus der Qual unb├Ąndiger Sehnsucht und hilfloser Verzweiflung. Er brachte keine Befreiung, aber er schuf Platz f├╝r ein v├Âllig neues Gef├╝hl, das sich mit aller Macht in ihm Bahn zu brechen begann. Es war der Ha├č, der Ha├č auf diese verfluchte Grenze, die von nun an nicht mehr irgendwo dort vorn in der Dunkelheit, sondern mitten durch sein eigenes Ich verlief.

__________________
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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Eine packende kleine Geschichte ist dir hier gelungen! Gef├Ąllt mir wirklich und ich denke, du erf├╝llst auch deinen Anspruch, man soll nur ├╝ber das schreiben, was man kennt.

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Yossarian
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Tja manche Leute haben halt den Bogen raus und ich w├╝rde sagen du geh├Ârst dazu.
Eine Geschichte, die bis zum Schluss fesselt und eine intensive Wirkung hat.

Naja ich sollte mich zur├╝ckhalten, zuviel Lob war noch nie gesund und schadet der Kreativit├Ąt.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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8 von 10 Punkten

Im Gro├čen und Ganzen kann ich mich meinen Vorrednern nur anschlie├čen - fl├╝ssig geschrieben, verst├Ąndlich, packend. Einzig drei Stellen w├╝rde ich stilistisch etwas ├Ąndern.

1.) "Durch die Ritzen des Verdecks drang ein eisiger Luftzug. Frostig ging es auch in dem engen Gef├Ąhrt zu. Man wechselte kein Wort."

Den Frostig-Satz kann man sich sparen. Wenn direkt nach der kalten Luft beschrieben wird, wie sich alle anschweigen, wie Beklemmung im Grenzer aufsteigt, wird von allein klar, da├č dei Atmosph├Ąre stark unterk├╝hlt ist.

2.) "Und trotzdem hat diese Liebe nicht die Spur einer Chance. Warum mu├čte uns Dein Vater das antun? Ging es ihm, dem privilegierten Wissenschaftler denn so schlecht, da├č er gen├╝gend Grund besa├č, um von seiner Dienstreise in den Westen nicht zur├╝ck zu kehren? "

Bi├čchen zu pathetisch. Da├č der Vater privilegiert ist, h├Ątte ich eher in einem zweiten Satz eingef├╝gt. So wirkt es k├╝nstlich erkl├Ąrt.

3.)"Es war der Ha├č, der Ha├č auf diese verfluchte Grenze, die von nun an nicht mehr irgendwo dort vorn in der Dunkelheit, sondern mitten durch sein eigenes Ich verlief."

Klingt mir einfach zu kitschig, vor allem mit dem Sehnsuchtsschrei davor. Vielleicht h├Ątte man eher was ├╝ber zwei Seiten in seinem Ich (ein vor Sehnsucht kranke, eine, die Karin die Trennung vorwirft) schreiben k├Ânnen, um dann den Blick des Grenzers auf die Mauer/Grenze fallen zu lassen?
__________________
Andrea Rohmert

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Liebe Andrea,
es ist schon toll, wie du mit deinen Kritiken immer wieder ins Schwarze triffst. Auch in meinem Fall sprichst du genau die Punkte an, die mir bereits beim Schreiben kein sehr gl├╝ckliches Gef├╝hl beschert haben. Ausgenommen Punkt1. Da├č hier ein Satz ├╝berfl├╝ssig ist, habe ich glatt ├╝bersehen. Keine Angst, ich will jetzt nicht meine Geschichte erkl├Ąren. Ich wei├č - du bist daf├╝r nicht so wahnsinnig gern zu begeistern. Nur soviel vielleicht:

Die Geschichte ist entstanden,
a) weil ich schon immer ├╝ber dieses Thema schreiben wollte. (Es gibt noch zu wenig dar├╝ber, und es wird zuviel schwarz-wei├č gemalt. Mich interessieren aber die unendlich vielen Graut├Âne)
b) weil ich als Kursteilnehmer an der Andersson-Akademie dringend einen Idee f├╝r eine abzuliefernde Arbeit (Kurzgeschichte - max 120 Zeilen) brauchte.

Ich habe also versucht, einen Stoff in eine Kurzgeschichte zu pressen, der vielleicht sogar f├╝r einen Roman ausreichen k├Ânnte. Ich hatte tagelang damit zu tun, meine Entw├╝rfe zu k├╝rzen. Das K├╝rzen ist wichtig, aber hier geschah es - vor allem zum Schlu├č - um den Preis, ins Kitschige abzurutschen. Ich wei├č, da├č kein Sehnsuchtsschrei gen├╝gt hat, um in einem willigen Grenzsoldaten buchst├Ąblich ├╝ber Nacht unb├Ąndigen Ha├č auf diese Grenze einzupflanzen. Ein solcher Vorgang ist viel komplexer. Mit Sicherheit werde ich daher dieses Thema noch einmal aufgreifen und in einer breiteren Form zu verarbeiten suchen.

Zum Schlu├č noch einmal ein Kompliment an deine Art, Kritiken zu schreiben. Sie helfen wirklich.

Ein nachdenklicher
Ralph.

__________________
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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
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Auf Spurensuche,

lieber Ralph und diese Geschichte gefunden. Sie fasziniert mich - und aus der gelungenen K├╝rze kann man (ich) lernen. Ich habe hier vor Zeiten Grenz├╝bergang" geschrieben, aber nach dieser Lekt├╝re mzss ich sie neu schreiben. Diese Dichte, der vollst├Ąndige Spannungsbogen; so schreibt man eigentlich nur, wenn man erlebt hat.
Kompiment
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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