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Leselupe.de > Kurzgeschichten
"Keine Vorkommnisse, Genosse Leutnant" (NF)
Eingestellt am 12. 08. 2001 15:51


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Ralph Ronneberger
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Nahezu reglos stand der Mann in der kalten Zugluft des ansonsten menschenleeren Bahnsteiges. Rein mechanisch sog er hin und wieder an der Zigarette, w├Ąhrend er dem letzten Nachtzug nachstarrte, dessen Schlu├člichter bereits zu winzigen P├╝nktchen zusammen geschmolzen waren. Mit der freien Hand wischte er sich ├╝ber die brennenden Augen.
ÔÇÜAus!' dachte er. ÔÇÜAus und vorbei!. Immer wieder formulierten seine Gedanken diese Worte. Zu mehr waren sie im Moment nicht f├Ąhig.
Irgendwann trat er achtlos die Zigarette aus, vergrub die klammen H├Ąnde tief in den Taschen seines Uniformmantels und ging zum Ausgang. Mit schleppenden Schritten durchma├č er den leeren Fu├čg├Ąngertunnel, wo schmutzig-wei├če Fliesen das Licht der flackernder Neonr├Âhren reflektierten und eine trostlose K├Ąlte ├╝ber ihn breiteten.
Auf dem Bahnhofsvorplatz schien der junge Mann langsam zu sich zu kommen. Ein Blick zur Uhr sagte ihm, da├č er es in der verbleibenden Zeit zu Fu├č nicht mehr schaffen w├╝rde. Langsam ging er zum leeren Taxistand.
Er achtete nicht auf das pl├Âtzliche Motorger├Ąusch. in seinem R├╝cken. Erst als unmittelbar neben ihm Bremsen quietschten, schaute er auf. Aus einem grau-gr├╝nen Gel├Ąndewagen sprangen zwei Uniformierte und kamen mit raschen Schritten auf ihn zu. Wei├če M├╝tzenschilder, wei├čes Koppelzeug! Auf den Armbinden leuchteten die Buchstaben KD.
"Kommandantendienst!' dachte der Mann und nahm unwillk├╝rlich Haltung an. Mit der Milit├Ąrpolizei war nicht zu spa├čen.
"Genosse Gefreiter! Ihren Urlaubsschein!" schnarrte der Streifenf├╝hrer und legte l├Ąssig die Hand an den M├╝tzenschirm.
"Einen Moment." Der Mann kramte in seinen Taschen. Er besa├č keinen Urlaubsschein, nur eine Ausgangskarte. Als der Streifenf├╝hrer einen Blick darauf geworfen hatte, wurde sein Gesicht mi├čtrauisch.
"Ausgang bis Null-Zwo-Uhr, recht ungew├Âhnlich", knurrte er.
"Habe ich als Belobigung f├╝r ausgezeichneten Grenzdienst erhalten." Vor wenigen Stunden w├Ąre diese Erkl├Ąrung nicht ohne Stolz abgegeben worden. Doch jetzt kamen ihm die Worte v├Âllig gleichg├╝ltig von den Lippen.
"Aha", sagte der Streifenf├╝hrer nur. Er blickte hin├╝ber zur schwach erleuchteten Bahnhofsuhr und schien kurz zu ├╝berlegen. "Wir m├╝ssen ohnehin zum Regiment. Steigen Sie ein. Wir setzen Sie bei der vierten Kompanie ab."
War das nun ein freundliches Angebot oder eine Aufforderung, die keinen Widerspruch duldete? Der junge Grenzer dachte nicht dar├╝ber nach. Wortlos klemmte er sich auf die harte R├╝ckbank. Schon scho├č das Fahrzeug ├╝ber den Bahnhofsvorplatz, durchquerte einige enge Stra├čenz├╝ge und raste dann auf der Ausfallstra├če der Kaserne entgegen. Durch die Ritzen des Verdecks drang ein eisiger Luftzug. Eisig, wie das Schweigen in dem engen Gef├Ąhrt. Man wechselte kein Wort. Der Grenzer sp├╝rte, wie sich nach und nach Nervosit├Ąt in ihm breit machte.
"Ob sie es wissen?" dachte er. ÔÇÜBestimmt haben sie es erfahren und jetzt... Wer wei├č, wo die mich hin bringen.'
Zu dem dumpfen Schmerz in seinem Inneren gesellte sich jetzt eine nicht zu unterdr├╝ckende Unruhe. Unwillk├╝rlich ging sein Atem schneller.
Doch seine Bef├╝rchtungen erwiesen sich als unbegr├╝ndet. Nach knapp zehn Minuten hielt der K├╝bel direkt vor dem Schlagbaum seiner Kompanie. Der Grenzer bedankte sich, erntete aber nur ein kurzes "Schon gut." Dann jagte das Fahrzeug wieder hinaus in die Nacht.
"Das war ja ein sehr merkw├╝rdiges Taxi", staunte der Posten und lugte mit neugierigen Augen unter dem Stahlhelm hervor. "Wohl zuviel getankt, was?"
Der Angesprochene reagierte nicht, sondern lie├č den Posten mit seiner Neugier allein. Er betrat den zweist├Âckigen, lieblos hingeklatschten Neubau, der seiner Einheit als Kaserne diente. Auf dem Flur schlug ihm der vertraute Geruch von Bohnerwachs und Waffen├Âl entgegen. Mit schlurfenden Schritten tappte er den langen halbdunklen Gang entlang. Er bemerkte den wachhabenden Offizier erst, als der bereits vor ihm stand.
"Na, Genosse Wiesner. Irgendwelche Vorkommnisse im Ausgang?" Die Frage war reine Routine, kein lauernder Unterton zu sp├╝ren. Wu├čten sie immer noch nichts?
"Nein, Genosse Leutnant. Keine Vorkommnisse."
Der Offizier nickte und teilte ihm dann mit, da├č er f├╝r morgen vom Dienstplan gestrichen sei.
"Sie melden sich um neun Uhr im Dienstzimmer des Politoffiziers. Verstanden?"
"Jawohl, Genosse Leutnant!"
Also doch! Die Meldung war bereits bis hierher vorgedrungen. Merkw├╝rdig - wie gleichg├╝ltig ihn das auf einmal lie├č.
"Kopf hoch, Wiesner! Ihnen passiert nichts. Sie sind doch einer meiner besten Postenf├╝hrer. Auf meine F├╝rsprache k├Ânnen sie z├Ąhlen."
Der Gefreite Wiesner murmelte ein "Danke" und bat dann, auf seine Stube gehen zu d├╝rfen. Es wurde ihm gew├Ąhrt. Doch Wiesner ging an der T├╝r, wo seine Zimmerkammeraden der Fr├╝hschicht entgegen schnarchten, vorbei. Wie h├Ątte er sich jetzt einfach ins Bett legen k├Ânnen, wo er doch keinen Schlaf finden w├╝rde. Er wollte, er mu├čte allein sein. Allein mit diesem dumpfen Schmerz.
Er betrat den dunklen Waschraum und ├Âffnete beide Fensterfl├╝gel. Die herein str├Âmende K├Ąlte schien er kaum zu sp├╝ren. Sein Blick glitt hin├╝ber zu der unendlich langen Reihe von Peitschenlampen, die wie eine leuchtende Perlenschnur den Grenzverlauf markierten. Und irgendwo dahinter tauchte pl├Âtzlich eine Gestalt am n├Ąchtlichen Himmel auf. Sie wuchs auf ihn zu - schien zum Greifen nah, und doch blieb sie so unendlich fern. Ihm war, als brauchte er nur die Hand auszustrecken, um die feinen Linien des geliebten Gesichts mit den Fingerspitzen nachzuzeichnen.
"Oh Karin", fl├╝sterte er. "Warum mu├č es ausgerechnet so enden? Es w├Ąre mir lieber gewesen, Du h├Ąttest mich belogen. Ein Brief von dir mit der Nachricht, da├č es zwischen uns aus sei - vielleicht, weil ein anderer in dein Leben getreten ist. Was meinst Du, wieviele von meinen Kammeraden schon solche Briefe erhalten haben? Gewi├č, auch das w├Ąre ein riesiger Schock gewesen. Doch ich h├Ątte w├╝tend sein d├╝rfen. Wut auf den anderen ├╝berlagert den Schmerz und l├Ą├čt die Trennung leichter ertragen. Aber so. Du liebst mich noch genauso wie fr├╝her. Und trotzdem hat diese Liebe nicht die Spur einer Chance. Warum mu├čte uns Deine Mutter das antun? Woher auf einmal ihre Sehnsucht, pl├Âtzlich wieder mit deinem Vater zusammen sein zu wollen? Es ist doch schon so lange her, da├č er damals von seiner Dienstreise in den Westen nicht zur├╝ck gekehrt ist. Fast schon vergessen. Aber jetzt gibt es ja neuerdings die M├Âglichkeit einer Familienzusammenf├╝hrung, oder wie das hei├čt. Und nun, wo sie f├╝r sich die eventuelle Chance sieht, legal ausreisen zu d├╝rfen, da stellt sie auch prompt den vielleicht l├Ąngst vorbereiteten Antrag.
Und Du? Du bist doch vollj├Ąhrig! Warum kannst nicht wenigstens Du bleiben? Hier bei uns - bei mir! Du hast von Gr├╝nden gesprochen, die ich nicht verstanden habe. Werde ich sie je verstehen? Und wenn ja - was n├╝tzt es uns?"
Er sah zu ihr hin├╝ber, blickte in ihr tr├Ąnen├╝berstr├Âmtes Gesicht. Und er f├╝hlte sich pl├Âtzlich wieder so, wie in den letzten Minuten auf dem Bahnsteig - ausgebrannt, leer, ohne Worte.

Fauchend scho├č eine Leuchtkugel in den frostklaren Himmel. Ihr flackerndes Licht lie├č das Bild des geliebten M├Ądchens verschwimmen.
"Karin! Geh nicht!"
Als die Leuchtkugel erlosch, gab es nur noch die Schw├Ąrze der Nacht und das h├Âhnische Flimmern der Grenzbeleuchtung.
"K a r i n!"
Ein Schrei, der den Posten unten am Schlagbaum zusammenzucken lie├č. Ein Schrei, geboren aus der Qual unb├Ąndiger Sehnsucht und hilfloser Verzweiflung. Er brachte keine Befreiung, aber er schuf Platz f├╝r die Erkenntnis, da├č diese Grenze, die er nun schon seit Monaten aus ehrlicher ├ťberzeugung zu bewachen half, von nun an nicht mehr irgendwo dort vorn in der Dunkelheit, sondern mitten durch sein eigenes Ich verlief.




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Ralph Ronneberger
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Ps:

Diese Geschichte hatte ich im Oktober vergangenen Jahres schon einmal hier reingestellt. Damals kamen dankenswerte Kritiken, die ich versucht habe, umzusetzen. Au├čerdem glaube ich, da├č der Zeitpunkt (morgen ist der 13. August) nicht ganz unpassend ist.

Ralph
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Willi Corsten
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Hallo Ralph,
bin fasziniert von deiner meisterlich geschriebenen Geschichte.
Ich kenne die Urfassung nicht, kann mir aber vorstellen, dass du sorgsam darin gearbeitet hast. Bei so viel K├Ânnen scheut man sich fast, eine Stelle zu benennen, die dem Rotstift entkommen ist. Da ich aber wei├č, wie wichtig dir konstruktive Kritik ist, wage ich hier einen Vorschlag, denn der Schlusssatz harkt m.E. ein wenig.
Wie w├Ąre es mit folgender Formulierung: Er brachte keine Befreiung, schuf aber Platz f├╝r die Erkenntnis, dass die Grenze, die er nun schon seit Monaten aus ehrlicher ├ťberzeugung bewachte, von nun an nicht mehr...

Es gr├╝├čt dich herzlich
Willi

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Ralph Ronneberger
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Heh Willi,

das isses!!!
Dieser Schlu├čsatz entsprang n├Ąmlich einer heute erst krampfhaft gesuchten L├Âsung. Dieses "in ihn dringende Bewu├čtsein" hakt nicht nur, sondern klingt doof. "Erkenntnis" - genau. In der Erstfassung stand noch:
"Er brachte keine Befreiung, aber er schuf Platz f├╝r ein v├Âllig neues Gef├╝hl, das sich mit aller Macht in ihm Bahn zu brechen begann. Es war der Ha├č, der Ha├č auf diese verfluchte Grenze, die von nun an nicht mehr irgendwo dort vorn in der Dunkelheit, sondern mitten durch sein eigenes Ich verlief."

Hier war aber mit Recht anzuzweifeln, da├č sich in wenigen Stunden ein so krasser Sinneswandel vollziehen k├Ânnte. Also kam ich auch die glaubw├╝rdigere, aber eben leicht verungl├╝ckte Formulierung. Aber nun ist wahrscheinlich auch die rund. Danke. Macht echt Spa├č mit dir und all den anderen "Konstruktiven".

Herzliche Gr├╝├če zur├╝ck
Ralph
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Andre
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Achjee... Und ich hab mich ├╝ber mein armseeliges bi├čchen Wachestehen beklagt...

Ein sehr sch├Âner Text. Lediglich die Rolle des Zuges war mir nicht so recht klar. War sie darin, um ihn ein letztes Mal zu sehen? (D├╝rfte kaum erlaubt gewesen sein) Kam er von ihr zur├╝ck? (Dasselbe) War es ihr Zug gen Westen? (Ein makaberer Zufall) Oder ist es nur eine Metapher, dass sich jetzt etwas unwiderbringlich aus seinem Leben verabschiedet?
Der Text regt zum Nachdenken an. Wirklich sch├Ân.

Andr├ę


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Denn so wahr das Wasser immer dem tiefsten Punkt zustrebt, so wahr wird die menschliche Seele von dem tiefsten Punkt angezogen, den sie als Gruppe straflos erreichen kann.

Arnold Zweig, "Erziehung vor Verdun"

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ElsaLaska
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ja, und seit es die von willi

vorgeschlagene alternative zum schlusssatz gibt, kann auch ich nur zustimmen: prima.
was mich ganz besonders ber├╝hrt hat (als wessi ): das da mal eine pers├Ânliche geschichte erz├Ąhlt wird. ├╝berall liest man nun wieder chroniken des mauerbaus, essays, kluge kommentare, etc....
was die menschen wirklich anr├╝hrt, das sind doch die pers├Ânlichen schicksale, wie das hier geschilderte...

die (ungl├╝ckliche) liebe f├╝hrt zum bewusstseinswandel, dieses thema soll aber neben der zeitgeschichtlichen brisanz nicht untergehen, wie ich meine!

@andre: tolle signatur!

zum wegfahrenden zug: ich dachte, darin sitzt karin? liege ich falsch? konnte sie denn einfach so mit dem zug wegfahren, ohne schikanen? stelle mir die gleichen fragen wie andre....

beste gr├╝sse
elsa

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