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"Tschecherl"
Eingestellt am 08. 11. 2005 15:49


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Sigurt Funk
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„Tschecherl"
√úber das „Wiener- Kaffeehaus“ und sein burgenl√§ndisches Pendant

Unterschiedliches treibt Menschen an die St√§tten, die s√ľdlich des Alpenhauptkammes „Kaffeehaus“ genannt werden. Markenzeichen jedes dieser Etablissements ist ein hei√ü-dampfendes, herb bitter schmeckende Gebr√§u, das in mehr oder weniger gro√üen Tassen, mit oder ohne Zucker gereicht wird. Die Palette seiner F√§rbung reicht, abh√§ngig davon ob und wie viel Milch man unterr√ľhrt, von reinem Schwarz, verziert mit Schlieren hellen Brauns, bis hin zu matt schimmerndem Goldgelb. In alten Zeiten wurde diese Art von Kaffee „eine Schale Gold“ genannt. Heute sind derartige K√∂stlichkeiten leider nicht mehr zu bekommen.
Der Legende nach ist die Wiener Kaffeekultur ein √úberbleibsel der letzten T√ľrkenbelagerung. Ein Kulturgut aus S√ľdosteuropa, das bereits vor der Globalisierung seinen unangefochtenen Siegeszug durch die ganze Welt antrat.
Der Inbegriff des Kaffeehauses ist, das behaupten zumindest die Wiener, das legendenumwobene „Wiener-Kaffeehaus". In ihm trafen sich ehemals nicht nur hohe Ministeriale, sondern auch Bedienstete untergeordneter Dienststellen der k.u.k. Monarchie, politisch denkende Menschen jeglicher Couleur, Offiziere, Literaten, Revolution√§re, Karambolebegeisterte, Schachspieler, Zeitungsleser und Journalfreaks ebenso wie Hochstapler, Heiratsschwindler und solche, denen das eigene Heim zu ungem√ľtlich erschien, als dass sie den ganzen Tag dort zu verbleiben gedachten. Heute scheint das Wiener-Kaffeehaus vor allem von Hofratswitwen und ihren gut frisierten Pudeln bev√∂lkert, die sich tags√ľber in ihren feudalen meist noch dem Friedenszins unterliegenden Altbauwohnungen einsam f√ľhlen.
Fr√ľher aber, so erz√§hlt man, h√§tte auch so mancher Bohemien, Schriftsteller und Berufsrevolution√§r, Dichter und Poet, Schauspieler, Gro√üb√ľrger und Industrielle, den Gro√üteil seines Lebens im Kaffeehaus zugebracht. Die Adressen von Kaffeeh√§usern seien von manchen sogar als Wohnadressen f√ľr die Briefzustellung angegeben worden. Viele von Peter Altenbergs unvergleichlich sch√∂nen „Skizzen" w√§ren ungeschrieben geblieben, h√§tte es das ber√ľhmte Wiener „Cafe - Central" und seine Stammtische nicht gegeben. Karl Kraus und viele der anderen Geistesmenschen des „fin-de-si√®cle" fanden in ihm, dem „Kaffeehaus“, ihren Lebensmittelpunkt. Es war der Ort der Besinnung, des R√ľckzugs zu sich selbst, andererseits aber auch St√§tte der geistigen Auseinandersetzung mit den Str√∂mungen der Zeit.

Ein Kaffeehaus kann man seit jeher, und das sei allen gesagt, die keine Kenner dieser Institution sind, auch dann besuchen, wenn man in Gesellschaft m√∂glichst vieler Menschen seine Ruhe haben m√∂chte. Dieses vielzitierte „Alleinsein unter vielen“ wird f√ľr gew√∂hnlich damit zugebracht, Zeitungen, Journale oder auch Illustrierte zu lesen. Ein Kaffeehaus, in dem die „guten" Zeitungen, auch internationale, nicht aufliegen, ist keines.
Das ist es, warum es im Burgenland, dem j√ľngsten Bundesland √Ėsterreichs, selten Kaffeeh√§user gibt, die diesen Namen verdienen.
Die Gr√ľnde daf√ľr sind wohl in der historischen Entwicklung zu suchen. Hier im ehemaligen Deutschwestungarn lebte man bis in die F√ľnfziger-Jahre zum Gro√üteil von kleinstrukturierter Landwirtschaft. Der Kaffee, den man trank, war entweder mit Kaffeeersatzmitteln verl√§ngert oder bestand √ľberhaupt nur aus Malzkaffee. Er wurde ausschlie√ülich zum Fr√ľhst√ľck eingenommen. Und das nat√ľrlich zu Hause.
Auswärts, trank man anderes.
Sonntags nach der Kirche, ging man ins „Wirtshaus“ auf ein paar Kr√ľgerl Bier oder auch ein paar Mischungen. Das erspare die Suppe zu Mittag, meinen die M√§nner hier im Scherz. Erst in den sp√§ten sechziger Jahren tauchten in den Gastwirtschaften die ersten Espressomaschinen auf, in ihrem Gefolge die Frauen.
Inzwischen hat die „moderne Welt“ nat√ľrlich auch in diesem Landstrich Einzug gehalten und die ersten kleinen Cafes, meist im Verbund mit hauseigenen B√§ckereien, haben l√§ngst ihre Pforten ge√∂ffnet.
An den beliebten Markttagen kann man sich an den „Standln“, so werden die Buden der Stra√üenh√§ndler genannt, Dinge des t√§glichen Bedarfs kaufen. An diesen Tagen finden auch die Cafes regen Zuspruch. Hier ruht der Eink√§ufer sich aus, nachdem er sich auf dem Stra√üenmarkt mit all den Dingen eingedeckt hat, die von herk√∂mmlichen Gesch√§ften schon lange nicht mehr gef√ľhrt werden. Lange Unterhosen f√ľr √§ltere Frauen, wollene Str√ľmpfe und Kleidersch√ľrzen, Strohh√ľte und Holzrechen, Holzschuhe f√ľr den Stall, alles das findet man hier noch.
In diesen Cafes, die von den Burgenl√§ndern mit gro√üer Sturheit und Ausdauer f√ľr Kaffeeh√§user gehalten werden, liegen aber meist keine Zeitungen auf. Sie werden auch nicht ben√∂tigt. Hierher geht man nicht, um Zeitungen zu lesen oder allein zu sein. Die Neuigkeiten kennt man ohnedies aus dem Fernsehen. Hierher geht man, um Bekannte, Nachbarn, vielleicht sogar, den einen oder anderen Freund zu treffen, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Man kann zwar hin und wieder jemanden beobachten, der √§hnlich handelt, als lese er eine Zeitung, bei genauerer Betrachtung erkennt das geschulte Auge aber: man sieht hier in die Zeitungen nur hinein. Sie, die Einheimischen, nennen das auch so: „Ich m√∂chte nur kurz in die Zeitung hineinschauen!" sagen sie.
Begeht man die Unverfrorenheit und verlangt an einem solchen Ort dennoch eine Zeitung, weiß die Kellnerin sofort, dass sie es mit keinem Einheimischen zu tun hat.
In solchem Fall, das sagt ihr Erfahrungsschatz, muss es sich entweder um einen Sommergast oder aber um einen der vielen „Zuagroasten" handeln, die sich, haupts√§chlich der immer noch billig zu erstehenden alten Bauernh√§user wegen, hier niederlassen. Denn nur den Fremden ist unbekannt, dass Zeitungen hier aus Prinzip nicht aufgelegt werden. Die sollen sich, so meint man, so sie unbedingt lesen wollen, die Zeitung in der Trafik besorgen.
Es braucht also, wie man sieht, eine au√üergew√∂hnliche Portion Gl√ľck, eine lokaleigene Zeitung zu erhalten. In diesen √§u√üerst seltenen Gl√ľcksf√§llen - meist handelt es sich dann um das Exemplar des Chefs - kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass ihm dem Gast wie selbstverst√§ndlich und ungefragt, ein aus Wien stammendes, boulevardeskes Kleinformat von √§u√üerst zweifelhaftem Ruf angeboten wird.
Dieses jedermann bekannte, vom „kleinen Mann“ besonders geliebte „Kleinformat“ war einst mit Hilfe eines sp√§ter in Ungnade gefallenen roten Parteifunktion√§rs gegr√ľndet worden. Ein Gewerkschafter, der sich r√ľhmt in den F√ľnfzigern einen vermeintlich geplanten kommunistischen Putsch in √Ėsterreich verhindert zu haben.
Unter Zuhilfenahme angeblich missbr√§uchlich verwendeter Gewerkschaftsgelder war dieses Blatt aufgebaut worden und stand sp√§ter im Eigentum von zwei sich als Medientycoons gerierenden Zeitungszaren. Zwei dubiosen Figuren, die sich gerne am rechten Rand des politischen Spektrums bewegten. B√∂se Zungen behaupten, sie w√§ren in Wahrheit nicht mehr als von Machtstreben beherrschte Kleinb√ľrger gewesen, von denen der eine sich damit zufrieden gegeben habe, das demokratisch gew√§hlte √∂sterreichische Staatsoberhaupt zu schlechten Entscheidungen zu verleiten, w√§hrend der andere, nachdem er ein Wochenblatt gegr√ľndet hatte, es alsbald vorzog, in mediale Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Niemand w√ľrde sich wundern, w√§re so manche ihrer dubiosen Strategien in einem der vielen Wiener- Kaffeeh√§user ausgebr√ľtet worden.
Aber nicht nur f√ľr die Eroberung staatspolitisch wichtiger Machtpositionen eignet sich das Kaffeehaus, in ihm findet man auch Repr√§sentanten l√§ngst vergangener Noblesse.
Das Wiener Kaffeehaus ist ein Ort, an dem die Ober sich weit vornehmer geben als ihre G√§ste es sind. Die Anrede des Obers: „Der Herr w√ľnschen?" l√§sst jeden Mittelst√§ndler seinen Mittelstand vergessen. Hier ist „Mann" noch „Herr" und jede „Frau“ eine Dame, die flugs und ohne Umschweife zur „gn√§-Frau" mutiert.
In Kaffeeh√§usern bekommt man, und das wissen kultivierte Besucher besonders zu sch√§tzen, von der aufmerksamen Bedienung – ohne dass es einer Aufforderung bedarf - sogar noch „ein zweites Glas Wasser" und das gratis. Was sich, versteht man sich auf die Feinheiten des „Kaffeehausbesuchs", auf die H√∂he des Trinkgeldes niederschlagen sollte.
In einem burgenl√§ndischen Cafe auch nur „ein erstes Glas Wasser“ zu bekommen, ohne danach ausdr√ľcklich zu verlangen, wird einem selten und nur dann passieren, wenn man das Gl√ľck hat, an eine „Bedienung" zu geraten, die in ihrem fr√ľheren Berufsleben einmal in einem „Wiener Kaffehaus“ auftragen durfte.
W√§hrend das „Wiener-Kaffeehaus", sich als Ort nobler Zur√ľckhaltung zeigt, ist das burgenl√§ndische Cafe, letztlich ein „Tschecherl", eine St√§tte lautstarker, nichtsdestowenig unartikulierter √Ąu√üerungen.
Ob man will oder nicht, es werden einem die aktuellen M√∂glichkeiten besonders g√ľnstigen Einkaufs von Schweinsstelzen, Surbraten und Knabbergeb√§ck oder andere Neuigkeiten bekannt gemacht, weil sich Wohnungsnachbarinnen, Cousinen und Tanten √ľber alle Tische hinweg, ungeniert jede intime Unterhaltung hinmetzelnd, √ľber ihre Einkaufsgewohnheiten austauschen.
Nachdem man sich mit dem Genuss der zweiten oder dritten mit √ľppigem Schlagrahm gef√ľllten Kardinalschnitte, der hier √ľblichen Nationalspeise, den letzten Rest der bereits vor Jahren entgleisten Figur ruiniert hat, herrscht Aufbruchstimmung. Jetzt hat man es eilig, um am heimischen Herd „dem seinen“, und damit meint man den jeweils eigenen Ehemann, ein ausgiebiges Mittagessen zu bereiten. Das ist die Zeit, in der zumindest f√ľr eine Stunde Ruhe im Cafe einkehrt.
Alle unbedarften "Sch√∂ngeiste", die erw√§gen eines der vielen Cafes unseres lieblichen Burgenlandes aufzusuchen, sei geraten: N√ľtzen Sie diese eine Stunde, den Liebhaber gepflegter Kaffeehausatmosph√§re ersch√∂pfen sie manchmal, die hier ans√§ssigen sonst recht liebenswerten Menschen!

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jon
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Oh ja, jetzt liest es sich deutlich besser ‚Ästman kommt nicht mehr wegen zu langer S√§tze au√üer Atmen.
Was mir hier au√üerdem sehr gut gefiel, sind die √úberlegungen, woher der Unterschied r√ľhrt. So klingt das Ganze nicht mehr wie ein einziges "Runterputzen der Provinz". Es klingt jetzt eher nach einem (weiteren) Beispiel f√ľr den manchmal recht nervenden Trend, sich "international" oder zumindest "deutlich nicht regional-verkrustet" zu geben. Traditionen sind nicht einfach exportierbar.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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