Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
259 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
"Tschecherl"
Eingestellt am 08. 11. 2005 15:49


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Sigurt Funk
???
Registriert: Nov 2005

Werke: 17
Kommentare: 41
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Sigurt Funk eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

„Tschecherl"
Über das „Wiener- Kaffeehaus“ und sein burgenlĂ€ndisches Pendant

Unterschiedliches treibt Menschen an die StĂ€tten, die sĂŒdlich des Alpenhauptkammes „Kaffeehaus“ genannt werden. Markenzeichen jedes dieser Etablissements ist ein heiß-dampfendes, herb bitter schmeckende GebrĂ€u, das in mehr oder weniger großen Tassen, mit oder ohne Zucker gereicht wird. Die Palette seiner FĂ€rbung reicht, abhĂ€ngig davon ob und wie viel Milch man unterrĂŒhrt, von reinem Schwarz, verziert mit Schlieren hellen Brauns, bis hin zu matt schimmerndem Goldgelb. In alten Zeiten wurde diese Art von Kaffee „eine Schale Gold“ genannt. Heute sind derartige Köstlichkeiten leider nicht mehr zu bekommen.
Der Legende nach ist die Wiener Kaffeekultur ein Überbleibsel der letzten TĂŒrkenbelagerung. Ein Kulturgut aus SĂŒdosteuropa, das bereits vor der Globalisierung seinen unangefochtenen Siegeszug durch die ganze Welt antrat.
Der Inbegriff des Kaffeehauses ist, das behaupten zumindest die Wiener, das legendenumwobene „Wiener-Kaffeehaus". In ihm trafen sich ehemals nicht nur hohe Ministeriale, sondern auch Bedienstete untergeordneter Dienststellen der k.u.k. Monarchie, politisch denkende Menschen jeglicher Couleur, Offiziere, Literaten, RevolutionĂ€re, Karambolebegeisterte, Schachspieler, Zeitungsleser und Journalfreaks ebenso wie Hochstapler, Heiratsschwindler und solche, denen das eigene Heim zu ungemĂŒtlich erschien, als dass sie den ganzen Tag dort zu verbleiben gedachten. Heute scheint das Wiener-Kaffeehaus vor allem von Hofratswitwen und ihren gut frisierten Pudeln bevölkert, die sich tagsĂŒber in ihren feudalen meist noch dem Friedenszins unterliegenden Altbauwohnungen einsam fĂŒhlen.
FrĂŒher aber, so erzĂ€hlt man, hĂ€tte auch so mancher Bohemien, Schriftsteller und BerufsrevolutionĂ€r, Dichter und Poet, Schauspieler, GroßbĂŒrger und Industrielle, den Großteil seines Lebens im Kaffeehaus zugebracht. Die Adressen von KaffeehĂ€usern seien von manchen sogar als Wohnadressen fĂŒr die Briefzustellung angegeben worden. Viele von Peter Altenbergs unvergleichlich schönen „Skizzen" wĂ€ren ungeschrieben geblieben, hĂ€tte es das berĂŒhmte Wiener „Cafe - Central" und seine Stammtische nicht gegeben. Karl Kraus und viele der anderen Geistesmenschen des „fin-de-siĂšcle" fanden in ihm, dem „Kaffeehaus“, ihren Lebensmittelpunkt. Es war der Ort der Besinnung, des RĂŒckzugs zu sich selbst, andererseits aber auch StĂ€tte der geistigen Auseinandersetzung mit den Strömungen der Zeit.

Ein Kaffeehaus kann man seit jeher, und das sei allen gesagt, die keine Kenner dieser Institution sind, auch dann besuchen, wenn man in Gesellschaft möglichst vieler Menschen seine Ruhe haben möchte. Dieses vielzitierte „Alleinsein unter vielen“ wird fĂŒr gewöhnlich damit zugebracht, Zeitungen, Journale oder auch Illustrierte zu lesen. Ein Kaffeehaus, in dem die „guten" Zeitungen, auch internationale, nicht aufliegen, ist keines.
Das ist es, warum es im Burgenland, dem jĂŒngsten Bundesland Österreichs, selten KaffeehĂ€user gibt, die diesen Namen verdienen.
Die GrĂŒnde dafĂŒr sind wohl in der historischen Entwicklung zu suchen. Hier im ehemaligen Deutschwestungarn lebte man bis in die FĂŒnfziger-Jahre zum Großteil von kleinstrukturierter Landwirtschaft. Der Kaffee, den man trank, war entweder mit Kaffeeersatzmitteln verlĂ€ngert oder bestand ĂŒberhaupt nur aus Malzkaffee. Er wurde ausschließlich zum FrĂŒhstĂŒck eingenommen. Und das natĂŒrlich zu Hause.
AuswÀrts, trank man anderes.
Sonntags nach der Kirche, ging man ins „Wirtshaus“ auf ein paar KrĂŒgerl Bier oder auch ein paar Mischungen. Das erspare die Suppe zu Mittag, meinen die MĂ€nner hier im Scherz. Erst in den spĂ€ten sechziger Jahren tauchten in den Gastwirtschaften die ersten Espressomaschinen auf, in ihrem Gefolge die Frauen.
Inzwischen hat die „moderne Welt“ natĂŒrlich auch in diesem Landstrich Einzug gehalten und die ersten kleinen Cafes, meist im Verbund mit hauseigenen BĂ€ckereien, haben lĂ€ngst ihre Pforten geöffnet.
An den beliebten Markttagen kann man sich an den „Standln“, so werden die Buden der StraßenhĂ€ndler genannt, Dinge des tĂ€glichen Bedarfs kaufen. An diesen Tagen finden auch die Cafes regen Zuspruch. Hier ruht der EinkĂ€ufer sich aus, nachdem er sich auf dem Straßenmarkt mit all den Dingen eingedeckt hat, die von herkömmlichen GeschĂ€ften schon lange nicht mehr gefĂŒhrt werden. Lange Unterhosen fĂŒr Ă€ltere Frauen, wollene StrĂŒmpfe und KleiderschĂŒrzen, StrohhĂŒte und Holzrechen, Holzschuhe fĂŒr den Stall, alles das findet man hier noch.
In diesen Cafes, die von den BurgenlĂ€ndern mit großer Sturheit und Ausdauer fĂŒr KaffeehĂ€user gehalten werden, liegen aber meist keine Zeitungen auf. Sie werden auch nicht benötigt. Hierher geht man nicht, um Zeitungen zu lesen oder allein zu sein. Die Neuigkeiten kennt man ohnedies aus dem Fernsehen. Hierher geht man, um Bekannte, Nachbarn, vielleicht sogar, den einen oder anderen Freund zu treffen, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Man kann zwar hin und wieder jemanden beobachten, der Ă€hnlich handelt, als lese er eine Zeitung, bei genauerer Betrachtung erkennt das geschulte Auge aber: man sieht hier in die Zeitungen nur hinein. Sie, die Einheimischen, nennen das auch so: „Ich möchte nur kurz in die Zeitung hineinschauen!" sagen sie.
Begeht man die Unverfrorenheit und verlangt an einem solchen Ort dennoch eine Zeitung, weiß die Kellnerin sofort, dass sie es mit keinem Einheimischen zu tun hat.
In solchem Fall, das sagt ihr Erfahrungsschatz, muss es sich entweder um einen Sommergast oder aber um einen der vielen „Zuagroasten" handeln, die sich, hauptsĂ€chlich der immer noch billig zu erstehenden alten BauernhĂ€user wegen, hier niederlassen. Denn nur den Fremden ist unbekannt, dass Zeitungen hier aus Prinzip nicht aufgelegt werden. Die sollen sich, so meint man, so sie unbedingt lesen wollen, die Zeitung in der Trafik besorgen.
Es braucht also, wie man sieht, eine außergewöhnliche Portion GlĂŒck, eine lokaleigene Zeitung zu erhalten. In diesen Ă€ußerst seltenen GlĂŒcksfĂ€llen - meist handelt es sich dann um das Exemplar des Chefs - kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass ihm dem Gast wie selbstverstĂ€ndlich und ungefragt, ein aus Wien stammendes, boulevardeskes Kleinformat von Ă€ußerst zweifelhaftem Ruf angeboten wird.
Dieses jedermann bekannte, vom „kleinen Mann“ besonders geliebte „Kleinformat“ war einst mit Hilfe eines spĂ€ter in Ungnade gefallenen roten ParteifunktionĂ€rs gegrĂŒndet worden. Ein Gewerkschafter, der sich rĂŒhmt in den FĂŒnfzigern einen vermeintlich geplanten kommunistischen Putsch in Österreich verhindert zu haben.
Unter Zuhilfenahme angeblich missbrĂ€uchlich verwendeter Gewerkschaftsgelder war dieses Blatt aufgebaut worden und stand spĂ€ter im Eigentum von zwei sich als Medientycoons gerierenden Zeitungszaren. Zwei dubiosen Figuren, die sich gerne am rechten Rand des politischen Spektrums bewegten. Böse Zungen behaupten, sie wĂ€ren in Wahrheit nicht mehr als von Machtstreben beherrschte KleinbĂŒrger gewesen, von denen der eine sich damit zufrieden gegeben habe, das demokratisch gewĂ€hlte österreichische Staatsoberhaupt zu schlechten Entscheidungen zu verleiten, wĂ€hrend der andere, nachdem er ein Wochenblatt gegrĂŒndet hatte, es alsbald vorzog, in mediale Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Niemand wĂŒrde sich wundern, wĂ€re so manche ihrer dubiosen Strategien in einem der vielen Wiener- KaffeehĂ€user ausgebrĂŒtet worden.
Aber nicht nur fĂŒr die Eroberung staatspolitisch wichtiger Machtpositionen eignet sich das Kaffeehaus, in ihm findet man auch ReprĂ€sentanten lĂ€ngst vergangener Noblesse.
Das Wiener Kaffeehaus ist ein Ort, an dem die Ober sich weit vornehmer geben als ihre GĂ€ste es sind. Die Anrede des Obers: „Der Herr wĂŒnschen?" lĂ€sst jeden MittelstĂ€ndler seinen Mittelstand vergessen. Hier ist „Mann" noch „Herr" und jede „Frau“ eine Dame, die flugs und ohne Umschweife zur „gnĂ€-Frau" mutiert.
In KaffeehĂ€usern bekommt man, und das wissen kultivierte Besucher besonders zu schĂ€tzen, von der aufmerksamen Bedienung – ohne dass es einer Aufforderung bedarf - sogar noch „ein zweites Glas Wasser" und das gratis. Was sich, versteht man sich auf die Feinheiten des „Kaffeehausbesuchs", auf die Höhe des Trinkgeldes niederschlagen sollte.
In einem burgenlĂ€ndischen Cafe auch nur „ein erstes Glas Wasser“ zu bekommen, ohne danach ausdrĂŒcklich zu verlangen, wird einem selten und nur dann passieren, wenn man das GlĂŒck hat, an eine „Bedienung" zu geraten, die in ihrem frĂŒheren Berufsleben einmal in einem „Wiener Kaffehaus“ auftragen durfte.
WĂ€hrend das „Wiener-Kaffeehaus", sich als Ort nobler ZurĂŒckhaltung zeigt, ist das burgenlĂ€ndische Cafe, letztlich ein „Tschecherl", eine StĂ€tte lautstarker, nichtsdestowenig unartikulierter Äußerungen.
Ob man will oder nicht, es werden einem die aktuellen Möglichkeiten besonders gĂŒnstigen Einkaufs von Schweinsstelzen, Surbraten und KnabbergebĂ€ck oder andere Neuigkeiten bekannt gemacht, weil sich Wohnungsnachbarinnen, Cousinen und Tanten ĂŒber alle Tische hinweg, ungeniert jede intime Unterhaltung hinmetzelnd, ĂŒber ihre Einkaufsgewohnheiten austauschen.
Nachdem man sich mit dem Genuss der zweiten oder dritten mit ĂŒppigem Schlagrahm gefĂŒllten Kardinalschnitte, der hier ĂŒblichen Nationalspeise, den letzten Rest der bereits vor Jahren entgleisten Figur ruiniert hat, herrscht Aufbruchstimmung. Jetzt hat man es eilig, um am heimischen Herd „dem seinen“, und damit meint man den jeweils eigenen Ehemann, ein ausgiebiges Mittagessen zu bereiten. Das ist die Zeit, in der zumindest fĂŒr eine Stunde Ruhe im Cafe einkehrt.
Alle unbedarften "Schöngeiste", die erwĂ€gen eines der vielen Cafes unseres lieblichen Burgenlandes aufzusuchen, sei geraten: NĂŒtzen Sie diese eine Stunde, den Liebhaber gepflegter KaffeehausatmosphĂ€re erschöpfen sie manchmal, die hier ansĂ€ssigen sonst recht liebenswerten Menschen!

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Oh ja, jetzt liest es sich deutlich besser – man kommt nicht mehr wegen zu langer SĂ€tze außer Atmen.
Was mir hier außerdem sehr gut gefiel, sind die Überlegungen, woher der Unterschied rĂŒhrt. So klingt das Ganze nicht mehr wie ein einziges "Runterputzen der Provinz". Es klingt jetzt eher nach einem (weiteren) Beispiel fĂŒr den manchmal recht nervenden Trend, sich "international" oder zumindest "deutlich nicht regional-verkrustet" zu geben. Traditionen sind nicht einfach exportierbar.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!