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Leselupe.de > Kurzgeschichten
"Übung"
Eingestellt am 12. 11. 2002 15:09


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Ich erinnere mich an diese Übung. Sitzen, auf dem Boden, auf dem Klo, vor dem Bildschirm, sich halblaut und ohne Pause fragen, wie man sich gerade fühlt. Schwierigkeit ist nicht die Disziplin. Man muss zu sich selbst ehrlich sein. Nichts schwieriger als das. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich ...
Bier blubbert in mir wie ein geschwätziger Kneipennachbar, den ich nicht ken-nen will, der mich mit Sorgen zerfaselt, allabendlich, wenn der Pegel erreicht ist, der mich fett, krank, ideenlos werden lässt. Blubbern. Mit anderem kaum zu vergleichen. Das Mahnen der eigenen Ehrlichkeit zwingt mich still zu stehen, reibt mir meinen Stumpfsinn blank. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich ...
Ich gebe die Schuld dem Fernseher. Sieben Jahre hatte ich keinen. Dann starb eine Tante und jemand musste ihn ja nehmen. Bildgierig wie ein Baby, das erstmals die Augen geöffnet hat, dem Speichel aus dem Mundwinkel suppt, taste ich mich wahllos durch Kanäle, die ich nicht kenne, mir aber drohen, ich werde sie noch kennenlernen, diese Flimmerbastarde, deren Süße mir noch die Hin-schale zerklirren wird. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich ...
Zigaretten im Viertelstundentakt, manchmal noch schneller, verspätet nur durch Toilettenbesuche, wo ich Kreuzworträtsel löse, von unten angefangen nach o-ben, in Schönschrift, nach selbsterdachten Regeln zweidimensionaler Schwer-kraft; ein kompliziertes Brückenbauprinzip. Warum? Weil diese Rätsel keine Rätsel sind, sondern bedruckte Blöcke voller Wiederholungen. Weil ich zu intel-ligent bin, um Langweile zu verspüren. Darum! - Du hast mich verrückt ge-nannt, als ich dir meine Wortregeln erklärte. Erinnerst du dich? - Ich baue im-mer noch Brücken, aus Silben und Buchstaben, auf dem Bildschirm meines Computers. Meine Brücken ergeben keinen Sinn, aber sie halten was sie ver-sprechen, wenn auch notdürftig. Dass niemand meine Taktiken begreift, mache ich nicht zum Vorwurf, will dafür aber auch keinen hören, haben wir uns ver-standen? Ich sitze, trage Silben zusammen, ordne Buchstaben, bis meine Beine eingeschlafen sind, ich mich nicht mehr erinnern kann, ob ich geschissen habe oder nicht. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich ...
Es liegt wahrscheinlich an diesen Tagen, diesen zerknüllten Kalenderseiten, die keine Ereignisse datieren, sondern Durchgestrichenes, Ex-Termine, die den ran-zigen Geschmack verstoßener Aussicht auf Zeitverschwendung behalten. Aber alles, was mit der Zeit zu tun hat, landet im Keller, früher oder später, zwischen keimenden Kartoffeln. Hin und wieder schaue ich den Kram durch, finde dufte Geschichten, Idee-Aromen, hole sie zurück in meine Dachwohnung, stelle sie absichtsfest ins Regal, um sie noch einmal wachsen, reifen zu lassen, um sie doch noch zu Blüten zu züchten, - um sie bei doch wieder zu den Kartoffeln zu bringen. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich ...
Ich schnaufe, wenn ich die Treppe heraufkomme, schnaufe, wenn ich Schuhe zubinde. Ich fühle mich fett, bin faul geworden, aber nicht bequem. Wollmäuse wuseln um mich herum, im Bad dürfte man Angst bekommen, Abwasch ist ein Pausenfüller zwischen dem Schreiben. Ich kenne weder Langeweile noch Ur-laub oder Zeitvertreib, alles ist Arbeit geworden, Urlaub heißt: Woanders schreiben, Langeweile bedeutet, nicht zu wissen, was man als erstes tun sollte. Ich soll vor meiner Tastatur sitzen, und sei es ein halbwegs passabler Vierzeiler. Wäre Langeweile eine Person, die ich auf der Strasse treffe, ich würde die Seite wechseln und in Kothaufen nach Münzen suchen. Dabei würde ich schnaufen. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich ...
Ich überlege den Spiegel neben meinem Arbeitsplatz zu entfernen. Ich habe ihn hingestellt, um zu sehen wie meine Figuren sich betrachten, für Mienenspiel-tests, die kleinen Regungen im Text. Aber da ist keine Feinmotorik, nur ein fet-ter Kerl, hängt im Stuhl wie ein Buddha im Eingang eines Chinarestaurants, nur dass er nicht feist grinst, sondern betrübt auf seinen Fettfleischsockel schaut. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich ...
Ich habe mir Joggingschuhe gekauft, für die Schweinehundhetze. All meine Sil-houetten habe ich auf das Scheißviech angesetzt, alle Spiegelbilder, alles Schnaufen, alles hetzt ihn. Die Töle könnte einem leid tun. Ich habe beschlos-sen, mich sehnen zu möchten. Durch die Häuserschluchten laufen, spät, im Dunkeln, wenn meine Schatten an den Laternen hängen, im Lauf an mir vorbei baumeln, nachts, wenn niemand mehr wach ist, mein Schnaufen zu hören. Ich bin so müde. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ...
Du liebst mich nicht mehr, weiß ich. Du warfst mir vor, ich gefiele mir als schwieriger Künstler. Ich sei immer der letzte, der mich zu lieben fähig ist, den Gaukler ohne Bühne, den in seiner einsamen Genialität dümpelnden, den sich applaudierenden Poeten auf den leeren Stufen des eigenen Montmartre. Ich brauche dich nicht mehr für Vorwürfe und Ruhmabwaschungen. Ich bin schuld, du bist schuld, nur wir beide nicht. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich ...
Nein, keine Sorge, mich erinnert nichts an dich. Nur viele ‚nurs'. - Nur Liebes-nachtlaub, das ich in die Wäscheecke kehre. Nein, verbrannt wird es nicht. - Nur die Maske aus Venedig, drei verschmolzene Gesichtern, traurig, lachend, und böse dazwischen. Die mir glichen. Welches der Gesichter, hast du nie ge-sagt. Ich hoffe, alle drei und befürchte, das vierte dahinter. - Nur dein Advents-kalender, nummerierte Stofftaschen, in acht steckten Elemente eines Kerzenhal-ters aus Holz, der ebenfalls ein nur verdient, weil er jetzt zerstückelt und aufge-türmt herumliegt. Der Kalender ist nun ein Stifthalter, Tasche 24 für Kulis, Ge-hilfe eines Schreibers, der seine Hausaufgaben tippend erledigt. - Nur der Ham-let-Monolog in Schönschrift überm Schreibtisch, zum x-ten Mal nachgezeichnet. Nur nurs von dir. Nicht mehr. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie ...
Ehrlichkeit zu sich selbst. Schauspielers unechtes Lachen wird ausgebuht. Und schriebe der traurige Schriftsteller keine Lügen, sondern nur, was er erlebt hat, wäre er bald fertig. Schauspieler? Schriftsteller? Was darf ich sein; was nicht sein? Das ist hier die Frage. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ...
Manchmal wünsche ich mir Wissen um endgültig übrige Zeit, um zu erledigen, was ich noch erledigen möchte, muss, sollte, will. Nein, keine Angst, auch dann käme ich nicht zurückgekrochen, eher würde ich asketisch lamentieren, dass mein letztes Mal in deinen Armen geschah, von mir einfach nur genossen wur-de, nicht entsprechend. Sterben - Schlafen - nichts weiter. Vielleicht auch träu-men ... Ja, da liegt's: Ich wünsche mir meine Träume zurück, die wirren, hinter-gründigen, aus denen ich aber aufwachen kann mit einem nachträglichen Bild, mit dem ersten Gedanken einer Geschichte, mit dem unerträglichen Wunsch aufzuspringen um die erste Zeile einzuhacken, in ein Weiß, Figuren agieren, spielen, tanzen lassen, traumheraus, phantasiehinein. Ich bin einfach zu müde.
... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ...
Ich schmachte mich an Zigaretten entlang, hoffe, dass mit der eingesaugten Glut Pufflicht ins Innere meines Kopfes dringt. Meine Eltern müssen nichts davon wissen. Die unverbrauchtesten Nutten sollen vortreten, sich herausputzen, ent-stauben, für eine Nacht voller Träume sollen sie ihre jüngeren Schwestern mit-bringen, diese kleine Ideen-Lolitas. Ich habe sie gesehen in den Gedankengassen meines Kopf-Montmartre, wo sie mit greisen Matrosen schmusten, verdorben lebendig, noch fest, spürbar. Sie durften sich bestellen, was sie mochten, wenn sie dadurch in Fahrt kamen, war mir das recht. ... wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie fühle ich mich ich fühle, dass ich ein nächstes wie fühle ich mich anfüge, wenn ich das Gefühl habe, nicht bereit zu sein, etwas zu fühlen wie fühle ich mich wie fühle ich mich wie ...
Mach den Bildschirm aus. Das Rotlicht verglimmt. Mein Montmartre bleibt still. Und ich sitze da auf den leeren Stufen, male den Mond an in absinthgrün und erinnere mich an dich. Ophelia. Du hast es nie verstehen können, wenn ich mit meinem Narrenschädel rede. Für mich sind wir gestorben. Sterben ... Schlafen ... Schlafen.

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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Kadra
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Registriert: Not Yet

Hallo Markus,

sehr(!) gelungen deine "Übung". Beim Lesen wurde mir schwindelig. Gedankenkarrussel. Kreisel. Narrenschädel!

Wenn du allerdings noch die störenden Bindestriche rausnehmen und hier und da Flüchtigkeit verbessern würdest?

Dannach: Volle Punktzahl von mir.

Lieben Gruss von

Kadra (schwindelig)

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Hallo, Kadra!

Wow, hab Dank für deinen Lob und deine Kritik. Ich muss gestehen, dass ich die Trennstriche erst jetzt bemerkt habe. Das kommt davon, wenn man einfach so aus der Datei kopiert. Texte wie "Übung" sollten mir, glaube ich, viel öfter passieren. Wenn du ein bißchen mehr lesen möchtest, schau mal unter Erzählungen. Dort habe ich gerade "." (Punkt) veröffentlicht. Im Archiv dürften auch noch das ein oder andere Baby von mir liegen. Ich schnapp mir zum Schmökern auch mal einige Texte von dir, ja?
Mit literarischen Grüßen
Markus Veith

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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