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Leselupe.de > Kurzgeschichten
"Wohnzimmertomaten"
Eingestellt am 27. 05. 2012 11:55


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HajoBe
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Die gelb-rote, staubige Jalousie wirft Schatten auf das vergilbte Schild "Mediterane Lebensmittel". Das zweite "r" in der Schrift ├╝ber dem kleinen "T├╝rkenladen" - wie man ihn nennt - fehlt seit jeher. Den Eingang verh├╝llt ein Vorhang aus Plastikperlen, die im Windzug leicht klirren. Der Gehsteig ist zugestellt mit Obst- und Gem├╝sekisten auf wackeligen Holzgestellen, von Fliegen umschw├Ąrmt. Dazwischen Yussuf. Er sitzt wie immer auf seinem Schemel, hemds├Ąrmelig, die Wollm├╝tze auf dem grauen Kraushaar, im sonnengebr├Ąunten furchigen Gesicht ein erstarrtes L├Ącheln, Ausdruck freundlicher Servilit├Ąt und spitzb├╝bischen Gesch├Ąftssinns. Und wie immer kaut er auf dem Zahnstocher, der seine Position von einem in den anderen Mundwinkel in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden wechselt. Durch seine Finger mit den schwarzger├Ąnderten N├Ągeln gleiten die Perlen der Gebetskette einem gedankenverlorenen Automatismus gehorchend.
Yussuf ist vor Jahren aus Anatolien als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und avanzierte schlie├člich zum stolzen Ladenbesitzer. Seine Frau, mit der er sich die Arbeit teilt, bekommt man nur selten zu Gesicht, zumal ihre deutschen Sprachkenntnisse unzureichend f├╝r den Verkaufsbetrieb sind. Und da Yussuf der ├ťberzeugung ist, dass Gesch├Ąfte M├Ąnnersache seien, erledigt sich die Angelegenheit von selbst.

Wir kennen uns schon l├Ąnger und da ich wei├č, dass die Preisgestaltung seiner Waren einem st├Ąndigen Wechsel unterliegen - ├Ąhnlich den Benzinpreisen -, lohnt es sich ├Âfter mal vorbeizuschauen. Au├čerdem gibt es immer etwas im "Angebot". Das hat er sich von Superm├Ąrkten abgeschaut und in sein Gesch├Ąftsgebaren integriert.
Heute bietet er mir - nach einer freundlichen Begr├╝├čung - seine "Wohnzimmertomaten" als besondere Delikatesse an. Auf meinen fragenden Blick gibt er mir zu verstehen:
"Die hab ich in Wohnung von Samen gez├╝chtet...sind gut. In Wohnzimmer immer warm..."
Ich versuche mir vorzustellen, wie eine Staudenplantage in einer Wohnung gedeiht. Andererseits kenne ich Yussuf genug, um zu wissen, dass nicht alles, was er seinen Kunden zum Besten gibt, vor der Wahrheit Bestand hat. Aber allein der Charme, mit dem er mich mit hintergr├╝ndiger Verschmitztheit zu ├╝berzeugen versucht, verdient es ihm zu glauben.
Als er mein Interesse bemerkt, schlurft er zu einer der Kisten, bringt eine rotgr├╝ne, gro├če und stark zerkl├╝ftete Tomate, zerteilt sie mit dem Messer aus seinem G├╝rtel und bietet mir ein saftiges St├╝ck zum Kosten an. Zu uns gesellen sich rasch andere Passanten und Yussuf beeilt sich auch ihnen Tomatenst├╝cke zu reichen, wobei diese zunehmend kleiner ausfallen. Schlie├člich w├Ąchst die Schar der potentiellen Kunden und so entschlie├čt er sich eine weitere Tomate zu opfern, schiebt sich selbst einen Schnitz hinter die tabakbraunen Z├Ąhne und seine gen├╝ssliche Mimik ist geeignet die Qualit├Ąt der Fr├╝chte noch zu unterstreichen.
Den Leuten scheinen die "Wohnzimmertomaten" zu schmecken. Yussuf wittert das gro├če Gesch├Ąft.
"Tomaten noch besser mit Oliven und Knoblauch...",versichert er den Umstehenden und verschwindet hinter dem Tresen.
Dort lagern hinter Glas seine mediterranen Sch├Ątze wie eingelegte Oliven und Artischocken, Feta, Salami, Paprika in ├ľl und vieles andere mehr. Eine verirrte gr├╝nschillernde Fliege dazwischen erlegt Yussufs Frau unterdessen mit einem Kochl├Âffel. Er zerschneidet mehrere Tomaten, legt die Teile auf ein Holzbrett, spie├čt mit einer Gabel einige der K├Âstlichkeiten aus den Schalen unter der Glasscheibe auf und gibt sie dazu. Die Leute bedienen sich. Yussuf begibt sich abermals hinter den Ladentisch, bringt eine Flasche Wein zum Vorschein und ein Wasserglas.
"Hier anatolischer Rotwein, probieren bitte!"
Das Glas macht die Runde und Einige nippen daran.
Das Holzbrett ist unterdessen geleert und die Ersten wenden sich dem Ausgang zu mit einem freundlichen Nicken und einem gemurmelten: "Danke!"
Schlie├člich verl├Ąsst auch der Letzte den Laden.
Gekauft hat Niemand etwas!

Yussuf l├Ąsst sich Nichts anmerken. Mit orientalischer Gleichg├╝ltigkeit r├Ąumt er Holzbrett und Messer weg.
"Packst du mir ein Kilo ein?", frage ich ihn.
Er reicht mir die T├╝te, ich bezahle und er gibt mir wie zum Dank die Hand.
Die Anderen sind unterdessen im gegen├╝berliegenden Supermarkt verschwunden.

Im Weggehen schaue ich mich noch einmal um. Yussuf sitzt wieder auf seinem Schemel, die Perlenkette zwischen den Fingern und gr├╝├čt freundlich l├Ąchelnd die Vor├╝bergehenden.
"Schau mal, gute Wohnzimmertomaten....!"
Da beneide ich ihn um seine weise Gelassenheit.




Version vom 27. 05. 2012 11:55

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