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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
......und das Leben geht weiter
Eingestellt am 26. 09. 2003 22:39


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chribe
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2003

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.......und das Leben geht weiter

Endlich im Flieger. Die Stewardess serviert das Mittagessen. Ich bin nicht wĂ€hlerisch und esse alles auf. Meine Freundin neben mir hat keinen Appetit auf Pasta. Der Kuchen schmeckt ihr. Als ich gerade die Kaffeetasse zum Mund fĂŒhre, verschiebt sich der Sitz vor mir in meine Richtung. Der Kaffee fließt ĂŒber die Flanellhose und ich spĂŒre die WĂ€rme auf dem rechten Oberschenkel.
„So ein Mist. Was ist das fĂŒr ein Flegel“, rufe ich empört.
Da sehe ich zwei dunkelbraune, erstaunte Augen ĂŒber dem Sitz vor mir.
„Oh, tut mir leid. Wie dumm von mir. Ich fliege das erste Mal und stelle mich ein bisschen ungeschickt an“, höre ich eine wohlklingende, mĂ€nnliche Stimme sagen.
Dann reicht mir eine blasse, krĂ€ftige und etwas behaarte Hand eine Packung PapiertaschentĂŒcher.
„Tut mir wirklich sehr leid.”
Hastig wische ich auf meiner dunkelbraunen Hose herum. Flecken gibt es nicht. Wenn wir auf Teneriffa landen, wird das meiste getrocknet sein. Und dort ist die Hose sowieso viel zu warm. In Deutschland ist Winter, obwohl der Februar in diesem Jahr ohne Schnee blieb. Nachdem die Stewardess das Geschirr eingesammelt hat, sehe ich den jungen Mann noch einmal ĂŒber den Sitz schielen.
„Alles o.k.?“
Er lÀchelt.
„Mmhh“, murmele ich und denke: „Toller Typ- und in meinem Alter.“
Meine Freundin Tina boxt mich leicht in die Seite und grinst vielsagend.
„Nein, nein“, ich schĂŒttele mit dem Kopf.
Eine Beziehung wĂ€re das Letzte, was ich im Urlaub will. Ich bin erst vor zwei Monaten geschieden worden. Der Rosenkrieg, den wir fĂŒhrten, nagt noch an meiner Seele. Nur gut, dass es damals nicht mit einem Baby geklappt hat. Obwohl ich keine Pille nahm und wir uns regelmĂ€ĂŸig liebten, wurde ich nicht schwanger. Ob ich es jemals werde? Immerhin bin ich schon Ende zwanzig.
Auf dem Flughafen empfĂ€ngt uns eine feuchte Hitze. Alles was ich ausziehen kann, trage ich ĂŒber dem Arm. Da sehe ich ihn in den Zubringerbus steigen.
„Gute Figur und eine Ausstrahlung...“, denke ich.
Durch das GedrĂ€nge verliere ich ihn aus den Augen. Der Bus, der uns nach Los Americas fĂ€hrt, hat Klimaanlage. GlĂŒck gehabt! GlĂŒck haben wir auch mit dem Hotel. Es liegt nur einige hundert Meter vom Meer entfernt und hat einen großen Swimmingpool. Die HibiskusstrĂ€ucher, die sich quer durch die Anlage ziehen, machen die Urlaubsstimmung perfekt. Meine ZĂ€rtlichkeit verschenke ich an die vielen Katzen, die hier zu Dutzenden herumstreunen. Zwei von ihnen liebe ich besonders. Von dem reichhaltigen AbendbĂŒfett verwöhne ich sie mit leckeren Happen.
Tina joggt jeden Morgen am Strand, und ich schwimme im Pool. Die ersten Tage vergehen ohne Besonderheiten. Wir werfen den Stress der zurĂŒckliegenden Tage ab. Schwimmen im Atlantik zur Mittagszeit, machen SpaziergĂ€nge durch die Straßen der kleinen Stadt zur Abendzeit. Manchmal lassen wir uns durch das Animationsprogramm im Hotel unterhalten. Spanische TĂ€nzerpaare in farbenfrohen KostĂŒmen bewegen sich gekonnt zu Flamencorhythmen, ZauberkĂŒnstler zeigen ihre Tricks, Musiker ihr Können.
Dann erwacht in uns der Unternehmungsgeist. Wir machen mit einem Leihauto eine Spritztour ins Gebirge. Der Teide ist ein lohnendes Ziel, das grĂ¶ĂŸte Naturwunder dieser Insel. Hier im Gebirge ist es wesentlich kĂŒhler, als am Meer. Auf der Spitze des Berges liegt Schnee. In einem Restaurant gibt es heißen Kaffee. Ich kuschele mich in meine Jacke. Da starren mich zwei Augen an, die ich kenne. Ein Mund verzieht sich zu einem LĂ€cheln.
„Hallo“, sagt die winkende Hand.
Und schon sitzen sie neben uns. Er und ein anderer junger Mann. Der Typ wendet sich Tina zu.
„Tilo ist mein Name. Wie kann ich dich nennen? Ich hoffe du hast nichts gegen ein Du“.
„Habe ich nicht. Also ’Du‘ und Tina.“
Bei den beiden geht es ja schnell, denke ich. Tinas Augen haben so ein Funkeln und ich merke gleich Tilo gefÀllt ihr.
„Susanne“, stelle ich mich vor.„Aber alle nennen mich Susi. Und ’Du‘ ist auch o.k.
Er stellt sich ebenfalls vor und lĂ€chelt mich verschmitzt an. Frank heißt er, wie mein Exmann. Nein, ich will keine Beziehung und mit einem Frank schon gar nicht. Beim GesprĂ€ch halte ich mich zurĂŒck. Tina und Tilo plaudern ĂŒber das Land , die Leute und das, was sie in den letzten Tagen unternommen haben. Frank sagt nicht viel. Er scheint ein GespĂŒr fĂŒr meine Situation zu haben. StĂ€ndig hustet er.
„Na, wohl zu viel geraucht?
„Ja“, sagt er, „muss mich einschrĂ€nken.”
Und schon ist das GesprÀch beendet.
Eine Stunde spĂ€ter sitzen Tina und ich schweigend im offenen Jeep, und fahren zurĂŒck in die Urlauberstadt. Spanier wohnen in der Stadt nicht. Sie wurde ausschließlich fĂŒr Urlauber gebaut und hat viele GeschĂ€fte, Hotels und Restaurants. Alles ist sehr modern und streckt sich in die LĂ€nge.
Am nÀchsten Tag liegen wir unter einem Schirm am Strand. Zwei Finger tippen mir auf die Schulter.
„DĂŒrfen wir?“
Und schon sitzen beide neben uns. Tilo greift nach einer BroschĂŒre, die auf meinem Handtuch liegt. Ich habe keine Ahnung, wie die da hin gekommen ist. Der junge Mann sieht uns plötzlich seltsam an.
„Was ist?“, frage ich.
Er weist mit dem Finger auf einen Artikel, der unter einer Skizze, einer Wegbeschreibung, steht.
„Lesbenclub“, lese ich laut.
Wir schauen uns an. Tina und ich schĂŒtteln wie auf Kommando das Haupt. Wir alle lachen laut und herzlich. In mir beginnt das Eis zu schmelzen. FĂŒr den nĂ€chsten Tag verabreden wir uns mit den jungen MĂ€nnern.
Mit einem kleinen Boot geht es auf den Atlantik. Den BegrĂŒĂŸungstrunk, ein großes Glas Sangria, hĂ€tte ich nicht zu mir nehmen sollen. Das Schiff schaukelt und als ich die Fotos von den Walen schießen will, wird mir speiĂŒbel. Wale habe ich in der Natur noch nie beobachtet und es macht Spaß die Tiere, die hier zwischen El Hierro, La Gomera und La Palma in einer warmen Wasserstraße leben, zu betrachten. Es sind richtige Familien.
Die Fotos mĂŒssen sein, denke ich und versuche die Übelkeit in mir zu unterdrĂŒcken. Letztlich stehe ich in der Toilette und alles drĂ€ngt nach außen. Der kleine Raum sieht danach verheerend aus. Wasser gibt es nur im Atlantik. Da sehe ich Frank hinter mir. Er streicht ĂŒber meinen Arm, verschwindet und erscheint mit einem großen Eimer voll Wasser aus dem Meer. Frank reinigt alles fĂŒr mich. Liebevoll und immer noch ein bisschen benommen, sehe ich ihm dabei zu. Mein Ex hĂ€tte das nie fĂŒr mich getan. Der Name „Frank“ fĂ€ngt an mir wieder zu gefallen.
Danach schwimmen und schnorcheln wir gemeinsam im Meer. Nie werde ich das GefĂŒhl hier im Atlantik vergessen. Die viele bunten, exotischen Fische, die Botanik des Wassers, die Tiefe und das Blau des Meeres. An den HĂ€nden halten wir uns und staunen gemeinsam. Plötzlich beginnt Frank erneut zu husten. So heftig, dass ich ihn zum Boot ziehen muss.
„Hab mich wohl verschluckt“, sagt er erschöpft.
Wir beide haben keinen Appetit auf die Leckereien des Picknicks, das der KapitĂ€n fĂŒr die Besatzung angerichtet hat. An einem trockenem StĂŒck Brot kauen wir stumm herum. Tina und Tilo greifen tĂŒchtig zu. Sie werden ein Paar, dass ist mir klar.
Am Abend ziehen die beiden allein los. Frank schaut sich mit mir das Animationsprogramm an. Wir trinken Sangria und plaudern viel. Ich erfahre, dass er noch immer „Single“ ist, ein paar Beziehungen hinter sich hat, in meiner Stadt wohnt und nur wenige Straßen von meinem Wohngebiet entfernt. Dass er zurĂŒckhaltend, fast schĂŒchtern ist, gefĂ€llt mir. Nach dem Programm werden alle GĂ€ste zum Tanz aufgefordert. Ich fĂŒhle seine Muskeln, rieche sein Flair und er zieht mich ganz in seinen Bann.
„Pass auf“, sage ich mir. „Du hast dich bereits verliebt.”
Im Quartett verbringen wir die restlichen Tage unseres Urlaubes. In Santa Cruz, der Hauptstadt der Insel, bringt uns ein langer, bunter Faschingsumzug in Stimmung. Freude und Sinnlichkeit strahlen auf uns aus und unsere Körper und Beine bewegen sich im „Salsa“ Rhythmus. WĂ€hrend eines Ausfluges nach Los Cristianos gibt es viel zu lachen. Bei einer Schifffahrt nach Fuerteventura genießen wir die verschiedenen Stimmungen des Ozeans und die goldfarbenen StrĂ€nde, die wir in der Ferne erblicken. Die restlichen Urlaubstage vergehen zu schnell.
Tilo und Tina sind lĂ€ngst ein Liebespaar. Meine Freundin schlĂ€ft nachts nicht immer in unserem gemeinsamen Zimmer. Aber sie ist glĂŒcklich. Das spĂŒre ich.
Am letzten Urlaubstag schlendern Frank und ich durch den schwarzen Sand. Die Sonne ist lĂ€ngst blutrot- orange untergegangen. Was soll werden? Da legt er zĂ€rtlich seinen Arm um meine Schultern, drĂŒckt seine Lippen an mein Ohr und haucht: „Es ist Liebe.”
Wir geben uns die ersten KĂŒsse, zaghafte und leidenschaftliche. Eine Nacht lang lieben wir uns auf dem sandigen schwarzen Lavagestein. Die Nacht ist kĂŒhl und wir wickeln uns fest in die Decken. Ich spĂŒre, dass seine letzte Liebesnacht lange zurĂŒck liegt und ich weiß, das Heute ist fĂŒr immer.
Wieder im Flugzeug. Niemand schĂŒttet mir Kaffee auf die warme Hose. Eine Ă€ltere, sehr vorsichtige Dame, sitzt vor mir. Der Flieger ist voll, kein einziger leerer Platz. Schade! Ich sitze außen am Gang und die Klimaanlage blĂ€st mir auf den Kopf. Ich niese und huste. Meine NasenschleimhĂ€ute beginnen zu schwellen und ich befĂŒrchte, dass sich ein Schnupfen einstellen wird. Frank kann ich nicht sehen. Er sitzt weit hinter mir. Tina erzĂ€hlt von Tilo. Sie ist glĂŒcklich. Ich bin es auch.
Am Flughafen sehen wir uns endlich. Ein Taxi bringt uns zu den Wohnungen. Wir reden nicht viel. ZĂ€rtliche BerĂŒhrungen sprechen fĂŒr sich. Als ich aus dem Taxi steige, reicht Frank mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer. Auf der RĂŒckseite steht mit großen Buchstaben: „Es ist Liebe“.
Wird sie bestehen im Morgen, im Alltag, bei unvermeidlichen Konflikten und bei Krankheit?
Die ganze Nacht wĂ€lze ich mich von einer Seite auf die andere. StĂ€ndig ringe ich nach Luft. Ich habe eine ErkĂ€ltung. Am Morgen trĂ€nen meine Augen. Jetzt huste auch ich heftiger und muss stĂ€ndig die Nase putzen. Beim Arzt lasse ich mir bestĂ€tigen, dass nichts ernstliches hinter den Symptomen steckt, keine LungenentzĂŒndung, keine Kieferhöhlenerkrankung. Die ErkĂ€ltung werde ich schnell auskurieren. Ich möchte nicht, dass mich Frank so entstellt sieht. Ein Telefonanruf am Mittag soll mir bestĂ€tigen: Es gibt ihn. Niemand nimmt am anderen Ende den Telefonhörer ab. Nicht am Abend, nicht in der Nacht, nicht am Morgen. Ob ein Zahlendreher in der Nummer ist? Ich rufe bei der Telefonauskunft an, aber alles hat seine Richtigkeit.
Hat er es schon bereut, mir die Nummer zu geben? Ist da vielleicht doch eine andere Frau im Spiel? Fragen ĂŒber Fragen, keine Antworten. Nach drei Tagen entschließe ich mich, zu seiner Wohnung zu gehen. Frank Pauli lese ich auf dem Schild. Erst zaghaft drĂŒcke ich auf den Klingelknopf, dann energischer. Die Sprechfunkanlage bleibt stumm, kein Summer ist zu hören. Ich schaue zu seinem Fenster hinauf. Dort sind alle Rollos heruntergezogen. Sieht alles so aus, als wĂ€re niemand zu Hause oder alle seien im Tiefschlaf. Traurig kehre ich zu meiner Wohnung zurĂŒck. Ich liebe ihn, dass weiß ich jetzt genauer, als je zuvor. Was ist geschehen? Wie finde ich ihn? Zu wenig weiß ich von Frank. Wo soll ich nach ihm suchen?
Tina und Tilo können mir auch nicht helfen. Sie sind so ahnungslos wie ich.
Die Tage vergehen und ich muss wieder zur Arbeit. Meine Patienten im Krankenhaus am Rande der Stadt warten schon auf mich. Frauen und MÀnner mit Blasen- und Nierenbeschwerden. Die Arbeit lenkt mich von meinen Fragen und meiner Sehnsucht ab. Die StationsÀrztin bestellt mich zu einem persönlichen GesprÀch zu sich. Viel sagt sie nicht.
„Fahren sie mit dem Fahrstuhl zwei Stationen höher zur „Lunge“ und gehen sie in Zimmer 403. Sie werden dort erwartet.”
Ohne jede Vorahnung stehe ich vor diesem Zimmer und lese den Namen Frank Pauli. Die TrĂ€nen laufen mir ĂŒber die Wangen. Auf alle Fragen fallen mir die Antworten ein. Dann sehe ich ihn. Er hat die Augen geschlossen. Grau sieht sein Gesicht aus und nur die dunklen Arme verraten, dass ein Urlaub an der Sonne hinter ihm liegt. Eine KanĂŒle steckt in der rechten Armbeuge und ich beobachte das Tropfen des Blutes. Wie gut, dass ich ihm auf Teneriffa von meinem Beruf und meiner Arbeitsstelle erzĂ€hlt habe. Sanft streiche ich ĂŒber den HandrĂŒcken.
„Es ist Liebe“, flĂŒstere ich leise.
Er öffnet die Augen und sein ganzes Gesicht lÀchelt.
„Ich weiß, ja, ich weiß. LungenentzĂŒndung“.
Seine Hand deutet auf den Brustkorb. Ich erfahre, dass er noch in der RĂŒckflugsnacht von Fieber geschĂŒttelt wurde und man ihn ins Krankenhaus fuhr. Es sind schon einige Untersuchungen gemacht worden, einige stehen noch aus.
„Ich habe so auf dich gewartet. Jeden Tag von neuem. Doch die Hoffnung habe ich nicht aufgegeben“.
TĂ€glich besuche ich ihn. Jeden Tag gehe ich in seine Wohnung, gieße die Blumen, wasche seine WĂ€sche. Dabei mache ich mich so ganz nebenbei mit ihm vertrauter. Ich bewundere hunderte Fotos von Menschen und Natur. Nun weiß ich, dass er Autos, Autorennen und Michael Schuhmacher mag. Dass er ein Blumenliebhaber ist, freut mich ganz besonders. Viele, viele BĂŒcher stehen in den Regalen, wissenschaftliche, solche, die sich mit Computertechnik beschĂ€ftigen, auch Belletristik und Reisebeschreibungen. An seinem Computer vergreife ich mich nicht. Auf dem Schreibtisch finde ich ein Bild von einer sehr hĂŒbschen, jungen Frau vor. Eifersucht steigt in mir auf. Ich hĂ€nge einfach ein Tuch ĂŒber das Bild. Im Krankenhaus will ich nicht fragen. SpĂ€ter, wenn wir uns in seinem breiten Bett aneinander kuscheln.........
Frank erholt sich nicht. Die Medikamente schlagen nicht an. Nochmals wird er in die Röhre zur Untersuchung der Lunge geschoben. Ich will des Ergebnis einfach nicht glauben. Lungenkrebs! Es hat sich ein kleiner Tumor im linken LungenflĂŒgel gebildet.
„Warum? Warum ich? Warum gerade jetzt?“, stammelt Frank immer und immer wieder.
Ich kenne die Antworten nicht. Tief hat diese Diagnose auch mich getroffen. Aber ich weiß, es kann Heilung geben. Frank bekommt Chemotherapie. Anfangs vertrĂ€gt er das ganz gut, dann ist ihm stĂ€ndig ĂŒbel und er erbricht hĂ€ufig. Seine Seele aber hat Kraft gefunden. Er will leben, fĂŒr mich, mit mir. Wir planen Reisen, die wir in einem Jahr unternehmen wollen. Sardinien und dort schnorcheln. Vielleicht nehmen wir an einem Taucherkurs teil.
Mir ist es jetzt auch oft ĂŒbel, besonders morgens. Ich bin ohne jegliche Ahnung, als mir der Frauenarzt bei der obligatorischen Untersuchung sagt:
„Schwanger. Frau Schneider, ich gratuliere ihnen. Sie werden Mutter.“
Ich freue mich wie ein kleines Kind, hĂŒpfe und tanze. Mutter! Ich werde Mama! Was wird Frank dazu sagen?
Dann stehe ich vor dem Krankenzimmer und habe die TĂŒr nur einen Spalt geöffnet. Da sehe ich sie. Die Frau von dem Foto. Es gibt also doch eine andere. TrĂ€nen schießen mir in die Augen. Fast blind laufe ich dem Oberarzt in die Arme. Er tröstet.
„Haben sie noch nicht daran gedacht, dass ihr Freund auch eine Familie hat? Vielleicht ist die Dame an seinem Bett die Schwester.“
Ich muss plötzlich lachen.
Freundlich reiche ich seiner Schwester die Hand. FĂŒr sie bin ich keine Unbekannte. Was hat Frank alles ĂŒber mich erzĂ€hlt? Über das Baby freut er sich genau so sehr wie ich. Doch ich sehe auch Sorgenfalten auf der Stirn. Am liebsten wĂŒrde er sofort das Bett verlassen und mit mir nach Hause gehen.
„Ich werde gesund. Das fĂŒhle ich. FĂŒr das Baby, fĂŒr dich und fĂŒr mich will ich leben. Leben!“
Doch von einer sofortigen Krankenhausentlassung raten die Ärzte ab. Dann verbessern sich die Blutwerte. Obwohl Frank fĂŒnf Kilo Gewicht verloren hat und schwach auf den Beinen steht, darf er nach Hause. Die Chemotherapie wird ambulant weitergefĂŒhrt. Ich ziehe zu ihm in die Wohnung und gebe FĂŒrsorge so gut ich kann. Wenn ich im Krankenhaus bin, schaut eine Krankenschwester vom ambulanten Pflegedienst nach meinem Freund.
Abends streichele ich ihm sanft ĂŒber das kahle Haupt. Er sieht auch ohne Haare gut aus, hat ein besonders markantes Gesicht. Wir lieben uns und wir kuscheln viel. Nur der Husten will nicht aufhören. Ich verstehe das nicht, denn der Tumor ist laut Röntgenbild kleiner geworden. Wir sind voller Hoffnung und schmieden PlĂ€ne. Eine gemeinsame Wohnung wollen wir beziehen und gleich nach dem das Baby auf der Welt ist heiraten. Er will einen dunkelblauen Anzug mit Weste tragen und ein weißes Markenhemd. Dass ich in Weiß gehe, ist klar. Wir erfahren, es wird ein Junge und alles ist in Ordnung mit uns beiden. Alexander soll er heißen, der MĂ€nnerabwehrende, der BeschĂŒtzer.
Unser GlĂŒck hĂ€lt nicht lange an. Der Arzt sagt, dass sich im anderen LungenflĂŒgel ein neuer Tumor gebildet hat und die Leber sieht auch nicht gut aus. Metastasen, es haben sich also Metastasen entwickelt. Wir halten uns an den HĂ€nden und weinen, eine Nacht lang. Frank muss zurĂŒck ins Krankenhaus.
„Ich werde wieder. Ich will mein Kind in den Armen halten, will mit ihm spielen. Kinder brauchen Mutter und Vater.”
Doch sein Gesundheitszustand wird immer schlechter. Er kann kaum laufen, geht mit dem Stock zur Toilette und zurĂŒck.
Oft sitze ich neben seinem Bett und seine Hand liegt auf meinem Bauch, er fĂŒhlt die Bewegungen unseres Jungen. Ich weiß, wie glĂŒcklich er dann ist, trotz der Schmerzen, die immer heftiger zu spĂŒren sind. Wir beteuern uns immer wieder von neuem unsere Liebe und trĂ€umen von einer gemeinsamen Wohnung. Plötzlich kann er nicht mehr alles schlucken. Die Nahrung will nicht herunterrutschen und diese Schmerzen hinter dem Brustbein. Nun muss er Morphium nehmen.
NĂ€chtelang liege ich wach im Bett. Pflanzliche Schlafmittel helfen mir nicht. Ich muss stark sein. Mein Kind braucht mich. Leise beschleicht mich der Gedanke, dass das Kind unter meinem Herzen seinen Vater nicht kennen lernen wird. Ein Eisen scheint sich um mein Herz zu legen und ich fĂŒhle tiefen Schmerz.
Nun muss Frank mit einer Sonde, die durch die Bauchwand in den Magen gelegt wurde, ernĂ€hrt werden. Außerdem befindet sich am Brustkorb ein stĂ€ndiger Zugang zur Vene. In der Speiseröhre sind neue Metastasen und das trotz Chemotherapie. Frank hat noch immer nicht seinen Lebensmut aufgegeben. An zehn Fingern zĂ€hlt er mir auf, wie viel KĂŒnstler, Schauspieler, Persönlichkeiten der Öffentlichkeit diesen Krebs besiegt haben. Das ungeborene Baby gibt seiner Seele die Kraft, die er so nötig braucht. Doch in mir nagen die Zweifel. Stundenlang sitze ich an seinem Bett, spreche ihm Mut zu, der schon lĂ€ngst aus mir gewichen ist. Manchmal gibt es Phasen, da lacht er, scherzt und ich denke, jetzt tritt Besserung ein. Das Gegenteil passiert. Er kann nicht mehr allein zur Toilette, weil er stĂ€ndig in Ohnmacht fĂ€llt. Das Gehirn ist angegriffen. Mein furchtbarer Verdacht wird durch Röntgenaufnahmen bestĂ€tigt. Zeitweise ist Frank mit seinen Gedanken nicht mehr in dieser Welt. Er stiert vor sich hin und sein Gesicht hat so einen seltsamen Ausdruck. Meine TrĂ€nen bemerkt er nicht. Mit leisen ErzĂ€hlungen ĂŒber unsere Liebe, unsere erste Nacht damals am Strand, ĂŒber unsere Hochzeitsreise versuche ich ihn, in diese Welt zurĂŒck zu holen. Ich weiß, ich werde ihn verlieren.
In seiner Schwester habe ich eine Freundin gefunden. Manchmal halten wir uns an den HÀnden und jeder geht seinen Gedanken nach. Meine Eltern wohnen in den alten BundeslÀndern. Sie besuchen mich, um mir Kraft und Beistand zu geben. Tina und Tilo schauen oft bei mir vorbei. Wenn ich ihn auch aufgeben muss, sein Kind wird leben.
Der Sommer ist lĂ€ngst vorbei und der stĂŒrmische Herbst hat begonnen. Frank bekommt Bestrahlung auf den Kopf. Zu diesem Zweck wird er mehrmals wöchentlich in die Radiologische Klinik gefahren. Ich bin entsetzt, wie sie dort einen Menschen herrichten. Dicke, schwarze Striche und eine Nummer sind auf seinem Kopf. Schlachtvieh, denke ich erbost. Wie gut, dass er niemals wieder einen Spiegel vor sich haben wird.
Frank redet nur noch irr. Mich nennt er beim Namen, Susi. Wie viel Liebe klingt dabei mit! Wie lange werde ich dieses Wort aus seinem Mund hören?
Bevor der Tod ihn holt, lege ich ihm seinen Sohn in den Arm und ein letztes mal huscht ein LĂ€cheln ĂŒber Franks Gesicht.
Der November geht und nimmt ihn mit.

__________________
Christa Beau

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo chribe,

will nur nicht anonym eine 5 hinterlassen:

tut mir leid - klingt wie aus einem groschenheft.

aber das muss ja nichts heissen, die umsÀtze mit solcher literatur sind sicher höher als die der von mir bevorzugten.

viele grĂŒĂŸe

rainer

ein tippfehler ist mir in erinnerung geblieben:

der tod nicht der tot
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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chribe
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Hallo Reiner!
Schade, dass du es als Text eines Groschenromans bewertest, fĂŒr mich ist es viel mehr, habe diesen Krebstod leider an einer mir nahestehenden Person erleben mĂŒssen und mit dem Text verarbeitet, die Geschichte geht mir noch heute sehr nah, vielleicht liegt es auch daran , dass ich eine Frau bin und mit mehr SensitivitĂ€t reagiere,
trotzdem danke fĂŒr deine ehrliche Meinung
herzlich chribe
__________________
Christa Beau

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GabiSils
???
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Hallo Chribe,

so persönliche Texte zu beurteilen ist immer sehr schwer. Es geht ja zunÀchst nicht um Inhalte, sondern um deren Umsetzung. Bei aller persönlichen Betroffenheit denke daran, der Leser ist nicht selber betroffen und liest mit ganz anderen Augen.
Ich habe versucht nachzuvollziehen, was Rainer mit "Groschenroman" meint. Es gibt tatsĂ€chlich einige Elemente, auf die man in besagten Romanen immer wieder trifft und die die ErzĂ€hlung in die NĂ€he des Klischeehaften rĂŒcken: Kennenlernen durch ein Míßgeschick, zufĂ€llig lebt er in der selben Stadt, die exotische Kulisse, sie hĂ€lt seine Schwester fĂŒr seine Freundin ...

Ich denke aber, man kann die ErzĂ€hlung nicht nach diesen Details beurteilen. Du schreibst eher nĂŒchtern, keineswegs kitschig; ich finde deinen Stil angenehm zu lesen. Und die Geschichte ist bewegend.

Vielleicht wÀre der Text besser in "Tagebuch" aufgehoben. Eine "literarische" ErzÀhlung ist es nicht, dazu ist er zu nah am Geschehen, die Verdichtung, das Besondere fehlt; bei der Thematik, gerade wenn sie selbst erlebt ist, ist das auch verstÀndlich.

Gruß,
Gabi

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Rainer
???
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einen guten tag den beiden damen,

es ist sicher richtig, dass ich weniger gefĂŒhlsbetont an die sache herangehe.
außerdem danke ich meiner sehr verehrten kollegin, daß sie meine harsche ver-/beurteilung des textes als groschenroman detaillierter dargestellt hat.

sicher bin ich noch nicht reif genug, um bei einer solch bewegenden geschichte den inhalt von der form trennen zu können - allerdings muss ich in einem punkt widersprechen:

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von GabiSils

Du schreibst eher nĂŒchtern, keineswegs kitschig; ich finde deinen Stil angenehm zu lesen. Und die Geschichte ist bewegend.

wenn ich mir folgende textstelle, nach der ich 10 sec gesucht habe, herausgreifen darf:
quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von chribe

Die Sonne ist lĂ€ngst blutrot- orange untergegangen. Was soll werden? Da legt er zĂ€rtlich seinen Arm um meine Schultern, drĂŒckt seine Lippen an mein Ohr und haucht: „Es ist Liebe.”


dann muss ich davon ausgehen, dass mein empfinden zu klischeehaft-mÀnnlich ist.
es stimmt, dass der text nicht vor kitsch strotzt, sondern gerade bei der todesszene eine wohltuende sachlichkeit behĂ€lt, aber trotzdem ist auch fĂŒr mich keine besonderheit erkennbar.

fazit: da es sich um einen sehr persönlichen, emotional geschriebenen text handelt, wĂŒrde auch ich eine verschiebung nach "tagebuch" vorschlagen.

viele grĂŒĂŸe

rainer (genussraucher mit verdrÀngten Àngsten)
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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GabiSils
???
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Lieber Rainer,

ein bißchen GefĂŒhl, meinetwegen auch Kitsch, darf schon sein. Sie schreibt doch kein Protokoll!

Gruß,
Gabi

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Rainer
???
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22.13 bis 22.18 mez sonnenuntergang
nach dermaler nervenendreizungsunterstĂŒtzer annĂ€herung spricht zielperson die seit urzeiten den nestbau einleitenden worte - oder geht es nur um weitreichende streuung der genetischen information?



is` ja gut, gefĂŒhl und so finde ich z.b. bei dschamila, beim weißen dampfer, ĂŒberhaupt in der russischen literatur.


viele grĂŒĂŸe

rainer (*lĂ€ĂŸt chribe zukunftig in ruhe - großes pionierehrenwort*)


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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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