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Leselupe.de > Kurzgeschichten
. . . und manchmal sieht der Abgrund in dich hinein
Eingestellt am 16. 07. 2001 04:31


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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

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Aus dem Autoradio rieselte leise Countrymusic. Die Lichtfinger der Autoscheinwerfer tasteten sich zitternd den schmalen Weg unter den B├Ąumen entlang. Holpernd fuhr der rote Toyota zielstrebig immer weiter bergauf. Schatten huschten aufgeregt am Rande der Lichtkreise entlang. Der Mann hinter dem Steuer summte selbstvergessen die Melodie aus dem Radio mit. Ein Blick auf die Digitalanzeige der Uhr am Armaturenbrett verriet ihm die Zeit. Drei Uhr fr├╝h. Zeit genug.
Seine Gedanken wollten abschweifen, machten sich selbst├Ąndig und wanderten zur├╝ck an l├Ąngst vergangene Tage. Ver├Ąrgert runzelte der Mann die Stirn und r├Ąusperte sich energisch. Er wollte nicht zur├╝ckdenken, sich nicht erinnern. Jetzt nicht. Das w├╝rde ihn nur sentimental machen. Und zornig. Er sp├╝rte schon die Wut in sich hochkriechen. Wut - und das Gef├╝hl von Befriedigung. Aber diese Gef├╝hle wollte er sich f├╝r sp├Ąter aufheben. Nicht jetzt. Seine Finger trommelten nerv├Âs auf dem Lenkrad; auch eine dieser schlechten Gewohnheiten die er angenommen hatte.
"Nur noch eine kurze Strecke, dann hab ich's geschafft." murmelte er vor sich hin und versuchte seine Gedanken wieder unter Kontrolle zu bekommen, der Musik zu lauschen. Vor dem Licht der Scheinwerfer sch├Ąlte sich allm├Ąhlich ein gro├čer, weitfl├Ąchiger Platz aus der Dunkelheit. Langsam rollte der Wagen aus und hielt schlie├člich am Rand des Parkplatzes. Umst├Ąndlich krabbelte der Mann heraus und streckte und dehnte sich leise st├Âhnend. Er warf noch einen kurzen Blick in die Runde und machte sich auf den Weg.
Die Dunkelheit lag wie eine sch├╝tzende H├╝lle ├╝ber der stillen Landschaft. Nur der Mond sandte sein silbrig, gl├Ąnzendes Licht um ihm den Weg zu weisen und malte asymmetrische Lichtflecken vor ihm auf den Boden. Bis auf das leise Knirschen von Sand und Steinen unter seinen leichten Halbschuhen lag der Berg wie ein lautlose Welt vor ihm. Der einsame Ruf einer Eule hatte ihn vor einiger Zeit aus seinen wirren Gedanken gerissen, in die er aber l├Ąngst wieder versunken war. Sein keuchender Atem bildete wei├če, dunstige W├Âlkchen vor seinem Mund und blieb als winzige Tr├Âpfchen an den Enden seines Schnauzbarts h├Ąngen. Die Schritte des gro├čen, hageren Mannes, dessen Gesicht im fahlen Schein des Mondes hart und kantig wirkten, waren h├Âlzern und schwerf├Ąllig. Fast so, als w├╝rde der Mann einem inneren Zwang folgen und diesen steilen Bergpfad, der auf einen der sch├Ânsten Aussichtspunkte im Umkreis von hunderten Kilometern f├╝hrte, hinaufwandern. Der harzige Geruch von Kiefernnadeln und feuchter Erde begleitete ihn auf seiner n├Ąchtlichen Wanderung.
Tausend Gedanken schossen dem Wanderer durch den Kopf, die er aber weder ordnen noch festhalten wollte. Er lie├č sie nun einfach dahinziehen, wie d├╝stere Gewitterwolken am finsteren Himmel. Immer h├Âher stieg er den Pfad hinauf. Vorbei an kleinen, gem├╝tlichen Rastpl├Ątzen mit schweren, aus Holz geschnitzten Tischen und B├Ąnken und den obligaten Abfalleimern. Errichtet f├╝r kleine Gruppen von Erholungssuchenden, die mit oder ohne ihren Kindern hier heraufkamen. Vorbei an den letzten, m├Ąchtigen Kiefern, in die mit unge├╝bter Hand schiefe Herzen eingeritzt waren. Mit Datum und Initialen, und 'Ich liebe Dich' und 'R. liebt W.' und 'Peter liebt Renate'. Zwischen niedrigen, wetterharten Str├Ąuchern, die den ├ťbergang der Baumgrenze bildeten, entlang. Vorbei an verkr├╝ppelten, windgebeugten Latschen, die ihm seltsam vertraut vorkamen. Auch er f├╝hlte sich als vom Schicksal verkr├╝ppelt und gebeugt. Bis nur mehr der schmale, kiesbestreute Bergpfad, der die weiten Wiesen mit seinem kurzen, harten Gras durchschnitt, vor ihm lag.
Jetzt war es nicht mehr weit. Jetzt hatte er nicht mehr lange zu gehen.
Nun wusste Stefan Horner, dass er sein Ziel, die Aussichtswarte des Tamischbachturms, rechtzeitig erreichen w├╝rde. Seine Schritte wurden unwillk├╝rlich etwas langsamer. Die Zeit des Tagesanbruchs war noch lange nicht gekommen. Er w├╝rde sich also nicht beeilen m├╝ssen. Er konnte noch eine kleine Weile in Gedanken mit seiner Familie verbringen.
Ein Seufzen, fast ein Schluchzen entrang sich seiner Brust. Horner wischte sich mit einer fahrigen Geste seiner linken Hand ├╝ber den Kopf, als ob er die Gedanken, die ihn st├Ârten, einfach beiseite wischen k├Ânnte. Mit weitausgreifenden Schritten stapfte er entschlossen weiter. Fast als wollte er vor jemandem fliehen. Obwohl er genau wusste, dass er im Umkreis von mehreren Kilometern mutterseelenallein war.
Bis auf die Geister in seinem Kopf.
Dann hatte er es geschafft. Nach einem fast zweist├╝ndigem Aufstieg war der Weg an der Abgrenzung vor dem Abgrund zu Ende. Eine dunkle Tafel, die er bei dem schwachen Licht des Mondes ohnehin nicht lesen konnte, warnte ihn vor dem ├ťbertreten des Sicherungszaunes. Mit der ge├╝bten Bewegung eines Menschen, der dies nicht zum ersten Male machte, stieg er trotzdem ├╝ber den niedrigen Zaun hinweg und tastete sich vor, so weit es der Berg zulie├č.
Unter ihm g├Ąhnte der Abgrund.
Eine siebenhundert Meter hohe, senkrechte Felswand. Danach, ein noch einmal rund tausend Meter steil abfallender Berghang.
Wenn er hier hinunterst├╝rzte w├╝rde er siebzig Sekunden im freien Fall fliegen, bevor er aufprallte und zerschmettert liegenblieb. F├╝r immer tot.
Ein verlockender Gedanke f├╝r Stefan Horner.
Vorsichtig schob er sich so nahe wie m├Âglich an den Abgrund, setzte sich ins nasse Gras und lie├č seine Beine ├╝ber den Abgrund baumeln.
'Verdammt, ich werde mir eine Erk├Ąltung holen im nassen Gras.' zuckte ein besorgter Gedanke hinter seiner Stirn auf, den er aber sofort wieder, mitleidig l├Ąchelnd, beiseite schob. Als ob es jetzt noch darauf ank├Ąme.
Lange Zeit sa├č der Mann so da, die Kiefer fest aufeinandergepre├čt, den Blick starr nach Osten gerichtet, w├Ąhrend die Zeit tr├Ąge dahinfloss. Er wartete.
Sekunden reihten sich an Sekunden, Minuten an Minuten, bis die erste Stunde voll war. Die K├Ąlte die immer mehr unter seine Haut und in seine Glieder kroch, merkte er kaum. Seine Gedanken waren weit weg. Bei einem Vater, der mit seinem kleinen Jungen und dessen ├Ąlteren Bruder oft und gerne hier heraufkam. Sie tollten beim sch├Ânsten Sonnenschein auf den weiten Wiesen herum, kletterten ein wenig in den Felsen, oder genossen die unendlich scheinende Aussicht.
Bei klarem Wetter konnten sie beinahe hunderte Kilometer weit sehen. Ein See, tausendsiebenhundert Meter unter ihnen, leuchtete wie ein kleines, blaues Insekt in einer gr├╝nen Wiese auf. Auf grauen, bleistiftd├╝nnen Strichen, die sich in Schlangenlinien dahinzogen, bewegten sich im Schneckentempo winzige Lastkraftwagen, dahin. F├╝r Kinderzwergenh├Ąnde gebasteltes Spielzeug.
Sein Vater konnte stundenlang hier oben sitzen und den Ausblick genie├čen. Manchmal sogar vom fr├╝hen Morgen weg. Sie wanderten dann mitten in der Nacht hier herauf und warteten auf den Sonnenaufgang.
Der kleine Stefan hatte einmal den Vater gefragt, scheu, weil die Welt da drau├čen so gro├č aussah: "Warum guckst du denn so angestrengt, Dad? Kannst du etwas sehen das ich nicht sehen kann?"
Sein Vater hatte nicht geantwortet, eine lange Zeit. Bis der kleine Stefan seine Frage fast selbst vergessen h├Ątte. Aus gro├čen, verwunderten Kinderaugen hatte er den Mann an seiner Seite betrachtet, und es schien ihm, als w├╝rde er aus weiter Ferne zur├╝ckkommen. Zu ihm und seinem Bruder.
"Nein, mein Junge. Ich sehe auch nicht mehr als ihr. Ich versuche nur, etwas von der grandiosen Unendlichkeit, der ich hier so nahe bin, mit nach Hause zu nehmen."
Damals hatte Stefan die Worte seines Vaters nicht verstanden. Und nachhaken wollte er nicht, weil er die verhasste Bemerkung: "Daf├╝r bist du noch zu klein, mein Junge!" f├╝rchtete. Er wollte zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt noch einmal fragen.
Doch dann waren seine Eltern und sein ├Ąlterer Bruder bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und er war nicht mehr hier herauf gekommen.
Bis heute. Stefan schnaubte b├Âse.
Ein leichter Wind hatte sich erhoben und strich ihm mit k├╝hlen Fingern ├╝ber die hei├če Stirn. Die Sterne am Himmel verblassten allm├Ąhlich, um dem ersten Grau des Tages Platz zu machen. In die Stille des Morgens t├Ânte das vorsichtige, verschlafene Gezwitscher einer Lerche, die den neuen Tag begr├╝├čte. Andere Vogelstimmen schlossen sich an, kleinlaut und leise vorerst, aber mit zunehmender Helligkeit freundlicher und lauter.
├ťber Stefans Gesicht huschte ein fl├╝chtiges L├Ącheln, das aber ein d├╝sterer Schatten sofort wieder verjagte. Ein dunkler Schleier legte sich ├╝ber seine blassgr├╝nen Augen.
Die Wolken, die vor ihm am Horizont dahinzogen, f├Ąrbten sich von Dunkelblau und Violett in leichtes Orange bis Zinnoberrot. Tief unter ihm lag die Welt noch immer im Dunkel der Nacht. Nur vereinzelt blitzte hier und da ein Licht auf, wie ein winziger Stern, der auf der Erde herumwanderte, um im n├Ąchsten Augenblick wieder zu verglimmen.
Die Geister in Stefan Horners Kopf riefen jetzt wieder lauter, fordernder.
"Ja", sagte er. Nur dieses eine Wort. Ja. Jetzt kam auch der Zorn wieder. Und diesmal lie├č er ihn zu. Lie├č zu dass er mit ihm, Stefan, spielte.
"Ja", wiederholte er laut und stand langsam auf. Seine Zeit war gekommen.
Ein sardonisches L├Ącheln begleitete ihn auf dem Weg nach unten. Und der Ruf eines kleinen Vogels, den er noch im Springen vernahm.

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 52
Kommentare: 285
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Sehr gut geschrieben, spannend, gekonnt!!!

Und ein sehr guter, interessanter Schlu├čsatz

f├╝r ein allerdings f├╝r mich als Leserin pers├Ânlich unbefriedigendes Ende der Story!

Respekt jedenfalls, du kannst schreiben!

Birgit


__________________
"Wenn die Zeit kommt, in der man k├Ânnte, ist die vor├╝ber, in der man kann" (M.Ebner-Eschenbach)

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Fee
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2000

Werke: 38
Kommentare: 156
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Hallo Fredy,
wieder eine tolle Geschichte!
Deine Beschreibungen gefallen mir immer besonders gut, da sehe ich die ├ľrtlichkeiten direkt vor mir.
Spannung und Atmosph├Ąre kommen gut r├╝ber.
Doch ich stimme Birgit zu, das Ende finde ich f├╝r mich als Leserin auch unbefriedigend.

Liebe Gr├╝├če von
Fee

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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 82
Kommentare: 229
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*verneigt sich vor seiner leserin und dankt err├Âtend f├╝r die netten worte*

hallo liebe birgit

wenn einer so begabten schreiberin wie dir diese zeilen gefallen, erlaube ich mir, heute mal mit stolzgeschwelltem kamm herumzulaufen
es ist nur eine schnell erz├Ąhlte story. inspiriert durch eine erz├Ąhlung die ich hier gelesen habe, wollte ich ein ├Ąquivalent schaffen . . . hm, ist mir wohl doch nicht gegl├╝ckt, da das ende nicht befriedigt
aber mit den enden meiner geschichten habe ich wie┬┤s scheint, immer wieder probleme . . . *l├Ąchelt und bittet um vergebung . . .

viele liebe gr├╝├če

fredy
_________________
mutter zeit wandert an uns vor├╝ber . . .
viele von uns jagt sie b├Âse vor sich her . . .
einige von uns nimmt sie munter mit auf die reise . . .
und wenigen ÔÇô winkt sie l├Ąchelnd im vor├╝bergehen zu . . .

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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 82
Kommentare: 229
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*freut sich dass auch im feenland seine geschichten gelesen werden*

hallo liebe fee

keine sch├Âne geschichte und doch findet sie anklang? das ehrt mich. denke ich doch nun, dass ich im feenland einen festen platz unter den geschichtenerz├Ąhlern habe
ich versuche mit worten bilder zu malen die der leser in seinem kopf zum leben erweckt. sollte mir das gelingen, wei├č ich dass ich auf dem richtigen weg bin
deshalb siehst du mich heute ein wenig geknickt und traurig . . . ich m├Âchte dich nicht unbefriedigt zur├╝cklassen
gib mir einen tipp, damit ich das ende umschreiben kann

viele liebe gr├╝├če

fredy
_________________
zumeist haben wir menschenkinder bei den feen einen wunsch frei . . .
diesmal hast du liebe fee bei mir einen wunsch frei . . .
ein ende nur f├╝r dich . . . oder vielleicht eine ganze geschichte?

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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*h├Ąlt ein Sprungtuch bereit und f├Ąngt Stefan mit ihren Fl├╝geln auf*

Hallo Kyle,

die Gedanken, welche in einem Menschen w├Ąhrend der Betrachtung des freiwillig gew├Ąhlten Endes hegt, hast du zwar gut umgesetzt, doch kann ich aus mehrfach Erfahrung sagen: ein Menschen denkt und f├╝hlt mehr oder anders am "Abgrunden dessen was ├╝brig bleib" ....

pass auf dich auf Kyle, der Adler ist nicht immer zugegen ...


liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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