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Leselupe.de > Kindergeschichten
...wie Eure Herzen !
Eingestellt am 17. 07. 2003 10:39


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Gabi Gennrich
Hobbydichter
Registriert: Jul 2003

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...wie Eure Herzen !

Ali stand am kleinen Fenster seines winzigen Zimmers. Er blickte auf graue H├Ąuser, deren Fenster wie L├Âcher darin aussahen. Nirgends konnte man eine Blume, die etwas Farbe in dieses Grau gebracht h├Ątte, entdecken. Aus den Schornsteinen auf den D├Ąchern der H├Ąuser quoll dichter dunkelgrauer Rauch. Der Himmel war tr├╝be und grau, kein einziger Sonnenstrahl konnte seinen Weg durch die dicken Wolkenschichten finden. Selbst die Regentropfen, die vereinzelt zur Erde fielen, schienen lustlos zu sein und sich in das Grau einzuf├╝gen.
Ali sch├╝ttelte sich. Ihm war kalt, er hatte eine G├Ąnsehaut. Gedankenverloren starrte er in den wolkenverhangenen Himmel.

Wie anders war es doch bei ihm in der Heimat gewesen. Ali schloss die Augen.
Vor sich sah er einen hellblauen, strahlenden Himmel, Sonnenschein, bunte V├Âgel , die durch die Luft flogen, viele gr├╝ne Pflanzen mit bunten Bl├╝ten. Ali holte tief Luft. Fast meinte er den Duft der Bl├╝ten zu riechen. Aber vor allem - es war warm.
Seine Familie und die vielen anderen Menschen lebten in kleinen braunen Lehmh├╝tten, die sie sich selbst gebaut hatten. Bunte selbstgef├Ąrbte T├╝cher versch├Ânerten die Einfachheit der H├╝tten. Es gab kein Bad, daf├╝r aber einen glasklaren Fluss und das Trinkwasser holte Mutter in gro├čen K├╝beln aus einer klaren Quelle.

Da es in der H├╝tte nicht viel Platz gab, war die K├╝che mitten im Raum. Am offenen Feuer wurde gekocht und zu den Mahlzeiten versammelte sich dann die ganze Familie, manchmal auch die Nachbarn, da herum.

Alis Vater hatte mehrere Felder, auf denen er das, was die Familie zum Leben brauchte, selbst anbaute. In guten Jahren konnte er noch einen Teil davon verkaufen und hatte somit noch ein wenig Geld, um der Familie und sich, ab und zu ein paar W├╝nsche zu erf├╝llen.

Um dies zu erreichen, musste er aber hart arbeiten. meist stand er schon vor Sonnenaufgang auf und arbeitete bis sp├Ąt abends auf dem Feld. Wenn aber Ali und seine Geschwister ihm besuchten und ihm etwas zu essen und zu trinken brachten, dann freute er sich riesig und lie├č die Arbeit sein und vergn├╝gte ich mit seinen Kindern.
Alis Mutter war Tag f├╝r Tag zu Hause. Sie k├╝mmerte sich um Alis kleine Geschwister, um das Essen und um die Ziege, die ihnen t├Ąglich frische Milch lieferte.

Alis Schule war auch ganz anders. der Unterricht fand unter freiem Himmel statt und wenn es besonders hei├č war, fiel er auch einfach mal aus. Ali lernte lesen, rechnen und schreiben, aber auch ganz n├╝tzliche Sachen, wie man zum Beispiel Feuer entz├╝nden konnte oder wie man an den Sternen die Jahreszeit erkennen konnte und vieles mehr.
Kam Ali aus der Schule, so schickte ihn seine Mutter frische Fr├╝chte holen. Ali kletterte auf die B├Ąume und pfl├╝ckte die s├╝├česten und saftigsten Fr├╝chte, die er nur finden konnte.

Fernsehen gab es nat├╝rlich nicht. Abends sa├č die Familie gemeinsam ums Feuer und erz├Ąhlte das, was jeder am Tag erlebt hatte. Die Nachbarn kamen und schnell hatte sich eine gro├če Menge Menschen um das Feuer versammelt. Man lachte, erz├Ąhlte , sang und schimpfte manchmal sogar - meist sp├Ąt bis in die sternenklare Nacht

Doch es blieb nicht so friedlich !
Bald schon verdunkelte sich der Himmel und in den N├Ąchten h├Ârte man dumpfes Grollen, das immer n├Ąher zu kommen schien. Doch jede Nacht ein Gewitter - das konnte Ali gar nicht glauben.
Die Menschen, die einst gemeinsam um das Feuer sa├čen, waren unzufrieden geworden und anspruchsvoller und neidisch auf die, die ein wenig mehr hatten. Menschen, die sich fr├╝her gut verstanden hatten, stritten sich mehr und mehr. Es wurde so schlimm, dass sie einander verletzten und viele Menschen sterben mussten.

„Wir haben Krieg“, sagte Alis Vater. „Krieg“ - dieses Wort hatte Ali noch nie geh├Ârt, doch wusste er sofort, dass es f├╝r ihn eine Bedeutung haben w├╝rde.

Alis Vater wollte, dass seine Familie nicht unter dem Streiten und Verletzen leiden sollte. Deshalb zog er fort.
Nicht etwa in die n├Ąchste Stadt - nein, in ein fremdes, unbekanntes Land.
Tagelang waren sie alle unterwegs - zu Fu├č, mit Lastwagen, dann einem Schiff und zuletzt mit einem Flugzeug, so gro├č wie es Ali noch nie gesehen hatte.

Doch pl├Âtzlich war alles fremd um ihn herum. Es gab keine Lehmh├╝tten. Gro├če H├Ąuser, in denen viele Familien wohnten, standen dicht an dicht.

Die ersten Tage waren die schlimmsten f├╝r Ali. In seinem Dorf kannte er jeden Erwachsenen und seine Mutter hatte ihm gelehrt, freundlich und h├Âflich zu allen zu sein.
Als Ali das erste Mal allein unterwegs war, lachte er alle entgegenkommenden Leute an. Seine wei├čen Z├Ąhne blitzten in seinem dunklen Gesicht und seine dunklen Kulleraugen wurden zu kleinen Sehschlitzen.
Doch meist blieb das Gesicht des Gegen├╝bers verschlossen - man verzog keine Miene. Statt zur├╝ckzul├Ącheln wurden die Menschen h├Ąufig sogar b├Âse und es prasselten W├Ârter auf ihn herab, die er gar nicht verstehen konnte. So verschwand bald das freundliche L├Ącheln auf Alis Gesicht.

Eines Tages, als er sich seine Nase an den Schaufenstern eines Obstladens plattdr├╝ckte, weil er endlich die Fr├╝chte sah, die er in seiner Heimat geerntet hatte, kam ein w├╝tend schimpfender Mann aus dem Laden, fuchtelte wild mit den H├Ąnden und schrie etwas, das wie „Hau ab !“ klang. Ali wusste nicht, was es bedeutete, aber er konnte am Gesicht des Mannes erkennen, dass dieser es nicht freundlich mit ihm meinte.

Ali war unendlich traurig. Es war jetzt alles so anders. Mutter und Vater arbeiteten in einer Fabrik. Von morgens bis abends war er mit seinen Geschwistern allein. Einmal wollte Ali seinen Vater wie gewohnt bei der Arbeit besuchen, doch man lie├č ihn erst gar nicht in die Fabrik und schimpfte wieder f├╝r Ali unverst├Ąndliche Worte. Wenn seine Eltern dann sp├Ąt von der Arbeit nach Hause kamen, waren sie m├╝de. Es wurde nur noch schnell etwas gegessen - aber so gem├╝tlich wie fr├╝her war das nicht mehr.
Vater schlief dann vor einem Ger├Ąt ein, das „Fernseher“ hei├čt. Er sagte Ali immer, dass er Bilder von zu Hause sehen wollte. Aber wenn die Nachrichten dann die Bilder aus der Heimat von Alis Familie brachten, schlief er meist schon l├Ąngst. Alis Mutter, die erst dann einen Blick auf den Bildschirm warf, sch├╝ttelte nur den Kopf und als Ali genauer hinsah, kullerten ihr Tr├Ąnen ├╝ber das Gesicht, die sie heimlich wegwischte.

Ali wusste es gewiss, dass alle in seiner Familie genauso viel Heimweh hatten wie er selbst.
Nur am Vormittag war Ali von seinem Heimweh ein bisschen abgelenkt, dann n├Ąmlich, wenn er in der Schule war. Die Kinder, die mit ihm in eine Klasse gingen, schienen recht nett zu sein. So richtig konnte er sie ja nicht verstehen, aber er glaubte, dass das Lachen was er st├Ąndig h├Ârte, wenn er in die N├Ąhe kam, nur freundlich gemeint sein konnte.
Auch die Lehrerin verstand Ali nicht. Aber wenn sie seinen Namen aufrief, dann wusste er, dass irgend jemand irgend etwas von ihm wollte.
Manchmal gab ihm seine Lehrerin ein Blatt, auf dem etwas stand, was Ali dann sauber in sein Heft abschrieb, obwohl er es gar nicht verstand. Ali kannte fast alle Buchstaben und Zahlen, aber irgendwie war es doch ein ganz anderer Unterricht als in seiner Heimat.
Doch das st├Ârte Ali eigentlich nicht, flei├čig erledigte er die ihm aufgetragenen Arbeiten. Er war froh, unter so vielen anderen Kindern zu sein. Zu Hause, da waren seine Geschwister auf die er h├Ątte aufpassen m├╝ssen und sie w├╝rden ihm sicher L├Âcher in den Bauch gefragt haben, weil sie noch viel weniger von dem verstanden, was um sie herum passierte.

Ali lachte sehr viel in der Schule. Seine Lehrerin lachte auch immer zur├╝ck, t├Ątschelte ihm den Kopf und sagte etwas zu den anderen Kindern, die dann verlegen nach unten schauten. Was sie damit meinte, konnte Ali nur erahnen, aber er dachte sich, dass sie wohl ganz froh w├Ąre, wenn sie mehrere Kinder von Alis Art in der Klasse h├Ątte. Ganz ├╝berzeugt war er aber nicht davon. Manchmal zupfte sie ihn auch am Hemd - immer dann, wenn Ali mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war. Klar, denn dann waren Alis Gedanken dort, wo er sich viel mehr wohl f├╝hlen w├╝rde - n├Ąmlich in seiner Heimat.

Patsch - ein dicker Regentropfen klatschte auf Alis Nase und holte ihn zur├╝ck in die Gegenwart. Ali stand noch immer am Fenster und schaute in die tr├╝be Welt.
Pl├Âtzlich flatterte eine kleine Schwalbe ├╝ber Alis Kopf hin und her.
„Warum bist du so traurig ?“ meinte Ali aus ihrem Gezwitscher verstehen zu k├Ânnen.. „Ach, du hast es gut. Du kannst wieder zur├╝ck in deine Heimat fliegen“, seufzte Ali auf. „Wieso, es ist doch sch├Ân hier“, piepste die Schwalbe weiter. „Wir kommen doch jedes Jahr hierher, nur im Winter, da fliegen wir in den warmen S├╝den - hier bekommt man ja nur kalte F├╝├če, eine Erk├Ąltung und viel zu wenig Futter.“
„Tja, aber ich werde wohl immer hier bleiben m├╝ssen“, erwiderte Ali traurig. „Mir fehlt meine Heimat, die Sonne und.....“ schluchzte Ali und dicke Tr├Ąnen kullerten ├╝ber sein Gesicht. Die kleine Schwalbe legte das K├Âpfchen ganz schr├Ąg und h├Ârte still zu, ab und zu zwitscherte sie leise, wohl als Zustimmung.
„Wie kann ich dir nur helfen ?“, piepste sie und flog auf. Schon flatterte sie im Wind davon.

Schwalben treffen sich meist mit ihren Familien auf Telefonleitungen. Dort werden die Neuigkeiten ├╝ber gute Futterstellen, noch bessere Nistm├Âglichkeiten und vieles mehr ausgetauscht.
Jetzt stand aber die kleine Schwalbe ganz im Mittelpunkt. Sie flog aufgeregt hin und her und zwitscherte und zwitscherte und aus allen Richtungen kam zustimmendes Gezwitscher.
Pl├Âtzlich erhoben sich alle Schwalben wie auf ein Kommando und schwirrten durch die Luft. Alle flogen in eine Richtung und die kleine Schwalbe immer vorne weg.

├ťber Alis Haus kreisten und flatterten sie hoch in der Luft. Hoch, tief - der Himmel war voll von fl├╝gelschlagenden Schwalben. Sie flogen so lange auf und ab in der dunklen Wolkenschicht bis ein kleines Loch entstand. Durch dieses winzige Loch konnte ein Sonnenstrahl genau zu Alis Fenster durchdringen.

Als Ali diesen winzigen Sonnenstrahl sah, lief er sofort auf die Stra├če, jubelte und versuchte ├╝ber diesen Sonnenstrahl zu h├╝pfen. „Sonne, endlich Sonne !“, rief er in die Welt.
Die vorbeigehenden Menschen wunderten sich, aber sie l├Ąchelten ein wenig ├╝ber den Jungen, der im Sonnenfleck umherh├╝pfte. Immer mehr Menschen blieben stehen und je mehr Menschen ein L├Ącheln auf ihrem Gesicht hatten, desto gr├Â├čer wurde der Sonnenfleck.
Man holte St├╝hle und Tische und etwas zu essen und zum Trinken und Nachbarn, die sich noch nie miteinander unterhalten hatten, redeten miteinander.
Ali sah sich um. Die vielen Menschen, die an den Tischen sa├čen und laut und fr├Âhlich miteinander redeten, erinnerten ihn an seine Heimat.
Der Himmel war inzwischen strahlend blau, die Sonne schien und die Menschen feierten gemeinsam ein fr├Âhliches Fest. Ali tobte mit seinen Geschwistern in der Menge umher. Pl├Âtzlich h├Ârte er einen alten Mann sagen: „So etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt !“

Ali sah zum Himmel und l├Ąchelte. Immer noch schwirrten viele kleine Schwalben durch die Luft. Er meinte aus ihrem Zwitschern etwas zu verstehen: „ Der Himmel ist so wie Eure Herzen !“

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