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Leselupe.de > Kurzgeschichten
1:42 Uhr
Eingestellt am 21. 07. 2010 21:59


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Smuhssa
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„Bist du es wirklich?“, wollte die verdutzte Stimme wissen, die jemanden hinter ihm ansprach. Er versuchte sie zu ignorieren, schaute auf die Uhr – 1:42 leuchteten ihn die drei Ziffern seiner Digitalarmbanduhr an. „Fast Viertel vor Zwei“, dachte er, „Nun wird es aber wirklich Zeit!“ Ein Gedanke fand den Weg in sein Bewusstsein. Die Uhr, er hatte sie genau heute, auf den Tag genau, vor dreieinhalb Jahren gekauft, aus dem Werbekatalog. „Das Angebot, das Sie nicht wieder loslässt!“, stand dort damals auf dem Prospekt. Eigentlich mochte er analoge Uhren lieber, aber bei einem Bestellwert ab 35 Dollar wurden die Porto- und Versandkosten erlassen und man konnte die Angebotsuhr, die jetzt an seinem Handgelenk hing, für „nur 7 Dollar Mehrkosten“ mitbestellen.
Es war ein dunstiger 4. August und die Stadt kochte im eigenen Saft. 107,6° Fahrenheit zeigte die Informationseinheit, der sich drehenden Werbefläche an. Die gelben Ziffern klickten träge auf die aktuelle Zeit: 12:34. Noch ehe er die Uhr wieder umschalten sah, nun auf die Celsiusanzeige, klopfte ihm jemand auf die Schulter. „Das ich dich gerade hier treffe…“, hörte er eine bedacht gedämpfte Stimme neben sich, die er nicht beachtete. „Sie müssen sich täuschen, ich kenne sie nicht.“, sagte er ohne ihm in die Augen zu sehen. „Aber, du … sie sehen genauso … Entschuldigen sie, eine Verwechsel … Einen schönen Tag noch.“ Er war ein wenig enttäuscht, wie schnell sein ehemals bester Freund aufgab. Vielleicht war es seine Sonnenbrille und die Jacke, die er trotz der Hitze trug, die ihn so anders aussehen ließen. Seine Uhr hätte sein Freund sofort erkannt, obwohl sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten. Deshalb hatte er sie im Ärmel verborgen. Nun sah er wieder auf das Zifferblatt: 1:42 Uhr. „Fast Viertel vor Zwei“, sagte er leise vor sich hin, dann sank sein Arm wieder. Er sah auf die Kreuzung vor sich. Der Verkehr ergoss sich wie ein reißender, schmutziger Strom in die Häuserschluchten.
12:41 Uhr zeigte die Uhr auf der anderen Straßenseite an. Neongelb waren die Ziffern, von denen schon einige nicht mehr ordentlich funktionierten. Bei der 4 der „Zehnerminuten“ fehlte der waagerechte Mittelsteg. Dennoch konnte man die Zahl gut erkennen. Mit der Pistole, die er jetzt in der Manteltasche trug wollte er damals den Fahrer erschießen. Einfach töten. 35 Dollar für eine Pistole war ein guter Preis. Er hatte sie noch nie benutzt, bis heute. Die Patronen hatte er später in einem Geschäft an der 42sten Straße gekauft. „Fast Viertel vor Zwei!“, dachte er und Tränen liefen ihm über die schweißglänzenden Wangen. „So heiß war es damals nicht, vor dreieinhalb Jahren, so heiß nicht.“ Er spürte die Pistole in seiner Tasche und wie sich seine Hand an ihr festkrallte. Wieder sah er auf die andere Straßenseite, auf die Informationseinheit, die sich in sein Gehirn eingebrannt hatte. Es war das erste, was er damals sah, als er den Blick von der Straße abwandte, noch nicht begreifend was passiert war. Seine Uhr zeigte noch immer 1:42 Uhr an.
„Fast Viertel vor Zwei!“, sagte damals der Arzt, als er den Zeitpunkt des Todes seiner kleinen Tochter feststellte. Er stand genau dort, wo er jetzt stand. Und dort stand er schon, als es passierte. Sie wollten in den Park, den großen Park, der direkt hier begann; nicht über die Straße, dort wo die Werbetafel stand, mit der Informationseinheit, die die neongelben Ziffern trug, sondern gleich hier, auf dieser Seite. Sie gingen oft dorthin, spielten und tobten. Wie immer begannen sie mit dem Versteckspiel noch ehe sie auf dem Parkgelände waren. Er begann schon bis 20 zu zählen und sie, seine kleine Tochter rannte los, in den Park, um sich zu verstecken. „Du, Papi, heute zählst du bis 50“, sagte sie damals und lächelte ihn an. „Eins!“, rief er dramatisch laut aus und schaute seine Tochter lächelnd mit hochgezogenen Augenbrauen an, die juchzend davon lief. Er zählte weiter: „zwei, drei, vier…“ Als fairer Vater blieb er stehen, drehte sich mit dem Rücken zu ihr und zählte weiter. Er sah die Informationseinheit auf der anderen Straßenseite und hätte sich beinahe verzählt, weil ihm die neongelben Ziffern so gefielen. „…neununddreißig, vierzig, einundvierzig…“ Genau in diesem Moment sprang die Uhr auf der anderen Straßenseite auf 1:42 Uhr um, was er sehr amüsant fand. „...zweiundvierzig…“ Ein Schatten huschte an ihm vorüber, erreichte die Straße und schaffte den halben Weg hinüber, bis diesen Schatten ein kleiner Pick-Up Truck ungebremst erfasste und unter Reifengeschrei mit sich zerrte. „…dreiundvierzig…“ Als er das erste Mal die Augen vom Geschehen abwenden konnte, sah er, wie gerade die Uhr auf fünfzig umsprang. Sein Kopf war leer. Er konnte nicht mehr denken. Er konnte seit diesem Tag nicht mehr denken. Er wollte den Fahrer töten, obwohl er wirklich nichts dafür konnte seine kleine Tochter überfahren zu haben. Aber innerlich musste er jemand verantwortlich machen. Das war nun vorbei. Sie wollte sich doch nur ein sicheres Versteck suchen. „Sie war es und ich selbst“, dachte er und schaute auf seine Uhr.
„1:42 Uhr!“ Die Uhrzeit war mit einem gelben Neonstift auf das Uhrglas gemalt und im Laufe der Zeit schon etwas abgeblättert, aber noch gut zu erkennen. Nun zeigte auch die Uhr auf der anderen Straßenseite genau diese Uhrzeit an: 1:42.
„Heute, mein Schatz, zähle ich nur bis Zweiundvierzig, dann suche ich dich! Und ich werde dich dort finden, glaube mir.“ Er nahm die Pistole aus der Tasche und setzte sich den Lauf an die Schläfe. „vier … zwei …“ Er hörte ein Hallen, das über alles Anschwoll und ihn mitnahm, dorthin, wo sich seine Tochter nun schon seit genau 42 Monaten versteckte.

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Retep
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Morg Smuhssa,

die Schreibidee finde ich gut, teilweise bildhaft gezeigt und flĂĽssig geschrieben. Ich konnte mich in die tragische Situation einfĂĽhlen.

Vielleicht solltest du den Text kĂĽrzen.

Zum Text:

quote:
Die Uhr, er hatte sie genau heute, auf den Tag genau, vor dreieinhalb Jahren gekauft, aus dem Werbekatalog. „Das Angebot, das Sie nicht wieder loslässt!“, stand dort damals auf dem Prospekt. Eigentlich mochte er analoge Uhren lieber, aber bei einem Bestellwert ab 35 Dollar wurden die Porto- und Versandkosten erlassen und man konnte die Angebotsuhr, die jetzt an seinem Handgelenk hing, für „nur 7 Dollar Mehrkosten“ mitbestellen.
- Ist das wichtig fĂĽr deine Geschichte?

quote:
Noch ehe er die Uhr wieder umschalten sah, nun auf die Celsiusanzeige, klopfte ihm jemand auf die Schulter. „Das ich dich gerade hier treffe…“, hörte er eine bedacht gedämpfte Stimme neben sich, die er nicht beachtete.
- Er beachtet die Stimme doch, reagiert, antwortet.

quote:
„Sie müssen sich täuschen, ich kenne sie nicht.“, sagte er (Komma)ohne ihm in die Augen zu sehen.



quote:
„Aber, du … Sie sehen genauso … Entschuldigen sie, eine Verwechsel … Einen schönen Tag noch.“ Er war ein wenig enttäuscht, wie schnell sein ehemals bester Freund aufgab. Vielleicht war es seine Sonnenbrille und die Jacke, die er trotz der Hitze trug, die ihn so anders aussehen ließen. Seine Uhr hätte sein Freund sofort erkannt, obwohl sie sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten. Deshalb hatte er sie im Ärmel verborgen.
- Er hatte die Uhr verborgen, damit sein Freund ihn nicht erkennen sollte?
- Ist diese Begegnung fĂĽr deine Geschichte wichtig?

quote:
35 Dollar für eine Pistole war ein guter Preis. Er hatte sie noch nie benutzt, bis heute. Die Patronen hatte er später in einem Geschäft an der 42sten Straße gekauft.
- Wichtig ?

noch nicht begreifend (Komma)was passiert war.

quote:
„Fast Viertel vor Zwei!“, sagte damals der Arzt, als er den Zeitpunkt des Todes seiner kleinen Tochter feststellte.
- So genau kann man den Zeitpunkt des Todes nicht feststellen.

quote:
und unter Reifengeschrei mit sich zerrte.

quote:
obwohl er wirklich nichts dafĂĽr konnte (Komma)seine kleine Tochter ĂĽberfahren zu haben. Aber innerlich musste er jemand verantwortlich machen.

quote:
„Sie war es und ich selbst“, dachte er
?

quote:
Er hörte ein Hallen, das über alles anschwoll und ihn mitnahm, dorthin, wo sich seine Tochter nun schon seit genau 42 Monaten versteckte.
- Ich glaube nicht, dass er ein "Halle" hören konnte.

Der Schluss gefällt mir.

GruĂź

Retep
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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