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Leselupe.de > Kurzgeschichten
1.Monatsgewinner: Speaker's Corner
Eingestellt am 09. 08. 2001 13:23


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Steltz
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Speaker’s Corner


“Whenever you feel like criticizing anyone, just remember that all the people in this world haven’t had the advantages that you’ve had.“
The Great Gatsby, F. Scott Fitzgerald


In die Stadt, in der er wohnte, war er erst vor kurzer Zeit aus einer verschwiegenen Kleinstadt in Norddeutschland gezogen. Dieser Schritt war nötig gewesen, da die Großstadt die eindeutig besseren beruflichen Perspektiven bot. Irgendwann hatte er nun auch mal auf eigenen FĂŒĂŸen stehen mĂŒssen. Er hatte jetzt eine Ausbildungsstelle und eine Zweizimmerwohnung, die er sich mit Hilfe der finanziellen UnterstĂŒtzung seiner Eltern auch problemlos leisten konnte. Sein Job war klasse, eine Anstellung fĂŒr die man gerne einen Umzug in Kauf nimmt. Eigentlich war es absehbar gewesen, daß er mit seinem durchaus guten Schulabschluß auch eine annehmbare Anstellung finden wĂŒrde.
Der aufregende Charakter des Neuartigen lag schon nicht mehr ĂŒber den Straßen seiner Wahlheimat, als er auf seinem Fahrrad unterwegs war. Der frĂŒhe Freitag Winterabend kĂŒndigte sich mit seiner schnell hereinbrechenden Dunkelheit an. Er war auf dem Weg ins Kino, um sich einen Film anzusehen, von dem eine Arbeitskollegin in den höchsten Tönen geschwĂ€rmt hatte. Auch die sonst so anspruchsvollen Kinokritiker hatten uni sono ein Loblied auf „Beyond the Silence“ gesungen, ein guter Film also stand auf dem Programm. Genau genommen, sollte „Beyond the Silence“ auf dem Programm stehen, denn er war bereits etwas spĂ€t dran und es war unwahrscheinlich, daß er noch rechtzeitig zum Kino schaffen wĂŒrde. Dem zum Trotz pfiff er fröhlich die Melodie eines Popsongs vor sich her. Es war eines dieser Lieder, die zwar nicht besonders gut sind, dafĂŒr aber direkt ins Ohr gehen.
ErfĂŒllt von dem erst vor kurzem erworbenen GefĂŒhl des Vertrauten, erkannte er plötzlich mehr wieder als nur die Reihenfolge der GeschĂ€fte, die ParfĂŒmerie, auf die die BĂ€ckerei folgte, wo er morgens seine Brötchen holte, und schließlich der Plattenladen an der Ecke, zu dessen Stammkunden er sich bereits zĂ€hlen durfte. Neben diesen Örtlichkeiten gab es noch etwas anderes, das er wiedererkannte, aber nicht unbedingt erwartet hatte. Er hörte einen alten Depeche Mode Song („Words like violence break the ...“), der schon immer zu seinen Lieblingsliedern gezĂ€hlt hatte. Als Quelle der Musik machte er eine Kneipe direkt ĂŒber dem Plattenladen aus, die ihm bisher gar nicht aufgefallen war, weil seine Aufmerksamkeit wohl stets den Neuerscheinungen im Schaufenster gegolten hatte. Die Neonreklame kennzeichnete die Kneipe als „Speaker’s Corner“, und er brauchte nicht lang, um seine PlĂ€ne fĂŒr den Abend ĂŒber den Haufen zu werfen. Der Film hatte schon begonnen, er war bereits zu spĂ€t, weil er Zuhause noch einen unerwarteten Anruf erhalten hatte. Außerdem war er schon zulange fremd in seiner Stadt, im „Speaker’s Corner“ konnte man sicherlich eher jemanden kennenlernen als im Kino.
Die Musik wurde lauter, als er das Treppenhaus betrat, und noch einmal, als er die TĂŒr zur GaststĂ€tte öffnete. Sein Blick fiel zuerst auf einen Kickerautomaten, der links von der EingangstĂŒr postiert war, und dann zur Theke, von wo aus ihn der Wirt musterte. An der Bar saßen drei MĂ€nner, die von seinem Eintritt keine Notiz nahmen. Nachdem er kurz in dem Laden umhergeblickt hatte, bestellte er ein Bier und setzte sich neben die MĂ€nner an der Bar, wobei er einen Hocker Zwischenraum ließ. Außer den Leuten an der Bar saß noch eine Gruppe junger MĂ€nner an einem Tisch, die ungefĂ€hr in seinem Alter waren. UnlĂ€ngst davon war ein weiterer Tisch von zwei MĂ€dchen und einem Jungen besetzt, allesamt auch ungefĂ€hr in seinem Alter. Weitere GĂ€ste wurden durch das Aufeinanderschlagen von Billardkugeln verraten. Der Billardtisch mußte rechts hinter den Sitzgruppen sein, wo der Raum eine Biegung machte. Über der Bar an der Wand war ein Fernseher aufgehĂ€ngt, ĂŒber den Videoclips flimmerten. Die Musik kam aber von der Anlage und nicht vom Fernseher, was die Stars im Clip ziemlich blöd aussehen ließ. Seine Aufmerksamkeit galt dem Tisch mit den zwei MĂ€dchen und ihrem Begleiter. Das eine hatte rötlichblonde Haare, eine Brille und gefiel ihm auf den ersten Blick sehr gut. Ihre Freundin war mit dem Jungen in ein anregendes GesprĂ€ch vertieft, sie redeten und gestikulierten sehr lebhaft. Leider war die Musik zu laut, als daß er Wortfetzen von ihrem Tisch hĂ€tte ergattern können. Was er hören konnte, waren die drei Ă€lteren MĂ€nner neben ihm, die ĂŒber Fußball redete, was ihn dann doch nicht sonderlich interessierte. Die Rötlichblonde erweckte den Eindruck eines etwas schĂŒchternen, aber aufgeschlossenen MĂ€dchens. In der GesprĂ€chsrunde war sie sehr zurĂŒckhaltend, sie beschrĂ€nkte sich zumeist darauf, entweder durch KopfschĂŒtteln oder durch bejahendes Nicken auf ihre Freundin einzugehen, wenn diese sich an sie wandte, um sie mit einzubeziehen. Der Junge sprach eigentlich nur mit der zweiten jungen Frau, die schwarze Haare hatte und mit spontanen Beifallsbekundungen und eigenen, reich mit Gestiken ausgeschmĂŒckten, ErzĂ€hlungen die Szenerie beherrschte. Die Dreiergruppe von der Theke aus beobachtend, schlußfolgerte der vermeintliche KinogĂ€nger, daß es sich bei dem Jungen und der Dunkelhaarigen um ein Paar handelte und daß das sĂŒĂŸe MĂ€dchen mit der Brille in der unangenehmen Situation war, die der Volksmund als das fĂŒnfte Rad am Wagen bezeichnet. Eine ganze Zeit lang beobachtete er das Trio, wobei ihm besonders gefiel, wie aufmerksam die Frau, die sein Interesse geweckt hatte, das GesprĂ€ch verfolgte, obwohl sie selbst so gut wie gar nicht daran teilnahm. Eine StrĂ€hne ihres leicht gelockten Haares verirrte sich dann und wann in ihr etwas blasses Gesicht, so daß sie es mit einer reflexhaften Handbewegung hinter ihr Ohr strich. Welche Eleganz in dieser Angewohnheit lag, dachte er bei sich. Die Augen hinter der Brille konnte er von seinem Sitzplatz aus nicht genau erspĂ€hen, dazu waren die Tische zu weit von dem Tresen entfernt, aber er malte sich aus, daß es Ă€ußerst stille und tiefe Augen waren. Die Art Augen, in die man stundenlang schauen konnte, ohne das Verlangen zu spĂŒren, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Er hatte erfahren, daß in einem solchen gegenseitigen In-die-augen-tauchen mehr Leidenschaft liegen konnte als in einem Kuß. Nachdem er anfangs noch ab und zu im Raum umhergeblickt hatte, um sein stilles Beobachten nicht zu auffĂ€llig werden zu lassen, blickte er nun so unverblĂŒmt auf das MĂ€dchen, das es schon „gaffen“ war. Keinen Augenblick ließ er sie aus den Augen, innerlich hoffend, sie möge mit ihrem Blick durch die Gegend schweifen und auf seinen treffen. Doch er hoffte vergebens; nicht ein einziges mal schien die Konversation ihrer beiden Begleiter so an ihr vorbeizugehen, daß sie ihr Interesse einem anderen Gegenstand zuwandte. Vielleicht fĂŒhlte sie auch, wie seine Augen auf ihr ruhten, und mied deshalb den Blickkontakt.
Zumindest der Wirt beachtete ihn sofort, als er sich wieder umwandte, um ein weiteres Bier zu bestellen. Eigentlich hĂ€tte er lieber Wein getrunken, aber es gab keinen. In vino veritas. Wahrheit war etwas, das er momentan gut hĂ€tte gebrauchen können. Der Anruf, den er zuvor am Abend erhalten und der ihn vom Kino ferngehalten hatte, bewegte ihn. Telefonanrufe waren in den letzten Wochen fĂŒr ihn eine Seltenheit geworden, und wenn sich sein Apparat mal zu Wort gemeldet hatte, dann um ihm die Stimme seiner Mutter oder seines Vaters zu ĂŒbermitteln. Die Frauenstimme, die an diesem Tag an sein Ohr gedrungen war, konnte er zunĂ€chst nicht einordnen. Diese Unsicherheit war ihm zwar unangenehm gewesen, doch mußte sie die Frau am anderen Ende der Leitung um so vieles mehr belastet haben, wollte sie doch ein ernstes Anliegen vorbringen. Die Frau, die ihn angerufen hatte, war die Mutter seines ehemals besten Freundes Tom. Ein höchst unerwarteter Anruf, da er Tom seit mindestens 6 Jahren und seine Mutter seit einem noch lĂ€ngerem Zeitraum nicht mehr gesehen hatte. Tom und er waren verschiedene Wege gegangen seit Tom in der neunten Klasse die gemeinsame Schule verlassen hatte. Schade eigentlich, dachte er wĂ€hrend er sein Bierglas zu einem erneuten Schluck anhob, hĂ€tte er damals den Kontakt zu Tom gehalten, hĂ€tte er ihn vielleicht positiv beeinflussen können. Damals hatte er auch nicht verstehen können, warum sein Freund sich so kampflos geschlagen gab und die Schule verließ. So wie er die Sache sah hatte Tom sich einfach nicht motivieren können, mit der richtigen Einstellung hĂ€tte er in der Schule mit Leichtigkeit mithalten können. Nun hatte Toms Mutter ihn angerufen, eine ferne Stimme, die in der Vergangenheit bereits einen Ton der Verzweiflung gehabt hatte. Sie hatte ihm, dem viel JĂŒngeren, ihr Herz ausgeschĂŒttet, sie hatte ihm erzĂ€hlt, wie Tom auch auf der Realschule nicht zurechtgekommen war und letztlich ganz ohne Abschluß die Schule hatte beenden mĂŒssen. Eine Ausbildungsstelle hatte sie ihm ĂŒber Beziehungen besorgt, nur um einmal mehr von ihrem Sohn enttĂ€uscht zu werden. Die Arbeit bei der Post habe ihm einfach nicht gefallen und leider Gottes konnte sie sich dem Eindruck nicht erwehren, daß Tom wieder einmal die weiße Flagge gehißt habe ohne vorher die FĂ€uste zu ballen. All das hatte Toms Mutter zu berichten gewußt und dann hatte sie den ehemaligen Schulfreund ihres Sohnes um Hilfe gebeten. „Du bist meine letzte Hoffnung, auf Dich wird er bestimmt hören, wo Du doch so gut mit dem Leben zurecht kommst. Weißt Du, meine gutgemeinten Worte treffen bei ihm nur noch auf verschlossene Ohren. Wenn Toms Vater noch am Leben wĂ€re, wĂŒrde der ihm schon den Kopf zurechtrĂŒcken“, das waren die Worte gewesen, ĂŒber die er jetzt nachdachte.
Er lachte kurz, als er auf dem Ferbsehbildschirm eine berĂŒhmte SĂ€ngerin aus Portsmouth eines ihrer herzergreifenden Liebeslieder singen sah, wĂ€hrend seine Ohren E-Gitarren aus den Lautsprechern vernahmen. Was ihn frĂŒher so an Tom gestört hatte, war daß der sich nie selbst in die Verantwortung genommen hatte, immer war jemand anders der Schuldige, der Lehrer, die Freunde, die ihn runterzogen usw. Als er sein Bierglas geleert und wie eine abgeschlossene Akte auf den Tresen zurĂŒckgestellt hatte, war er sich sicher, was er machen wĂŒrde: Am nĂ€chsten Tag wĂŒrde er zu seinen Eltern fahren und dann am Abend mit Tom reden, irgend jemand mußte ihn ja zur Vernunft bringen. Wie schwach doch die Leute sind, die sich immer wieder an Ausreden klammern, dachte er sich nicht ohne Stolz ĂŒber seine eigene Situation, als der Tisch, den er so genau beĂ€ugt hatte, abermals sein Aufsehen erregte. Der Junge und seine vermutliche Freundin hatten den Tisch verlassen. Sie standen nun in der NĂ€he des Eingangs am Kickerautomaten, wo sie sich heftig gestikulierend stritten. Es traf ihn mindestens so unverhofft wie die Telefonbeichte am frĂŒhen Abend, als er direkt in die Augen des MĂ€dchens mit der Brille blickte, als er sein Augenmerk von dem Streit abwandte. Wie hypnotisiert hafteten seine Augen an dem Blick der SchĂŒchternen, bis sie ihm, die Schultern zuckend, zulĂ€chelte. Daß sie ihn doch noch beachtete, machte ihm neuen Mut und er ging zu ihr hinĂŒber. Charmant war sein selbstbewußtes LĂ€cheln, freundlich erklang seine Stimme, als er zu ihr sagte: „ Hi, Deine Freunde scheinen ja ganz schön Streß zu haben, aber ich wollte Dich trotzdem ansprechen. Ist bestimmt eine blöde Situation fĂŒr Dich, oder? Ich heiße Felix, darf ich fragen wie Du heißt?“
Das MĂ€dchen guckte ihn einen kurzen Moment mit nichtssagenden Augen an, strich sich dann die rebellische StrĂ€hne aus dem Gesicht und drehte sich von ihm weg, um in der Seitentasche ihrer Jacke, die ĂŒber der Lehne ihres Stuhles hing, zu kramen. Sein oft erfolgreiches SiegerlĂ€cheln, das selbstredend Selbstvertrauen symbolisierte, verlor seinen Ausdruck. Sie reichte ihm einen Zettel. Er las. Schweigend verließ er die Kneipe „Speaker’s Corner“ und auch am nĂ€chsten Tag sprach er mit niemandem.

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