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Leselupe.de > Kurzgeschichten
1000 Tote Fliegen
Eingestellt am 26. 06. 2003 12:42


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Chris Hunter
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2003

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Ich glaube, die Fliegen haben mich daran erinnert. Sie kamen ins Zimmer, als ich mit meinen Gedanken in den Quellcodes meines Programms vertieft war. Ich habe sie erst gar nicht bemerkt, hier in diesem dunklen Zimmer. Ich dachte, es w√§ren nur ein paar. Gerade so viele, wie ich am Monitor totdr√ľckte. Aber als ich genug hatte von meiner Arbeit, sah ich das unglaubliche Ausma√ü der Invasion. Es waren Tausende! Sie krabbelten am Fenster und an der wei√üen Wand. Unz√§hlige, hellgr√ľne, kleine Fliegen. Ich denke nicht das es M√ľcken waren, denn man konnte sie leicht mit einem Handtuch ins Jenseits bef√∂rdern. Aber die Fliegen sind nicht das, worauf es ankommt. Es kommt auf das an, was sie in mir ausgel√∂st haben.

Nach dem Massenmord wollte ich mich schlafen legen, aber es gelang mir nicht. Ich glaube, die Fliegen waren daran schuld. Sie haben mich an ihn erinnert. An den Campingplatz. Dort gab es auch immer diese Fliegen. Meine Oma und mein Opa hatten dort einen Platz mit einem Wohnwagen und einem kleinen Garten. Das war zu einer Zeit, als noch alles in Ordnung war. Ein wundersch√∂ner Ort f√ľr ein kleines Kind, wie ich eines war. Dort war ein sch√∂ner See mit Sandstrand und einem Holzsteg, √ľber den man laufen konnte. Man setzte sich darauf und hielt die nackten F√ľsse in das k√ľhle Wasser. Meine Oma sorgte mit ihren Markst√ľcken daf√ľr, dass es mir nicht an Eis oder irgend etwas anderem fehlte. Es war die pure Erholung. Ich war sehr oft auf diesem Campingplatz. Und ich f√ľhlte mich wohl. Pudelwohl.

Der Platznachbar meiner Gro√üeltern, Eckart, war mein bester Freund. Er war vielleicht vierzig Jahre, aber verr√ľckt wie ein Kind. Wir trieben unsere Sp√§√üe mit den Rentnern. Und er nannte sie immer ‚ÄěDie Alten‚Äú. Wir spielten Indianer und versteckten uns in den B√ľschen. Machten merkw√ľrdige Ger√§usche und lachten in uns hinein, wenn ‚ÄěDie Alten‚Äú sich wunderten was es war. Wir suchten im Licht der D√§mmerung auf dem Sandstrand nach leeren Flaschen, um den Pfand daf√ľr gegen Eis einzutauschen. Und wenn noch zwei Mark zu einer Wasserpistole gefehlt haben, so hatte Eckart sie bei sich. Wir alberten den ganzen Tag und meine Seele machte hundert Spr√ľnge. Eckart hatte ein gro√ües Schlauchboot, mit dem wir auf dem See paddelten und schwammen und plantschten. Der See war so sch√∂n. Klares Wasser. Es gab eine Ruheinsel in der Mitte des Sees, von der Eckart mich mit Vorliebe ins Wasser schubbste. Manchmal schwammen wir nur zum Schubbsen dort hin. Oder zum Tauchen. Auf dem See waren Dreiecke aus Holz, auf denen man sitzen oder turnen konnte. Auf denen man sitzen konnte, um √ľber ‚ÄěDie Alten‚Äú zu l√§stern.

Ich half Eckart beim Ausbau seines Wohnwagens, so gut ich es konnte als Zw√∂lfj√§hriger. Pinselte das ganze Dach mit ihm. Meine Oma hatte solche Angst um mich. Sie war ein ‚ÄěAlter Angsthase‚Äú. Ich pflanzte Blumen in seinem Beet und trieb mich den ganzen Tag mit ihm herum.

Morgens sa√ü ich mit meiner Oma und meinem Opa am Fr√ľhst√ľckstisch. Opa las die BILD und ich schlemmerte ein Nutella Toastbrot nach dem anderen. Ich lauschte den Ger√§uschen der V√∂gel und freute mich auf den kommenden Tag.
Ich fuhr mit dem alten Klappfahrrad meiner Oma durch die W√§lder bis sp√§t abends, um dann im Wohnwagen den Freitagskrimi anzuschauen. Manchmal kam dann Eckart vorbei um mit Opa ein Bier zu trinken und mir √ľbers Haar zu streichen.
Diese Zeit war so wunderbar.

Eckart hat mir eines Tages gesagt, dass er keine Lust mehr hat. Er sagte, dass er nicht mehr weiter weis. Aber ich habe ihn nicht ernst genommen. Und plötzlich war er nicht mehr da.
Meine Oma hat mir erzählt, dass er gestorben ist. Sie hat mir erzählt, er habe sehr gelitten, weil seine Frau ihn verlassen hat. Und sie erzählte mir, er wäre ein Säufer gewesen. Ich habe das damals nicht verstanden. Und heute tut es mir weh. Es tut mir so sehr weh, das zu wissen. Meine Oma sagte, man habe ihn in seiner Wohnung gefunden. Er hätte die Lust am Leben verloren und sei den klassischen Säufertod gestorben. Eine Woche nach seinem Tod, hat man ihn in seiner Wohnung gefunden. Eine ganze Zeit lang gab ich mir die Schuld daran, weil ich ihm nicht geholfen habe. Heute weis ich, dass ich im nicht hätte helfen können.

Und so verging die Zeit. Meine Oma starb Jahre später an einem Schlaganfall. Vor Ihrem Tod lag sie ein halbes Jahr mit einer halbseitigen Lähmung im Krankenbett. Mein Opa erlitt kurz darauf auch einen Schlaganfall und kann jetzt nicht mehr richtig laufen. Er ist zu alt, um die BILD zu lesen und wohnt in einem Pflegeheim.

Nach dieser schlaflosen Nacht bin ich nun mit meiner Freundin auf dem Campingplatz um ihr zu zeigen, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Und es ist erschreckend. Der See ist viel kleiner geworden. Nicht dass er an Gr√∂√üe verloren h√§tte, es ist viel mehr mein fortgeschrittenes Alter und es sind die Jahre die vergangen sind. Das hat ihn schrumpfen lassen. Es gibt immer noch den Sandstrand, das Wasser ist immer noch k√ľhl, aber der See ist von Algen durchwuchert. Die hellbraunen Dreiecke sind nun schwarze, faulige Holzklumpen, genauso wie der Steg. Die vorher so grasgr√ľne Wiese ist eine h√§ssliche, staubige Steppe geworden. Alles ist heruntergekommen. Meine Kehle sticht. Ich weine. Das alles erinnert mich an die 1000 toten Fliegen.

__________________
http://www.chris-hunter.de

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Gabriel
Guest
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Hallo Chris!

Eine schöne Kindheitserinnerung!
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die Einzelheiten, die du als 'erinnerungsw√ľrdig' herausgegriffen hast, denn es sind wirklich solche Dinge, die auch mir heute noch im Ged√§chtnis haften. Eben die Erlebnisse, die eine Kinderzeit so sch√∂n machen.

Ich habe mir erlaubt, deinen text ein wenig 'einzufärben'.
;-)

Vielleicht kannst du etwas damit anfangen.

Gruß, Gabriel

Ich glaube Komma die Fliegen haben mich daran erinnert. Sie kamen ins Zimmer, als ich mit meinen Gedanken in den Quellcodes meines Programms vertieft war. Ich habe sie erst garnicht bemerkt, hier in diesem dunklen Zimmer. Ich dachte Komma es w√§ren nur ein paar. Gerade so viele, wie ich am Monitor totdr√ľckte. Aber als ich genug hatte von meiner Arbeit, sah ich das unglaubliche Ausma√ü der Invasion. Es waren Tausende! Sie krabbelten am Fenster und an der wei√üen Wand. Unz√§hlige, hellgr√ľne, kleine Fliegen. Ich denke nicht das es M√ľcken waren, denn man konnte sie leicht mit einem Handtuch ins Jenseits bef√∂rdern. Aber die Fliegen sind nicht das Komma worauf es ankommt. Es kommt auf das an, was sie in mir ausgel√∂st haben.

Nach dem Massenmord wollte ich mich schlafen legen, aber es gelang mir nicht. Ich glaube Komma die Fliegen waren daran schuld. Sie haben mich daran an ihn erinnert. An den Campingplatz. Dort gab es auch immer diese Fliegen. Meine Oma und mein Opa Gro√üeltern hatten dort einen Platz mit einem Wohnwagen und einem kleinen Garten. Das war zu der einer Zeit Komma als noch alles in Ordnung war. Ein wundersch√∂ner Ort f√ľr ein kleines Kind Komma wie ich eines war. Dort war ein sch√∂ner See mit Sandstrand und einem Holzsteg Komma √ľber den man laufen konnte. Man setzte sich darauf und hielt die nackten F√ľsse in das k√ľhle Wasser. Meine Oma sorgte mit ihren Markst√ľcken daf√ľr, dass es mir nicht an Eis oder irgend etwas anderem fehlte. Es war die pure Erholung. Und ich war sehr oft auf diesem Campingplatz. Und Wiederholung ich f√ľhlte mich Wohl klein. Pudelwohl.

Der Platznachbar meiner Gro√üeltern, Eckart, war mein bester Freund. Er war vielleicht vierzig Jahre, aber verr√ľckt wie ein Kind. Wir trieben unsere Sp√§√üe mit den Rentnern. Und er nannte sie immer „Die Alten“. Wir spielten Indianer und versteckten uns in den B√ľschen. Machten merkw√ľrdige Ger√§usche und lachten in uns hinein, wenn „Die Alten“ sich wunderten fragten (Komma) was es war. Wir suchten im Licht der D√§mmerung auf dem Sandstrand nach leeren Flaschen Komma um den Pfand daf√ľr gegen Eis einzutauschen. Und wenn noch 2 zwei Mark zu einer Wasserpistole gefehlt haben Komma so hatte Eckart sie bei sich. Wir alberten den ganzen Tag und meine Seele machte hundert Spr√ľnge. Eckart hatte ein gro√ües Schlauchboot Komma mit dem wir auf dem See paddelten und schwammen und plantschten. Der See war so sch√∂n. Klares Wasser. Und zu oft ‘Und’ am Anfang eines Satzes es gab eine Ruheinsel in der Mitte des Sees Komma von denenr Eckart mich mit vorlieben gro√ü ins Wasser schubbste. Manchmal schwammen wir nur zum Schubbsen dort hin. Oder zum Tauchen. Auf dem See waren Dreiecke aus Holz, auf denen man sitzen oder turnen konnte. Auf denen man sitzen konnte, um √ľber „Die Alten“ zu l√§stern. sch√∂n!

Ich half Eckart beim Ausbau seines Wohnwagens Komma so gut ich es konnte als Zw√∂lfj√§hriger. Pinselte das ganze Dach mit ihm. Meine Oma hatte solche Angst um mich. Sie war ein „Alter Angsthase“. Ich pflanzte Blumen in seinem Beet und trieb mich den ganzen Tag mit ihm herum.

Morgens sa√ü ich mit meiner Oma und meinem Opa am Fr√ľhst√ľckstisch. Opa las die BILD und ich schlemmerte ein Nutella Toastbrot nach dem anderen. Ich lauschte den Ger√§uschen der V√∂gel und freute mich auf den kommenden Tag.
Ich fuhr mit dem alten Klappfahrrad meiner Oma durch die W√§lder bis sp√§t abends Komma um dann im Wohnwagen den Freitagskrimi anzuschauen. Manchmal kam dann Eckart vorbei um mit Opa ein Bier zu trinken und mir √ľbers Haar zu streichen.

Diese Zeit war so wunderbar. Absatz
Eckart hat mir eines Tages gesagt, dass er keine Lust mehr hat. Er hat mir gesagt sagte, dass er nicht mehr weiter weis. Aber ich habe ihn nicht ernst genommen. Und plötzlich war er nicht mehr da.
Meine Oma hat mir erz√§hlt Komma dass er gestorben ist. Sie hat mir erz√§hlt, er habe sehr gelitten, weil seine Frau ihn verlassen hat. Und sie erz√§hlte mir Komma er w√§re ein S√§ufer gewesen. Ich habe das damals nicht verstanden. Und heute tut es mir weh. Es tut mir so sehr weh Komma das zu wissen. Meine Oma sagte Komma man habe ihn in seiner Wohnung gefunden. Er habe h√§tte die Lust am Leben verloren und sei den klassischen S√§ufertod gestorben. Man habe wiederholung ihn erst eine Woche nach seinem Tod in seiner Wohnung gefunden. Ich hatte mir eine ganze Zeit lang die Schuld daf√ľr gegeben, weil ich ihm nicht geholfen habe. Heute weis ich, dass ich im nicht h√§tte helfen k√∂nnen.

Und so verging die Zeit. Meine Oma starb Jahre später an einem Schlaganfall. Vor Ihrem Tod lag sie ein halbes Jahr mit einer halbseitigen Lähmung im Krankenbett. Mein Opa erlitt kurz darauf auch einen Schlaganfall und kann jetzt nicht mehr richtig laufen. Er ist zu alt Komma um die BILD zu lesen und wohnt in einem Pflegeheim.

Nach dieser schlaflosen Nacht bin ich nun mit meiner Freundin auf dem Campingplatz um ihr zu zeigen, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Und es ist erschreckend. Der See ist viel kleiner geworden. Nicht Komma dass er an Gr√∂√üe verloren h√§tte, es ist viel mehr mein fortgeschrittenes Alter und es sind die Jahre die vergangen sind. Diese zwei Dinge haben Das hat Ihn schrumpfen lassen. Es gibt immer noch den Sandstrand, das Wasser ist immer noch k√ľhl, aber der See ist von Algen durchwuchert. Die hellbraunen Dreiecke sind nun schwarze, faulige Holzklumpen, genauso wie der Steg. Die vorher so grasgr√ľne Wiese ist eine h√§ssliche, staubige Steppe geworden. Alles ist heruntergekommen. Meine Kehle sticht. Ich weine. Das alles erinnert mich an die 1000 toten Fliegen. An das aller erinnern mich die 1000 toten Fliegen?

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Chris Hunter
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logisch kann ich damit was anfangen. Vielen Dank...
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Chris Hunter
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Ich wusste garnicht, dass ich so ein problem mit den Kommas habe

Jedenfalls danke f√ľr deine Verbesserung.Der text hat es echt n√∂tig gehabt.

Aber der letzte Satz ist schon richtig so. sollte eine Darstellung von Erinnerungsassoziationen sein.. 1000 Tote Fliegen-> Zerst√∂rte Vergangenheit -> 1000 tote Fliegen(Als Metapher f√ľr die 1000 Dinge der Kindheit die nicht mehr so sind wie sie waren...)

Hab die Geschichte jetzt editiert...
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