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Leselupe.de > Kurzgeschichten
11:05 Uhr
Eingestellt am 22. 06. 2002 22:31


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Miss_Geschick
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Registriert: Jun 2002

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Die Stadt im Gegenlicht, oder eine Stadt in der Stadt. Nehmen wir einmal an, man k√∂nnte durch diese lange Geburtsr√∂hre so hineinfahren, wie man einst herauskatapultiert wurde; und sehen wir diese R√∂hre als Symbol einer Art Heimkehr zu l√§ngst vergangenen, verdr√§ngten oder vergessenen Bez√ľgen. Nicht die Reise in den fleischlichen Scho√ü, sondern die Begehung des geistigen Museums soll hier vordergr√ľndig sein. Man begibt sich also freiwillig, so wie ein Abenteurer, der unentdeckte Flecken der Lichtwelt erforscht, auf eine Reise in die dunkle Welt seiner Wurzeln und Schatten. Aus den Wurzeln wird das Licht geboren, sowie die Schatten st√§ndige Begleiter sind. Stellen wir uns unseren Geist als ein geb√ľndeltes Sammelsurium einer langen Geschichte durch viele Epochen gepaart mit neuzeitlichen Einfl√ľssen vor.

Ich wachte auf, die Lichter um mich herum schienen mir wie viele Sonnen, denen man ein Kleid aus milchig transparenten Stofflumpen geschneidert hatte. Im Hintergrund h√∂rte ich Stimmen, Schnarchen, Wehklagen, elektronische Ger√§usche, so dumpf und undeutlich, dass ich drohte aus meinem frisch erhaltenem Leben wieder in einen tiefen Schlaf zu fallen. Doch ich wollte nicht wieder dahin zur√ľck, wo ich herkam und gab mir alle M√ľhe, es so zu sehen und zu h√∂ren, wie es war. Eine zweite Gelegenheit, eine M√∂glichkeit die Wege anders zu beschreiten und aus eigener, nicht geschenkter Kraft, das zu versuchen, wonach ich schon immer strebte. Ich hatte nun Zeit; Zeit, die mich nicht wie ein Ballast am Bein zu l√§hmen drohte, Zeit, die ich mir w√ľnschte, nicht wie zuvor in der Zeit, wo es nur das bange Warten auf die Zeit selbst war, diese Tage und Wochen zum Nichtstun verdammt, in der es nicht m√∂glich war vorw√§rts zu schreiten, zu denken oder zu handeln. Wie oft verfluchte ich die Zeit, jeden schleichenden Moment, der mich anstatt in die Jugend ins vorzeitige Alter trieb.

Am Anfang war die Tat. Na, wer sagte das noch gleich, und sie wurde nicht erfunden, sondern getan. Bevor es also eine Geisteshaltung gibt, muss etwas in Bewegung gesetzt werden, dass uns veranlasst zu reflektieren, zu analysieren, zu empfinden; aus diesem Gedankengeflecht entsteht eine weitere Handlung, die es wiederum zu √ľberdenken und zu bewerten gibt. Eine Symbiose aus Handeln, F√ľhlen und Denken bestimmt unser Sein. Doch bin ich, was ich tue oder bin ich, was ihr getan habt? Wie finde ich das heraus. Ich begebe mich also auf die Reise durch die R√∂hre aus der ich gekommen bin und erforsche das, woraus meine Stadt entstanden ist.

Es muss im Sommer 1980 gewesen sein, als ich mich das erste Mal verliebte. Ich geh√∂rte nicht gerade zu den jungen Frauen, die eine romantische Vorstellung von der Liebe hatten, schon gar nicht mit gleichaltrigen M√§nnern, die mir zu verspielt, r√ľde, vulg√§r und ungebildet waren. Mir waren diese Geb√§rden zu wider, dieses Balzverhalten, wie Paviane, nur mit dem Unterschied, dass mir nicht der nackte, rote Arsch ins Gesicht sprang, sondern die Tr√∂pfchen√ľbertragung durch das verbale Geprahle als √ľberzeugendes Argument das Ma√ü aller Dinge war. Ich hielt mich fern von rauen und lieblosen T√∂nen, umgab mich lieber mit Bildern, meinen Bildern, der Vorstellung von einem Mann, der da aus dem Nichts auftauchen sollte, sowie alles um mich herum in diesem Moment ins Nichts verschwand.

Ich ging wie immer, wenn die anderen Religionsunterricht hatten, ins benachbarte Sportcenter. Konfessionslosigkeit war ein Segen. In meiner Gegend war es schick Sonntags in die Kirche zu gehen; da trafen sich Notare mit √Ąrzten, Kommunalpolitiker mit Industriellen, und Neureiche mit den T√∂chtern der angesehenen V√§ter. Die Kirche degenerierte zu einem Marktplatz f√ľr neue Br√ľste, Ehevertr√§ge, Spendenquittungen und modernem Kuhhandel. Amen. Nein, mit Gott konnte ich nicht viel anfangen; vielleicht lag es einfach daran, dass ich ohne ihn aufwuchs. Nicht einen Gedanken verschwendete ich daran, dass irgendjemand anderes f√ľr das verantwortlich w√§re, was mir geschieht, oder dass etwas von selbst passiert ohne mein Zutun oder Nichtstun. Damit er√ľbrigte sich auch f√ľr mich die Frage, warum gerade mein Leben so und nicht anders verlief, w√§hrend andere in Schuldzuweisungen oder Gottverlassenheit badeten.


Ich gehe zur√ľck, in Gedanken, weil alles was ich sehen werde, wurde bereits getan. Kammer f√ľr Kammer, Haus f√ľr Haus, die Stra√üenz√ľge gleichen einem Haufen gesponnener Wolle, die sich kilometerweise verknotet und verwirrt vor mir ausbreitet. Es gibt einen Anfang und ein Ende, einen Weg, der an all unseren Taten und Untaten, den Resultaten unseres F√ľhlen und Denkens vorbeif√ľhrt. Dem Inhalt der Kammern gilt mein Augenmerk, wobei die Reihenfolge des Abschreitens keine Rolle spielt.

In den Stunden, wo meine Schulkameraden die Bekehrungsbank dr√ľckten, setzte ich mich ins Caf√© und suchte einen Tisch, an dem ich einen Blick auf die gut betuchten Hausfrauen werfen konnte, die sich im neusten Fummel die Tennisb√§lle um die Ohren schlugen. Ich bestellte ein K√§nnchen Kaffee, st√ľtzte meinen Kopf auf die rechte Hand und schaute mit leerem Blick durch die gl√§serne Wand auf diesen gr√ľnen Teppich und die wei√üen Linien. Es war Winter, und weil zu dieser Jahreszeit wenig Gr√ľn zu finden war, suchte ich es in k√ľnstlichen Rasenformationen.
Gr√ľn zog mich magisch an, obwohl ich selbst nie gr√ľn trug. An meinem K√∂rper konnte ich diese Farbe nicht ertragen, sie verwehrte mir den Blick auf das Wesentliche, die Sch√∂nheit, die Facetten und die Tiefe eines Gr√ľns. Ist es nicht so, dass etwas erst sch√∂n wird, wenn es im fremden, unber√ľhrbarem Glanze strahlt? So wie ein Kleid, das man selbst nicht tragen kann, aber sch√∂n an einer anderen Frau aussieht, oder wie ein M√∂belst√ľck, das durch die kaprizi√∂se Fertigung so viel Dynamik verbreitet, dass selbst auf freier Flur die Betrachtung ein gr√∂√üerer Genuss ist, als das Leben mit ihm in den eigenen, geschlossenen W√§nden.
Ich z√ľndete mir eine Zigarette an, ohne dass ich es merkte. Mir ging die Verg√§nglichkeit durch den Kopf, mein Alter und das, was ich bislang erlebt hatte; ich tr√§umte fortw√§hrend von Fehlpl√§tzen, wie hier, wo ich gerade sa√ü und wenn ich nicht tr√§umte, wurde mir gewahr, dass sich hinter meinen geschlossenen Augen der Garant f√ľr mein bis dato surreales Leben verbarg. Aus der Not geboren starrte ich auf Felder, anstatt auf Felder?


Ein großer Raum; ich stehe in einem großen, luftleerem Raum inmitten von Kreuzungen und Häusern.
Zur√ľckblickend sehe ich einen Weg gepflastert mit einem Haufen Splitt, der auf der Schattenseite schwarz und unsortiert erscheint. Ich befinde mich in einem Zustand, der ein Handeln erfordert, eine Entscheidung, f√ľr mehr Raum und weniger Zeitverschwendung. Ich k√∂nnte nun einfach stehen bleiben, hier passiert mir nichts, aber hier geschieht auch nichts, oder ich k√∂nnte mich f√ľr eine T√ľr, ein Haus, eine Abbiegung entscheiden, in der ich der Lichtwelt ein St√ľck entgegentrete, in einen Raum, der diesen Splittern Gesichter, Zeiten und Farbe verleiht. Gesichter, die mir vielleicht nicht gefallen werden, Farben, die ich mir bis heute anders vorstellte und Zeiten, aus denen ich geboren wurde, die zu Licht werdend so abschreckend sind, dass es mich blenden k√∂nnte. Doch es k√∂nnte auch ganz anders sein.

"Ihr Kaffee, junge Frau", erl√∂ste mich weiter dar√ľber nachzudenken, ob ich hier meine Zeit verschwendete. "Danke", entgegnete ich eher fl√ľchtig und schaute dabei einen kurzen Moment in seine Augen. Sie waren gr√ľn. Ein Mann Anfang Drei√üig stand vor mir, dunkelblonde, leicht gewellte Haare, schlank und von jener m√§nnlichen Ausstrahlung, die ich nachts so oft im halbwachen Zustand begehrte. Seit Wochen und Monaten kam ich nun schon hierher, doch dieser Mann fiel mir nie auf; wie sollte er auch. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich das Interieur ver√§ndert hatte, ich sah Farben an den W√§nden, die Blumen auf den Tischen dufteten, w√§hrend andere vorher k√ľnstlich die Vasen beleidigten, im Hintergrund lief Genesis, die Bar war nicht mehr nur dunkel rustikal, sondern gl√§nzte durch eine freundliche, √§ltere Dame, die mit einem L√§cheln das Bier zapfte, als wenn sie nicht den Knauf des Hahns in den H√§nden halten w√ľrde, sondern den Phallus des l√§ngst verstorbenen Ehemannes in den wildesten Zeiten ihres vorehelichen Fr√ľhlings.
Mein Gesicht hellte sich mit jedem Detail weiter auf und bis auf die dumpfen Ger√§usche der hin und her schlagenden B√§lle, registrierte ich von diesem langweiligen M√ľtterchentennis nichts mehr, sondern nur noch Stefans rollende Augen, wenn eine dieser √§chzenden Glucken ein Mineralwasser bei ihm bestellte.
Ich beobachtete ihn; mittlerweile st√ľtzte ich meinen Kopf auf die linke Hand. Da kam wieder so ein Kaffeekr√§nzchen herein und setzte sich einen Tisch weiter. Drei Damen um die vierzig, aufgedonnert und reich mit Schmuck behangen, die Haare hochgesteckt, und parf√ľmiert, dass ich bef√ľrchtete, gleich mit meiner Zigarette explosionsartig durchs Flachdach zu fliegen.
Stefan begab sich zu ihrem Tisch und nahm mit einem aufgesetzten L√§cheln die Bestellungen entgegen. Sch√∂ne H√§nde, ging es mir durch den Kopf, und ich stellte mir vor, wie diese H√§nde wohl in meinen aussahen. Gut geformte, lange Finger hatte er, gepflegte N√§gel und kaum ein F√§ltchen tr√ľbte die zarte Haut. In Gedanken versunken nahm ich meine linke Hand vom Kopf weg, hielt sie mir vors Gesicht und wanderte mit den Blicken abwechselnd zwischen meiner und seiner Hand, die nach wie vor die Bestellungen der Damen auf einen Notizblock kritzelte.
Ich wusste, dass diese zwei Paar H√§nde gut harmonieren w√ľrden und w√§hrend ich mir weiter vorstellte, wie die ersten Ber√ľhrungen durch meinen K√∂rper gehen, begab sich Stefan in die uneinsehbare K√ľche und ich starrte wieder rechts auf Felder, auf denen nun wei√üe Linien und gr√ľne Fl√§chen, die Innenseiten seiner H√§nde, zu sehen waren.


Ich entscheide mich an dieser Kreuzung links abzubiegen und steuere auf ein Haus zu, √ľber dessen T√ľr mich flackernde Lichter zum Eintreten animieren. Solche Lichter, von denen man nicht wei√ü, ob sie einen hinters Licht oder ins Licht f√ľhren. Sch√∂n bunt und im Takt des Flackerns schl√§gt mein Herz immer unregelm√§√üiger und schneller. Ich z√∂gere einen Augenblick, denke mir aber im N√§chsten, dass ich die Zeit nicht zur√ľckdrehen kann. Es ist alles schon passiert, nichts l√§sst sich mehr √§ndern. Geschlossene Augen? Bin ich nun, was ich tat oder bin ich, was ihr mit mir getan habt, oder bin ich beides?

Ich vergaß die Zeit, mein Kaffee war halb ausgetrunken und kalt, als da plötzlich etwas nach meiner Zigarette griff, die unmerklich bis auf den Filter abgebrannt zwischen meinen Fingern wie ein Relikt des ersehnten Stillstands klemmte. "Ich glaube diese Zigarette ist aus und bevor Dir die Asche in den Kaffee fällt, nehme ich sie Dir lieber aus der Hand.", sagte Stefan und hielt mit der einen Hand meinen Unterarm fest und entfernte mit der anderen den kalten Stummel.
Zitternd, elektrisiert und erschrocken zugleich drehte ich meinen Kopf mit einer raschen Bewegung und blickte direkt in das Gr√ľn seiner Augen. Da fiel ich um, obwohl ich sa√ü. Die Hand in meiner Hand, die Ber√ľhrung und der Blick, das war kaum auszuhalten. Mein Mund bewegte sich, als wollte ich etwas sagen, doch es kam nichts heraus; gedankenlos und ohne mich zu bewegen, war es so, als wenn meine Hand sich von meinem K√∂rper l√∂ste "Hier, es ist nun Deine Hand, nimm sie doch mit...bitte, nehme mich mit", war das, was ich sagen wollte.
Stefan legte die abgebrannte Zigarette in den Aschenbecher, w√§hrend er meine Hand wie zu einem Gru√ü festhielt. Er stellte sich vor und fragte, wer ich sei, und w√§hrend er das tat, ging er in eine Kniebeuge, ohne auch nur einen kleinen Moment von meinen Augen zu weichen. Wie warm und weich diese Hand war; mir ging es durch alle K√∂rperregionen, doch der Kopf schwieg. Der Kopf schwieg! Dieses Schweigen dr√ľckte wohl in vollendetster Form das aus, was sich VOR meinen Augen abspielte.

"Stefan, kommst Du mal bitte in die K√ľche?", t√∂nte es da vom anderen Ende des Caf√©s. "Oh, das tut mir leid, meine Mutter ruft und das hei√üt so viel wie, k√ľmmere Dich bitte auch um die anderen G√§ste." Er richtete sich wieder auf, hielt die Hand nun zum Abschied und fragte "Kommst Du √∂fters hierher?" Ich war bem√ľht einen Satz hervorzubringen und sprach mit leiser Stimme "Jeden Montag und Donnerstag zwischen 10:00 und 11:00 bin ich hier...".
"Das ist sch√∂n", sagte er, "dann sehen wir uns also Donnerstag wieder." Er lie√ü meine Hand los, streichelte mir eine Str√§hne aus dem Gesicht, begab sich bis auf halbem Wege r√ľckw√§rtsgehend Richtung K√ľche, drehte sich um und verschwand hinter einer Schwenkt√ľr.
Ich packte meine Sachen zusammen und warf einen hastigen Blick auf die Uhr.



11:05. Ich trete ein und sehe M√§nner. Vertraute, zum Teil l√§ngst vergangene Lebensabschnittspartner, schaue in Gesichter, die mir grinsend oder l√§chelnd einen der leeren St√ľhle anbieten. Jeder von ihnen reicht mir Kaffee und Zigaretten, streckt mir eine Hand entgegen, solche mit Linien und Feldern. Einige Felder sind bespielbar, andere k√ľnstliche Gr√ľnformationen, einige schwitzen, andere sind kalt und trocken. Alle treten vor meine Augen und jetzt wei√ü ich, wer ich bin. Ich bin ein Teil von euch, so wie ihr ein Teil von mir seid. Doch der Kaffee ist kalt, die Zigarette verglimmt. Einzig warm ist der Gedanke an deine Hand, die sich um 11:06 mir entgegenstrecken wird.

Oder sitze ich wieder hinter meinen Augen und trinke gerade ein Schl√ľckchen meiner Selbst?

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