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1954 geboren, habe ich mich in diesem Roman oft wiedergefunden
Eingestellt am 27. 02. 2019 15:21


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6

Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

Mit diesen Worten beginnt der 11-jĂ€hrige Ich-ErzĂ€hler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 1969, eine Geschichte, die fĂŒr ihn selbst und seine Eltern massive VerĂ€nderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern - der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem Kölner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer großen Panorama-Fensterfront zum Garten.

Tobias ist Einzelkind, interessiert sich fĂŒr alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im FrĂŒhjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die fĂŒr den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der ElfjĂ€hrige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, weiß er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter fĂŒr „es“ seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verstĂ€ndigen Vater nicht gefĂ€llt und er darĂŒber frustriert ist.


Kurze Zeit spĂ€ter zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnjĂ€hrigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einfĂŒhren(Doors und Janis Joplin), sondern auch in die körperliche Liebe.
Die Eltern Rosas sind ĂŒberzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni Köln Philosophie, „Adorno, Bloch und die Frankfurter Schule“ und die Mutter ĂŒbersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht ĂŒbereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der nĂ€chsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst fĂŒr einen Verlag zu ĂŒbersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.


Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne Wissen der MÀnner an der ersten Kölner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.

Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterlÀsst diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einfÀngt, unbeteiligt und vor allen Dingen unverÀndert.

Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.

Und wĂ€hrend Armstrong und Aldrin ihre FĂŒĂŸe in den Staub der MondoberflĂ€che drĂŒcken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. WĂ€hrend Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte spĂ€ter als fĂŒr die Mission „Rosetta“ bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der persönliche und politische Aufbruch fĂŒr Tobias` Mutter tragisch.

Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener VerĂ€nderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln ließ. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.

Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzÀhlt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.




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